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Trent

fantasy Lang lebe der König

Hi,

 

ich versuche mich gerade ein wenig am schreiben und habe eine kleine Geschichte verfasst. Hier meine ersten Kriechversuche als Autor. Über ein paar Kommentare würde ich mich sehr freuen.

Die Geschichte spielt in einem an Malifaux angelehnten Setting, also viktorianisches Fantasy/Horror.

 

_____________________________________________________________________________________

 

Der Wagen des Puppenspielers war mit Betriebsamkeit erfüllt. Während sich ein Bohrer langsam in frisch gedrehtes Holz schraubte, schnitt eine Schere entlang eines Schnittmusters durch feinen Seidenstoff. Die Finger des Puppenspielers strichen sanft über die Teile, die für seine neuste Kreation bestimmt waren. Jedes einzelne hatte er mit Bedacht ausgewählt, um eine ganz besondere Marionette zu erschaffen. Der Platz des Königs in seiner Marionettensammlung war bisher immer noch unbesetzt. Aber er hatte vor, das nun zu ändern, da er das perfekte Abbild gefunden hatte.

Seine gesamte Existenz hatte er mit Kindern verbracht, ihnen unzählige Geschichten erzählt und so manchen Nachmittag wie im Flug vergehen lassen. Vom ersten Tag seines Lebens war ihr Lachen und ihre Freude ein Teil von ihm. Sie liebten seine Erzählungen und die Tänze seiner Marionetten. Dennoch konnte nichts davon sein innerstes Erreichen und er tat es nur, weil er es schon immer getan hatte.

Der Puppenspieler hatte bereits jede Art der Kinderseele in seinen Vorstellungen gesehen. Er beobachtete sie unbemerkt, während er seine Geschichten vortrug, ohne auf die Bewegungen der Marionetten achten zu müssen. Mutige und scheue, aufgeregte und zurückhaltende, naive und skeptische, dumme und gewiefte. Die Qualität der Seelen ließ sich deutlich an den Schatten erkenne, die sie alle aufwiesen. Dunkle Flecken, die ihnen anhafteten und niemandem verborgen blieben, wenn er einen Blick dafür hatte.

Sie alle strahlten voller Liebe und Freude wenn sie seinen Geschichten lauschten und dennoch verschwanden die Flecken nicht von ihnen. Zwar konnten sie für kurze Zeit schrumpfen, wuchsen aber sofort wieder zu alter Größe, wenn er seine Vorstellung beendet hatte. Aber nicht bei dem Jungen, den er vor einigen Tagen in seiner Vorstellung gesehen hatte. Noch nie hatte er eine solch reine Seele erblickt, eine strahlende Erscheinung ohne Makel. Sie überstrahlte die Seelen der Kinder neben sich und war so hell, dass ihr jede Spur von Angst oder Hass fehlen musste. Noch nie musste sie etwas Negatives erlebt haben, noch die verstoßen worden sein.

Er konnte seine Augen nicht abwenden, in der ständigen Angst, der Junge würde von einem Augenblick auf den anderen verschwunden sein, sobald er die Augen von ihm nahm. So sehr er sich auch bemühte waren die dunklen Flecken nicht zu sehen. Alle Menschen dieser Orte hatten diese Flecken. Aber nicht dieses Kind, nicht diese kleine unscheinbare Seele. Sie war der neue Stern an seinem Firmament. Er musste diese Seele für sich gewinnen, ungeachtet aller Kosten.

 

Als der Jahrmarkt vor ein paar Tagen in der Stadt Halt gemacht hatte, erzählte er seine Geschichten und ließ seine Puppen vor den Kindern tanzen. Er erblickte den Jungen zwischen den anderen Kindern, die sich vor seinem Wagen versammelt hatten, um seinen Erzählungen zu lauschen. Der Anblick des Kindes ließ ihn kurz innehalten und er verharrte mitten im Tanz der Puppen. Es war für ihn, als würden ihn die warmen Strahlen einer Frühlingssonne nach einem langen Winter aus dem Schlaf wecken. Er fühlte sich, als ob er seine Existenz in einem Traum verbracht hatte und nun wach geküsst wurde. Die verströmte Energie ließ ihn erschauern und ein Kribbeln überzog seinen gesamten Körper. Geschichte um Geschichte verband er geschickt miteinander, um die Kindern so lange wie möglich bei seinem Wagen zu behalten. Ihnen machte er die Freude einer nie enden wollenden Geschichte, verschaffte sich aber im Gegenzug Zeit in der Nähe des Jungen.

Während er die Fäden seiner Puppen zupfte, sie tanzen und springen ließ, kreisten seine Gedanken fieberhaft um ihn. Wie konnte er nur Kontakt zu dem Kind herstellen, ohne ungewollt Aufmerksamkeit zu erregen? Niemand durfte es mitbekommen, wenn er die Nähe des Jungen aufsuchte. Langsam bildeten sich die ersten Stränge eines Plans im Geiste des Puppenspielers und er musste einige Vorbereitungen dafür treffen. In dieser Zeit sollten seine Lakaien herausfinden, um wen es sich bei dem Jungen handelte und wo er lebte. Solch eine Möglichkeit ergab sich nur einmal im Leben und er durfte diese Energie nicht einfach unbeachtet vorbei ziehen lassen.

Am Abend nach der Vorstellung schickte stand er in seinem Wagen und versammelte seine Marionetten um sich. Er gab jeder von ihnen eine Aufgabe und sandte sie anschließend in die Dunkelheit hinaus. Jede von ihnen wusste, dass sie ihre Aufgabe mit Eifer zu erledigen hatten und der Puppenspieler keine Fehlschläge tolerieren würde. Die Prinzessin schickte er in die Bordelle, Tanzsäle und Schneidereien, um nach edlen Stoffen zu suchen, die er für die Kleidung der Marionette benötigte. In seinem Geiste formte sich das Bild von einem Rock aus purpurner Seide und einem Beinkleid aus grünem Samt. Der König sollte Stiefel bekommen, aus einem Leder so weich wie die Haut dieses Jungen. Er wusste von einem Gerber, der feines Ziegenleder in einem warmen Ocker verkaufte und wies den Schelm an, ihm zwei der Lederstücke zu besorgen.

Schließlich sagte er dem Grießgram, in welchen Schreinereien er nach dem passenden Holz zu suchen hatte. Die Wahl des geeigneten Holzes war der entscheidende Schritt bei jeder Marionette. Sie bestimmte über Ausdruck und Erscheinung der Marionette und welche Rolle sie in seinem Spiel einnehmen würde. Für einen König so wusste er, musste er ein sehr edles Holz verwenden, das die Erscheinung eines Monarchen unterstrich und entschied sich für ein karmesinrotes Mahagoniholz. Die Maserung des Holzes ließ sich mit dem passenden Öl hervorheben und würde dem König das entsprechende Auftreten verleihen.

Nun fehlte ihm noch eine Krone für seinen König. Mit Edelmetallen hatte er kaum Erfahrungen gemacht, da ihn die totengleiche Kälte abschreckte, die von ihnen ausging. Hier würde er Unterstützung benötigen und wusste, wen er mit der Suche nach einem passenden Stück beauftragen konnte. Das Mannequin machte sich auf den Weg, die Verkörperung der Schatten zu finden und ihr seine Bitte zu überbringen, ihm bei diesem Problem zur Seite zu stehen. Wenn es um die kleinen Geheimnisse der Stadt und ihre verborgenen Reichtümer ging, wusste die Verkörperung der Schatten bestens Bescheid. Die Schatten waren ihr zu Hause und niemand bemerkte ihre Gegenwart, wenn sie es nicht wünschte. Sie würde ihm das passende Stück besorgen.

 

Der Grießgram brachte ihm gegen Morgen mehrere Stücke des gewünschten Holzes und sie begannen mit der Bearbeitung am selben Abend, nachdem der letzte Vorhang für diesen Tag gefallen war. Der Puppenspieler stand vor seiner Werkbank, ordnete die Holzstücke und überlegte sich, woraus er die jeweiligen Körperteile schnitzen würde. Den Rumpf wollte er aus zwei größere Teile herstellen, die er anschließend mit einem kleineren Teil verband, das als Gelenk diente. Dadurch ließ sich der Körper recht frei bewegen und er würde kein versteiftes Stück Holz an den Schnüren führen. Den Kopf würde er aus dem quadratischen Stück sägen und die Reste für die Ohren und die Nase aus verwenden, nachdem der erste Zuschnitt beendet war.

Die Gliedmaßen würden etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die Herstellung der Hände und Füße verlangte mehr Präzession, da das Schnitzen der winzigen Gelenke und Führungen sehr aufwendig war. Am Ende würde sich der Aufwand auszahlen, wenn der König jeden seiner Finger exakt bewegen könnte. So etwas versetzte das Publikum immer wieder in Erstaunen und sorgte dafür, dass mehr Leute zu seinen Vorstellungen kamen, wenn er in der Stadt war.

Er machte sich unterstützt von Grießgram an die Arbeit und schon bald nahmen die jeweiligen Teile ihre gewünschte Form an. Immer wieder musste sich der Puppenspieler in seinem Eifer zügeln. Er wollte nicht zu schnell zu arbeiten und durch eine Unaufmerksamkeit eine Macke in das Holz schnitzen. Unzählige Marionetten hatte er in seinem Dasein als Puppenspieler hergestellt und dennoch konnte er eine geringe Nervosität nicht unterdrücken, die ihn während der ganzen Zeit beschlich.

Er arbeitet so lange an einem Stück, bis es dem Bild vor seinem geistigen Auge entsprach. Jeden Abend saß er zwischen der letzten Vorstellung des Tages bis zum Aufzug des Vorhangs am folgenden Tag an seiner Werkbank und benötigte eine Woche, um die Arbeiten am Körper abzuschließen. Während dieser Zeit gönnte er sich keine Ruhe und war so sehr in seine Arbeit vertieft, dass er das Verstreichen der Zeit kaum wahrnahm. Als er schließlich mit seiner Arbeit zufrieden war, ölte er das Holz mehrmals und polierte es, bis er sich darin spiegeln konnte. Als letztes malte er der Figur ein Gesicht auf den Kopf, wie er sich seinen König vorstellte. Ein bescheidenes Lächeln zierte den Mund und verlieh dem König eine gütige Erscheinung.

Die Prinzessin hatte ihm Seide in Purpur gebracht, die mit einem feinen Muster aus kleinen Goldfäden durchwoben war. Dem Stoff verliehen die feinen Fäden ein Glitzern, wenn das Licht im richtigen Winkel auf den Stoff schien und der Puppenspieler war mit dieser Wahl sehr zufrieden. Den gewünschten Samt zu finden hatte sich wiederum als schwieriger erwiesen. In keinem der Schneiderläden konnte die Prinzessin weder den Farbton noch die Qualität des Stoffes finden, auf die er bestand. Somit war sie dazu gezwungen, ihm einen anderen Stoff aus Seide zu bringen, in der Hoffnung, dass sie ihn davon überzeugen konnte. Um den Puppenspieler in seiner Entscheidung milder zu stimmen, hatte sie ihm noch zwei Rollen Garn mitgebracht, die ebenfalls mit kleinen Goldfäden durchzogen waren.

Über das eigenständige Handeln seiner Marionette war er nicht erfreut und die daraus resultierende Abweichung seiner Vorstellungen. Die Prinzessin musste ihn erst davon überzeugen, dass der Stoff der Puppe auch ein majestätisches Aussehen verleihen würde, in Verbindung mit dem von ihr gefundenen Garn. Dennoch wollte er ihr eine Lektion erteilen und ihr nochmals zu verstehen geben, wer ihr Meister war. Vielleicht würde er bei der Festlegung der Strafe das Garn mit einfließen lassen und die Strafe milder gestalten. Jedoch konnte er dieses Verhalten so nicht akzeptieren.

Zumindest der Schelm brachte ihm das gewünschte Leder ohne weiteres Aufheben. Er erzählte seinem Meister, dass er sich zwar mit einem Wachhund auseinander setzen musste, diesen aber mit einer Ratte ohne weiteres ablenken konnte. Das Leder war dann auch schnell gefunden und der Schelm kehrte als erstes wieder von seinem Auftrag zurück.

Während er das Holz bearbeitet hatte, halfen der Schelm und die Prinzessin beim Zuschnitt der Stoffe und des Leders. Der Puppenspieler nahm Nadel und Faden zur Hand und begann die Zuschnitte sauber miteinander zu vernähen, während das geölte Holz trocknete. Das Garn fügte sich mit jedem Stich perfekt in den Stoff ein, während der Puppenspieler eines ums andere Teil miteinander verband. Des Königs neue Kleider nahmen immer weiter Gestalt an und nach zwei weiteren Nächten konnte er die Marionette einkleiden.

Auf der Rückseite des Rocks hatte er einen kleinen Eingriff gelassen, der ihm Zugang zu einer Klappe im Rücken der Marionette ermöglichte. Unter der Klappe hatte der Puppenspieler einen Sockel geschnitzt, der für das Herz der Marionette vorgesehen war. Es würde der Puppe Leben einverleiben und hier eingelassen werden, wenn der Puppenspieler dem Jungen das Geschenk machte.

Nach neun Tagen der Arbeit war die Marionette fast fertig. Es fehlte nur noch das letzte, entscheidende Detail: die Krone des Königs. Die Verkörperung der Schatten hatte dem Mannequin bestätigt, dass sie dem Puppenspieler helfen würde, aber sie hatte ihm bisher weder eine Antwort übermittelt, noch ließ sie sich blicken. Mit so einem Verhalten der Verkörperung war zu rechnen. In ihrem Schaffungsprozess hatte er ihr einen eigensinnigen Willen mit gegeben und war sich darüber bewusst, dass es gleichermaßen Fluch und Segen sein würde. Daher besann er sich darauf zu warten, bis sie sich bei ihm meldete.

Der Puppenspieler war kurz davor das Mannequin erneut los zu schicken, als es am Abend des zwölften Tages an der Tür seines Wagens klopfte. Hinter der geöffneten Tür war niemand zu sehen und er blickte sich um. Nirgends war die Spur der Verkörperung der Schatten zu sehen und er warf seinen Blick nach unten auf die oberste Stufe der Leiter. Dort ruhte ein sauber verschnürtes Päckchen, das seinen Namen trug. Seine Hände hoben es auf und öffneten es mit ein paar geschickten Handgriffen. In ihnen hielt er eine kleine Krone aus Gold, die mit ein paar schlichten Verzierungen geschmückt war und in die auf der Stirnseite drei Diamanten eingelassen waren. Die Krone war nicht größer als der Kopf eines Kindes und würde seinem König genau passen. Ja, diese Krone entsprach genau seinen Wünschen. Er blickte von dem Schmuckstück auf und nickte in die Dunkelheit. Irgendwo dort draußen, so wusste er, würde die Verkörperung ihn von einem sicheren Versteck aus beobachten und sich wieder zufrieden ihren eigenen Geschäften widmen.

Er schloss die Tür hinter sich und ging zu der Marionette hinüber, die an einem Haken über seiner Werkbank hing. Der Kopf der Puppe ruhte ihr auf der Brust und er setzte ihr die Krone auf. Mit ein wenig Druck presste er sie auf den Kopf der Marionette und spürte, wie sie sich um das Holz herum legte. Er zog leicht an der Krone, um zu überprüfen, ob sie sich wieder vom Kopf lösen ließ. Sie saß fest auf dem Kopf und er könnte die Marionette bedenkenlos tanzen lassen.

Ja, er war mit seiner Arbeit sehr zufrieden. Noch nie war ihm so eine perfekte Kreation gelungen. Ein Gefühl überkam ihn, dass all seine bisherigen Figuren nur zur Übung für diesen einen Tag dienten. Er war sehr stolz auf sich und gönnte sich einen Tag der geistigen Ruhe, bevor er sich an die Umsetzung seines weiteren Plans machte.

 

bearbeitet von Zavor
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Der Puppenspieler suchte eine weitere Woche nach dem Jungen in der Stadt. Bei keiner weiteren Vorstellung war der Junge erschienen, während der Puppenspieler an der Erschaffung seines Königs arbeitete. Seine Lakaien konnten ihn nicht finden, obwohl sie Nacht für Nacht die gesamte Stadt nach einer Spur des Knaben durch kämmten. Langsam beschlichen ihn Zweifel, dass er den Jungen jemals wieder finden würde.

Schließlich beschloss er sich selbst auf die Suche nach dem Kind zu machen. Er konnte sich daran erinnern, dass der Junge vornehme Kleidung trug und mit einem Bediensteten bei seiner Vorstellung war. Somit konnte er die ärmeren Viertel der Stadt schon einmal bei der Suche nach dem Jungen auslassen. Aber seinen Lakaien hatten die Häuser der reicheren Mitbürger bereits mehrmals unter die Lupe genommen, ohne eine Spur vom Verbleib des Kindes zu finden. Vielleicht würde es etwas bringen, wenn er sich selbst auf die Suche begab.

Der Puppenspieler kleidete sich in einen dunklen Umhang und verbarg sein Gesicht hinter einer grauen Holzmaske, wie er sie in der Öffentlichkeit zu tragen pflegte. Das Gesicht des Puppenspielers hätte sofort für Unruhen gesorgt und die hiesigen Behörden hätten ihn bei der Umsetzung seines Planes deutlich behindert. Die Schatten empfingen ihn und er machte er sich auf den Weg in die Nacht hinaus. Als erstes begab er sich zum Haus des Stadtverwalters und ließ es von seinen Puppen erneut durchsuchen. Jeder Raum des Hauses wurde von seinen Marionetten überprüft, während er sie dabei von einem sicheren Ort in den Schatten aus beobachtete.

Weit und breit war kein Verbleib des Jungen zu erkennen. Dasselbe machten sie bei den Häusern der höheren Gewerkschaftsmitglieder, in denen sie auch nicht fündig wurden. Es war zum Verzweifeln. Wo konnte sich der Junge nur verstecken. Unmöglich, dass er ihnen in einem der Häuser übersah oder der Jungen in einem verborgenen Zimmer lebte. Die Anwesenheit des Jungen konnte nicht unbemerkt bleiben.

So verbrachten sie mehrere Nächte und durchsuchten die Häuser immer wieder ohne das Kind zu finden. Der Puppenspieler verlor langsam den Glauben an seinen Verstand und befürchtete schon, dass es sich bei dem Jungen nur um einen Streich handelte, den ihm sein Verstand während der Vorstellung gespielt hatte. Schließlich ging er das Risiko ein, sich am Tage auf die Straße zu begeben. Er lief durch die belebten Gassen der Stadt, bis er den Marktplatz erreichte und mischte sich unter die Bewohner der Stadt. Der Marktplatz war sehr belebt und er konnte sich unbeachtet zwischen den Leuten bewegen, die ihren Tagesgeschäften nachgingen. Er überprüfte jeden Stand nach einer Spur des Kindes und war bereits wieder auf dem Weg in eine der Seitengassen, um dem Trubel des Marktes den Rücken zu kehren.

Als er die Ringstraße betrat, die den Marktplatz umgab und auf die Öffnung der nächsten Gasse zusteuerte, vernahm er ein großes, herannahendes Objekt aus dem Augenwinkel. Einen Augenblick später hörte er den Ruf eines Mannes und sah, wie eine Kutsche auf ihn zugerast kam. Die Pferde hielten direkt auf ihn zu und er erkannte, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Wenn er nicht zur Seite hechten würde, wäre ihm das Schicksal der trampelnden Hufe sicher und die Kutsche würde seinen Körper überrollen.

Er machte einen Satz nach Hinten und landete mit dem Rücken im Stand eines Korbhändlers, wobei er diesen umriss und die Ware über der Straße verteilte. Die Kutsche raste über die Stelle, an der er eben noch gestanden hatte, ohne ihr Tempo zu verringern und er konnte in ihr Inneres blicken. Dort sah er für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht eines Jungen hinter dem Glas auftauchen. Dieser sehr kurze Augenblick reichte völlig aus, den Jungen zu erkennen. Das Gesicht würde er bis zum Ende seiner Existenz nicht mehr vergessen können.

Er rappelte sich auf und schaute der Kutsche hinterher, wie sie am anderen Ende des Marktes in einer Seitenstraße verschwand. Mittlerweile war der Händler neben ihm aufgetaucht und begann auf ihn ein zu brüllen. Der Puppenspieler bedachte ihn nur eines kurzen Blickes, zückte einen mit Münzen gefüllten Beutel aus seinem Mantel hervor und warf ihn dem verdutzten Händler vor die Füße. Durch den Aufprall löste sich die Verschnürung des Beutels und Silbermünzen rutschen zu den Füßen des Händlers über den Boden. Den kurzen Moment der Ablenkung nutzend suchte er das Weite, als der Händler damit begann, die Münzen einzusammeln.

Als er um die Ecke eilte, konnte er sehen, wie die Kutsche in einiger Entfernung vor dem Tor eines Hauses hielt. Es handelte sich um ein großes Gebäude, das über einen Innenhof verfügte, der durch ein verziertes Tor von der Straße aus zu erreichen war und musste das Haus eines Großhändlers sein. Die eisernen Torflügel schwangen auf und die Kutsche fuhr in den Hof hinein. Seine Beine bemühten sich, ihn so schnell wie nur möglich zum Tor zu bringen, in der Hoffnung einen Blick auf den Jungen erhaschen zu können. Kaum hatte er das Tor erreicht, sah er den Jungen auch schon. Er hielt die Hand einer Frau und folgte ihr durch die Eingangstür in die Halle des Hauses. Hinter ihnen schlossen zwei Bedienstete die Türen und der Junge war wieder für ihn unerreichbar.

Endlich hatte er ihn gefunden. Auf gar keinen Fall dürfte er ihn wieder verlieren. Auch wenn er ihn gerade nicht direkt sehen konnte, würde er dafür sorgen, dass der Junge ihm nicht wieder entwischte. Er griff in seinen Umhang und förderte zwei Stoffpuppen zu Tage, die schlaff in seinen Händen hingen. Die beiden Puppen unterschieden sich in ihrer Erscheinung deutlich voneinander. Die eine hatte ein großes Auge in der Mitte ihres Kopfes aufgenäht, während die andere über vier Arme verfügte. Beide Puppen waren aus einem robusten Stoff zusammen genäht, der eine lange Lebensdauer auch unter schwierigeren Bedingungen erlaubte.

Mit geübten Handgriffen erweckte er sie zum Leben und stellte sie auf den Boden ab. Kurz erklärte er ihnen, dass sie den Jungen in dem Haus finden und im Auge behalten sollten, bis er am Abend wieder hierher kam. Die Puppen nickten zur Bestätigung seiner Anweisungen, kletterten durch das Tor in den Hof und verschwanden durch eine Klappe im Gutshaus. Er wandte sich vom Haus ab und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen, um sich und seine Marionetten für die Nacht vorzubereiten. Und er wusste auch genau, welche seiner Marionetten für den ersten Kontakt geeignet war.

 

Am nächsten Abend ging der Puppenspieler in Begleitung der Prinzessin zum Haus zurück. Sie nahmen ein paar Umwege in Kauf, um ein Treffen mit der Stadtwache auszuschließen. Eine Entdeckung durch eine der zahlreichen Nachtpatrouille war das letzte, was er in diesem Moment gebrauchen konnte.

Ohne Zwischenfälle erreichten sie das Tor des Gutshauses und blieben in dem Lichtkegel stehen, den die über dem Eingang hängende Laterne warf. Seine Finger legten sich um die Sprossen des gusseisernen Hoftores. Das gesamte Anwesen lag in einem behaglichen Schlaf vor ihm, in keinem der Fenster brannte ein Licht und es war auch kein Laut aus dem Haus zu hören. Er schloss die Augen und genoss die Stille der Nacht. In seinem Geiste tastete er nach den beiden Puppe, die er am Tag hier gelassen hatte. Er konnte ihre Anwesenheit spüren und vernahm ein leises Rascheln auf der gegenüberliegenden Hofseite. Zwei kleine Schatten bewegten sich in der Dunkelheit und kamen auf ihn zugeeilt.

Der Puppenspieler bückte sich herunter und die beiden Puppen sprangen auf seine ausgestreckten Handflächen, als sie ihn erreichten. Während er sich aufrichtete blickte er ihnen nacheinander in die Augen und griff auf ihre Erinnerungen zu. Der Junge schlief in einem Zimmer im dritten Stock, dessen Fenster zum Hof ausgerichtet war. Von seiner derzeitigen Position aus konnte er das Fenster nicht erkennen, jedoch wussten die Puppen, dass der Junge tief und fest schlief.

Er setzte die beiden wieder auf den Boden und wand sich an die Prinzessin. Bevor sie aufgebrochen waren hatte er ihr genau erklärt, was er von ihr verlangte. Sie sollte das Vertrauen des Jungen in dieser Nacht gewinnen und ihn zu ihm bringen. Mit ihrem hübschen und schüchternen Aussehen war sie dazu genau die richtige Marionette. Die Kinder liebten die Prinzessin für ihren freundlichen und verspielten Charakter. Nur er wusste, dass das auch nur eine Rolle war, die er ihr gab.

Das Trio machte sich auf den Weg und überquerte den Hof in der Dunkelheit. Der Mond wurde von den Wolken verdeckt und ließ die Stadt in den Schatten zurück. Der Puppenspieler wandte sich vom Tor ab und ging über die Straße, um sich in den Schatten eines Nebeneinganges zu verbergen. Er musste darauf vertrauen, dass seine Diener ihre Aufgabe erfüllten.

Die beiden Puppen erreichten zuerst eines der Kellerfenster und hoben es zu beiden Seiten an, damit die Prinzessin hindurch schlüpfen konnte. Sie fiel vom Fenstersims herab und landete etwas unsanft auf einer Kiste. Das Einauge und der Vierarm folgten ihr durch das Fenster und landeten auf dem Boden, nachdem sie von der Kiste abgeprallt waren. Unten angekommen standen sie sofort wieder auf den Beinen als ob nichts gewesen wäre.

Die Prinzessin sprang von der Kiste und folgte den beiden Puppen zur Tür, die bereits aufeinander krabbelten, um den Türgriff zu erreichen. Aufeinander gestellt waren sie aber immer noch zu klein, um den Griff zu erreichen. Um diesen schließlich fassen zu können sprang das Einauge hoch und umklammerte den Griff mit ihren kleinen Klauen. Sie zog und strampelte hin und her, aber ihr Gewicht reichte nicht aus, die Tür zu öffnen. Vierarm sprang seinem Freund zu Hilfe und packte seine Füße. Zu zweit hingen sie nun an dem Griff und zappelten so lange hin und her und auf und ab, bis der Griff nachgab und die Tür einen Spalt weit aufschwang.

Sie ließen vom Griff ab, schlüpften auf den Gang hinaus und stiegen die Treppe zum Erdgeschoss hinauf. Auf dem Treppenabsatz angekommen vollführten die beiden Puppen erneut ihr Manöver um eine weitere Tür zu öffnen. Vorsichtig blickte Einauge hinter die Tür und verschwand einen Augenblick später durch den Türspalt. Die Prinzessin wollte ihm auf dem Fuße folgen, wurde aber von Vierarm aufgehalten, die mit ihrem kleinen Kopf schüttelte. Sie verharrten auf dem Treppenabsatz und warteten auf ein Lebenszeichen der anderen Puppe.

Die Minuten zogen sich dahin und die Prinzessin wurde langsam ungeduldig. Ihre kostbare Zeit war knapp und sie wollte nicht zu viel mit Warten verschwenden. Das Vertrauen eines Kindes zu erlangen konnte ein komplizierter Prozess sein. Endlich tauchte Einauge hinter der Tür auf, nickte ihnen zu und sie folgten ihm in einen spärlich erleuchteten Raum. Sie betraten die Küche, die vom schwachen Feuerschein des Ofens beleuchtet wurde und die Prinzessin konnte im Zwielicht Töpfe und Pfannen an Haken erkennen.

Einauge ging voraus und die drei liefen leise zu Ausgang der Küche. Dort angekommen lugte er um den Türrahmen herum und die drei huschten einen Gang entlang, von dem aus mehrere Türen abgingen. Sie befanden sich im Trakt der Angesteltlen, die hier ihre Zimmer bewohnten. Die Stille der Nacht wurde hinter einigen Türen durch leises Schnarchen unterbrochen, während das Trio den Gang hinter sich ließ.

Sie erreichten die reichlich geschmückte Eingangshalle, von der aus eine breite Treppe in die oberen Etagen des Hauses führte. Edle Teppiche lagen auf Boden und Treppe, während man an den Wänden vergeblich nach einem freien Stück Ausschau hielt, dass nicht von einem Gemälde belegt war. Die Mitte des Raumes wurde von einem großen Sockel eingenommen, auf dem die Büste eines älteren Mannes stand. Wahrscheinlich handelte es sich bei der Figur um den Hausherren des Anwesens. Der Fuß der Treppe wurde auf beiden Seiten von zwei stählernen Löwen bewacht und die Prinzessin konnte die Magie spüren, die von ihnen ausging. Die beiden Puppen liefen auf die Treppe zu und passierten die Statuen ohne eine Reaktion. Anscheinend waren die Wächter nicht in der Lage die Puppen zu entdecken und somit auch keine Gefahr für sie.

Sie folgte ihren beiden Kumpanen die Treppe hinauf in den dritten Stock des Hauses und bogen in einen Gang, zu dessen linker Seite vier Türen abgingen. Vor der zweiten Tür blieben sie stehen und Einauge und Vierarm machten sich erneut daran die Tür zu öffnen. Dieses Mal gingen sie dabei so leise wie möglich vor, um den schlafenden Jungen nicht zu wecken. Die Prinzessin half den beiden Puppen sich vom Griff zu lösen und die drei betraten das Zimmer des Jungen.

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Sanft schlossen die Puppen die Tür hinter ihr und Einauge setzte sich neben den Türrahmen, um als Wache zurück zu bleiben. Zu ihrer Linken befand sich ein Kleiderschrank, dessen eine Tür einen Spalt breit geöffnet war. Neben dem Kleiderschrank stand ein Regal, dass mit Spielsachen und Kinderbüchern gefüllt war. Unter dem Fenster hatte man eine Truhe abgestellt, deren Deckel offen Stand und ein paar Stofftiere preisgab. Die rechte Seite des Zimmers wurde von einem großen Bett eingenommen, auf dessen Seite ein kleiner Nachttisch mit einer erloschenen Öllampe stand. Im Bett konnte sie jemanden liegen sehen, dessen ruhiger Atem zu hören war.

Die Prinzessin und Vierarm durchquerten den Raum in Richtung Kleiderschrank und sie wies die Puppe an, sich in der Truhe zwischen den Kuscheltieren zu verstecken. Sie selbst versuchte in den Schrank zu klettern, um ihn nach etwas zu durchsuchen, was ihr später noch nützlich sein konnte. Als sie die Tür öffnete, um mehr Platz zu bekommen, gab diese ein lautes Knarren von sich und die Prinzessin erstarrte in ihrer Bewegung. Sie lauschte in die Schatten hinein und erkannte, dass sich die Atmung des Jungen verändert hatte. Sie wartete einen Augenblick, bis Vierarm in der Truhe verschwunden war, stieg in den Schrank hinein und zog die Tür so langsam hinter sich her, dass das Knarren des Schrankes die nächtliche Stille des Zimmers zerriss.

Der Junge erwachte mit einem leisen Laut und hielt den Atem an. Er horchte in die Dunkelheit hinein. Er war von einem Geräusch geweckt worden. Nicht von der nächtlichen Straße, wie sie manchmal zu hören waren, sondern hier aus seinem Zimmer.

Langsam ließ er den Atem entweichen. Da war es wieder. Es war das Knarren seines Kleiderschrankes. War er etwa nicht alleine? Die anderen Kinder hatten ihm von Geistern erzählt, die sich des Nachts in der Stadt herum trieben, um die Seelen kleiner Kinder zu fressen. Aber er wusste, dass sie ihm nur Angst machen wollten. Jeder wusste, dass die Stadtwache ihre schützende Hand über die Stadt hielt und die Geister höchstens einen betrunkenen Tölpel ein einer Seitengasse angingen.

Langsam richtete er sich auf und griff nach der Öllampe neben seinem Bett. Er zündete sie an, stieg aus dem Bett und ging vorsichtig auf den Schrank zu, sein Kissen als Schild vor sich haltend. Als er vor dem Schrank stand schob er das Kissen zwischen die beiden Türen und versuchte sie zu öffnen. Es rumpelte kurz im Schrank und etwas bewegte sich von einer Seite auf die andere. Er machte einen Satz zurück und hielt das Kissen schützend vor sich, jeden Augenblick mit einem Angriff aus der Tür rechnend. Aber nichts geschah.

Stille legte sich erneut über das Zimmer. Das Blut rauschte in seinen Ohren und ihm schlug das Herz bis zum Hals. Er stand wie erstarrt da und starrte in die Dunkelheit, die hinter dem den Türspalt auf ihn wartete. Nach einigen Augenblicken fasste er neuen Mut und streckte seine Hand nach dem Türgriff aus. Er zog daran und sah, wie die Schatten im Schrank vom Licht seiner Lampe vertrieben wurden.

Mit zusammen gekniffenen Augen musterte er die Kleidungsstücke, die an einer Stange hingen. Einige von ihnen pendelten vor und zurück, als ob sie verschoben wurden. Jemand versteckte sich zwischen den Klamotten vor ihm. Derjenige konnte aber nicht allzu groß sein, da der Platz hinter der verschlossenen Tür von einigen Fächern begrenzt wurde. Daher bot der Schrank für einen Erwachsenen keinen Platz und über gefährliche Tiere war ihm auch nichts bekannt, die sich nachts im Schrank kleiner Kinder versteckten.

Mit diesem Gedanken fasste er neuen Mut und griff nach der anderen Schranktür. Als er an dieser ziehen wollte, schoss eine kleine Hand zwischen den Kleidern hervor und packte die andere Schranktür. Im nächsten Augenblick schloss sich der Schrank mit einem Ruck und ließ ihn erneut einen Satz nach hinten machen.

Die Lampe viel ihm aus der Hand auf den Boden und Dunkelheit breitete sich im Zimmer aus. Mit beiden Händen hielt er das Kissen umklammert. Sein Leib zitterte. Noch nie zuvor hatte er sich so erschrocken, wie in diesem Augenblick. Gelähmt vor Angst stand er da und überlegte fieberhaft, was er tun sollte? Er verspürte den Drang, in das Schlafzimmer seiner Eltern zu rennen und in ihr schützendes Bett zu springen. Aber dann würde sein Vater wieder mit ihm schimpfen, dass er sich nicht so anstellen soll, schließlich sei er fast ein Mann.

Oh Gott, hatte er sich in sein Nachthemd gemacht? Seine Hand löste sich vom Kissen und strich über das Hemd. Er atmete erleichtert auf, als er keine feuchten Stellen ertasten konnte. Zumindest diese Scham blieb ihm erspart. Die Kontrolle seiner Blase gab ihm neuen Mut und er atmete mehrmals tief durch. Was war da nur in seinem Schrank?

Mit dem Kissen würde er sich unter Umständen nicht ausreichend verteidigen können und er blickte sich in seinem Zimmer nach etwas um, was er als Waffe verwenden konnte. Neben dem Regal sah er die Umrisse seines Steckenpferdes in der Dunkelheit und nahm es an sich. Mit beiden Händen umklammerte er das Ende des Steckens und stieß mit dem hölzernen Pferdekopf gegen den Schrank.

Es rumpelte erneut im Schrank und eine hohe Stimme quäkte „Bitte tu mir nichts!†œ

„Wer bist du? Was hast du in meinem Schrank zu suchen?†œ fragte der Junge.

„Ich habe Angst und brauchte ein Versteck!†œ rief die Stimme aus dem Schrank.

„Wovor versteckst du dich?†œ wollte der Junge wissen.

„Vor den anderen.†œ Kam die Stimme aus dem Schrank.

„Wer sind die anderen?†œ

„Die Alpträume. Sie lauern überall und versuchen uns immer zu fangen.†œ jammerte die kleine Stimme aus dem Schrank.

„Hier sind keine Alpträume†œ sagte der Junge und schaute sich in seinem Zimmer um, „nur ich und du.†œ Er hatte schon davon gehört, dass Alpträume Gestalt annehmen konnten und die Stadt heimsuchten. Nur hatte er die Erzählungen als Geschichten abgetan, um kleine Kinder zu erschrecken und daran zu hindern, nachts aus dem Haus zu gehen.

„Bist du sicher?†œ wollte die Stimme wissen und er versicherte ihr, dass sie alleine waren.

„Und wie heißt du nun?†œ fragte er noch einmal nach.

„Ich bin die Prinzessin.†œ

„Eine Prinzessin? Aber hier gibt es doch gar keine Könige mehr und eine Prinzessin auch nicht.†œ Er runzelte die Stirn.

„Doch, das ist mein Name. Und wie heißt du?†œ fragte die Stimme.

„Ich heiße Jakob.†œ sagte der Junge.

„Wo bin ich hier?†œ wollte die Prinzessin aus dem Schrank wissen.

„Das ist das Haus meines Onkels. Wir besuchen ihn gerade und das hier ist mein Zimmer.†œ sagte Jakob.

„Und du bist ganz sicher auch kein Alptraum und willst mich nur aus meinem sicheren Versteck locken?†œ

„Nein, ich bin kein Alptraum. Du kannst raus kommen. Ich werde dir nichts tun.†œ versicherte er ihr. Irgendwie bekam er Mitleid mit der Prinzessin, die sich vor lauter Angst in seinem Schrank versteckte.

„Na gut. Ich komme raus. Aber, wenn du versuchst mich zu fangen, bleibe ich bis zum Tagesanbruch in diesem Schrank. Dann bekommst du mich nicht.†œ

Während er nach der Lampe am Boden griff, um das Licht wieder an zu machen, hörte er, wie sich etwas in dem Schrank bewegte. Die Tür wurde langsam geöffnet und eine Marionette in einem rosa Kleid kam zum Vorscheinen. Sie war kleiner als er und wirkte sehr zerbrechlich. Die Mütze auf ihrem Kopf war verrutscht und ihre Haare schienen ein wenig durcheinander zu sein. Sie streckte den Kopf aus dem Schrank und ihr Blick wanderte durch das Zimmer, auf der Suche nach einer Gefahrenquelle. Als sie sich sicher zu fühlen schien, blickte sie Jakob an und hüpfte aus dem Schrank. Sie blieb auf einer Armeslänge vor ihm stehen und musterte ihn von oben bis unten.

„Du siehst wirklich nicht wie ein Alptraum aus.†œ sagte sie mit ihrer hohen Stimme.

„Das sage ich doch. Hier kommen auch keine Alpträume herein. Mein Onkel hat unten ein paar Wächter stehen, die jeden Eindringling entdecken und vertreiben können. Er hat sie von einem Schmied extra anfertigen lassen.†œ plapperte Jakob darauf los. „Er sagt immer, dass sie sehr teuer waren und er sich deswegen auf ihren Schutz verlassen kann. Aber sie haben sich noch nie bewegt. Sie stehen einfach immer nur da und wachen über das Haus.†œ

Er stockte, als ihm der Gedanke kam, dass er sich gerade mit einer Puppe unterhielt, die eigentlich nicht ins Haus gehörte. „Aber wie bist du an ihnen vorbei gekommen? Haben dich die beiden Wächter nicht bemerkt?†œ

„Ich glaube nicht. Ich bin durch eine Gasse gerannt und dann durch ein Kellerfenster gerutscht. Im Haus habe ich dann nach einem Versteck gesucht und bin die Treppe nach oben gerannt. Das Zimmer hier war das erste, in das ich rein konnte. Und dann habe ich den Schrank hier gefunden und mich darin versteckt. Ich hatte so eine Angst!†œ Sie schluchzte laut auf, warf sich an ihn und vergrub ihr Gesicht in seiner Schulter. Ihr jammern war Herz erweichend.

Er ließ das Steckenpferd los, legte seine Arme um sie und tätschelte ihr den Rücken. „Was ist denn passiert, dass du so eine Angst bekommen hast?†œ

„Wir waren gerade auf dem Weg zurück, als wir von ihnen überfallen wurden. Ich bin mit dem König die eine Gasse entlang gerannt und die anderen beiden haben versucht sich in eine andere Richtung davon zu machen. Sie verfolgten uns und wir liefen so schnell wir konnten vor ihnen weg. Irgendwann bin ich aber gestolpert und die Alpträume kamen direkt auf mich zu. Ich konnte in ihre gruseligen Gesichter schauen und dachte, dass sie mich jetzt hatten.†œ Ein Schauer durchlief ihren Körper und sie begann erneut zu schluchzen.

„Der König drehte sich um und warf sich ihnen entgegen. Er schrie mir zu, dass ich los laufen und dem Meister holen sollte. Und das habe ich dann auch gemacht. Nur rannte ich so schnell weg und habe mich nicht mehr umgeschaut. Aber ich konnte sie hinter mir hören. Sie waren mir auf den Versen. Und dann habe ich das offene Fenster gesehen und bin da hindurch.†œ Sie ließ den Kopf hängen. „Sie haben ihn geschnappt! Der arme König. Er hat mich gerettet. Aber jetzt tun sie ihm bestimmt ganz schlimme Dinge an.†œ Ihr schluchzen wurde immer lauter und selbst er bekam nun Tränen in die Augen. Die arme Prinzessin.

„Er wird es bestimmt geschafft haben ihnen zu entkommen. Die Mutigen besiegen die Bösen immer am Ende.†œ versuchte er sie aufzumuntern.

„Bestimmt nicht. Den Alpträumen entkommt man nicht mehr so schnell, wenn sie einen einmal gefangen haben.†œ Sie machte sich von ihm los und blickte ihm in die Augen. „Ich muss sofort zurück zu unserem Wagen und Hilfe holen. Aber bis ich da bin, ist es bestimmt schon zu spät.†œ Obwohl ihr aufgemaltes Gesicht ein Lächeln zeigte, lag in ihren Augen ein entsetzlicher Schrecken. Etwas regte sich in ihm, das Gefühl sie beschützen zu müssen.

„Ich kann dir helfen. Ich bin schon groß und sehr stark.†œ sagte er zu ihr, machte sich etwas größer und streckte seine Brust heraus. Er könnte ein Ritter sein, so wie in seinen liebsten Geschichten. Er hob das Steckenpferd auf und stellte es neben sich. „Ich habe auch keine Angst in der Dunkelheit und kann dich vor den Alpträumen beschützen.†œ

Sie trat einen Schritt zurück und musterte ihn von oben bis unten. „Aber du bist doch noch ein Kind. Was willst du denn gegen einen Alptraum machen?†œ

„Wenn man keine Angst vor ihnen hat, können sie einem nichts tun. Das sagt meine Mama immer zu mir, wenn ich schlecht geträumt habe.†œ

Die Prinzessin legte den Kopf schief und hob die Hand an ihr hölzernes Kinn. Als sie den Mund öffnete um etwas zu sagen, schwang die Zimmertür auf und eine Gestalt stand im Türrahmen.

„Oh nein, sie sind mir gefolgt!†œ schrie sie auf und versteckte sich hinter ihm. Jakob drehte sich zur Tür und sah, wie ein kleines Wesen auf ihn zu kam. Er machte zwei Schritte darauf zu, sein Steckenpferd wie eine Keule durch die Luft schleudernd. Der Kopf des Pferdes traf das Wesen und schleuderte es gegen die Wand, an der es liegen blieb.

Verdattert schaute er von dem Wesen zu seinem Steckenpferd und anschließend zur Prinzessin. Sie warf sich an ihn und umarmte seine Taille mit ihren dünnen Ärmchen. „Du hast ihn erledigt! Mein Ritter!†œ jauchzte die Prinzessin auf und vergrub ihr Gesicht in seiner Brust.

Er wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als die Spielsachen aus der Kiste am Fenster in einem hohen Bogen heraus flogen und ein Wesen zum Vorschein kam, dass mit seinen vier Armen wild durch die Luft fuhr. Die neue Gefahr entlockte der Prinzessin einen weiteren Aufschrei und sie griff nach Jakobs Hand. „Oh nein. Noch einer. Wir müssen weg hier. Schnell.†œ

Sie schob sich an ihm vorbei und rannte auf die Tür zu, immer noch die Hand des Jungen umklammernd. Wie ferngesteuert ließ er sich von ihr aus dem Zimmer und den Gang zur Treppen hinunter ziehen. Erst am Fuß der Treppe wurde sie etwas langsamer, als sie die beiden Wächter passierten. Keine der Statuen zeigte eine Regung in der Dunkelheit und sie zerrte ihn weiter in Richtung der Haustür.

„Halt. Warte mal.†œ Sagte Jakob und entwand seine Hand dem überraschend festen Griff der Prinzessin. „Die Tür ist verschlossen. Hier kommst du nicht raus.†œ

Sie drehte sich zu ihm um und blickte sich suchend durch die Eingangshalle. „Dann müssen wir den Schlüssel finden. Es werden mehr Alpträume kommen, wenn sie wissen, dass ich hier bin. Und gegen so viele können eure Wächter auch nichts ausrichten.†œ Sie nahm seine Hände in ihre und blickte ihm in die Augen. „Ich brauche deine Hilfe, Jakob. Du kannst dich gegen sie wehren und mich beschützen. Du musst mir bei der Suche nach dem König helfen und uns zu unserem Meister bringen.†œ Er starrte sie nur verblüfft an und wusste nicht, was er sagen sollte. Er durfte nachts nicht das Haus verlassen. „Bitte, Jakob!†œ

Ehe er sich versah, öffnete er die Tür zur Garderobe und holte ein Paar Stiefel hervor, die er zum Spielen im Hof anzog. An einem Haken hinter der Tür hing der Schlüsselbund des Hausdieners, mit dem man die Haustür und das Tor öffnen konnte. Er schlüpfte schnell in seine Stiefel, fischte mit dem Steckenpferd den Schlüsselbund vom Haken und schloss die Haustür auf. Die Prinzessin ging voraus und lief über den Hof in Richtung Tor. Er ließ die Haustür offen stehen und folgte ihr hinaus. Das alte Torschloss machte ihm etwas mehr Mühe und er musste sich an den Torflügel hängen und kräftig daran ziehen, um es zu öffnen. Zusammen mit der Prinzessin lief er über die Straße und folgte ihr in die Gassen der Stadt.

 

Einige Zeit nach den beiden verließ der Puppenspieler sein Versteck und ging hinüber zum offenen Tor. Dort wurde er von Vierarm und Einauge erwartet, die eine geplatzte Naht am Kopf hatte. Er würde sie später reparieren müssen, sobald alles erledigt war. Der Junge musste einen ordentlichen Hieb auf die Puppe gelandet haben. Er steckte die beiden Puppen zurück in seinen Umhang und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen, wo er den Jungen erwarten würde.

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Die Prinzessin führte Jakob durch die hinteren Gassen der Stadt und die beiden entfernten sich immer weiter von dem Haus seines Onkels. Jakob wusste bereits nach kurzer Zeit nicht mehr, wo sie waren und musste der Prinzessin hinter her laufen, in der Hoffnung irgendwann wieder auf eine Straße zu treffen, die ihm bekannt vorkam.

Die beiden erreichten die Kreuzung zweier Gassen, in deren Mitte ein kleiner Gegenstand auf dem Boden lag. Jakob bückte sich, um den Gegenstand aufzuheben und hielt eine kleine Krone in der Hand. Drei Diamanten funkelten in Mondschein und Jakob drehte das Schmuckstück, um es von allen Seiten zu betrachten. Sie war an einigen Stellen etwas dreckig geworden und er rieb sie an seinem Nachthemd wieder sauber.

„Das ist die Krone des Königs.†œ Die Prinzessin war neben ihm aufgetaucht und riss ihm die Krone aus der Hand. Sie betrachtete das Schmuckstück für einen Moment und drehte sich um die eigene Achse.

„Hier müssen sie ihn gefangen haben. Alpträume bringen ihre Gefangen immer an einen Ort, an dem sie ihn ungestört quälen können. Wir müssen ihn fingen.†œ

Sie begann damit, von einer Gasse zur nächsten zu laufen und nach einer weiteren Spur zu suchen, die sie in die richtige Richtung führen würde. Jakob schaute ihr dabei zu, wusste aber nicht so recht, wie er ihr helfen sollte. Er hatte keine Ahnung, wonach er suchen sollte. In einiger Entfernung standen ein paar Kisten aufeinander und Jakob ging zu ihnen hinüber.

Neben den Kisten befand sich ein großer Haufen schmutziger Laken und er begann darin herum zu stochern. Er stieß den Stecken seines Pferdes in den Haufen und spürte ihn gegen etwas hartes pochen. „Aua!†œ hörte er eine Stimme aus dem Haufen rufen. Die Laken bewegten sich und der Kopf einer anderen Marionette kam zum Vorschein, die ihn verwirrt anschaute. Sie hatte eine Zipfelmütze auf dem Kopf und ihr Gesicht wurde von einem breiten Grinsen dominiert.

Jakob reif nach der Prinzessin und sie eilte zu ihm herüber. „Schelm!†œ rief sie. „Wo kommst du denn her?†œ

„Ah, Prinzessin.†œ sagte die Marionette mit einer etwas schief klingenden Stimme. „Ich habe mich hier drinnen versteckt, als wir von den Alpträumen überfallen wurden. Der Griesgram muss auch hier irgendwo sein.†œ Die Marionette blickte sich um und hob ein paar Laken auf der Suche nach ihrem Freund hoch.

„Ich bin hier oben.†œ erklang eine knarzige Stimme über ihnen. Der Kopf einer weiteren Marionette schob sich über den Rand der Holzkisten und blickte auf sie herab. „Ich habe einen von ihnen getreten und bin dann hier hoch, um sie von einer erhöhten Position aus besser bekämpfen zu können. Aber die Feiglinge sind euch beiden hinterher gelaufen.†œ Sie schaute von der Prinzessin zu Jakob. „Das ist aber nicht der König, das ist ein Junge. Wo ist der König?†œ

„Ich weiß es nicht.†œ jammerte die Prinzessin. „Wir wurden fast geschnappt und der König hat sich geopfert, damit ich ihnen entkommen konnte. Ich habe mich dann in einem Haus versteckt und Jakob hier getroffen.†œ Sie zeigte mit einer Hand auf das Kind und nickte ihm zu. „Die Alpträume haben mich bis dahin verfolgt und Jakob hier hat sie vertrieben. Er hilft mir bei der Suche nach dem König. Wir müssen ihn unbedingt finden. Sonst wird der Meister sehr böse sein.†œ
„Wer ist denn euer Meister?†œ fragte Jakob.

„Der Puppenspieler.†œ sagte der Schelm und kroch aus den dreckigen Laken heraus. „Wir sollten für ihn etwas erledigen und auf dem Rückweg sind wir dann überfallen worden.†œ

„Was habt ihr denn um diese Uhrzeit zu erledigen gehabt? Es ist doch mitten in der Nacht?†œ fragte Jakob in die Runde.

„Wir sollten wieder ein paar neue Plakate aufhängen, damit mehr Leute zu den Vorstellungen kommen.†œ warf die Prinzessin schnell ein. „Los, wir dürfen keine Zeit verlieren.†œ Sie griff nach seiner Hand und zog ihn von den Laken fort. Der Griesgram sprang von den Kisten und landete weich auf dem Haufen. Einen Augenblick später lief er neben Jakob her, während der Schelm hinter ihnen her tapste.

Sie wanderten eine Weile weiter durch die Nacht und riefen immer wieder nach dem König, aber bekamen keine Antwort aus der Dunkelheit. Irgendwann kamen sie an eine weitere Kreuzung, von deren einem Ende Geräusche zu hören war. Bei den Geräuschen handelte es sich um das Klopfen auf Holz und die vier bogen in die Gasse ein. Die Gasse endete plötzlich vor ihnen in einer hohen Wand, an deren Fuß ein paar Schatten auf einem anderen herum sprangen und auf ihn einschlugen.

„Der König!†œ rief der Griesgram und stürmte auf die Schatten zu. Jakob folgte ihm mit erhobenem Steckenpferd und ließ einen Schrei los. Die Schatten drehten sich zu ihnen um und kamen ihnen entgegen gelaufen. Einer sprang den Griesgram an und warf ihn um. Ein anderer kam auf Jakob zu, der wie schon zuvor das Steckpferd um sich schwang. Er erfasst das Wesen und ließ es in hohem Bogen durch die Luft segeln, bis es gegen eine Wand prallte und liegen blieb.

Ein weiteres Wesen stand plötzlich vor ihm und sprang an ihm hoch. Es kratzte ihn im Gesicht und er stieß mit dem Stecken nach dem scheinbaren Alptraum. Das Wesen wurde zurück gestoßen und landete auf seinem Hintern. Jakob griff sofort um und der Pferdekopf sauste auf das Wesen hernieder. Ein Reißen ertönte und die Kreatur blieb leblos vor ihm liegen. Als er sich umdrehte sah er, wie der Schelm und der Griesgram hinter dem letzten Angreifer her liefen, der sich in den Schutz der Nacht rettete.

„Lasst ihn davon rennen.†œ Rief die Prinzessin ihnen hinter her. „Helft uns lieber.†œ

Jakob und sie liefen zu dem kleinen Häufchen Elend, auf das die Kreaturen eingeschlagen hatten. Es handelte sich um eine weitere Marionette, die in edle Gewänder gekleidet war. „Der König†œ seufzte die Prinzessin und griff nach der Hand der Marionette, die keine Regung zeigte. „Sie haben ihn kaputt gemacht.†œ

„Oh nein!†œ jammerte der Schelm neben Jakob. „Der Meister wird darüber bestimmt nicht glücklich sein.†œ

„Aber vielleicht kann man ihn ja reparieren?†œ versuchte Jakob die anderen aufzumuntern. „Wenn er ein Puppenspieler ist, dann kann er euren König doch sicher wieder ganz machen.†œ

„Ja, schnell. Lasst ihn uns zurück bringen.†œ orderte die Prinzessin an. „Ihr beide werdet ihn tragen. Ihr seid stärker als ich. Und Jakob wird uns beschützen.†œ

Der Schelm und der Griesgram hoben den König auf und liefen hinter der Prinzessin aus der Gasse. Jakob bildete das Schlusslicht und schaute immer mal wieder über die Schulter hinter sich, um mögliche Verfolger auszumachen. Aber anscheinend hatten sie die Alpträume in die Flucht geschlagen und durchquerten die Stadt ohne weitere Zwischenfälle.

 

Schließlich erreichten sie den Jahrmarkt und liefen an den schlafenden Wagen der Schausteller vorbei, bis sie den Wagen des Puppenspielers erreichten, in dem Licht brannte. Die Prinzessin hüpfte die Stufen zur Tür hinauf und zog an einer Kette, die neben der Tür herab hing. Etwas klickte im Inneren des Wagens und die Tür öffnete sich einen Spalt weit. Sie zog die Tür auf und die drei Marionetten verschwanden im Wagen.

Jakob blieb vor der Treppe stehen und sah zum Wagen hoch. Ein komisches Gefühl hatte ihn befallen und er war sich unsicher, ob er den Marionetten folgen sollte. Seine Eltern hatten ihm immer wieder gesagt, dass er Fremden nicht trauen sollte. Vor allem sollte er ihnen nicht einfach irgendwohin folgen. Aber er hatte den Marionetten ja geholfen den König wieder zu finden. Und sie waren nett und dankbar zu ihm gewesen. Er blickte sich um und überlegte, was er tun sollte.

Die Prinzessin erschien in der Tür und blickte auf ihn herunter. „Wo bleibst du? Komm herein. Ich will dir unseren Meister vorstellen. Er wird sich darüber freuen, dich kennen zu lernen.†œ

Jakob scharrte mit den Füßen und packte sein Steckenpferd etwas fester. Eigentlich sollte er jetzt zu Hause in seinem Bett liegen und nicht auf dem Jahrmarkt herum schleichen. Er fühlte sich gar nicht gut.

„Was ist?†œ die Prinzessin war von den Stufen gesprungen und kam auf ihn zu. „Hast du etwa Angst?†œ

„N… Nein. Habe ich nicht.†œ stammelte er.

„Na dann komm. Drinnen ist es warm.†œ Sie griff nach seiner Hand und zog leicht an ihr.

„Vielleicht sollte ich morgen wieder kommen. Ich bin müde und will nach Hause. Und meine Eltern werden bestimmt ganz böse sein, wenn sie merken, dass ich nicht in meinem Bett bin.†œ Er wollte sich umdrehen und loslaufen, konnte sich aber nicht aus dem Griff der Prinzessin lösen.

Er drehte sich um und sah sie dicht vor sich stehen. Sie hob ihre Hand und strich ihm über die Wange. „Ich dachte du wärst ein mutiger Ritter. Du hast uns in der Gasse vor den Alpträumen beschützt und jetzt hast du Angst vor unserem Meister?†œ Sie machte eine Pause und schaute ihm direkt in die Augen. „Du brauchst keine Angst zu haben. Er ist ein guter Meister, der dich reichlich belohnen wird. Na komm mit.†œ Sie zog erneut an seiner Hand und konnte spüren, wie sein Widerstand nachließ. Sanft zog sie ihn mit sich und sie betraten gemeinsam den Wagen des Puppenspielers.

Der Wagen wurde auf der einen Seite von einer riesigen Werkbank dominiert. An der Wand darüber hingen ordentlich aufgereiht einige Werkzeuge. Auf der Arbeitsplatte der Werkbank saßen ein paar Puppen, teilweise ohne Gliedmaßen und ließen die Köpfe hängen. Auf der anderen Seite des Wagens stand eine Platte vor der Wand, hinter der Jakob einen Vorhang sehen konnte. Hier hielt der Puppenspieler seine Vorstellungen ab und zauberte ein Lächeln in die Gesichter der Kinder. Der Rest des Wagens war übersät mit unterschiedlichen Puppen und Marionetten, die an ihren Fäden von Haken und Stangen hingen. Es mussten an die hundert Körper sein, in allen erdenklichen Formen und Farben.

Vor der Werkbank stand eine große Gestalt, die in einem langen Mantel mit einem großen dreieckigen Hut gekleidet war. Sie hatte den leblosen König in den Händen und redete leise mit dem Griesgram, der auf der Arbeitsplatte stand. Als die Prinzessin die Tür hinter Jakob schloss, blickte die Gestalt auf und schaute zu Jakob herüber. Der Griesgram sprang von der Arbeitsplatte und verschwand hinter ihr.

„Hallo. Du musst also der tapfere Retter sein, von dem mir meine Helfer erzählt haben. Ich möchte dir für deine Hilfe und deinen Mut danken. Ohne dich wäre mein König wahrscheinlich verloren gewesen.†œ sagte die Gestalt mit einer tiefen Stimme und kam auf ihn zu und beugte sich zu ihm herunter, eine behandschuhte Hand ausgestreckt.

Jakob wich einen Schritt zurück und seine Hände behielten den Griff seines Steckenpferdes fest umklammert. Die große Gestalt hielt in ihrer Bewegung inne, die Hand auf Armeslänge von Jakob entfernt. Ihr Gesicht war hinter einer hölzernen Maske verborgen, aus deren Gucklöchern er von neugierigen Augen gemustert wurde. Einige Herzschläge lang standen sich die beiden so gegenüber, bis die Gestalt ihre Hand zurück zog und sich wieder aufrichtete.

„Vielleicht sollte ich mich dir erst einmal vorstellen. Ich bin der Puppenspieler.†œ Er machte eine leichte Verbeugung, bei der er die eine Hand vor die Brust legte und mit der anderen Hand den Hut vom Kopf zog und zur Seite weg streckte. Jakob sah, dass die Maske des Puppenspielers den ganzen Kopf bedeckte.

Der Puppenspieler richtete sich zu vollen Größe auf und bedeckte sein Haupt wieder mit dem Dreispitz. „Wie gesagt, ich bin dir für deine Hilfe zu größtem Dank verpflichtet. Und als Zeichen meines Dankes, möchte ich dir gerne einen Wunsch erfüllen, sofern du einen hast.†œ

„Ich möchte gerne nach Hause.†œ sagte Jakob und blickte sich nach der Prinzessin um, die immer noch an der Tür stand.

„Aber du wirst doch noch einen anderen Wunsch haben, als nur nach Hause gebracht zu werden, oder? Ich kann dir jeden Wunsch erfüllen, deine innigsten Träume wahr werden lassen. Ich kann dich zu einem noch mutigeren Mann machen, zu einem richtigen Ritter, wenn du das möchtest. Oder zu einem König. Was hältst du davon, ein König zu sein?†œ fragte der Puppenspieler und legte den Marionettenkönig vorsichtig auf die Werkbank.

„Aber es gibt doch gar keinen König mehr. Warum soll ich König werden wollen? Mein Papa hat mir gesagt, dass wir einen gewählten Gouverneur haben, der sich um alles kümmert.†œ entgegnete Jakob ihm.

„Da hast du natürlich Recht. Und so weit reichen meine Kräfte dann auch nicht aus, dass ich den Gouverneur stürzen könnte. Aber wie findest du es, der neue König meiner Marionetten zu sein? Das Volk muss seinem König vertrauen können und du hast dir heute Nacht das Vertrauen meiner Marionetten verdient. Und du könntest immer Zeit mit meinen Marionetten verbringen, wenn du es so willst.†œ

Jakob dachte darüber nach. „Und was ist dann mit deinem alten König? Kannst du ihn denn nicht mehr reparieren?†œ Er trat neben den Puppenspieler an die Werkbank und betrachtete die Marionette. „Ich glaube, ich will dir lieber dabei helfen den König zu reparieren. Und danach bringst du mich bitte nach Hause. Das ist mein Wunsch.†œ

„Nun gut. Wenn das dein Wunsch ist, werde ich ihn respektieren.†œ Er nahm den König, drehte ihn auf den Bauch und öffnete eine Klappe in seinem Rücken. Jakob sah einen leeren Sockel in ihrem Inneren. „So wie es ausschaut, haben die Alpträume dem König sein Herz gestohlen. Wir müssen es ersetzen.†œ

„Und womit können wir es ersetzen?†œ fragte Jakob und sah zum Puppenspieler auf.

„Ich schnitze sie aus einem sehr edlen und harten Holz. Die Alpträume wissen das und versuchen immer wieder die Herzen zu stehlen, da sie sehr wertvoll sind. Ich versuche immer ein paar zu besitzen, um den Ausfall einer Marionette zu vermeiden.†œ

Er zeigte auf eine große, schwere Truhe am Ende des Wagens. „Dort lagere ich meine Herzen. Das Holz der Truhe ist schon sehr alt und so hart wie Stahl. Daran beißen sich sogar ein paar Alpträume die Zähne aus. Möchtest du mir ein Herz holen?†œ Er reichte Jakob einen großen Schlüssel, den er von seinem Gürtel löste.

Jakob nahm den Schlüssel entgegen, ging zur Truhe hinüber und steckte ihn in ihr Schloss. Es klickte einmal laut und die Truhe ließ sich öffnen. An ihrem Grund lagen mehrere runde Holzstücke und er hob eines auf. Es war so schwarz wie die Nacht. Mit dem Herz in der Hand stellte er sich wieder neben den Puppenspieler und hielt ihm das Stück entgegen.

„Und der König wird dadurch wieder lebendig?†œ fragte er den Puppenspieler.

„Ja. Er wird springen und tanzen können. Wie ein Junge. Aber eine Kleinigkeit fehlt noch und dafür brauche ich deine Hilfe.†œ sagte der Puppenspieler leise und nahm einen scharfen Meißel von der Wand.

 

Lang lebe der König.

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So, ich habs noch vor der Umstellung gelesen und dann die Antwort verpennt. Die Geschichte gefällt mir insofern nicht, dass mir nach dem lesen die Haare zu Berge gestanden haben (ich hab selbst kleine Kinder) . Creepy!!! Also alles in allem sehr überzeugend!....:ok: Ich fand den Teil, in dem die Herstellung der Figur stattfindet, ein klein wenig zu lang. Sonst aber wirklich gelungen!:..:)

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Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. Mit deiner Kritik hast du recht. Mir ist der Teil der Herstellung im Vergleich zum Rest etwas zu lange geworden. Kommt davon, wenn man etwas Zeit zwischen dem Schreiben der einzelnen Abschnitte lässt. Aber ich merke es mir für das nächste Mal, etwas genauer darauf zu schauen.

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Die Geschichte ist der Hammer!

Habe sie gerade gelesen und finde sie super gelungen.

Die Andeutungen verfestigen sich nach und führen letztlich zu dem Ende vor dem ich die ganze Zeit Angst hatte.

Ich konnte mir richtig bildlich vorstellen, wie die Puppen in den Keller fielen und wie der Schelm aus den Laken heraus kriecht.

Ich bin wirklich beeindruckt.

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Super Geschichte, hatte ich irgendwann mal abonniert und dann doch vergessen zu lesen. Dank Apoxies Posting kam ich wieder drauf!

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