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TabletopWelt

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Hallo, ihr Lieben,

 

Man sollte niemals nie sagen. Vor allem nicht, wenn Colonel Ekko seine Finger im Spiel hat.

So kommt es also … ein neues Abenteuer steht bevor.

Eigentlich hatte ich mich entschieden, nicht mehr in Universum vom 40k zu schreiben.

Aber irgendwie … kam es dann doch anders.

Wer Colonel Ekko noch nicht kennt, dem möchte ich Stargazer ans Herz legen.

Allen anderen wünsche ich gute Unterhaltung bei …

 

 

 

Equilibrium

 

Eine Fan-Geschichte aus dem Warhammer 40.000-Universum

 

 

Prolog

 

Gespenstische Stille wandelte durch die große Bibliothek, folgte den langsam vorrückenden Schatten, die sich ganz allmählich im einst lichtüberfluteten Gemäuer festsetzten.

Längst schon hatte die Sonne den Zenit ihrer Tagesbahn überschritten, sank rasch dem Horizont entgegen. Der größte Teil ihres Lichtes war bereits verloschen.

Einige wenige Strahlen gelangten noch in die hinter den Buntglasfenstern liegenden Hallen des ekklesiarchischen Baus, doch ihre Helligkeit reichte längst nicht mehr aus, die Düsternis zu vertreiben.

Die Überreste von in verstaubten Haltern steckenden Kerzen flackerten traurig vor sich hin, vollkommen überfordert von der ihnen anvertrauten Aufgabe.

Einst hatte dieses Zentrum des Wissens Tausenden Rat und Rückzugsmöglichkeit geboten. Ein Quell imperialer Chroniken und Manifeste, verteilt auf Dutzende von Ebenen, säuberlich sortiert von Lexicaten und Servitoren.

Doch diese Zeiten gehörten ebenso der Vergangenheit an wie die leisen, jedoch festen Schritten der alten Schwester des Ordo Dialogis, die als Hüterin der Bibliothek für den Erhalt der imperialen Schriften und Erlasse verantwortlich gewesen war.

Ihr Tod, vollkommen vergessen und verlassen von der Welt, lag Jahre zurück – bereits zu einer Zeit, als das Leben den mächtigen Hallen der großen Bibliothek längst den Rücken gekehrt hatte.

Mit ihr starben die letzten verbliebenen Erkenntnisse um die Geheimnisse dieses faszinierenden und zugleich unheimlichen Orts, an dem sich die Geschichte von hunderten Jahren stetiger Entwicklung versammelt hatte, um am Ende einfach zu verdorren.

Sie marschierten festen Ganges in die Arme des Vergessens, ließen sich von ihm umgarnen und verschwanden letztlich in den Tiefen der Zeit.

Niemand bemerkte den Verlust – und niemanden kümmerte es.

Man überließ die große Bibliothek sich selbst. Immerhin gab es wichtigere Dinge, welche die Sphäre des menschlichen Lebens beschäftigten.

Es gab keinen Frieden im 41. Jahrtausend. Dort herrschte lediglich Krieg.

Allerdings galt das nicht für jedes der Milliarden Individuen, aus denen sich das große Imperium der Menschheit zusammensetzte.

Die einsamen Schritte, die eilig und zielstrebig, aber ohne Hast durch das verwaiste Gemäuer hallten, zeugten davon.

Schwaches Leuchten quälte sich zwischen den gewaltigen Säulen hindurch, auf denen das Gewicht der ausladenden Dachkonstruktion lastete, erkämpfte sich flackernd seinen Weg durch den in der Luft stehenden Staub. Eine bereits halb abgebrannte Fackeln, müde von Jahren des Wartens, nun endlich entzündet und vom Wissen um die Tatsache beseelt, dass man ihrer bedurfte, erschien zwischen den fein behauenen Steinen, getragen von einer unter Schichten einfacher Kleidung verborgenen Gestalt.

Es war eine seltsame Figur, die dort schritt. Eine lange, bereits zum Teil verschlissene Robe bedeckte ihren Körper, und ihr Kopf wurde von einer bis tief ins Gesicht reichenden Kapuze geschützt.

Ihre linke Hand umfasste die Fackel, während die Rechte eine alte und aufgebrauchte Tragetasche hielt, aus der das halb-hohle Klirren gläserner Utensilien ertönte.

»Nicht vergessen«, murmelte die Gestalt, mehr zu sich selbst denn an die Außenwelt gewandt. Und dennoch: Im vollkommen leeren Raum der großen Lesehalle echoten die Worte als unverständliches Gemurmel umher, versuchten sich an den verstaubten Regalen und halbzerfallenen Zeugnissen des menschlichen Seins festzuhalten.

»Ich darf nicht …«, brachte die Person noch hervor, dann brach ihre krächzende, im Ansatz männliche Stimme ab, von dem fast verzweifelten Versuch gebrochen, die Kontrolle über den wankelmütigen Geist zu behalten. Lediglich das Schlurfen der schweren Stiefel auf dem steinernen Boden hallte ruhelos von den umgebenden Wänden wieder.

Jahre des endlosen Rezitierens längst vergangener Geschichten und das Erleben und Wiedererleben unsäglicher Grausamkeiten hatten die Seele des Mannes zerfressen; sie mit derselben Brutalität aufgerissen, mit der sich ein Kettenschwert durch eine Holztür arbeitet. Das dahinterliegende Sein des Mannes war inzwischen vollkommen zerfleddert und nur noch schwerlich fokussierbar. Den größten Teil der Zeit schwankte es irgendwo zwischen quälender Agonie und seelischem Wahn.

Wer das Leben eines Chronisten führte, der entschied sich für die Einsamkeit. Daran gab es keinen Zweifel.

Nicht nur ob ihrer Aufgabe, sondern vor allem aufgrund der Tatsache, dass sie die Welt stets mit den Augen eines Außenseiters betrachteten, eines zufällig vorrübergehenden Besuchers, gelangten nur die wenigsten Chronisten in den Genuss, irgendwann einmal mehr aus ihrem Leben zu machen als den Zeitablauf einer Reise. Nie endend, stets auf der Suche nach all jenen Hintergründen, aus denen sich die Aktion und Reaktion der Dinge zusammensetzte. Der Grund, aus dem die Zeit existierte.

Es gab nur eine Sache, für die ein Chronist wirklich lebte; den Anlass, aus dem er den weiten Weg in das Herz des Vergessens auf sich genommen hatte.

Noch eine Geschichte, die in seinem Kopf herumspukte.

Ein Abenteuer, vielleicht nicht so aufregend wie die Geschichten der großen Krieger und Feldherren, aber dennoch ebenso untrennbar verbunden mit dem Schicksal des Imperiums wie jede andere Tat, die in Seinem Namen ausgeführt worden war.

Nicht, dass es einen anderen Grund dafür gegeben hätte, sie in das gewaltige Gesamtwerk der imperialen Historie einzufügen.

Niemand würde sich für sie interessieren. Niemand sie lesen.

In der schieren Unendlichkeit zwischen Trilliarden von Seiten, Datensätzen und Schriften würde sie verschluckt werden wie ein einzelner Hilferuf vom Vakuum des Weltalls.

Nie, hatten sie ihm gesagt, würde dieses Werk das Licht der Galaxie erblicken.

Es bestand aus Wissen, das man gemeinhin als verboten ansehen konnte. Aus Realitäten und Fantasien, vermengt zu einem großen Sud aus Erinnerungen, Träumen und Wünschen.

Eine Geschichte, die un-imperialer nicht sein konnte. Wo Helden keine waren, sondern große Herren und Damen plötzlich den niedersten Instinkten des gemeinen, ungebildeten Pöbels erlagen. Wo das Durcheinander zur Methode wurde und Wahnsinn und Sturheit so lange miteinander rangen, bis sie durch das Schaufenster der Offensichtlichkeit brachen und sich im Dreck der Straße wälzten.

Und doch: allein schon das Factum ihrer Existenz reichte, dass diese Geschichte es wert wurde, von ihr zu erzählen.

Wortlos stieg der einsame Chronist die geborstenen Steinstufen zur großen Empore des Administraten hinauf, jenem Platz, von dem aus sich der ausladende Lesesaal gut überblicken ließ.

Hinter einem großen, von Staub und Splittern bedeckten Konstrukt aus Schreibflächen und längst erloschenen Holoprojektoren thronte ein zerborstener Sessel, dessen Überreste das Fundament für eine alte, wackelige Sitzgelegenheit bildeten – mehr ein Hocker denn ein Stuhl.

Einst hatten fein behauene Statuen über den Platz gewacht, ihn aus finsteren, leblosen Augen beobachtet. Nun allerdings lagen die Überreste ihrer furchteinflößenden Schädel als kaum noch zu identifizierende Brocken im Umfeld der Empore verstreut auf dem Boden.

Reine Wut hatte sie zerschlagen, ihnen jegliche Persönlichkeit geraubt. Niemand würde ihrer gedenken, geschweige denn zu rekonstruieren, was sie einst dargestellt hatten.

Auch der Chronist musste mit einer gewissen melancholischen Traurigkeit erkennen, dass es ihm nicht gelang, das Bild der riesigen Statuen in seinem Kopf nachzuzeichnen, obwohl es ihm ein Leichtes hätte sein müssen.

Die Last zu vieler Eindrücke lag auf seinem Gedächtnis, verwischte die Details der Erinnerung, stahl ihm all die wichtigen Rückblenden, an die er sich so verzweifelt klammerte.

Die einzige Möglichkeit, dieser schrecklichen Verwesung seines inneren Selbst entgegenzuwirken, war die Befreiung von der Last. Wissen musste weichen, damit Wissen erhalten blieb.

Andererseits waren die Erinnerungen zu wertvoll, um einfach in die Luft ausgeatmet und dann sich selbst überlassen zu werden. Man musste sie führen, ihnen eine Bleibe bieten, ihnen ihren eigenen Wert aufzuzeigen.

Wortlos versenkte der Chronist die Fackel in eine verbogene Halterung an der Schreibfläche, dann trat er an den wackeligen Stuhl und kniete sich auf den dreckigen Boden. Eine Weile lang tastete er über die Steinfliesen, suchte nach einer Lücke, in die er mit seinen Fingern fassen konnte.

Einfach war es nicht. Das letzte Mal hatte er diese ganz bestimmte Stelle vor vielen Jahren gesucht.

Der raue, kalte Stein schabte an seiner Haut. Ein seltsames Gefühl, das ihm Unbehagen bereitete, aber das er ebenso vermisst hatte wie die tausenden Cherubim, die in seinem Inneren aufbegehrten, je länger die Suche nach der kleinen Unebenheit im Boden andauerte. Konnte es sein, dass man die fragliche Stelle längst entdeckt und sein Geheimnis ergründet hatte?

Dass jemand gekommen war und sein gut gehüteter Schatz längst nicht mehr dort gefunden werden konnte, wo er einst verborgen wurde?

Sollte es wirklich so weit gekommen sein?

Und wenn dem so war - was würde ihn nun dort erwarten?

Ob das Pergament wohl nur entwendet und möglicherweise verbrannt worden war? Hatte man es ausgewechselt? Vielleicht sogar gegen eine Note der Inquisition, bestrichen mit einem langsam wirkenden, nicht nachzuweisenden Gift, die ihm in seinen letzten Lebensminuten eine lange Reihe von Verfehlungen vorhalten würde - so viele, dass die Zeit nicht reichte, sie alle zu lesen?

Möglicherweise fand sich in dem kleinen Hohlraum auch eine längst von Verwesung und Ungeziefer skelettierte Hand eines verurteilten subversiven Schriftgelehrten aus Sesareh, die drohend auf ihn wies und ihm schließlich mit einer komplizierten, äußerst tödlichen Apparatur das Leben nahm.

Oder gar ... eine gut verborgene, nur vom Gewicht des Steins gesicherte Handgranate, die im Moment, da er die Platte anhob, entsichert werden würde und explodierte?

Urplötzlich verbreiterte sich die enge Rille zwischen den Steinplatten, wuchs zu einer Einbuchtung, unter die man mit einem, bei Glück zwei, Fingern fassen konnte.

Da! Da war sie! Jene Stelle, nach der er so verzweifelt suchte. Eilig, ergriffen von Vorfreude, fasste er unter die gut vier Zentimeter dicke Platte und zog sie mit aller Kraft in die Höhe. Einfach war es nicht.

Tatsächlich schien es, als würde sich der leblose Stein dagegen wehren, auf derart dreiste Weise aus seiner Ruheposition gebracht zu werden. Natürlich war das sein gutes Recht. Immerhin lag er hier schon sehr lange und bisher hatte sich nie wirklich jemand für ihn interessiert – sah man einmal von den ein, zwei Begebenheiten ab, in denen man ihn aus seiner Bettung gehoben und diese ausgehöhlt hatte, nur um etwas dort zu platzieren und ihn wieder auf seinen angestammten Platz zu verbringen, auf ihm herum zu trampeln und dann einfach wegzugehen.

Also nein. Er war wirklich nicht einverstanden mit dem Vorhaben des Chronisten.

Und doch: Nach einigem Ringen gab der hartnäckige Bodenbelag nach und ließ sich, unter dem Reiben von Stein auf Stein, aufdrücken.

Da! Da war sie! Jene Stelle, nach der er so verzweifelt suchte.

Zu den Cherubim in seinem Körper gesellte sich eine Lebende Heilige. Wie sie da reingekommen war, das wusste der Chronist beileibe nicht, aber er hätte auch keine Zeit gehabt, länger darüber nachzudenken. Ihre Stimme vibrierte in seinen Kopf, ein regelrechter Oktavensturm an Gesang, der an Intensität zunahm und bisweilen Höhen erreichte, bei denen ihn das Gefühl beschlich, seine Augäpfel würden bald platzen.

Schließlich allerdings gab die volltönende Walküre seine Gedankenwelt wieder frei und gestattete es ihm, seine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was vor ihm lag. Sie ging derweil ein Lho-Stäbchen rauchen.

Eine mit Dreck beschmierte Schatulle aus Gold kam unter dem Stein zum Vorschein, verziert mit äußerst filigranen Ornamenten, auf deren Front der imperiale Doppelkopfadler abgebildet war. Seine Brust bildete ein Schlüsselloch, mit dem sich das Behältnis öffnen ließ.

Er seufzte. Sie war noch immer da, wo er sie zurückgelassen hatte.

Wortlos griff er nach dem Kästchen und zog es aus dem hastig gegrabenen Versteck.

Die Steinplatte fiel unter dem dumpfen Geräusch stark komprimierter Luft zurück in ihre ursprüngliche Position. Es klang beinahe wie ein erschöpftes Keuchen. Nicht, dass es dem Chronisten in diesem Moment noch imponiert oder gar Mitleid erregt hätte.

Nein. Als er sich erhob, war seine Welt bereits auf die Größe einer goldenen Schatulle geschrumpft, groß genug, damit darin eine Pergamentrolle ihren Platz fand.

Nachdenklich und erfüllt von einer Spur Unbehagen, trat der kapuzenverhüllte Mann an den staubigen Schreibtisch des Administraten und setzte das gerade geborgene Behältnis behutsam auf der Schreibfläche ab.

Eine aus seiner Umhängetasche mitgebrachte Box mit Schreibutensilien folgte nur einen Moment später.

Dann griff er in den Halsausschnitt seiner Robe und fischte dort nach einem lange getragenen, aber nie verwandten Objekt.

Es dauerte eine Weile, bis er endlich fündig wurde. Ein wuchtiger Schlüssel, getragen an einer schweren Kette, erschien in seiner Hand. Einen kurzen Moment hielt er inne und betrachtete das unförmige Werkzeug, dessen Reite an das obere Ende eines ekklesiarchischen Buntglasfensters erinnerte, bevor er den Schlüssel in das Loch im Herzen des Aquila führte. Ein kurzer Ruck im Schloss, dann erklang ein vertrautes Klicken. Der Verschluss rastete aus.

Dies war der Moment, den der Chronist zugleich herbeigesehnt und gefürchtet hatte.

Mit zitternden Fingern hob er den Deckel der Schatulle und hielt zeitgleich den Atem an.

Dort lag es, das alte Pergament. Ein langer, von blasser, gelblicher Haut getragener Text, über viele Jahre lang aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen und in eng gesetzten, mit sauberer Handschrift beschriebenen Linien wiedergegeben.

Vorsichtig langte der Chronist in die Schatulle und hob das Schriftstück langsam heraus. Dann rollte er es auf dem Tisch aus, eines der auf dem Tisch liegenden Bruchstücke der umstehenden Figuren als Beschwerung nutzend.

Ergriffen von einem Moment der Melancholie hielt er inne und begann stumm, die ersten Zeilen des Pergaments zu lesen. Ein großes Werk, fürwahr.

Zeit, dass es eine Fortsetzung erfuhr. Die Geschichte musste weitergehen.

Wortlos nahm er auf dem wackeligen Stuhl Platz, kramte in seiner Tasche und zog ein kleines Tintenfass sowie eine bereits zerfranste Schreibfeder daraus hervor.

Eilig schraubte der verhüllte Mann den gläsernen Deckel von dem Behältnis. Der Kiel der Feder versank in der dünnflüssigen Tinte, nur um einen Augenblick später aus ihr wieder aufzutauchen und sich zielstrebig dem Pergament zu nähern.

Für einen kurzen Augenblick hielt der Chronist inne, tief über das werdende Schriftstück gebeugt und ließ die Geschichte Revue passieren. Szenen zogen vor seinem geistigen Auge vorbei, Geschichten und Erlebnisse aus einer längst vergangenen Zeit.

Wo sollte er beginnen? Wo konnte er beginnen? Die Geschichte, die er zu erzählen versuchte, war im Grunde ein Zwischenspiel. Ein Ende und zugleich ein Anfang. Ein wahrlich schwieriger Platz im langen Strang der imperialen Zeitrechnung, ohne einen richtigen Bezug zu den großen Ereignissen. Irgendwo dort angesiedelt, wo man ihn nicht vermutete, noch sich seiner wirklich gewahr wurde.

Es gab einen Punkt, um den all die mit dieser Geschichte verknüpften Individuen und Taten rotierten. Ein Zentrum, an dem sie alle zu einer bestimmten Zeit aufeinandergeprallt und für einen kurzen Moment verschmolzen waren, bevor die Anziehungskraft ihrer Aufgaben und Verpflichtungen und die Fluchtgeschwindigkeit des menschlichen Lebens sie wieder auseinanderrissen.

Die spröden, trockenen Lippen des verhüllten Mannes teilten sich ein weiteres Mal, bevor der Federkiel auf das Pergament sank. »Colonel, mein Colonel.«

Ein neues Abenteuer begann.

 

 

 

 

Und yay! Nächsten Sonntag geht es weiter

 

bearbeitet von SisterMaryNapalm
Neues Kapitel

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Yay, die Geschichte geht weiter, ich bin wieder total im Bann!

 

Am 18.3.2018 um 22:32 schrieb SisterMaryNapalm:

subversiven Schriftgelehrten aus Sesareh

 

Wurden die nicht zusammen mit Samson dem Sadduzäischen Ochsen gesehen? ;D

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jaaa :-D Eine neue Ekkokalypse steht bevor!

 

vor 7 Stunden schrieb Avalus:

Wurden die nicht zusammen mit Samson dem Sadduzäischen Ochsen gesehen? ;D

 

Ich glaube, dass waren die Schriftgelehrten aus Caesarea. Die hier wüssten vermutlich nicht mal, was ein Ochse ist. Haha.

 

Man darf also gespannt sein, was noch kommt!

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Und auf geht’s! Teil 2. Das erste richtige Kapitel. Yay!

Ich muss hier noch mal sagen: Ich habe es ja ganz vergessen – aber natürlich wieder ganz großen Dank an Nakago, der natürlich als Fluffinator für dieses Schundwerk gewonnen werden konnte!

Danke, Thomas für die Redaktion und die Resignation.

Und damit viel Spaß beim Lesen!

 

01

Düsternis hatte sich in den Mauern der alten Zitadelle festgebissen wie ein Raubtier, bereit seiner Beute den Todesstoß zu versetzen.

Allerdings gab es nichts mehr, dem die Dunkelheit irgendeine Form von Tod hätte bringen können.

Der Ort war längst verlassen, so unendlich lange ohne Leben gewesen, dass selbst die ewigwährende Dunkelheit nicht hätte sagen können, wann zum letzten Mal irgendein Individuum das Gemäuer betreten hatte.

Stille wandelte durch die steinernen Gänge, hielt mal an dieser Statue, betrachtete dann jene Insignie, bevor sie ihren Weg fortsetzte, dem ewigen Kreislauf ihres inneren Chronometers folgend.

Schatten begleiteten sie, Fragmente jener Existenzen, die einst an diesem Ort gewandelt waren und denen es nie gelungen war, sich von ihrem Schicksal loszusagen.

Nach einer Weile schien es sogar, würde das leise Echo aller jemals an dem Ort geführten Gespräche aus den Tiefen der unteren Stockwerke emporsteigen, all der ausgetauschten Worte und Gedanken.

Längst, nachdem alle Menschen fort waren, hörte man ihre Stimmen innerhalb der Wände wiederhallen.

Schließlich allerdings verharrte die Stille überrascht und spitzte ihre wohlgeformten Ohren. In der Tat! Das klang nicht wirklich nach den geisterhaften Relikten der Vergangenheit. Nein. Diese Echos waren frisch und voller Energie. Schritte, Rascheln und Knirschen, leiser Atem und Stimmen. Ja – Stimmen.

Neugierig trat die Lautlosigkeit näher, nur um überrascht zurückzuweichen. Tatsächlich schien sie nun wirklich nicht mehr allein zu sein.

Seltsame humanoide Wesen, gehüllt in wein-farbene Kleidung und geschützt durch dunkle Körperpanzer hatten den Komplex für sich eingenommen. Glühend rote Augen strahlten durch die ewige Nacht der Tiefe.

Schwer bewaffnete Wachen verteilten sich in die verwaisten Gänge, suchten den Ort nach unliebsamen Überraschungen ab. Wer konnte schon wissen, welche Art von Tier an einem Ort sein Revier fand, nachdem der Geruch der zuvor dort beheimateten zweibeinigen Räuber durch den Zahn der Zeit von den Wänden genagt worden war?

Andere, noch seltsamere Kreaturen folgten den Gepanzerten. Eigenartige Wesen, halb menschlich, halb maschinell, mit Armen, die mehr an Zangen denn Hände erinnerten und aus ihren Körpern reichenden Fortsätzen, welche definitiv kein Teil eines natürlich gezeugten Wesens sein konnten.

Leise miteinander zischelnd schwärmten die Eindringlinge aus, besetzten die verlassene Bastion. Raum für Raum durchsuchten sie sie, die Strahlen starker Taschenlampen vor sich gerichtet wie Speere, mit denen sie die umgebenden Schatten durchbohren und zurückdrängen konnten.

Am liebsten hätte sich die Stille den Ankömmlingen in den Weg gestellt und sie für ihre Unverfrorenheit zur Rede gestellt, doch sie wurde ignoriert, zur Seite gestoßen und musste schließlich vor den aufbrandenden Wellen neuen Lebens fliehen. Das Letzte, was sie sah, war ein großes, von drei waagerechten Strichen durchzogenes I, dessen Zentrum ein Totenkopf darstellte.

Der Orden der Heiligen Inquisition zu Terra war gekommen, um nicht nur die Schatten, sondern auch den aufkeimenden Funken der Häresie aus den umliegenden Landen zu vertreiben.

Die Festung würde ihre Basis sein.

Zentrum ihrer Aktivitäten stellte der Kriegsraum dar, die Operationszentrale der Bastion, gelegen vier Ebenen unter der Erde. In diesem engen, von Holotischen und Arbeitsstationen beherrschten, sechseckigen Raum waren in der Vergangenheit viele Schlachten geleitet und durchaus auch gewonnen worden.

Mit der Zeit aber hatte sich immer mehr herauskristallisiert, dass die Bastion aufgrund ihrer Entfernungen zu den sich immer stärker ausbreitenden Städten und ihrer Größe nicht mehr als Hort des Schutzes und der planetaren Defensive zu gebrauchen war.

So erlosch das Interesse an dem Stützpunkt und er wurde aufgegeben.

Für seine neuen Besitzer bedeutete dieses Faktum einen regelrechten Glücksfall.

Immerhin konnten sie sich so ungestört in seinem Innern ausbreiten und ihren Aufgaben nachgehen, ohne dass man sie dabei beobachtete oder anderweitige Störungen auftraten.

Hier gab es nur sie.

Selbst die Stille würde es sich in einigen Tagen überlegen, ob sie nicht doch lieber das Feld räumte.

Niemand erwartete die Heilige Inquisition – und ihr Auftreten galt stets ein schlechtes Zeichen.

Das konnte der Anführerin der Inquisitionseinheit nur Recht sein.

Es wäre doch schade gewesen, wenn sie ihre wertvolle Zeit dafür hätte verwenden müssen, sich gegen allzu neugierige oder aufdringlich zuvorkommende Persönlichkeiten der Administration und des Militärs zur Wehr zu setzen, anstatt sich lediglich der ihr aufgetragenen Mission zu widmen.

Ihr schlanker Finger strich über den verstaubten Tisch der zentrale Holosphäre, hinterließ einen langgezogenen Abdruck auf dem kalten Material.

Angewidert wischte sie die an ihrer Hand klebenden Partikel an einem im Gürtel ihrer engen Uniform steckenden Tuch ab, dann seufzte sie leise.

Sie hatte jegliches ihr für Lösung des ihr aufgetragenen Falles notwendig erscheinende Personal und Equipment requiriert. Dennoch kam es ihr vor, als stünde sie vor einem gewaltigen Berg, den zu untertunneln sie beauftragt worden war – allein und mit einer Gartenschaufel, versteht sich.

Nein. Das war wirklich nicht die Art von Dienst, wie sie ihn sich gewünscht hatte. Diese nichtsnutzigen, allzu simplen Menschen, die diesen Planeten ihr Heim nannten. Treuloses, unehrliches Pack, das dem Imperator im Stillen trotzte. Es hieß, dass sie sich anderen Göttern zugewandt hatten. Wesen einer nicht-imperialen Gesinnung, die einen Keil zwischen das Imperium und seine Bewohner zu treiben versuchten.

Diese elenden Kreaturen. Sie würde sie lehren, was es hieß, dem Imperator zu dienen. Sie würde es ihnen zeigen. Sie erzittern lassen wie Espenlaub.

Die Inquisitorin ballte die Hand zur Faust, so fest, dass sich ihre Fingernägel ins Fleisch gruben, und fuhr dann herum.

Zwei Gardisten, schwer gepanzerte Elitekämpfer in starker Ceramitrüstung, blickten ihr aus den künstlichen Augen ihrer Helmvisiere entgegen. Starke, kräftige Männer mit jungen, unverbrauchten Körpern, die sehr genau wussten, wie man einer Herrin diente. Sie würde sich mit ihnen beschäftigen, sie geistig und körperlich testen und entscheiden, ob sie es wert waren, ihr weiterhin zu dienen. Wenn dem nicht so war, dann wäre ihr ihre Vernichtung keine Träne wert gewesen. Aber bis dahin blieb ihr noch ein wenig Zeit.

Erst einmal gab es Wichtigeres zu tun.

»Talov!«, rief sie aus, um dann, gleich einem Radargerät, auf den Rückimpuls des ausgesendeten Signals zu warten. Als dieser ausblieb, versuchte sie es ein weiteres Mal: »Talov

Wieder verging ein Moment, bis am anderen Ende des Raums eine Tür aufging.

Ein von hoch aufgetürmten Schriftrollen und alten Büchern verdecktes Individuum trat in den Raum, gleichsam bestrebt, zügig vorwärts zu kommen und die auf seinen Armen balancierten Aufzeichnungen nicht fallen zu lassen.

Bereits an dem unsicheren Schwanken seines Ganges und der instabil knirschenden Bibliothek in seinen Händen war zu erkennen, dass seinem Vorhaben wenig Erfolg beschieden sein würde.

»Hier bin ich, Herrin«, keuchte er der nach ihr verlangenden Frau entgegen. »Verzeiht, dass ich so spät bin – ich musste Eure Unterlagen zusammensammeln.«

Schwankend und mit dem Gewicht kämpfend, das ihn in die Knie zu drücken versuchte, arbeitete sich der Akolyth durch das Halbdunkel der Kommandozentrale, mehr nach dem Weg tastend denn wirklich sehend, wo er hinlaufen wollte.

Mehr als nur ein Mal schien es, als würde er im nächsten Augenblick stolpern und nur der schützenden Hand des Imperators schien es zu verdanken zu sein, dass es ihm dennoch gelang, seine Balance zu halten.

Als er schließlich seine Herrin erreichte – welche ihn bereits ungeduldig erwartete – hob der Adept die auf seinen Armen befindlichen Werke ein letztes Mal, bevor er sie mit Schwung auf den Holotisch ablud. »Hier sind sie«, stellte er fest, bevor das durchdringende Dröhnen der auf die glatte Fläche knallenden Grimoire sämtliche Geräusche verschluckte.

Es mag bezweifelt werden, dass Talov tatsächlich geplant hatte, den säuberlich gestapelten Turm zum Einsturz zu bringen, aber seine letzte, von schwindender Kraft und steigender Hoffnung auf ein baldiges Ende der aktuellen Aufgabe beeinflusste Handlung führte genau zu diesem Ergebnis.

Unter einer Vielzahl von Geräuschen, einem Stakkato aus Scheppern, Krachen und Reißen, verteilten sich wild lärmende und polternde Rollen, Grimoire und Aufzeichnungen frei jeglichen Anstands über die hololithische Fläche, sprengten auseinander wie ein in Zersetzung befindlicher Infanterietrupp der Imperialen Armee.

Eine Explosion aus Staub breitete sich um den Einschlagsort der seltsamen Fremdkörper aus. Dichte Schwaden kleinster Partikel, die, zu Tode erschrocken, vom Tisch aufstoben und ihr Heil in wilder Flucht suchten.

Der daneben stehenden Frau blieb indes gar nichts anderes übrig als in einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Erstaunen zu verfolgen, wie die dunkel berobte Gestalt hilflos versuchte, die vollkommen außer Kontrolle geratene Bibliothek wieder einzufangen und dabei mehr hilflos denn erfolgreich gestikulierte, während die umgebenden Schriftrollen ihren Weg davon unberührt fortsetzten und sich wie bei einem Versteckspiel im Raum verteilten. Eine rollte sogar gegen ihren Stiefel, nur um erstaunt zurückzuweichen und gleich einem Beutetier in schierer Furcht zu verharren.

Dann setzte Stille ein, unterbrochen nur vom Stöhnen des verzweifelten Adepten und dem fast unhörbaren Rieseln des Staubs, der in den sündhaft teuren Stiefeln der hohen Herrin eine neue Bleibe zu sehen schien.

Es dauerte ein wenig, bevor ein anderes Geräusch einsetzte, metallen zischend und mit einer Spur von Schadenfreude durchsetzt.

Ein Kichern aus der Richtung der Gardisten zeigte an, dass sie auf ähnliche Weise mit der eigenen Contenance zu kämpfen hatten wie Leute, denen gegenüber man erwähnte, dass man einen guten Freund auf Terra habe, einen Magistraten namens Biggus Dickus.

Der Inquisitorin indes war gar nicht zum Lachen. Wortlos drehte sie sich zu den beiden Elitesoldaten um, doch als ihr Blick über das Antlitz der beiden Männer strich, begegneten ihr lediglich die eisernen Masken der gepanzerten Helme.

Eine Zeitlang maß sich die Willenskraft der Frau mit den von glühendem Blau verdeckten Augen ihrer Untergebenen. Fast schien es, als würde die Absurdität der Situation einen Funken Häresie in ihrem absolut loyalen, humorlosen Wesen entzündet haben.

Doch so schnell dieser Funke auch gekommen sein mochte, so schnell erlosch er. Ein leichtes, fast unmerkliches Neigen des Kopfes zeigte an, dass die beiden Kämpfer sich der Überlegenheit ihrer Herrin allzu bewusst waren.

Dennoch: einen weiteren Moment – vielleicht auch zwei – fuhr die vom Thron ernannte Untersuchungsrichterin damit fort, die Männer niederzuzwingen, sie unter der Last ihrer missbilligenden Erscheinung leiden zu lassen.

Als sichergestellt war, dass sie ihren Platz im Gefüge des imperialen Apparats wirklich verstanden hatten, wandte sich die Inquisitorin ab.

Mit einem kurzen, eleganten Schritt überbrückte die Inquisitorin die Entfernung bis zu der ihr nächsten Rolle, beugte sich nieder und nahm sie in die Hand.

»Du Vollidiot!«, herrschte sie hilflosen Schergen an und schlug ihm mit dem Schriftstück auf den unter einen dunklen Kapuze befindlichen Schädel. »Die sind wertvoll!« Sie meinte nicht die Schriftrollen.

Sofort rappelte sich der angesprochene (und angeschlagene) Adept auf, schaffte es aber nur schwerlich, eine annähernd als gerade zu bezeichnende Haltung einzunehmen.

Glücklicherweise verlangte das seine Herrin auch gar nicht. »Knie nieder!«, befahl sie ihm stattdessen.

Der mitgenommene Adept sah erschrocken zu der hochgewachsenen Frau auf. »Aber, Herrin!«, brachte er angsterfüllt hervor. »Ich…«

»Schweig still und auf den Boden mit dir, du unwürdiges Wiesel!«, präzisierte sie, mit dem strafenden Finger drohend Richtung der abgenutzten Fliesen zeigend. Harter Stahl sprach aus ihren Augen, das seelische Äquivalent eines auf den jungen Mann gerichteten Bolters.

Sie würde keinen Widerspruch dulden.

»Ja, Herrin«, schluckte er, dann ließ er sich auf seine berobten Knie sinken, den Kopf in Demut abgewandt.

»Du weißt, was du zu tun hast.«

»Ja, Herrin«, wiederholte er und kroch zu ihr wie ein geprügelter Hund, der seinen Besitzer mit flehentlichem Verhalten um Verzeihung für einen geschehenen Fehler bitten wollte.

Und wie jener Hund, jenes wertlose Tier, das die Inquisitorin in ihm sah, wollte er seine Loyalität mit dem Einzigen bezeugen, was seine Zuneigung und Unterwürfigkeit demonstrieren würde.

Gehorsam hob er den Arm und begann damit, ihre in schwarzen Panzerstilettos steckenden, mit engmaschigen Netzstrümpfen bedeckten Füße mit dem Ärmel der Robe – seines wichtigsten Besitzes – zu putzen. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Sie ließ es zu, gewährte ihm die seltene Gnade, mehr von ihr zu spüren als die tadelnde Hand, mit der sie normalerweise seine Wangen bearbeitete. Außerdem erregte sie das Gefühl, wenn jemand auf diese Weise ihre Gunst zu gewinnen versuchte.

Die Tür am anderen Ende des Raums öffnete sich erneut. Dieses Mal entließ die Öffnung drei deutlich imposantere und elegantere Gestalten in den Raum: eine in reiche Gewänder gekleidete Frau, einen düster dreinblickenden Priester des Ministorums und einen schwer gepanzerten Elitegardisten.

Ohne ein Wort zu verlieren, wies die hochgewachsene Inquisitorin auf den Offizier in Plattenrüstung, wohl ignorierend, dass alle drei das seltsame Bild des kniend dienenden Adepten betrachteten.

Der Soldat nahm Haltung an. »Herrin, ich melde: Die Bastion ist weitestgehend durchsucht. Wie vermutet konnten keine Feindkräfte ausgemacht werden. Spähtrupps waren ebenfalls nicht in der Lage, außerhalb des Gemäuers irgendeine Form von Leben zu identifizieren. Dieser Ort ist verlassen und unbelebt.«

»Sehr gut«, erwiderte die Inquisitorin streng. »Sorgen Sie dafür, dass das so bleibt.«

»Wie Ihr wünscht, Mylady«, verneigte sich der Gardist, dann machte er auf dem Hacken kehrt und verließ den Raum.

Die reich gekleidete Frau und der finstere Priester indes traten vor das Antlitz der mächtigen Untersuchungsrichterin.

»Was hast du herausgefunden?«, fragte sie in Richtung des weiblichen Ankömmlings, während die von zitternder Angst durchsetzten Berührungen Talovs durch ihre Haut vibrierten und fröhlich in Richtung ihrer erogenen Zonen tanzten.

Evi Biasz, ihres Zeichens Interrogatorin und trotz ihres relativ jungen und unschuldigen Aussehens als effektive und bisweilen grausame Handlangerin bekannt, erhob ihre kräftige, von tiefster Hingabe durchsetzte Stimme.

»In der Tat scheint hier etwas seltsames vorzugehen«, berichtete sie nachdenklich. »Es gibt Meldungen, dass die auf diesem Planeten eingesetzten Truppen der Arbites und der Planetaren Verteidigungsstreitkräfte eine überraschend geringe Dienstbarkeit aufzuweisen haben, was nicht nur die allgemeine Sicherheit des Planeten schwächt, sondern auch den Kräften der örtlichen Triaden einen deutlich größeren Bewegungsspielraum ermöglicht.«

»Das heißt also, an den Gerüchten könnte etwas dran sein?«

»Ja, Herrin«, bestätigte die Angesprochene.

»Aber – das verstehe ich nicht«, überlegte die Inquisitorin, den Blick auf den erkalteten Holotisch gerichtet und spreizte die Beine ein wenig weiter. »Was glauben sie damit zu erreichen?«

Nun war es der Priester, der mit einer Stimme zu sprechen begann, die klang, als habe man ihm den Kehlkopf in Zwei geschlagen: »Vielleicht interessiert es Euch zu erfahren, dass vor kurzem sogar eine Einheit der Imperialen Armee auf dieser Welt eingetroffen ist.«

»Na und?«, antwortete die Inquisitorin ungehalten. »Dies ist ein Stützpunkt der Imperialen Armee, ein Zentrum der Auffrischung und Neuausstattung. Natürlich wird die eine oder andere Armee der imperialen Streitkräfte früher oder später an diesem Ort auftauchen.«

»Aber die Armee besteht vollständig aus Bastetern.«

»Du musst dich irren!«, rief sie aus. »Dass eine im Imperium eingesetzte Armee jemals wieder ihre Heimatwelt betritt, ist so verschwindend gering, dass es schon einer Segnung des Imperators gleichkommen müsste oder …« Sie verstummte. Eine Weile lang war nur das schmatzende Keuchen des ihr dienenden Adepten zu hören, dann schließlich raunte sie: »Ich verstehe.«

Biasz verschränkte die Arme unter ihrem prächtigen Dekolleté. »Was sollen wir tun, Mylady?«

»Gibt es irgendwelche Informationen über die eingetroffene Armee?«, wollte die Inquisitorin wissen.

»Überreste eines leichten, motorisierten Regiments«, erklärte der Ministorums-Priester. »512. Regiment Serareh.«

»Die Einheit kämpfte als Teil einer Entsatz-Streitmacht auf der Schreinwelt Agos Virgil«, fügte die Interrogatorin an. »Insgesamt fünf Regimenter unter dem Kommando des Generals Iglianus. Sämtliche Truppen wurden vernichtet – bis auf dieses eine Regiment. Tatsächlich gelang es ihnen, die angreifende Orkhorde über mehrere Tage hinweg aufzuhalten und schließlich so sehr zu dezimieren, dass die nachrückenden Verbände der Imperialen Armee keinerlei Schwierigkeiten mehr hatten, Agos Virgil zurückzugewinnen.«

»Das klingt für mich mehr nach einer Imperator-gewollten Heldentat denn einer Häresie.«

»Es mag sein«, stimmte der Priester der Inquisitorin zu, bevor er einschränkend fortfuhr: »Dabei ist uns allerdings eine Sache aufgefallen.«

»Der Kommandeur ist kein unbeschriebenes Blatt«, erzählte die an seiner Seite stehende Untergebene weiter. »Bereits auf Bastet geriet er mehrfach mit der Ekklesiarchie und imperialen Behörden in Konflikt. In jungen Jahren gelang ihm zusammen mit einem anderen Jungen die Flucht aus einer Schola. Der andere Junge wurde gefunden und entsprechend bestraft, doch ihn fand man nicht. Später trat er ungestraft der PVS bei und nahm an einer Reihe militärischer Operationen in den Gebirgen Bastets Teil. Seine Einheit wurde vollständig vernichtet. Er überlebte.«

»Es heißt, er war sogar mit einer flüchtigen Sororita verheiratet«, übernahm der Ekklesiarch erneut. »Er soll wie verhext von ihr gewesen sein und rastete vollkommen aus, als ihr Konvent Schwestern schickte, sie wieder zurückzubringen. Danach schloss er sich der Imperialen Armee an und stieg unglaublich schnell die Rangleiter empor, obwohl er eine fatalistische Grundeinstellung haben soll.«

Diese Information ließ die Inquisitorin aufhorchen. »Wie kommt es, dass dieser Mann noch lebt?«, verlangte sie zu wissen.

Biasz zuckte die schlanken Schultern. »Es ist mir ein Rätsel. Aber es kann kein Zufall sein. Seine Rückkehr nach Bastet muss eine Bedeutung haben.«

»Eine Bedeutung …«, sinnierte die imperiale Untersuchungsrichterin, während sich die Aufmerksamkeit ihrer Schergen auf den am Boden kauernden Adepten richtete, der noch immer mit der Schuhpflege seiner Herrin beschäftigt war. »Wie heißt der Mann?«

Die Interrogatorin, vom Anblick des verzweifelten Adepten abgelenkt, sah verwirrt auf. »Was? Wer?«

Ungeduld entlud sich in den Raum wie das warnende Zucken einer Peitsche, bevor diese auf einen unwilligen Geist niederging. »Dieser Regimentskommandeur.«

Die darauf folgende Antwort klang glich sich dementsprechend demütig an. »Galardin Alberic Ekko.«

Die Inquisitorin nickte. »Es scheint, als müsste ich mir diesen Colonel Ekko einmal genauer ansehen«, stellte sie fest. In Anbetracht der vor ihr liegenden Untersuchung ein Vorhaben, das sie nicht zu lange aufschieben sollte.

Immerhin konnte der imperiale Offizier eine große Unterstützung für sie bedeuten – oder eine ernste Bedrohung. Je nachdem, wie viel von den über ihn kursierenden Gerüchten stimmte.

Biasz neigte verstehend den Kopf. »Wünscht ihr weitere Informationen, Herrin?«

»Nein. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Finde heraus, wo er sich aufhält und dann widme dich wieder deinen Pflichten.«

Die Interrogatorin senkte demütig den Kopf, dann wandte sie sich zum Gehen. Der Priester folgte ihr.

Wenig später waren die Inquisitorin und ihr kniend dienender Akolyth – abgesehen von den beiden Gardisten – wieder allein in der Kommandozentrale und die gutaussehende Frau stellte fest, dass sie nun vor einem Problem stand.

Dieses beinhaltete nicht nur die Tatsache, dass sich in ihrem Umfeld offensichtlich etwas zusammenbraute, dessen sie sich bald anzunehmen hatte – sondern vor allem, dass sich in ihrem Innern etwas zusammenbraute, dessen sie sich jetzt anzunehmen hatte.

Hauptsächlich lag das an den heißkalten Wellen sadistischer Lust, welche in den Raum emittierte Furcht ihres Untergebenen durch den Körper jagte. Oh ja! Sie liebte es, wenn ihr Männer dienten.

Der Imperator würde verstehen, dass sie in ihrem aktuellen Zustand keinerlei klaren Gedanken fassen konnte und erst einmal die sich aufstauende Energie würde entladen müssen.

Dafür allerdings war Talvor der falsche Ansprechpartner.

»Uhhh«, erschauderte sie vor Lust, rammte ihm den gepanzerten Stilletto in die Seite und schob ihn von sich fort. »Das reicht.« Ihr Stimme verhärtete sich erneut: »Und nun bringt in Ordnung, was du angerichtet hast. Wir werden uns später weiter unterhalten!«

Dann wandte sie sich ab, den gleichermaßen erleichterten und enttäuschten Akolythen zurücklassend und trat vor die beiden gut gebauten Gardisten. Ohne lang zu zögern – alle Informationen, die sie benötigte, sprangen umgehend in ihrem Kopf – adressierte sie den rechten: »Dich brauche ich jetzt!«

»Wie ihr wünscht, Herrin«, erwiderte er mit betont neutraler Stimme und schlug dienstbeflissen die Hacken zusammen. Der kleine Funken Aufregung in seiner Stimme entging ihr allerdings nicht. Er war halt auch nur ein Mann.

Sie lächelte. »Du, Schätzchen, hältst Wache«, befahl sie dem anderen Gardisten.

»Zu Befehl.« Dass er seinem Kameraden stumm zu seinem Glück gratulierte, registrierte die Inquisitorin nur kurz, denn es war nicht weiter wichtig. Auch dieser Gardist würde ihr irgendwann zu Diensten sein.

Ein letzter Blick auf ihren Adept folgte, dann führte die Inquisitorin den ihr verpflichteten Infanteristen aus dem Raum.

Der verbliebene Inquisitionssoldat hingegen nahm seinen Wachposten wieder ein und verfolgte, wie Adept Talvor auf ungeschickt umständliche Weise versuchte, die verstreuten Schriftrollen aufzusammeln.

Allerdings kam er sich nicht so vor, als wenn er wirklich allein gewesen wäre.

 

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Und weiter geht’s!
 
Es ist schon echt abgefahren, wie viele Leute Stargazer oder Colonel Ekko lesen und nur aufgrund dessen wieder einsteigen.
 
Insgesamt sind nun 2 Wochen seit Start der neuen Geschichte vergangen und auf den drei Plattformen wo ich sie veröffentliche insgesamt fast 1000 Zugriffe zu verzeichnen.
Und dabei sind die Story-Sektoren dort gar nicht so gut besucht.
 
Ich bin erstaunt und erfreut zugleich.
Zeit weiterzumachen:

 

 

02

 
Grelles Sonnenlicht flutete über die fruchtlosen Ebenen von Bastet III hinweg, bemalte die nahtlos ineinander übergehenden Steppen und Wüsten, die gut zwei Drittel der bewohnbaren Landfläche unter sich begruben, mit harten Akzenten und schweren Schatten.
Das Licht tanzte über große Gebirge hinweg und suchte sich seinen Weg durch tiefe Schluchten, die ebenso wie die Wüsten und Steppen das Ergebnis einer äußerst aktiven tektonischen Phase in der Vergangenheit des Planeten waren.
Schließlich erreichte und übersprang es die mächtigen Flüsse Freon und Maat sowie deren Schwemmgebiete, wo sich das Leben von mehr als der Hälfte der menschlichen Bevölkerung Bastets niedergelassen hatte, brandete gegen die hoch in den Himmel strebenden Makrotürme der wenigen Städte und reflektierte aus tausenden Fenstern, so als würden die Menschen der Sonne einen Teil ihrer Energie zurückgeben wollen.
Ein Dichter hatte vor langer Zeit geschrieben dass, wenn das Licht die menschlichen Siedlungen in der lebensfeindlichen Natur der Region traf, es war, als würde das Herz des Imperiums zu funkeln beginnen.
Und damit hatte er Recht.
Den Bastetern ging es gut. Das Leben schenkte ihnen nicht viel, und sie mochten nicht besonders wohlhabend sein, aber sie waren glücklich – zumindest zum größten Teil.
Denn auch auf Bastet gab es Menschen mit gebrochenen Herzen, verrottenden Idealen und zerstreuten Träumen.
Wie überall, wo Menschen leben, streckten sich die Fühler des Unglücks, ähnlich wie das Sonnenlicht, weit über die Ebenen, berührten einmal hier ein Opfer, dann wieder dort. Hätte man einen Querschnitt durch die Bevölkerung gezogen, dann wäre man mit dem alltäglichen Schmerz des Lebens konfrontiert worden, verteilt auf zahllose Basteter in hunderten Siedlungen. Dass all diese Individuen die gleichen Sorgen, Nöte und Ängste teilten oder gar voneinander wussten, ist recht unwahrscheinlich.
Veränderte man allerdings die Statistik ein wenig und fügte ihr weitere Konstanten hinzu, dann verschob sich das Ergebnis um ein Deutliches und zeigte schließlich auf einen Namen: Serareh.
Serareh, das war eine der großen Makrostädte an den Ufern der Maat, neben Selukreh, dem imperialen Regierungszentrum Bastets, eine der Juwelen der bastetischen Baukunst. Mächtige Wohntürme, zum Schutz vor zu viel Sonneneinstrahlung in einem leicht abgenutzten Weiß gehalten, prägten das Erscheinungsbild der Stadt. Wie die Pfeifen einer gewaltigen Orgel sammelten sie sich um die zentrale Spindel, die Machtspindel Serarehs, von wo aus die Geschicke der Stadt geleitet wurden.
Im Osten erhoben sich periodisch bewässerte Wohngärten, gebettet in saftiges Grün und von luxuriöser Schönheit, im Westen bestimmten die zur Maat hin gelegenen See- und Flughäfen das Bild der Stadt. Den Süden kontrollierten schwere Industrieanlagen, welche den Handelssektor Bastets im Bereich des planetaren und interplanetaren Exports bedienten.
Im Norden schließlich lag der eigentliche Grund dafür, dass Serareh die wohl unglücklichste Stadt des Planeten war.
Höchstwahrscheinlich war sich die Stadt in diesem Punkt keinerlei Schuld bewusst. Sie konnte im Grunde auch nichts dafür.
Aber Sera, wie die Miniatur-Makropole in bester Tradition mit den Sitten und Gebräuchen Bastets liebevoll genannt wurde, war nun einmal zur Festungsstadt ernannt, mit gewaltigen Verteidigungsanlagen bewehrt und einer überwältigenden Militärpräsenz versehen worden. Hier bildete man die Bataillone und Regimenter der PVS, der Planetaren Verteidigungsstreitkräfte, aus, versorgte durchreisende Armeen und hob Armeeanteile für die mächtige Streitmacht des Imperiums aus.
Böse Gerüchte besagten sogar dass, wer einmal nach Sera befohlen wurde, nie wieder nach Hause zurückkehrte. Es war jene Art von Gemunkel, das man nur hinter vorgehaltener Hand austauschte und das im Beisein weniger vertrauenswürdiger Personen schnell zu einem Märchen aus dem Reich der Legenden erklärt wurde. Das wiederum geschah im vollsten mathematischen Bewusstsein, dass Minus und Minus Plus ergab, was nur bedeuten konnte, dass ein gewisser Wahrheitsgehalt in den Worten stecken musste. Verschwörungstheorien eben.
Für Haestian Carrick besaß derlei Geschwätz keine Bedeutung.
Er hätte sich darum nicht gesorgt, wenn es lediglich eine Diffamierung der militärgeschichtlichen Bedeutung Seras als Heerlager gewesen wäre, und es übte auf ihn auch keinen Einfluss aus, dass es eben nicht so war.
Immerhin stellte er das beste Beispiel für die Unwahrheit der Worte dar: Er war zurückgekehrt. Und das sogar in einem mehr oder weniger geistig stabilen Zustand.
Zweifelsohne hatten die vergangen Jahre einen hohen Tribut von ihm gefordert, sowohl in physiologischer wie auch psychologischer Hinsicht. Er hatte Dinge gesehen, die ihm die Menschen niemals glauben würden. Gigantische Makropolen in Flammen, so glühend weiß, als stammten sie direkt aus dem Innern des Tors von Cadia. Er hatte Laserstrahlen gesehen, glitzernd in der Dunkelheit ewiger Nacht und Legionen von Soldaten, rückstandslos verbrannt im Zeitraum eines Wimpernschlags.
Innerhalb von zwei Jahren hatte er mehr Leid gesehen und erlebt als so manch anderer in seinem ganzen Leben.
Zwei Jahre. Es kam ihm vor, als wären es zwanzig gewesen. Zwanzig Jahre des Alterns und Verfalls, in denen sich sein Befinden in zweierlei Hinsicht destabilisiert hatte: Die schweren Verluste seines Regiments in der Schlacht von Agos Virgil hatten gezeigt, dass selbst die beste Ausrüstung und motivierteste Streitmacht dem puren Wahnsinn des Universums unterlegen war. Daran mochte selbst die Tatsache nichts ändern, dass die unglücklich Verschiedenen nach ihrem grausamen und meist unnützen Tod in die heiligen Gefilde des Imperators aufstiegen, um dort vermutlich ebenfalls zu sterben, wiedergeboren zu werden und sich der ganze Prozess wiederholte.
Zum anderen war sein Glaube in die Richtigkeit seines Tuns und die Befehlshierarchie des Militärs tief zerschunden worden. Fast wie Holz, das man ganz allmählich mit Hilfe einer groben Feile abschabte, bis es von nicht mehr als einem letzten Faden Hoffnung zusammengehalten und der Gefahr ausgesetzt wurde, beim nächsten falschen Atemzug abzuknicken.
Und die Menschen um ihn herum schienen alle sehr grobe Feilen zu besitzen. Allen voran sein Vorgesetzter, Colonel Galardin Alberic Ekko, dessen selbstzentrierter Wahnsinn ein starker, wenn auch nicht gesamtgültiger Faktor zur Vernichtung ihres Regiments gewesen war – oder dessen Rettung (je nachdem, wie man es betrachten wollte).
Ein ums andere Mal hatte Carrick geglaubt, die Gedanken und Vorhaben des Colonels antizipieren zu können, nur um dann wieder eines Besseren belehrt zu werden. Inzwischen wusste er bereits nicht mehr, was er noch annehmen durfte und was ihn womöglich seinen letzten Funken Geisteskraft kosten würde.
Und dann, ganz plötzlich, war die Zeit des Tötens und Sterbens vorbei. Einfach so. Wie bei einer Tafel, deren emaillierte Oberfläche man mit Hilfe eines nassen Schwamms abwischte.
Leider war der menschliche Geist keine Tafel, die lediglich mit einer imaginären Art von Kreide beschrieben wurde.
Einmal eingebrannte Erinnerungen vergingen nicht mehr.
Dinge rückten einfach in weite Ferne, wurden abstrakt und entschieden sich schließlich zur Abkehr von der Person, deren Leben sie zuvor noch beherrscht hatten. Doch sobald eine Situation auftrat, die in den Fußstapfen jener Geschehnisse aus der Vergangenheit wanderte, erwachte der bereits erloschen geglaubte Vulkan der Empfindungen und Erfahrungen aus seinem Schlaf, brach mit urgewaltiger Kraft aus und verbrannte die Seele mit heißer Lava aus vergangen geglaubtem Schmerz.
Vermutlich war das einer der Gründe für das Älterwerden.
Haestian Carrick hatte sich nie für einen schwachen Menschen gehalten, doch selbst er empfand, wie ihn geistige und körperliche Stärke allmählich verließen, ihm entwichen wie Luft aus einem mit hunderten Nadeln traktierten Gummischlauch.
Wenn es ihm nicht bald gelang, sein früheres Wesen und sein Verständnis der Welt zu gipsen und mit einem neuen Anstrich zu versehen, dann würde er vermutlich eine ähnlich baufällige Ruine werden wie sein Vorgesetzter Galardin Ekko.
Nachdenklich sah Carrick auf. In der letzten Viertelstunde, die er seit dem Verlassen der Flußbahnstation Serah-Yuron mit Wandern verbracht hatte, war er einem bereits recht uneben wirkenden Sandweg gefolgt, der sich entlang des Freon schlängelte wie in dem Versuch, es dem mächtigen Lebensstrom gleichzutun und ihm das Geschäft als Versorger der Bevölkerung streitig zu machen.
Zumindest als Schleichweg hatte er damit erstaunlichen Erfolg – wie sich an dem ausgetretenen Pfad erkennen ließ.
Wälder aus hoch aufwachsendem Bambus, das Ergebnis von Samen, die während einer längst vergangenen Hochwasserperiode an diesen Ort gespült worden waren, flankierten die Marschroute des in Gedanken Versunkenen, spendeten seinem Körper und Geist dringend benötigten Schatten.
Eine Weile lang folgte Carrick der sandigen Bahn, die sich anschickte, seine Schritte abermals Richtung Vergangenheit zu lenken, bis diese schließlich – analog zum deutlichen größeren Strom des Freons, welcher wohl auch irgendwann in ein Meer aufging – in eine am Fluss liegende Siedlung mündete.
Der Weg schien sich einfach aufzulösen, übergab die auf ihm wandelnde Person an einen ebenso sandigen, wenn auch deutlich besser gepflegten Platz, der wohl seinerseits nicht ganz entschlossen zu sein schien, ob er nicht doch eher eine Straße darstellte.
Ein- und mehrstöckige Bauten in ausgeblichenen Farben, welche vornehmlich im weißen oder ockerfarbenen Spektrum angesiedelt gewesen zu sein schienen, standen beiderseits der ausladenden Fläche wie Soldaten, die sich versammelt hatten, um zur Rückkehr des imperialen Majors Haestian Carrick nach Bastet eine Ehrenwache zu stellen.
Einige der Gebäude liefen in größere Komplexe aus, die Villen deutlich besser situierter Personen, die dann und wann entschieden hatten, den von ihnen erworbenen Luxus mit einer Mauer einzuzäunen – oder die auf ihrem Grund lebenden Mitglieder der eigenen Familie.
Das Haus, nach dem Carrick Ausschau hielt, gehörte zu jenen auf diese Weise abgesicherten Bauten, auch wenn der Grund dafür nicht in der Tatsache begründet lag, dass man jemanden einsperren oder aussperren wollte.
Nein. Viel eher betrachteten die Bewohner den Besitz einer Mauer als Hinweis darauf, dass sie den etwas gehobenen Kreisen angehörten und es sich einfach leisten konnten, eine Mauer zu errichten. Sie war stark, sie war auffällig und, wenn man sie mit Kletterpflanzen bestückte, bisweilen sogar recht hübsch anzusehen.
Und tatsächlich benötigte er nicht lange, um den steinernen Wall zu finden, welcher den Mikrokosmos der bescheidenen Villa vom Rest der Welt abtrennte.
Obwohl ein zufälliger Betrachter es wohl anders interpretiert hätte, lag es nicht an der gut zwei Meter hoch aufragenden Begrenzung, dass ihm sein Ziel sofort ins Auge fiel. Es war viel mehr der Umstand, dass er vor nur wenigen Jahren an diesem Ort ein- und ausgegangen war.
Das große, aus Palmenholz gefertigte Tor im mit Säulen verzierten Haupteingang der Ummauerung stellte für den Mann kein Hindernis dar, und dass ihn dahinter kein Hauswächter oder Grundstücksverwalter erwartete, erleichterte sein Eintreten ungemein.
Andernfalls wäre er wohl mit Steinstatuen, Gartenscheren oder ähnlich gefährlichen Gegenständen beworfen worden. Es gab Basteter, die ihre Privatsphäre höher schätzten als das leibliche Wohl eventueller Besucher.
Das Gelände jenseits der Mauer war ein mit steinernen Platten versehener Hof, welcher sich in Form zweier rechtwinklig zueinander liegender Rechtecke zwischen dem Wall und dem eigentlichen Haus entspann. Eine Reihe von Palmen wuchs nahe einem kleinen Schwimmbecken aus dem Boden, schmiegte sich so eng an das Gebäude, dass es einem vorkommen wollte, als lehnten sie kraftlos daran.
Bereits teilweise verdorrte Büsche säumten das Gelände, verliehen dem Außenbereich eine ungepflegte Note.
Daran änderte auch das in abgenutztem Weiß gehaltene Bauwerk nichts, das sich bemühte, zumindest dem Zentrum des Grundstücks eine etwas erhabenere Note zu verleihen.
Es wäre ohnehin vergebene Liebesmüh gewesen.
Melancholie triefte an den Seitenwänden des zweistöckigen Gebäudes herab wie die Schlieren einer durchregneten Nacht, zeichnete den Niedergang einer stolzen bastetischen Familie so treffend nach, wie es keinem Gedicht, keinem Nachruf und keiner Geschichte je gelungen wäre.
Erschreckend und erstaunlich zu gleich. Carrick konnte sich gut an die Zeit erinnern, als dieses Grundstück zu den wohl schönsten und begehrenswertesten auf ganz Bastet gehört hätte.
Nun allerdings schien es vom Imperator verlassen worden zu sein. Anders ließ sich der Anblick der heruntergekommenen Immobilie kaum erklären.
Der Major durchschritt den Vorhof und trat an die Tür des Hauses, ein doppelflügeliges, mannhohes Eingangstor, ähnlich dem reich verzierten Zutritt zum Hof.
Ein zweiköpfiger Aquila bewachte den Eingang, einen als Türklopfer dienenden Totenschädel in den Klauen, beäugte den Ankömmling misstrauisch. Fast wollte es so vorkommen, als wenn er das Einzige war, was dieses Haus und seine Bewohner noch vor dem grausamen Universum um sie herum zu schützen vermochte.
Carrick hob den Arm … und zögerte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, dass er zum letzten Mal an der Tür geklopft hatte. In der Zwischenzeit war viel geschehen. Er hatte sich geändert, und wenn man den Zustand des Hauses bedachte, dann hatte auch es sich signifikant geändert. Es stand also zu vermuten, dass selbst seine Bewohner nicht mehr dieselben waren, die er vor vier Jahren zum letzten Mal gesehen hatte, als er in den nie endenden Krieg um das Imperium gezogen war.
Würden sie ihn wiedererkennen? Viel wichtiger aber: würde er sie wiedererkennen? Er atmete tief durch, schluckte seine Unsicherheit herunter und betätigte den Türklopfer.
Der Totenkopf schwang mit erstaunlicher Leichtigkeit umher, wobei ihn lediglich das Vorhandensein der hölzernen Tür auf seinem Weg bremste. Hartes, dumpfes Pochen erklang.
Hätte der Schädel seine Gefühle in einer Lautäußerung bekannt geben können, sie hätte wohl »Au« gelautet.
Eine Weile lang geschah rein gar nichts. Der Major dachte bereits, das Haus sei verlassen und fragte sich, was wohl geschehen sein mochte, da erklangen leise, kraftlos schlurfende Schritte jenseits der hölzernen Tores.
Kurz darauf ließ sich das scharfe, metallene Kratzen der Türverriegelung vernehmen. Einer der Türflügel geriet knirschend in Bewegung, wich vor dem Rang des Ankömmlings regelrecht zurück.
Eine müde aussehende, blonde Frau in dunklen Kleidern floss mehr durch den Türspalt, als dass sie durch ihn hindurchtrat.
Den Kopf wie in höchster Demut vor dem Imperator gesenkt und von einer unsichtbaren Last auf ihren Schultern in die Knie gezwungen, erweckte sie den Eindruck einer alten, gebrochenen Jungfer.
Es kostete den Major das Überraschungsmoment seines Auftretens, bis er verstand, dass die Person vor ihm noch nicht einmal das Erwachsenenalter erreicht hatte. Der Schock der Erkenntnis fuhr ihm in die Glieder, ergriff von seinem Denken Besitz und stellte ihm die entsetzliche Frage, was ihn jenseits der abgenutzten Mauern erwarten mochte, dass ein lebenslustiges, jugendliches Fräulein eine derartige Veränderung durchgemacht hatte.
»Ja …?«, begann sie, sah zum Major auf und brach unvermittelt ab. Eine Weile lang beherrschte lediglich das schmerzhaft leise Säuseln des Windes die Szenerie, während die Frau ihn anstarrte, als hätte sie einen Geist gesehen. Ein Überbleibsel einer vergessen geglaubten Vergangenheit, das nun mit aller Macht an die Oberfläche strebte, um sich wie ein Film auf die Gegenwart zu legen.
»Hallo Mae«, begrüßte der Major die junge Frau mit ruhiger, angenehmer Stimme. »Ist Laetitia da?«
Eigentlich erwartete er, umgehend eine Antwort auf seine Frage zu erhalten. Allerdings geschah nichts dergleichen.
Stattdessen ergriff Stille das Wort, flüsterte die Erinnerung an melancholische Momente in die Herzen der vor ihm Stehenden.
Tränen füllten ihre Augen. Sie schniefte und begann dann, hemmungslos zu weinen, während sie den schweren Türflügel vollends aufstieß.
Ein kräftiger Schauer durchfuhr den Major, dem Stich eines blankpolierten Bajonetts gleich, das seine Haut mühelos durchdrang und sich tief in sein Herz grub, um den Hohlmuskel schließlich derart stark zu perforieren, dass sein Blut in Sturzbächen herausstrebte.
Was, im Namen des Imperators, mochte hier wohl passiert sein?
Jenseits des Eingangs wartete halbtrübes Dunkel. Ein seltsamer Geruch sprang durch den geöffneten Eingang, lachte erleichtert ob der neugewonnen Freiheit. Abgesehen von dieser kleinen Darbietung überschwänglicher Freude schien allerdings nichts den Besuch in diesem heruntergekommen Domizil zu rechtfertigen.
Alle Freude, all die lebensfrohe Energie, die in diesem Haus geherrscht hatte, war gegangen und hatte etwas zurückgelassen. Eine Stille, ein Vakuum, das den Major ins Innere zog und seine Brust belegte. Unruhig schluckte er und trat ein.
Das in stumme Tränen aufgelöste und durchgängig schniefende Mädchen schloss die Türen.
Die partielle Düsternis schien sich zu vertiefen. Mehr humpelnd und torkelnd denn wirklich gehend, schlurfte Mae dem Offizier voran durch die dunkle Wohnung. Dünne, kalte Lichtstreifen streckten ihre langen Finger zwischen den Lamellen der zugezogenen Jalousien hindurch, betasteten das für sie erreichbare Innere des Hauses. Ein recht großer Eingangsbereich ließ sich andeutungsweise erahnen, der sich in eine noch größere Wohnstube hinein öffnete.
Es ließen sich nicht viele Einzelheiten ausmachen, aber für Carrick besaß das keine Bedeutung. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie es in dem Gebäude aussah.
Ein mächtiger Esstisch, umringt von einer Reihe von Stühlen, pflanzte seinen wuchtigen Leib auf einen dunklen Teppich, nicht weit der linken Außenmauer entfernt.
Carrick wusste, dass das Möbelstück aus dem Holz einer Palmenkiefer gefertigt war. Ein Baum, den man auf Bastet für sein zugleich weiches und sehr widerstandsfähiges Holz schätzte. Einfach zu bearbeiten, aber dennoch robust und langlebig.
Rechts davon befand sich ein prächtiger Altar, auf dem die Heilige Bastet und ein imperialer Doppeladler die Verehrung der Hausbewohner forderten. Noch weiter rechts, direkt hinter der in den ersten Stock führenden Treppe, befand sich ein Studierzimmer, in dem ein Televid-Gerät sowie eine umfangreiche Bibliothek Bewohnern wie auch Besuchern zur Verfügung standen.
Mae ignorierte die Schemen des Wohnbereichs. Stattdessen führte sie den Offizier die ebenfalls aus Palmenkieferholz bestehenden Stufen der leicht gewendelten Treppe in den ersten Stock empor.
Auch hier herrschte eine erschreckende Dunkelheit. Seltsame Geräusche, Schnaufen und Flüstern, wanderten in der Düsternis umher, rasselten metallene Worte in die vom stechenden Geruch eines schweren Makels geschwängerte Luft.
Der Major hustete unwillkürlich, als seine noch immer schniefende Führerin ihn an den hölzernen Eingang zu einem der wenigen Zimmer im Obergeschoss führte. Das geräuschvolle Keuchen schien an Intensität zu gewinnen.
Einen Moment lang blieb das Mädchen stehen, dann trat sie zur Seite und blickt den Major – zum ersten Mal seit ihrem kurzen Augenkontakt beim Eintreten – an.
Carrick wäre beinahe zurückgewichen.
Da funkelte etwas in ihrem Blick. Entsetzen. Furcht. Der Horror. Etwas, das man normalerweise in den Augen von Männern und Frauen sahen, die durch die Hölle der Imperialen Armee gegangen waren und nun, in einem freien Moment, über das Erlebte resümierten.
Wieder schoss ihm die Frage durch den Kopf, mit welchem Fluch der Gottimperator dieses Haus gestraft haben mochte. Bei dem Gedanken zog ein kalter Schauer über seinen Rücken.
Er versuchte, ein erneutes Husten zu unterdrücken, doch die stickige Luft machte ihm das Atmen fast unmöglich.
Wortlos passierte der imperiale Offizier seine Begleiterin und betrat den Raum.
In dem dunklen Krankenzimmer regten sich nur schemenhafte Erinnerungen von Leben.
Eine Reihe wunderlicher Instrumente standen um ein breites Bett herum, vollführten seltsame Bewegungen im Licht eines kleinen Altars, auf dem Kerzen brannten. Schläuche schlängelten sich von den Apparaturen zum Bett, verschwanden unter der flauschigen Daunendecke, die sich in regelmäßigen Abständen hob und senkte.
Reinheitssiegel und Schriftrollen bedeckten die einstmals wohl recht schmucken Wände, und eine in reiche Gewandung gehüllte Medikerin des Hospitallinnen-Ordens der Adeptus Sororitas saß auf einem kleinen Schemel am Bett und beobachtete die blinkenden Anzeigen der Gerätschaften, ohne sie wirklich zu lesen.
Als der Major eintrat, wandte sie sich um und erhob sich schnell, aber dennoch elegant und würdevoll.
Harte Schatten umtanzten ihr junges Gesicht, als sie zu einer Verbeugung ansetzte.
»Ich …«, reagierte der Major erstaunt auf die wortlose Begrüßung, bevor er sich dazu durchrang, näher ans Bett zu treten. Auch hier beherrschten technische Apparaturen das Sichtfeld, drängten sich gleich einem Schwarm hungriger Insekten um das faulende Fleisch eines zerfallenden Körpers.
Lediglich das dünn gewordene, dunkle Haupthaar, das die schwere Atemmaske und das weitestgehend darunter verborgene Gesicht umrahmte, ließ einen Menschen jenseits all der geweihten Technologie erkennen, die den Raum besetzt hielt.
»Sie ist …«, begann die Medikerin mit leiser, im Ansatz melodischer Stimme. Carrick ließ sie nicht ausreden.
Er hob die Hand. »Ich weiß, wer sie ist«, stellte er tonlos fest. »Wir waren verheiratet.«

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Ich denke, dieses Kapitel bedarf keiner weiteren Erklärungen. Wie auch? Es kann halt nur einen geben.

 

Viel Spaß beim Lesen!

 

 

03

 

Ja, er war wieder da.

Zurück in den ihm angestammten Gefilden, die er so sehr vermisst hatte wie ein besonders gewichteter aber dennoch zeitweilig vergessener Buchstabe seinen Platz im Zentrum des Dudens.

Und wie jener Buchstabe, der sich nahtlos und trotzdem auffällig in die zuvor noch leeren Seiten eines überlangen Romans einfügte, empfand auch Colonel Galardin Alberic Ekko seine Rückkehr nach Bastet gleichermaßen als Befreiung und Last.

Viele Erinnerungen verbanden ihn mit diesem Ort, Träume und Erlebnisse, die Abschnitte eines Lebens, das er gleichermaßen gewollt und verflucht hatte.

Er hatte eine Menge gewonnen und schlussendlich alles verloren, bis ihm nicht mehr blieb als das Leid eines Menschen, der keine Zukunft mehr kannte.

Dieses Leid hatte ihn in die Arme der Imperialen Armee getrieben, jener Organisation, von der man zynisch behauptete, dass sie die einen aufsteigen ließ, während die anderen zu Boden sanken.

Sie hatte sie sich seines Leids angenommen und ihn zusätzlich durch die Tatsache bestraft, dass er die Rangleiter des Militärs emporraste wie auf einem Gleis, das ihn schlussendlich an einen Punkt ohne Wiederkehr führte. Eine Schlucht, so tief und breit, dass man einen Leman Russ hätte hineinwerfen können um anschließenden vergeblich darauf zu warten, dass er irgendwo aufschlug.

Und die allgegenwärtige Grausamkeit des Universums begleitete ihn auch durch seinen aktuellen Rang wie eine unliebsame Freundin, die ihm die Fehler seines Lebens immer wieder vorhielt.

Dabei war es nicht einmal so, als wenn er nicht schon genügend Zeit für das Lösen der Aufgaben seiner Dienststellung hätte aufwenden müssen. Immerhin gab es dort auch eine ganze Menge Leid zu verarbeiten.

Das Leid eines jeden Colonels, ob er nun bei Milizen, den planetaren Verteidigungsstreitkräften oder in der imperialen Armee diente, bestand aus der Tatsache, dass er als Stabsoffizier und oberster Vorgesetzter eines Regiments immer und Jederzeit für seine Untergebenen ein offenes Ohr haben musste, sich um ihre Belange zu kümmern hatte und dafür sorgen musste, dass es ihnen gut ging. Er war derjenige, der dafür sorgte, dass seine Armee in allen Belangen des militärischen Auftrags funktionierte und dass Männer wie auch Gerät motiviert waren und funktionierten.

Diese Aufgabe war nicht leicht. Bei weitem nicht. Aber bisher war Colonel Galardin Alberic Ekko ihr liebend gern nachgekommen. Dass er es dabei von Zeit zu Zeit Menschen zu tun bekam, bei denen man sich fragte, ob sie seine Hilfe überhaupt verdient hatten, störte ihn im Gros der Fälle eigentlich gar nicht.

Manchmal war es jedoch anders.

»Kommissarkadett Achad Alit, Sir!«, stellte sich der junge Offizier vor, der vor wenigen Sekunden in sein Büro – oder besser: vor den alten Schreibtisch im Kommandeurszelt der Einheit – getreten war und antwortete somit auf die etwas verwunderte Frage, wer er denn sei.

Seine Haltung war militärisch gerade, seine Ausgehuniform, großteilig aus dunklem Stoff und Leder bestehend, machte einen tadellosen Eindruck.

Neben seinen schwarzen Lederstiefeln lag eine gerade fallengelassene Kampftasche von der Größe eines Seesacks, die er wie selbstverständlich mit in das ohnehin enge Bürozelt geschleppt hatte.

»Und was wollen Sie hier?«

Damit stellte der Colonel eine berechtigte Frage. Die Aufgaben eines Kommissars deckten ein weites Spektrum möglicher Szenarien ab, die im Auftauchen des Kommissarkadetts gipfelten – angefangen bei einem einfachen Truppenbesuch bis hin zur Exekution einer ganzen Kompanie.

Doch egal, aus welchem Grund, das Auftauchen eines Kommissars (und selbst wenn er nur ein kleiner Frosch am unteren Ende der militärischen Rangleiter war) bedeutete fast immer Ärger.

Immerhin oblag es diesen Politoffizieren, das Regiment im Sinne der imperialen Doktrinen zu unterweisen und durch unbändigen Glauben an die Richtigkeit ihres Tuns sowie unerbittlicher Härte im Sinne des Imperators zu moralisieren.

Nicht, dass der Colonel etwas dagegen gehabt hätte. Nein. Beileibe nicht. Das Imperium war ihre Heimat und sein Fortbestehen ihr Garant für ein aufregendes und stets von Feuerwerk, spannenden Ausflügen und wechselnden Bekanntschaften beherrschtes Leben.

Allerdings gab es eine Reihe von Ansichten, in denen Colonel Ekko mit den Betrachtungsweisen des Kommissariats kollidierte. Und seine Erlebnisse hatten ihn in der Vergangenheit bereits mehr als nur einmal gelehrt, in Bezug auf die Beflissenheit der Kommissare ein bisschen mehr Vorsicht walten zu lassen.

Alit runzelte verwirrt die Stirn, so als habe er diese Frage nicht erwartet. Hatte er vermutlich auch nicht. Es dauerte einige Sekunde, bisher er schließlich mit klaren Worten den Grund seines Hierseins umriss. »Sir, ich will in die Scheiße!«

»Ah«, bestätigte der Colonel, dass er die Worte seines Gegenübers verstanden hatte, bevor er aufsah. »Okay. Durch die Zeltreihe, hinten rechts, ganz bis zum Ende. Da finden Sie die Latrine. Stecken Sie den Kopf aber nicht zu lange in die Schüssel. Habe gehört, die Dämpfe sollen benebelnd wirken.«

Der Kommissarkadett, offensichtlich bereits auf eine vorbereitete Erwiderung fixiert, öffnete den Mund, dachte dann aber noch einmal genauer über den Wortlaut seines Gegenübers nach. Sein Mund blieb einen Moment lang halboffen stehen, so als befände er sich im endlos lang ausgedehnten Zustand zwischen dem Tick und Tack zweier Sekunden, dann geriet das Antlitz des Kommissars in Bewegung.

Die Kinnlade des Mannes klappte herunter. Wäre sie nicht von Muskeln, Sehnen und Haut abgefangen worden, wäre sie ihm vermutlich abgefallen und mit lautem Scheppern auf den Boden geschlagen. Eine beeindruckende Leistung, betrachtete man die Tatsache, dass dieser mit einem billigen Teppich ausgelegt war. »Ich … wie … wie meinen Sie das?«

»Kennen Sie das Gefühl wenn Sie glauben, das Universum habe sie wieder einmal um etwas wirklich Wichtiges beschissen?«

»Nein, Sir.«

Ekko lächelte finster und legte die Finger aneinander. »Möchten Sie es kennenlernen?«

Er ließ sich tiefer in den Sitz sinken und genoss für einen Moment die peinliche Stille, die sich im Zelt ausbreitete.

Man konnte Alit ansehen, dass er krampfhaft versuchte, Worte zu finden und einen Bogen zu spannen, der ihn aus dieser etwas prekären Lage katapultierte. Er versagte kläglich.

Also war es wiederrum der Colonel, der die Initiative übernahm und das Gespräch erneut ins Rollen brachte.

»Also ich frage noch mal: Warum sind Sie hier?!«

Sichtlich dankbar, dass er sich nicht für eine überschwängliche Begeisterung für einen kommenden Kampf erklären musste, nahm der Kommissar erneut Haltung an. Mit stakkatoartiger Stimme berichtete er: »Dies ist mein erstes Kommando seit dem Ende meiner theoretischen Ausbildung und ich …«, begann der junge Politoffizier zu erklären, wurde jedoch durch ein nachlässiges Handheben seines Gegenübers unterbrochen.

»Sie haben Ihre Ausbildung beendet und werden zu einem Frontkommando befohlen, ohne dass man Ihnen einen Mentor zur Seite stellt? Ich dachte immer, Kadetten würden zu Gruppen zusammengefasst und unter einem Führungsoffizier an die Front geschickt.« Er zuckte die Schultern. »Scheint, als hätte sich der Codex wieder einmal geändert.«

»A-aber …«, stotterte der Mann, »mir w-wurde versichert, d-d-das Sie einen Kommissar hätten!«

Ekko schüttelte den Kopf. »Wir haben keinen Kommissar … mehr. Der ist auf Agos Virgil mit den Ceramit-Brüsten einer dieser knackigen Ordensschwestern kollidiert.« Er meinte das Adeptus Sororitas. »Aber das hatte Major Carrick doch gemeldet.« Seine Stimme verebbte, während der Kommissarkadett sichtlich erbleichte. Als Mensch in seiner Stellung und mit seiner ‚Erfahrung‘ ohne Bezugspunkt in ein Regiment aus harten, kampferfahrenen Veteranen integriert zu werden, das ließ sich einfach nicht mit den Grundsätzen vereinbaren, die ihm beigebracht worden waren.

Er war in dieser Lage wohl am Ehesten mit einem jungfräulichen Jüngling zu vergleichen gewesen, der als Freier einer Gruppe berufserfahrener Dirnen vorgesetzt wurde und von diesen zuallererst in der Frage angelernt wurde, was er denn unter ‚wahrer‘ körperlicher Liebe zu verstehen habe; ohne dass man ihm vorher den Unterschied zwischen Frauen und diesen halbmenschlichen Succubi erklärte.

Als würde er direkt in eine Vergewaltigung seiner Naivität laufen, in ein Messer, das die Ecken und Kanten seines Wesens nicht mit scharfer Klinge abschabte, sondern sie stumpf weghobelte, bis auch seine Prinzipien dem kalten Eisen zum Opfer fielen.

Hilflos begann der junge Offizier, in einer kleinen Tasche zu wühlen, die an dem breiten Ledergürtel seiner Hose befestigt hing.

Er musste etwas suchen, bevor er schließlich ein zusammengerolltes Pergament fand und dieses mit einem kurzen Wink der Hand entrollte. Ekko beobachtete ihn dabei.

»Hier … mein … mein Einsatzbefehl«, stammelte der plötzlich gar nicht mehr so vorbildlich wirkende Politoffizier und reichte den gesiegelten Schrieb an den Regimentskommandeur weiter.

Skeptisch nahm der Colonel das ihm gereichte Dokument an und las den darauf befindlichen Text.

»Ist das Ihr Ernst?«, fragte er, noch während seine Augen über die kleinen, verschnörkelten Lettern glitten. Natürlich war es klar, dass der junge Mann vor ihm sicherlich keinen Scherz machte. Kommissare wurden nicht zu Humor erzogen. Aber das, was auf dem Pergament mit seinen übermäßig stark verzierten Buchstaben aussagte klang einfach zu albern, als dass es eine wirklich ernst gemeinte Anweisung sein konnte.

Alits dunkle Ausgehuniform raschelte, als der Kommissarkadett den Kopf schüttelte. »Ja, Sir. Es wundert mich nur, dass Sie darüber scheinbar nicht informiert wurden.«

»Mich wundert in diesem Laden gar nichts mehr.« Ekko rollte das Pergament zusammen und schlug damit gedankenverloren gegen die Kante des schweren Palmenkieferholzschreibtischs.

Mit einem scharfen Geräusch, ähnlich dem Ausschlagen eines Kopfkissens, landete das Papier ein ums andere Mal auf dem altehrwürdigen Holz. Alit beobachtete den Stabsoffizier bei seinem Treiben, zuckte dann und wann zusammen und beäugte sorgenvoll, wie das stumm vor Schmerzen schreiende Dokument brutal malträtiert wurde.

Schließlich hatte der Colonel genug. Er lehnte sich erneut in seinem Sessel zurück. Das Leder knirschte. »Gut. Nun weiß ich, warum Sie hier sind. Aber dennoch frage ich mich: was wollen Sie hier – einmal abgesehen von dem dringenden Bedürfnis, unsere Latrinen in Augenschein zu nehmen.«

Erneut gab er der Stille Zeit, den Kommissarkadett zu umwandern und zu nach seinen wahren Motiven zu befragen. Er selbst wohnte lediglich als Beobachter bei.

Alits grüne Augen huschten suchend umher, folgten dem ihn umkreisenden Schweigen, dessen Geschwätzigkeit für eine ganze Weile den Geräuschpegel im Zelt dominierte.

Als es ihm schließlich die Antwort zuflüsterte, nach der er seiner Meinung nach suchte, atmete der gesamte Raum ein.

»Sir, Erlaubnis offen zu sprechen?«

Ekko hob einladend die Hand.

»Kommissare werden als Moralwächter betrachtet, als Wachhunde.«

»Und das ist nicht richtig?«, erkundigte sich der Colonel.

»Doch. Schon«, erwiderte der junge Politoffizier und setzte ein leises »Sir« hintendran. »Allerdings ist es nicht die Aufgabe des Kommissariats, imperiale Bodentruppen auf ihre politische Treue zu überprüfen. Das ist eine fehlgeleitete Annahme, die noch aus den Zeiten der frühen Kreuzzüge stammt.« Eine Kunstpause folgte. »Kommissare verleihen den militärischen Gesetzen des Imperiums auf Welten wie Bastet Recht. Ihnen obliegen die Unterstützung der örtlichen Kommandeure, ebenjener Männer und Frauen, welche die Planetaren Verteidigungsstreitkräfte führen und die Leitung derer, die sich der Imperialen Armee verschrieben haben. Wir sind, was man allgemein als ‚Höherer Wert‘ bezeichnet. Viele Kommissare, vor allem die älteren, verlassen sich dabei viel zu sehr auf die Macht, die ihnen übertragen worden ist. Sie entfremden sich von denjenigen, mit denen sie zusammenarbeiten.«

»Sie sind anders?«

Alit nickte eifrig. »Ich möchte mich lieber als Kamerad betrachten. Als Begleiter, der seine Truppen motiviert und ihnen die Unterstützung gibt, die sie brauchen.«

»Wie ehrgeizig von Ihnen.«

»Natürlich sind die Erwartungen in diesem Fall ungemein hoch. Auch an sich selbst. Daher wollte ich bei den Besten dienen, Sir.«

»Ich verstehe«; nickte der Regimentskommandeur, den Blick fest auf den jungen Politoffizier gerichtet. In seinem Innern breitete sich Überraschung aus, resümierte über die offensichtlich fehlgeleiteten Annahmen und Sichtweisen seines Gegenübers. »Und vielleicht irre ich mich – aber ich habe lange genug in einer Kampfeinheit der Imperialen Armee gekämpft, um mich zu fragen, ob Sie überhaupt die richtigen Vorstellungen von Ihren späteren Aufgaben haben?«

Verwirrung kroch über Alits Miene, spiegelte sich in seinen dunkelgrünen Augen wieder. »Wie meinen Sie das, Sir?«

»Na ja: je nachdem, wie hoch Sie im Rang steigen, werden Sie eine Ausbildungseinheit, eine Kampfgruppe oder einen Stabszug begleiten, die Dienstvorschriften vorbeten und in weit ausschweifenden Berichten nicht ganz devote Armeeangehörige denunzieren. Es ist nicht ihre Aufgabe, den anderen Soldaten todesmutig voranzustürmen. Sie werden den Männern eher in den Rücken schießen.« Ekko schürzte die Lippen und drehte abschätzig die Hand. »Dafür benötigen Sie keine Kampfausbildung.«

»Sir, darf ich Ihnen eine Zwischenfrage stellen?«, wechselte der Kommissarkadett plötzlich das Thema.

»Könnte ich Sie davon abhalten?«

»Macht es Sie nicht nervös, im Beisein eines Kommissars solche Worte in den Mund zu nehmen?«

»Nein, warum?«

»Na ja, weil man Ihre Worte als Blasphemie auslegen könnte. Oder als Ketzerei. Je nachdem, wie man auf Bastet dazu sagt.«

Ekko dachte eine Weile lang nach, dann schließlich zuckte er die Achseln. »Wenn mir jemand etwas wollte, dann muss man mir einen Kommissaroberst oder einen Inquisitor schicken. Der darf mich dann auf politische Korrektheit überprüfen – auch wenn ich natürlich eher auf eine sie hoffe. Aber davon mehr, wenn es soweit ist. Beantwortet das Ihre Frage?«

Alit blieb stumm.

Eine Weile lang sagten die beiden Offiziere kein Wort, sondern schwiegen sich an. Draußen hallten die fernen Echos von Schüssen. Schießausbildung stand auf dem Plan des 512. Regiments Sera.

Bei jedem der gellenden Schläge zuckte der Kommissarkadett zusammen.

Natürlich. Das hatte sich Ekko bereits gedacht. Zeit, den eigentlich Sinn hinter seinen Fragen und Provokationen zu offenbaren. »Was versprechen Sie sich? Gardisten? Gravschirmjäger? Kasrkin?« Er überlegte einen Moment. »Ja, ich muss zugeben – solch ein Hintergrund liest sich sicherlich elitär «, stellte der Colonel sinnend fest. »Nur, dass wir in nächster Zeit nirgendwo hingehen und Krieg spielen. Diese Einheit ist im Aufbau begriffen. Das heißt, wir sitzen noch ein paar Tage in dieser vollkommen ereignislosen Einöde rum.«

Alit schwieg weiter. Eine weitere Salve Schüsse erklang.

Derweil kehrten Ekkos Gedanken zu der Frage zurück, wer, beim Thron, wohl in diesem Regiment als Kommissar geführt wurde.

Dabei handelte es sich nicht um eine willkürliche Überlegung. Nein. Beileibe nicht. Es ging hier darum, dass sein Regiment offensichtlich einen Politoffizier besaß, der lebendig war, der seine Macht ausspielte und dabei offensichtlich so dermaßen unauffällig auftrat, dass selbst der Regimentskommandeur nichts von ihm wusste.

Vermutlich würde sich besagter Kommissar irgendwann zu erkennen geben und ihm ohne ein weiteres Wort ein Loch in den Kopf stanzen. Eine Person in seinem Regiment zumindest wäre dazu ohne weiteres in der Lage gewesen.

Der Thron fiel. Zumindest machte es deutlich hörbar ‚Pling‘ in Ekkos Kopf. Vielleicht war auch nur eine Synapse explodiert.

Ein schmieriges Grinsen erschien auf seinem Gesicht. »Ach so. In dem Fall sollten Sie als später unser Lazarett aufsuchen. Aber noch nicht jetzt. Ich glaube, das wird gerade nur kommissarisch geführt.«

»Und was soll ich nun machen?«, fragte der Kommissarkadett verzweifelt. So schien er sich seinen Dienst nicht vorgestellt zu haben.

»Keine Ahnung«, erwiderte der Basteter und zuckte desinteressiert die Achseln, bevor er einen doch eher ungewöhnlichen Vorschlag machte. »Pinkeln Sie doch Ihren Namen in den Sand. Wenn Sie es schaffen, wäre das ein neuer Regimentsrekord.«

Alit riss die Augen auf. »Ist das ein Scherz … Sir?«

»Nein. Wenn Sie Ihren Namen komplett in den Sand pinkeln, stellen Sie tatsächlich einen neuen Regimentsrekord auf. Nicht mal unsere Kasrkin haben das geschafft. Und die haben alle sehr kurze Namen.«

Das Unglück in Alits Gesicht vertiefte sich. So hatte er sich seinen Dienst in der Imperialen Armee wirklich nicht vorgestellt.

»Und jetzt ab die Post. Ich habe zu tun.«

Der junge Kommissar salutierte. »Ja, Sir!«, presste er hervor und verließ den Raum. Die Begeisterung, mit der er sich vorgestellt hatte, war verflogen.

Der Colonel sah ihm nach und schüttelte den Kopf. Großartig. Das war … einfach großartig. Ein neuer Kommissar. Zwar ein junger Kommissar, aber ein Kommissar. Ein Wachhund des Departmento Munitorium. Und damit nicht genug. Selbst Marith Calgrow, die Regimentsärztin, die vor Jahren Kommissarin gewesen war, wurde vom Departmento offensichtlich noch in ihrer ursprünglichen Rolle geführt.

Offensichtlich hatte er eine Natter an seinem Busen genährt – auch wenn die Vorstellung, eine Natter an einem männlichen … nein. Herr auf dem Thron. Nein.

Er schüttelte den Kopf. Das war ein schlechter Gedanke. Ein wirklich böser Gedanke.

Kälte kroch über Ekkos Rücken. Trockene, eisige Kälte, die sein Rückgrat hinaufwanderte wie ein aus Eis bestehender Tausendfüßler.

Es dauerte eine Weile, bis ihm aufging, dass die Kälte keine Folge seiner doch sehr verstörenden Gedanken war, sondern von außen in seinen Kopf eingedrungen zu sein schien.

Irgendwo in den hintersten Ecken seines Gehirns begannen Alarmglocken zu schrillen, scheuchten Neurotransmitter und graue Zellen gleichermaßen auf intellektuelle Gefechtsstationen.

Der Colonel richtete sich auf und griff nach der Laserpistole, die schussbereit in seinem Beinhalfter auf den Einsatz wartete. Er fasste ins Leere.

Erschrocken stieß er Luft aus und wirbelte herum. »Im Namen des …!«

Er verstummte. Vor ihm stand eine hochgewachsene, junge Frau, die ihn mit der kühlen Distanziertheit eines überlegenen Intellekts musterte. Die Pistole ruhte in ihrer Hand.

Neben dieser Hand zeichneten sich unter dem Stoff ihrer eleganten Robe Brüste ab, die definitiv groß genug waren, um nicht nur eine Natter, sondern vermutlich eine ausgewachsene Python zu ernähren.

Sie hätte es nicht aussprechen müssen, denn er wusste es, ohne zu fragen: Sie war eine Inquisitorin!

Ihr Haar war zu einem Turm von gut zwölf Zoll Höhe aufgeschichtet, von dem lange Strähnen bis zu ihren Schultern reichten.

In Verbindung mit ihrem blassen, schönen Gesicht und den sanften, gut proportionierten Kurven ihres Körpers wirkte sie attraktiv, zumindest jedoch hübsch.

Er wollte den Begriff schön vermeiden, denn an ihr fand er nichts, das dem gleichgekommen wäre.

Sie besaß die Schönheit einer richtigen Frau nicht, weder die zarte Lieblichkeit seiner (inzwischen sicherlich toten) Frau Ayle, noch die geistige Reinheit einer Leitis Sile. Da war einzig und allein Kälte.

Ekko fühlte Fassungslosigkeit in sich aufwallen. Konnte es wirklich ein Zufall sein, dass eine vollbusige Inquisitorin genau in dem Moment in seinem Zelt auftauchte, indem er eine Bemerkung über ihren Stand machte.

Das also bedeutete die berühmtberüchtigte Aussage: »Niemand erwartet die Heilige Inquisition.«

Er schwor sich, nie wieder unbedachte Witze über ihn besuchende Inquisitoren zu machen.

Vielleicht stellte sich in den kommenden Minuten darüber hinaus sogar heraus, dass seine Besucherin in ihrer Freizeit ehrenamtlich beim Departmento Munitorium aushalf – als Kommissaroberste.

Nicht, dass diese Entwicklung in irgendeiner Form hilfreich gewesen wäre. Allerdings hätte sie der Absurdität der ganzen Situation sogar noch ein Stückchen mehr Substanz verliehen.

Das Universum war einfach ein schlechter Ort.

»Das ist äußerst interessant«, stellte die Frau fest. »In ihrem Kopf herrscht ein mentales Chaos, gegen das ein kräftiger Warpsturm wie ein leise wispernder Wind wirkt.«

»Danke für das Kompliment«, bemerkte der imperiale Offizier trocken. »Ich glaube, meine Jugendzeit in der Schola ‚zur geistigen Flatulenz« war ausschlaggebend für meine außerordentliche mentale Entwicklung.«

Wieder kroch der eisigkalte Tausendfüßler aus seinem Versteck, schickte sich an, Ekkos Wirbelsäule zu malträtieren. »Und würden Sie, thronverdammt noch mal, aus meinem Kopf rausgehen?«, fügte er zischend an, was seine Besucherin eine ihrer schlanken Augenbraue heben ließ. »Ich bin beeindruckt. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie es herausfinden.«

»Ich bin Offizier, kein Idiot.« Der Colonel drehte abschätzend die Hand. »Das wird oft verwechselt.«

Die Inquisitorin lächelte dünn. »Dann vermute ich, Sie wissen, wer ich bin?«, wechselte sie das Thema.

»Es hatte sich angekündigt. Mir ist nur Ihr Name entfallen.«

»Sinwell«, stellte sie sich vor. »Inquisitorin Galia Sinwell vom Ordo Haereticus.«

»Der Name scheint Programm zu sein«, stellte Ekko fest. »Läuten Sie die Glocken eigentlich selbst oder haben Sie dafür einen Campanarius?«

»Mein Beraterstab ist groß genug, um mir in jeder erdenklichen Weise zu dienen«, erwiderte seine Gesprächsgegnerin zweideutig. »Wie ist es mit Ihnen?«

»Da gibt’s nicht viel zu läuten.«

»Und wollen Sie sich mir nicht vorstellen?«

Ekko schüttelte den Kopf. »Ich vermute, Sie wissen bereits, wer ich bin.«

»Touché«, erhielt er zur Antwort. »Da haben Sie wohl Recht.«

Die Inquisitorin umrundete den Tisch, ließ die Laserpistole genüsslich über das Holz streichen.

Dass das große Inquisitionssignum, welches an einer breiten Kette um ihren Halt hing, wie eine sich windende Schlange in ihrem üppigen Ausschnitt hin- und herschwang, erleichterte den Colonel die Unterhaltung auch nicht gerade.

Zumindest aber fokussierte es seine Gedanken. Zu einem gewissen Teil.

»Ich habe bereits viel von Ihnen gehört, Colonel«, erklärte Sinwell. »Es heißt, Sie hätten eine bereits verlorene Schlacht auf eine schier unglaubliche Weise doch noch in einen Sieg gewandelt. Auf … Agos Virgil, wenn ich mich richtig erinnere?«

»Das war einfach nur Pech«, gab der Colonel zurück, bemüht, seine braunen Augen endlich wieder auf Bereiche von Sinwell zu richten, die oberhalb ihrer Schultern lagen. »Geplant war es anders.«

»So?« Sinwell stoppte kurz, ließ die Waffe in ihrer Hand gedankenverloren rotieren, vermutlich um ihren Gedankenfaden aufzuwickeln, dann wandte sie sich ihm wieder zu. »Bedeutet das, dass Sie eigentlich geplant hatten zu verlieren?«

Ein müdes Lachen antwortete ihr. »Verlieren?«, schüttelte der Colonel den Kopf, »Nein. Eigentlich hatte ich geplant zu gewinnen und dabei zufällig zu sterben.«

»Zufällig zu sterben?« Erneut geriet die Pistole in Sinwells Hand in Bewegung. »Meines Wissens nach gibt es keine Zufälle im Universum, Colonel. Der Imperator steuert die Dinge und lenkt unsere Geschicke, auf dass wir in Seinem Namen leben.«

Der Colonel zuckte die Achseln. »Manchmal habe ich das Gefühl, der Imperator habe sich mit dem Universum gegen mich verschworen.«

»Na, na, na!«, fuhr die Untersuchungsrichterin herum und hob den Finger, um ihn warnend zu schwenken. »Ihre Worte könnte man durchaus als Häresie verstehen.«

»Möchten Sie mich denn anklagen?«, wollte er wissen. Das Leder seines Sessels knirschte, als er sich zurücklehnte.

Wieder lächelte die hochgewachsene Frau dünn. »Nein. Ich wollte mir nur einmal ein Bild von dem Mann machen, der als Retter von Agos Virgil bezeichnet wird.«

»Da hätten Sie wirklich nicht herkommen brauchen«, erklärte er nachsichtig. »Ich kenne da einen wunderbaren Fotografen. Der macht Ihnen sogar Abzüge in Plakatgröße.«

Es verging einige Zeit, in der Sinwell die Waffe in ihrer Hand betrachtete. Als sie sich dem hinter dem Schreibtisch sitzenden Mann wieder zuwandte und seine Aussage parierte, klang ihre Stimme gefährlich gleichgültig. »So interessant sind Sie dann doch nicht.«

Wo jeder andere alarmiert zurückgewichen wäre, blieb Ekko ganz er selbst, bereit noch ein wenig mehr Promethium ins Feuer zu gießen. »Schade. Ich hatte bereits darüber nachgedacht, mehr Zeit mit Ihnen zu verbringen.«

»Das werden wir«, verkündete sie feierlich. Den Sarkasmus in seiner Stimme ignorierte sie gekonnt. »Dessen können Sie sich sicher sein. Und es wird eine Freude sein, Sie näher kennen zu lernen.«

Ekkos Gesichtszüge entgleisten kurz. Als es ihm gelang, die bröckelnde Fassade zu gipsen, hatte er der Frau vor sich bereits eine wichtige Information preisgegeben. »Die Freude ist ganz auf meiner Seite.«

»Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel«, präsentierte sie ihm ein überlegenes Lächeln, das den Colonel erneut veranlasste, den Schutz seiner Erfahrung zu verlassen und eine verbale Breitseite aus ihm eigenen, äußerst bissigen Sarkasmus aufs Geratewohl in den Raum zu feuern. Aber in dem Moment, da die Worte sich anschickten, den chaotischen Denkapparat des imperialen Offiziers zu verlassen, geschah das Unglück. Vollkommen planlos, offensichtlich ohne wohlprogrammierte Wegfindung auf die Reise geschickt, verliefen sie sich irgendwo in seinen Gehirnwindungen und irrten hilflos umher, während sein Mund in erwartungsvoller Haltung offen stehenblieb.

Eine ihm unendlich lang erscheinende Weise kramte der Basteter in seinen Gedanken, suchte nach einem Hinweis auf die ihm abhanden gekommene verbale Erwiderung. Er bekam nicht einmal mit, dass er seine Deckung nun komplett fallen gelassen hatte. Dafür war er viel zu sehr mit der Frage beschäftigt, wohin seine Erwiderung wohl abgebogen sein mochte.

Als er schließlich glaubte, sich endlich an die gesuchten Worte erinnern zu können und aufsah, musste er feststellen, dass sich außer ihm niemand anderes mehr im Raum befand. Die Inquisitorin war fort.

Lediglich die auf dem Tisch drapierte Laserpistole bezeugte die seltsamen Vorgänge der letzten Minuten.

Die Mündung starrte ihm demonstrativ ins Gesicht. Eine Warnung?

Möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich.

Nachdenklich lehnte er sich vor und griff nach der Waffe. Dann hielt er inne. Inquisitoren waren nicht unbedingt dafür bekannt, dass sie mit offenen Karten spielten.

Es lag also durchaus im Bereich des Möglichen, dass die Berührung der Waffe eine Reaktion auslöste. Welcher Art diese sein würde, das blieb abzuwarten. Allerdings konnte sich der Colonel gut vorstellen, dass die Herrin des Intra-imperialen Terrors irgendeinen Nutzen daraus ziehen würde. Für einen kurzen Moment wallte in ihm die Frage auf, ob ihn die Waffe unter Umständen wegen sexueller Belästigung anzeigen würde.

Nein. Das war absurd. Ähnlich absurd wie ein imperialer Offizier, der vom Wasserspeier einer Kathedrale baumelte, weil er beim Versuch des Suizids an diesem hängengeblieben war.

Eilig zog der Regimentskommandeur die Hand zurück. Möglicherweise stellte sich der Gedanke als doch nicht so absurd heraus. Maschinengeister konnten recht eigenwillig sein. Wer wusste schon, ob sich die Technikentität nicht doch unsittlich berührt fühlte?

Ärgerlich schüttelte Ekko den Kopf. Nein. Nein. Vollkommen unmöglich!

Dennoch tippte er die Waffe leicht an, bevor er sich entschloss, sie richtig zu greifen. Eine Weile lang dreht er sie in seinen Händen, untersuchte das Material und prüfte, ob sie mit irgendeinem Taschenspielertrick entladen, entsichert oder auf irgendeine andere Weise neu konfiguriert worden war.

Schließlich aber blieb ihm nur die Gewissheit, dass die Waffe keinerlei ungewollte Veränderungen aufwies.

Noch immer nachdenklich schob er die Laserpistole zurück in das Tiefziehholster.

Er konnte sich einfach keinen Reim auf die Frage machen, wie das Gebaren der seltsamen Glockenfee einzuordnen war. Was hatte sie ihm mit ihrem Auftritt sagen wollen?

Ein großes Problem der Inquisition bestand in der Tatsache, dass man ihr nicht unbedingt trauen konnte. Ähnlich wie dem Kommissariat.

Und leider fiel die Deutung ihres Vorgehens und der damit verknüpften Vorgange in diese Unsicherheitszone.

Es war ja nicht so, als wenn ihm die Dame einen Zettel dagelassen hätte mit der Aufschrift: Die Inquisition überbringt Ihnen durch das Verhalten unserer Mitarbeiterin folgende Mitteilung …

Seltsam.

Gedankenverloren blickte der Regimentskommandeur auf den hölzernen Schreibtisch, wo einige seiner dienstlichen und persönlichen Utensilien im Chaos der Datenpads und Aufzeichnungen erstickten. Ein rostiges Eisenpäckchen starrte ihm aus dem Wust seiner Arbeit entgegen.

Dieses Päckchen, eines von Aber-Milliarden im imperialen Raum verbreiteten Notrationsverpflegungssets, begleitete den Colonel seit seinem letzten Einsatz auf der Schreinwelt Agos Virgil, wo sie sich in denen Wirren der Schlacht um die zerstörte Makropole Golgarad kennengelernt hatten.

Seitdem ließen sich die beiden als unzertrennlich ansehen. Eigentlich betrachtete Ekko das Verpflegungsset als seinen Freund, der ihm in schwierigen Situationen mit Rat und Tat zur Seite stand. In diesem Moment aber fühlte er sich von der Horatius getauften Ein-Mann-Packung ein wenig im Stich gelassen.

»Wenn ich das nächste Mal eine humoristische Bemerkung über Inquisitoren machen möchte, dann halt mich auf!«, wandte er sich an die verschlossene Rationspackung, die das Gespräch zwischen ihm und der unheimlichen Besucherin beobachtet hatte.

Die Notration schwieg vornehm.

Ekko nickte. »Das hoffe ich doch.«

»Äh, entschuldigen Sie?«, brach eine neue Stimme in die traute Zweisamkeit.

Der Colonel sah auf. Im Zeiteingang stand eine jüngere Frau, wohl Anfang dreißig, mit einem schmalen, an ein Schild erinnernden Gesicht, aus dem zwei große Augen strahlten. Sie besaß einen erstaunlich breiten Mund, den sie zu einem unsicheren Lächeln geöffnet hatte und etwa brustlange Haare schmutzig-blonder Färbung, die ihr über die Schultern fielen.

Ihr recht schmaler Leib steckte in einem Fliegerkombi der imperialen Raumflotte.

»Seit wann stehen Sie schon dort?«, erkundigte sich der Colonel, ohne auf das plötzliche Erscheinen der Soldatin näher einzugehen.

Das unsichere Lächeln fluktuierte kurz. »Seit Sie sich mit Ihrem Schreibtisch unterhalten haben.«

Ekko konnte nicht verhindern, dass er kurz auf die Rationspackung blickte, bevor er sich seiner Besucherin wieder zuwandte. »Und wer sind Sie?«

»Sir, ich bin Ally Amen!«, salutierte die junge Frau. »42. imperiales Transportgeschwader.«

»Beim goldenen Thron von Terra. Heute nur Weiber in meinem Zelt«, brummte der Colonel und winkt die Pilotin heran.

 

Und yay! Nächsten Sonntag geht es weiter!

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Sehr Pythonesque! :ok:

 

Ich warte nur, dass Ekko sagt: Stop this Imperium-Scheme right now! It is silly!

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vor 5 Stunden schrieb Avalus:

Sehr Pythonesque! :ok:

 

Ich warte nur, dass Ekko sagt: Stop this Imperium-Scheme right now! It is silly!

 

Ich glaube, er wäre da eher von der Marke "This demonstrates the value of not being seen." - Oder vielleicht doch eher the funniest joke in the world?

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Oder er druckt dem nächsten der ins Zelt kommt eine Frucht in die hand und befiehlt den angriff auf die eigene Person ...

 

Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.

 

(Ich sehe erst jetzt, dass dein Avatar einen Zopf und nicht einen dritten Arm hat... :facepalm:)

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Am 4/10/2018 um 00:39 schrieb Avalus:

Oder er druckt dem nächsten der ins Zelt kommt eine Frucht in die hand und befiehlt den angriff auf die eigene Person ...

 

Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.

 

(Ich sehe erst jetzt, dass dein Avatar einen Zopf und nicht einen dritten Arm hat... :facepalm:)

 

Oder eine dead parrot Szene mit Balgor.

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Und weiter geht’s!

Viel Spaß beim Lesen!

 

04

 

Wie viel konnte ein Mensch ertragen?

Diese Frage hatte sich der Cadianer Rahael in den letzten Wochen oft gestellt.

Es war noch nicht einmal ein halbes Jahr her, seit er seinen Fuß zum ersten Mal auf die Schreinwelt Agos Virgil gesetzt hatte, eines Planeten, der ihn nicht nur Teile seines Verstands, sondern auch beinahe das Leben gekostet hätte.

Geweiht der Heiligen Janaïs, einer unsterblichen Kriegerin des Imperators, die vermutlich irgendwann in ferner Vergangenheit einen Feldzug gegen irgendeinen der zahlreichen Feinde der Menschheit geführt hatte, war Agos Virgil selbst Opfer einer feindlichen Invasion geworden.

Eine mächtige Horde Orks, angeführt von einem Waaaghboss – oder einem Ork, der sich dafür hielt – hatte die Bevölkerung des Planeten massakriert und die tapfer im Namen des Imperators kämpfenden Verteidiger abgeschlachtet.

Als Teil der imperialen Entsatzstreitmacht war Rahael auf die verlorene Welt entsandt worden, eingegliedert in die Reihen des fünfhundertzwölften Regiments Sera, einer mobilen Infanterieeinheit vom Planeten Bastetet III. Mit ihnen zusammen hatte er eine seiner ersten wirklich großen Schlachten erlebt: das brutale Gemetzel um die längst verlorenen Verteidigungslinien der Makropole Golgarad, in deren Verlauf er mit seinem Trupp abgeschossen wurde, eine verletzte Sororita rettete, während er zeitgleich die Nerven verlor, worauf ihn besagte Sororita erst einmal umzubringen versuchte.

Wäre es nicht so dermaßen entsetzlich, traurig und beschämend gewesen, er hätte vermutlich darüber gelacht.

So allerdings blieb ihm nicht viel mehr als zuzugeben, dass es wohl nur der unerschütterlichen Hingabe von Leitis Sile – so der Name der Prioris vom Orden des Gläubigen Geistes – zu verdanken war, dass er schlussendlich wieder klar wurde und bis zum letzten Magazin gekämpft hatte, jenem Moment, in dem eine weitere imperiale Streitmacht die arg dezimierten Überreste des 512. aus der Schlacht um die Himmelskathedrale befreit hatte, jenem Ort, zu dem sie im Laufe einer mehrere Tage langen Kampagne zurückgewichen waren.

All das lag noch nicht lange zurück, dennoch waren die Erinnerungen daran seltsam verschwommen und fühlten sich so wertlos an wie ein leergeschossenes Magazin.

Ein Bild allerdings hatte sich unauslöschlich in seinen Kopf eingebrannt: Sile, wie sie über ihm stand in ihrer blutroten Servorüstung, die einst weißen, nun zerrissenen und vom Dreck der Schlacht schmutzigen Epitrachelien in einer leichten Brise wehend. Aus ihrem Gesicht, schön wie ein schneebedecktes Feld im Winter, strahlten stahlblaue Augen und ihre gepanzerte Hand streckte sich ihm entgegen.

Er würde diesen Anblick bis an sein Lebensende nicht vergessen. Und die Tatsache, dass sie ihm sogar ein Andenken geschenkt hatte, um ihn an ihren gemeinsamen Kampf zu erinnern, brannte das Erlebte umso tiefer in seinen Geist ein.

Rahael sah auf seine zur Faust geballte Hand, dann öffnete er sie und betrachtete das darin befindliche Abzeichen des Adeptus Sororitas, die Fleur de Lys. Von Sile eigentlich an einer langen Ketten unter ihrer Rüstung getragen, hatte sie es während ihrer Rückreise im Truppentransportschiff vor den Augen des versammelten Trupps abgenommen und ihm umgehängt. »Du hast tapfer gekämpft. Der Imperator ist stolz auf dich. Und ich bin es auch.«

Allein die Vorstellung, dass dieses wertvolle Stück imperialer Handwerkskunst die nackte Haut ihrer Brüste berührt hatte, bevor es schließlich in seinen Besitz übergegangen war …

Rahael schüttelte den Gedanken von sich. Schlimm genug, dass er seitdem von seinen Kameraden aufgezogen wurde und sich Captain Balgor scherzhaft darüber äußerte, dass er dem Colonel die Freundin ausgespannt hatte. Aber in der Tiefe seines Herzens konnte er es dennoch nicht verleugnen: Er hatte sich in Leitis Sile verliebt.

Es war dumm, sein Herz einer Sororita zu schenken. Das wusste er. Die Schwestern waren kalt, gefangen in ihrem Gelübde dem Imperator gegenüber und der damit einhergehenden Keuschheit.

Dennoch: Sile war eine schöne Frau gewesen, die stets von einem Hauch Erotik umweht wurde. Allein der Gedanke daran, dass sie ihn als wert genug angesehen hatte, um ihn zu beachten, ließ sein Herz einen Sprung machen.

Er schloss die Hand wieder um seinen wertvollsten Besitz. Ob er die Prioris jemals wiedersehen würde?

»Hey. Hör auf zu träumen«, brummte ihn eine kräftige Stimme von der Seite an. Soldat Melbin, seines Zeichens Waffenspezialist in Rahaels Trupp und ein Hüne von einem Mann, ließ einen vorwurfsvollen Blick auf dem weitaus jüngeren Soldaten ruhen. »Wir sind auf Streife!«

Der Cadianer schreckte aus seinen Gedanken auf. »Ich …«, begann und brach ab. Vermutlich wäre es ein Leichtes gewesen, dem Riesen gegenüber eine Entschuldigung hervorzustammeln und sich wieder auf ihre Aufgabe zu konzentrieren.

In diesem Moment aber wollte ihm einfach keine passende Erwiderung einfallen und so ließ er es bleiben.

Der Weg, den Melbin und Rahael bestreiften, war einer von einem guten Dutzend, die entlang der halb ummauerten, halb umzäunten Fläche verliefen, auf der sich ihr Regiment einquartiert hatte.

Zweieinhalb mal anderthalb Kilometer groß, bildete das Gelände das Fundament einer mächtigen Zeltstadt, nur wenige Kilometer außerhalb der bastetischen Stadt Serareh. Hier wurden normalerweise die auf Bastet ausgehobenen Regimenter der Imperialen Armee, die sogenannten Zehntregimenter, aufgestockt und ausgerüstet, bevor sie sich auf den Weg durch den Warp in Richtung einer der vielen Fronten machten, an denen das Imperium der Menschheit kämpfte.

Nun allerdings wurde das Zeltlager, von den Basteter Soldaten passenderweise »Camp Mahnmal« getauft, von einer widernatürlichen Erscheinung in Beschlag genommen: einem Rückkehrer-Regiment.

Der imperiale Weltraum war gewaltig. Aufgeteilt in Segmente und Subsegmente, Sektoren und Untersektoren, bestand das von den Menschen beherrschte Stück der Galaxis aus einer schier unendlichen Anzahl von Planeten, auf denen Abermillionen Tag für Tag im Namen des Imperators aufbrachen, um an den ebenso zahllosen Fronten in einen ewigen Krieg um das Überleben der Menschheit geworfen zu werden.

Dass ein Regiment jemals zu der Welt zurückkehrte, auf der es ausgehoben war – und dabei nicht als kämpfende Einheit zur Verteidigung jener Welt herangeführt wurde – war daher im Grunde so unwahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass ein Wassertropfen dieselbe Stelle eines Flusses zwei Mal passierte.

Daher wurden Regimenter, die zur Wiederaufstockung auf ihre Heimatwelt zurückkehrten, zumeist mit Argwohn, zumindest jedoch mit Verwunderung in Empfang genommen. Wie der Rückkehr in Mutters Schoß haftete einer solchen Heimkehr meist der Makel der Feigheit an. Als seien die entsandten Truppen nicht auf das vorbereitet gewesen, was sie erwartete.

Dem fünfhundertzwölften Regiment erging es da ähnlich. Besonders auf Seiten des Department Munitorium, so die Aussage Colonel Ekkos, runzelten sich reihenweise die Stirnen.

Daher war die Interaktion der Soldaten mit den Bewohnern Serahrehs und der restlichen Bevölkerung des Planeten auf ein Minimum begrenzt worden.

Rahael konnte das eigentlich nur recht sein. Er fand an diesem Planeten nichts, was ihn interessiert hätte.

»Du kommst einfach nicht von ihr los, oder?«, wollte Melbin wissen, lenkte die Gedanken seines Streifenpartners wieder auf das engelsgleiche Antlitz der Sororita.

Der Angesprochene zuckte die Schultern.

»Sie wollte dich umbringen«, fuhr der massige Mann fort, erreichte mit dieser Aussage aber nur wenig.

»Wir müssen alle irgendwann einmal sterben.«

Melbin schnaubte missvergnügt. »Sag das doch mal Itias.«

Soldat Itias, ein junger Basteter und wie Rahael zum ersten Mal mit den Grausamkeiten des großen Universums konfrontiert, hatte mit dem jungen Cadianer im Laufe der Kampagne auf Agos Virgil im selben Trupp gekämpft. Dadurch war zwischen den beiden eine gewisse Freundschaft entstanden. Doch anders als ihm selbst, war Itias die Möglichkeit Halt zu finden verwehrt worden und so hatten ihr die sinneszerfetzenden Geschehnisse in ein tiefes Loch fallen lassen, aus dem es kein Entkommen mehr gab.

Irgendeines Morgens auf der Rückreise hatten ihn seine Truppenkameraden auf seiner Pritsche liegend gefunden, bereits erkaltet, aber mit friedlichem Gesichtsausdruck.

Doktor Calgrow, die Regimentsärztin, hatte bescheinigt, dass er irgendwann während der Nacht einfach gestorben war. Obwohl sie keinen wirklichen Grund für den Tod des jungen Mannes ausmachen konnte, tippte sie auf Selbstmord und legte den Fall zu den Akten.

Rahael allerdings gelang es nicht, einfach so loszulassen.

Mehr denn je beherrschte seitdem eine Überlegung seine Gedankenwelt: Wie viel konnte ein Mensch ertragen?

Vielleicht würde er irgendwann eine Antwort darauf erhalten. Vielleicht auch nicht. Wer wusste das schon?

Fest stand zumindest: der Imperator – in seiner unendlichen Güte – hatte ihnen einige Wochen der Ruhe und Erholung beschert, bevor er sie mit einem Wink seines langen bürokratischen Arms erneut in den Ewigen Krieg um das Überleben der Menschheit schicken würde.

Und auch, wenn die ihnen geschenkte Zeit nicht mehr war als eine Zahlung in Raten, so wusste Rahael, dass er sie nicht verschwenden würde.

»Guten Morgen, Melbin. Rahael«, näherte sich den beiden Patrouillierenden eine neue Stimme.

»Guten Morgen, Corporal!«, antwortete Melbin.

»Alles in Ordnung?« Corporal Gorak, vormals einer der Soldaten des Trupps und der wohl beste Freund von Melbin, trat an die beiden heran. In der Schlacht um Agos Virgil hatten das Duo Gorak und Melbin einige beeindruckende Taten vollbracht, und vermutlich wären sie zu einem Spezialistenteam zusammengewachsen, wenn der für sie verantwortliche Captain Gorak nicht für eine Beförderung vorgeschlagen hätte, um das ausgedünnte Führungspersonal neu zu strukturieren.

Nun war ihnen der ehemalige Kamerad vorgesetzt. Allerdings bedeutete das nicht, dass sich seine Einstellung oder sein Verhalten gegenüber geändert hätten – sah man einmal davon ab, dass er plötzlich ein wenig förmlicher geworden war. »Irgendwas zu sehen?«

»Hier ist nichts zu sehen«, grummelte der Hüne an Rahaels Seite missmutig. »Nur Sand und ein paar große Viecher, die mal auftauchen und dann wieder verschwinden.«

»Willkommen auf Bastet«, entgegnete Gorak und klopfte Melbin gegen den Arm. Um dessen Schulter zu erreichen, hätte er sich strecken müssen.

»Schon irgendwas gehört wegen unseres Ersatzes?«, wollte Rahael wissen.

Der Corporal schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich. Ich habe vorhin gesehen, wie der Lieutenant mit Captain Balgor gesprochen hat.« Der Lieutenant – namentlich Baldrian Lenhim – war ihr ehemaliger Sergeant gewesen und ähnlich wie Gorak der Beförderungsflut im Rahmen der Regimentsneustrukturierung zum Opfer gefallen.

Nun diente er als Lieutenant und Zugführer in einer Zwischenebene, denn die im Regiment eigentlich als Züge bezeichneten Einheiten waren zu Kompanien umgegliedert worden, was im Grunde nichts anderes bedeutete, als dass sich die Anzahl der Befehlsebenen erhöht hatte. Bürokratie eben.

»Angeblich wollen sie uns Freiwillige zuteilen, mit denen wir unsere Einheiten neu aufstocken können«, fuhr der Unteroffizier fort und drehte abschätzig die Hand. »Aber ganz ehrlich? Selbst die Offiziere bezweifeln, dass sie dermaßen viele Freiwillige finden, wenn sich erst einmal herausgestellt hat, wie viele Soldaten wir auf Agos Virgil verloren haben.«

»Na, großartig«, grummelte Melbin weiter, »dann weiß ich ja schon, wo sie nach Freiwilligen suchen werden.«

Er meinte Gefängnisse, Arbeitslager und all diejenigen Orte, an denen sich der Bodensatz der Gesellschaft sammelte, für den das Leben in der Imperialen Armee zumindest noch den Vorteil einer relativen Freiheit bedeutete.

»So lange sich die Leute formen lassen, sollte das kein Problem sein«, stellte Gorak fest. »Aber dir wäre es vermutlich lieber, wenn wir noch ein paar Cadianer mehr ins Regiment bekommen, oder?«

»Oder Elysianer oder Valhallaner oder sonst wen«, wandte der Hüne ein. »Aber bloß keine Tallarner. Die stinken immer so nach Mukaali-Scheiße.«

Gorak lachte leise. »Ich bin mir sicher, dass sie uns genügend Truppen zur Verfügung stellen werden.«

»Hoffen wir’s«, fügte Rahael an und sah wieder auf seine Faust, in der er das Ekklesiarchie-Symbol verbarg.

»Und wie geht es dir?«, wollte Gorak freundlich wissen.

Noch bevor der junge Cadianer die Gelegenheit zur Antwort erhielt, übernahm Melbin das Zepter der Gesprächsführung. »Er weint noch immer seiner Verflossenen hinterher.«

»Sile?« Gorak schürzte die Lippen. »Ich weiß nicht, Melbin. Ich denke, die Schwester hatte deutlich mehr zu bieten als du«, neckte er seinen ehemaligen Truppkameraden, was dieser mit einem beleidigten »Ha, ha«, quittierte.

»Hast du denn noch mal irgendwas von ihr gehört?«

»Nein«, erwiderte er nachdenklich, um das Siegel zu betrachten. »Denkst du, Corp, dass ich sie jemals wiedersehen werde?«

»Ich weiß nicht«, überlegte Gorak schulterzuckend. »Vermutlich müsstest du Gardist werden, um eine Sororita zu beeindrucken.«

»Gardist, hm?«, überlegte der junge Cadianer und schloss seine Faust um das ekklesiarchische Abzeichen.

Gardist zu werden in den Reihen der Imperialen Armee war eine Angelegenheit, die einem Menschen fast in die Wiege gelegt wurde. Und das buchstäblich.

Die Schola Progenia, die Waisenhäuser des Imperiums, waren jene Schmieden, in denen die Gardisten, auch bekannt als Tempestus Scions, geformt wurden. Gerüchte besagten, dass ihr Training unmenschlich hart und die Versagensrate der Auszubildenden hoch war (wie auch deren Todesrate).

Für einen einfachen Soldaten gab es keine Möglichkeit, sich für die Reihen der Scions zu qualifizieren.

Allerdings kannte er eine andere Gruppierung von Soldaten, die eine ähnlich elitäre Stellung einnahmen wie die Gardisten und deren Verbände durchaus durch reguläre Soldaten befüllt wurden.

Und zumindest von diesen Männern wusste er, dass sie unglaublich viel ertragen konnten.

 

***

 

Die Sonne war gerade damit beschäftigt, eine Fahne auf dem Gipfel ihres Tagesverlaufs zu hissen, als der nächste Gast sich anschickte, das Zelt des Kommandeurs aufzusuchen.

Schon an seiner Körperhaltung ließ sich ablesen, dass er nicht aus denselben Gründen zu seinem Vorgesetzten kam wie Kommissarkadett Alit oder Pilotin Amen. Dennoch begrüßte ihn Ekko mit den gleichen Worten. »Und wer sind Sie?«

Major Carrick, gerade im Eintreten begriffen, hielt inne. »Wie bitte, Sir?«

»Nicht so wichtig. Was kann ich für Sie tun, Major?«

Wortlos baute sich der dienstgradniedere Offizier vor dem Schreibtisch auf und nahm Haltung an. »Captain Balgor bat mich, Ihnen dieses Schreiben zu bringen, damit er nicht persönlich kommen muss. Das Departmento Munitorium hat uns gerade eine Mitteilung zukommen lassen: Man erwartet Sie heute Nachmittag zum Treffen mit dem Konsul Brag Fradd.«

»Was für ein Ding?«, hakte der Colonel nach, während er nach dem Schreiben griff, das ihm sein Stellvertreter hinhielt. Die Spitze in den Worten seines Stellvertreters überging er galant. »Und ich dachte immer, Alberic wäre ein bescheuerter Name.«

Er überflog den Schrieb, dann ließ er ihn auf den Berg aus Papier fallen, welcher sich auf seinem Schreibtisch angesammelt hatte. »Na, großartig«, stellte er wenig begeistert fest. »Ist es nicht schön, wenn man heimkommt und feststellt, dass sich nichts geändert hat?«

Carrick schwieg, doch Ekko entging nicht, wie ein kurzer Schatten über das Antlitz des anderen Offiziers zog.

»Was hat sich denn geändert?«, wollte er mit ruhiger Stimme wissen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Das Leder knirschte.

Stille hielt Einzug, senkte den Luftdruck im Raum spürbar. Kälte kroch unter dem blickdichten Vorhang des Kommandozelts hindurch wie Bodennebel und breitete sich ungestört aus.

Es war eine unheimliche Form von Kälte. Trocken, beinahe steril.

Nicht die Art von Kühle, die eine plötzliche Erkenntnis mit sich bringt, ein Schreck, der einem in die Glieder fährt. Nein.

Es war viel mehr die Kälte zwischen zwei Männern, die sich im Grunde nichts mehr zu sagen hatten und lediglich miteinander interagierten, weil die um ihre Hälse geschnallten Sprengbänder ansonsten explodierten.

Und das stimmte zu gewissen Teilen. Das Band zwischen Ekko und den Offizieren seines Regiments hatte während der Schlacht um die Himmelskathedrale von Agos Virgil einen großen Teil seiner Elastizität eingebüßt und war schließlich, bis auf einige wenige Fäden, nahezu vollständig gerissen.

Einen großen Teil der Schuld für diese Entwicklung hätte der Colonel wohl oder übel bei sich selbst suchen müssen. Immerhin waren es seine unorthodoxen und bisweilen als grenzwertig anzusehenden Methoden gewesen, die seine Untergebenen nicht nur ihre Nerven, sondern auch eine Unmenge an Vertrauen gekostet hatten und die dafür sorgten, dass die Moral im Regiment trotz des Sieges eine tiefe Niederlage erlitten hatte.

Auf ihren Gesichtern mochte sich dieser Umstand vielleicht nicht wiederspiegeln, aber in ihren Herzen grassierte Furcht. Furcht vor der Zukunft, Furcht um das eigene Leben und Furcht davor, dass ihr Regimentskommandeur sie irgendwann einmal in den Untergang führen würde.

Carrick gehörte zu jenen Männern. Ganz zum Schluss der Schlacht hatte er sogar etwas Ähnliches wie Insubordination begangen. Unterminierung der Befehlsgewalt.

Nur einem absurden Zufall war es zu verdanken gewesen, dass Ekko trotz dieser offenen Verweigerung in der Lage gewesen war, die Himmelskathedrale lange genug zu halten, damit Verstärkungen der Imperialen Armee die erschöpften und stark dezimierten Basteter entsetzten.

Allerdings war er viel zu faul, um sich weiterhin darüber Gedanken zu machen, also schrieb er die großen Problematiken seines Lebens dem Hass des großen Herren aller Menschen zu und seiner diebischen Freude, einen ganz bestimmten Offizier eines ganz bestimmten Planeten immer wieder aufs Neue zu quälen.

Der Colonel faltete die Hände vor dem Gesicht – die weichen Armlehnen des großen Sessels luden förmlich dazu ein – und betrachtete den vor ihm Stehenden.

Wo Ekko selbst dem Bild eines durchschnittlichen Basteters entsprach – eher mittlere Körpergröße, dunkle Haare, verhältnismäßig dunkle Augen und ein weiches, aber dennoch kantiges Gesicht – entsprach Major Carrick dem Idealbild eines Adonis. Hochgewachsen (er überragte Ekko um gut anderthalb Köpfe), von trainierter Statur und mit strohblondem Haar sowie unheimlichen, hellblauen Augen gesegnet, stellte er im Volk Bastets eine Besonderheit dar. Carrick gehörte zu der Sorte Mensch, die man lediglich ansehen brauchte, um ihnen zu verfallen. Er besaß eine Ausstrahlung, die einen natürlichen Kommandoanspruch emittierte. Etwas, das Untergebene und Vorgesetzte gleichermaßen in ihren Bann zog.

Das wirklich Bemerkenswerte an ihm war jedoch seine militärische Disziplin und die stets vorbildliche Verantwortungsbereitschaft, mit dem er sich den Respekt der Menschen um sich herum erworben hatte. Selbst Ekko, für den Formaldienst einer unliebsamen Art von Gartenarbeit gleichkam, konnte nicht umhin zuzugeben, dass er mit Carrick einen wirklich ausgezeichneten Fang für den Stab seiner Einheit gemacht hatte – auch wenn dieser Fang ihn zuletzt hatte töten wollen.

Jetzt richteten sich die eisfarbenen Augen des Majors auf seinen Vorgesetzten. Seine weiche, wohlklingende Stimme füllte das Zelt: »Sir, Sie haben doch ihre Frau vor einigen Jahren verloren. Wie … wie geht man damit um?«

»Oha«, erwiderte Ekko und erlaubte es dem Sessel, sein Gewicht fangen. Das Leder ächzte. »Das ist ein direkter Einstieg« Er deutete auf einen Sessel, der, etwas diagonal nach rechts versetzt, gegenüber dem Platz des Regimentskommandeurs an den ausladenden Schreibtisch grenzte.

Der Major nahm die Einladung an und ließ sich elegant auf die ebenfalls aus dunklem Leder bestehende Sitzgelegenheit sinken.

»Ich nehme an, Sie möchten das weiter ausführen?«, hakte der Colonel nach, obwohl sich in seinem Kopf bereits ein Puzzle zusammenzusetzen begann, das aus den Teilen der heutigen Vorhaben und Erlebnisse bestand. Seine Kombinationsgabe erwies sich als treffend.

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen jemals von meiner Frau erzählt habe«, begann der Major. »Laetitia.«

»Mir war bekannt, dass Sie verheiratet waren, aber wir haben uns nie über Ihr Privatleben unterhalten.«

Der Regimentskommandeur bemerkte die Verzweiflung, welche sich unterschwellig an die nächsten Worte aus Carricks Mund hängte. »Ich habe sie gesehen, Sir. Sie ist nicht mehr als ein zersetzter Schatten ihrer Selbst. Irgendeine seltsame, unbekannte Krankheit, die sie von innen heraus zerstört und zusammenfallen lässt wie eine …« – bei diesen Worten holte er tief Luft und schüttelte sich – »…wie eine lebende Tote.«

Ekko nickte. »Ja, davon habe ich schon einmal gehört«, stellte er fest. »Weiß man denn, wann es geschehen ist?«

Der Major schüttelte den Kopf. »Irgendwann kurz nach meiner Abreise.«

»Verstehe.« Erneut füllte Stille den Raum, setzte sich Kälte an den Wänden fest, und erst als Ekko erneut das Wort ergriff, brachen die Brocken unsichtbaren Eises von den Wänden. »Was denken Sie?«

»Ich weiß es nicht«, musste Carrick zugeben. »Vielleicht straft mich der Imperator? Vielleicht prüft er mich?«

Den wahren Gedanken, der hinter seinen Worten lag, sprach der Major nicht aus. Vielleicht hatte auch nur Ekkos Unglück, jene ungeliebte Freundin, die ihn seit jeher zu begleiten schien, in Carrick einen neuen Liebhaber gefunden und schmiegte sich nun an ihn, um sein Leben zu einer einzigen Lichtkaskade aus Unglück, Verzweiflung und Explosionen werden zu lassen.

Wäre es so weit gekommen, der Major hätte vielleicht ein wenig mehr Bewunderung für die überraschende Bravour erübrigen können, mit der sein Vorgesetzter ein Leben aus Hoffnungslosigkeit und fortwährenden Katastrophen meisterte.

»Haben Sie mit ihr reden können?«, setzte der Regimentskommandeur das Gespräch fort.

»Ja. Sie war kurz bei Bewusstsein«, nickte der Major. »Aber sie leidet. Sie leidet unendlich. Ich kann es einfach nicht ertragen, sie so zu sehen.«

»Was wollen Sie nun tun?«

»Ich …«, begann der Angesprochene, dann verstummte er und senkte den Blick für eine Weile. Als er wieder aufsah, strahlte Entschlossenheit aus seinen blauen Augen. »Ich habe ihr versprochen, sie nicht mehr allein zu lassen.«

Das saß. Ekko zwang sich, die Worte aufzunehmen und fest zu schlucken. Er fühlte seinen Mund trocken werden in der Erinnerung an eine Geschichte aus seiner Vergangenheit. Eine Geschichte, die aufbrach wie eine alte Wunde in jenem Moment, da er seinen Fuß erneut auf das Antlitz dieser verfluchten Welt gesetzt hatte. »Machen Sie einem Mädchen kein Versprechen, das Sie nicht halten können«, mahnte er seinen Untergebenen. »Ich habe es einmal getan und es bitter bereut.«

»Und was war der Grund?«

»Ich habe einem Mädchen geschworen, sie ewig zu lieben.«

»Und?«

»Ich tat es nicht – und nun ist sie tot.«

Carrick schwieg erneut für eine Weile. »Das spricht nicht gerade für Sie, Colonel«, sagte er schließlich.

»Tja«, zuckte der Colonel die Achseln. »Ich weiß nicht, ob sie das Leben an meiner Seite für erstrebenswerter gehalten hätte.«

Carrick blieb die Antwort schuldig, was Ekko jedoch mehr sagte, als jede Erklärung es getan hätte.

»Wie lange kennen wir uns schon?«, wechselte er plötzlich das Thema.

Carrick, durch diese Frage vollkommen überrumpelt, fiel nichts Besseres ein, als ehrlich zu antworten. »Gut zwei Jahre, Sir.«

»Und soweit ich mich erinnern kann, haben Sie während dieser Zeit unermüdlich mein Regiment verwaltet. Sie haben sich sogar gegen meine Pläne gestellt, als Ihnen deren Sinn für das Überleben der Männer zweifelhaft erschien. Und das will etwas heißen.«

Der Major überlegte eine Weile. »Ja, Sir. Das kann sein«, erwiderte er vorsichtig.

Ekko nickte und nahm das Pergament vom Tisch, das Kommissarkadett Alit ihm überreicht hatte. Gedankenverloren öffnete das Dokument und rollte es dann wieder zusammen. »Gehen Sie zu ihr, Carrick. Machen Sie nicht den Fehler, den ich damals gemacht habe.«

»Aber, Sir …«, begann der Major, wurde jedoch sofort unterbrochen.

»Niemand dankt es Ihnen, wenn Sie den Dienst vorschieben. Sie wird es am Allerwenigsten tun.« Er legte das Papier zurück auf den überfüllten Schreibtisch. »Und Sie werden es schlussendlich bereuen. Gehen Sie heim. Kümmern Sie sich um sie – und winken Sie mir ab und an, damit ich weiß, dass Sie wirklich noch leben. So lange kann Captain Balgor Ihre Aufgaben übernehmen.«

Mit diesen Worten entließ er den Major.

Carrick stand auf, langsam und fast kraftlos. Einige Momente lang stand unentschlossen vor seinem Sitz, dann wandte er sich zum Gehen.

»Ach ja«, entfuhr es dem Colonel. »Wissen Sie, warum sich eine Inquisitorin mit uns beschäftigen sollte?«

Der Major drehte sich um. »Bitte was?«

»Nicht so wichtig«, erwiderte der vor ihm Sitzende in dem Verständnis, dass er gerade eine wirklich dämliche Frage gestellt hatte. »Mir ist da vorhin etwas wirklich Witziges passiert und ich wollte Sie an meiner Freude teilhaben lassen.«

»Eine Inquisitorin?«, hakte der Major nach, ohne auf die Worte einzugehen.

»Ja. Mit einem Dekolleté, das einem Häretiker mehr Antworten entlocken würde als jedes mir bekannte Folterinstrument.«

»Warum sollte sich eine Inquisitorin mit uns beschäftigen?«, warf der blonde Basteter die Frage zurück, die ihm Ekko kurz zuvor gestellt hatte.

»Das wollte ich eigentlich von Ihnen wissen«, erwiderte dieser.

»Ich habe keine Ahnung.«

»Ich auch nicht. Aber keine Sorge«, beruhigte der Colonel seinen Stellvertreter »schlimmer als ein besonders abartiger Traum kann es nicht werden.«

Er sollte seine Meinung bald revidieren.

 

Und yay! Nächsten Sonntag geht es weiter!

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Und weiter geht’s!

 

Der Name dieses Kapitels ist Programm: Eines Besseren belehrt.

Ich habe bereits eine ganze Menge Input bekommen und dadurch viele Ideen, sodass ich die kommenden Kapitel noch einmal ein wenig umschreiben und ändern möchte. Das wird Zeit brauchen – und da mir aktuell die Kapitel ein wenig ausgehen und ich außerdem die nächsten 2 Wochen nicht da bin, wird sich das noch etwas ziehen.

 

Sagen wir … Ende Mai geht es weiter?

 

Viel Spaß beim Lesen!

 

 

05

 

Die Verwaltungsadministration der Imperialen Armee auf Bastet III war ein in sich geschlossener Sektor der Stadt Serareh, dessen Sicherheit durch eine fünfzehn Meter hohe und bis zu neun Meter breite Mauer sichergestellt wurde, auf der in regelmäßigen Abständen Wachposten stationiert waren.

Wuchtige Türme, lediglich mit wenigen Öffnungen versehen und daher eher Schießscharten denn richtige Fenster, standen als viereckige Beobachter in regelmäßigen Abständen über die Verteidigungsanlage verteilt.

Weitere Stellungen für Schwere Bolter und andere Maschinenwaffen säumten den Festungswall, beobachteten das umliegende Gelände mit wachen Augen.

Darunter reckten schwere Geschütze ihre langen Rohre aus kasemattartigen Stellungen in den Himmel wie die Stacheln eines sehr wehrhaften Tieres, bereit, jedem Angreifer im Notfall den Todesstoß zu versetzen.

Ekko schürzte anerkennend die Lippen und lehnte sich in seinem Sitz zurück, als der Stabswagen mit ihm an Bord von der breiten, stark befahrenen Hauptstraße abbog.

Die Kraft und Macht mit der die Bastion jeden Besucher (egal, ob Freund oder Feind) willkommen hieß, versetzte ihn ein ums andere Mal in Erstaunen.

Zwar war es noch nicht lange her, dass er das Gelände zum letzten Mal betreten hatte, doch seitdem schien eine Ewigkeit vergangen zu sein.

Und das Gefühl, die bösartige Fremde eines toten Planeten gegen die vertrauten Gefilde der Heimat eingetauscht zu haben, fühlte sich überdies fantastisch und erhebend an.

Mit diesem Ort verbanden ihn unendlich viele Erinnerungen. Viele von ihnen waren gut, andere wiederrum schlecht. Doch Fakt blieb: Bastet war seine Heimat – und sie würde es immer bleiben.

Das Fahrzeug wurde langsamer und kam schließlich vor einem Tor zum Halten, dessen Größe die einer imperialen Kathedrale nicht zu scheuen brauchte.

Zwei kolossale Pylonen, in Größe und Form den Beinen eines Warlord-Kampftitanen entsprechend, flankierten den Zugang in die ‚Verbotene Stadt‘, der durch einen dicken Schlagbaum versperrt war.

Zwei Wachsoldaten, in die Steppentarn-Uniformen der PVS von Bastet gehüllt und mit den obligatorischen Armaplast-Schutzwesten ausgerüstet, traten aus einem der Pylone, in den eine Art Sicherheitsposten integriert zu sein schien.

Ekko bemerkte, dass jenseits des Schlagbaumes ein Schwerer Bolter in einem befestigten Unterstand wartete, die Mündung auf den Stabswagen gerichtet. Wieso war ihm dieser nicht bei seinen letzten Besuchen aufgefallen?

Das Fenster des Fahrerplatzes fuhr unter dem leisen Surren von Elektromotoren herunter.

»Der Imperator und die Heilige Bastet beschützen«, grüßte der Wachsoldat, der dem Fahrzeug am Nächsten stand, in den Personenraum. »Papiere und Fahrtziel bitte.«

Sein Kamerad, gut anderthalb bis zwei Meter hinter ihm, umrundete die Fahrzeugfront, das Kantrael-Typ-36-Lasergewehr in Pirschhaltung.

»Der Imperator beschützt«; antwortete der Fahrer, ein Adept des Munitoriums. Die Heilige Bastet erwähnte er mit keiner Silbe. »Colonel Galard Ekko, 512. Sera, für Konsul Brag Fradd, Departmento Munitorium.«

Ein Klemmbrett, verziert mit den Insignien des Munitoriums, tauchte aus der Ablage zwischen Fahrer- und Beifahrersitz auf und wechselte den Besitzer.

Der Wachposten besaß sich die Informationen, die ihm die auf das Brett geklemmten Papiere verrieten, ein wenig genauer, dann warf er einen musternden Blick auf den imperialen Offizier auf der Rückbank, welcher diesen auf gleiche Weise erwiderte.

»In Ordnung«, sagte er schließlich und reichte Klemmbrett zurück an den Fahrer, der es wieder in der Ablage verstaute. »Sie können weiterfahren. Möge die Heilige Bastet Sie begleiten.«

»Danke, Corporal. Ruhige Wache. Der Imperator beschützt.«

Mit einem knappen Wink bedeutete der Soldat seinem Kameraden, den Weg freizumachen, dann trat er selbst vom Fahrzeug zurück.

Der Schlagbaum schwang hoch. Sie fuhren wieder an.

Jenseits des Tores öffnete sich das Gebiet urplötzlich.

Ekko kam sich vor wie ein Luftmolekül, das nach seinem Eintritt in die Nase und seinem Ritt durch eine (wenn auch recht kurze) Luftröhre schließlich in der großen Lunge ankam.

Gut einen Kilometer folgten sie einer breiten Straße durch ebenes Gelände, welche durch unregelmäßig gesetzte Schutzbauten und Bunkeranlagen gesichert wurde. Weitere kuppelartige Bauten verrieten, dass sich zusätzlich noch versenkte Unterstände im Gelände verbargen.

Wer diesen Stützpunkt der Imperialen Armee verschlingen wollte, der würde lange an den Verteidigungsanlagen zu knuspern haben und – mit ein bisschen guten Willen des Imperators – sich die Zähne daran ausbeißen.

Eine Unebenheit schüttelte das Fahrzeug durch, traf den Colonel mit dem trockenen Schlag einer detonierenden Handgranate. Soldaten sprangen rund um das Vehikel aus ihren Deckungen, traten den Rückzug vor einem unerbittlichen Feind an, der im Begriff war, die Himmelskathedrale von Agos Virgil im Sturm zu nehmen.

Unter dem dröhnenden Hämmern ihres Zwillingsbolters setzte eine Chimäre aus ihrer Stellung, wollte die Flucht der Infanteristen decken. Eine Rauchfahne zischte über Ekko hinweg, grub sich tief in das imperiale Kettenfahrzeug.

Mit einem trockenen Knall hob der Turm des Schützenpanzers ab, wirbelte in den azurblauen Himmel davon. Ekko blinzelte und wandte sich um.

Nur ein Tagtraum, versuchte er sich einzureden. Eine Erinnerung an vergangene Zeiten. Aber aus irgendeinem Grund war er sich dessen selbst nicht ganz sicher.

Sie ließen das Areal, das als »Sperrstreifen« bezeichnet wurde, hinter sich und folgten der Straße bis zu deren Mündung, einem ausladenden Kreisverkehr, auf dessen Mittelinsel eine aufragende, reich verzierte Säule die Ankömmlinge ins Herz des Armeehauptquartiers willkommen hieß.

Richtungsweiser, unförmige Tafeln mit gotischer Schrift, erklärten Ortsfremden mit knappen Worten, in welche Schwerpunktbereiche des Festungssektors die Fahrtwege ausfächerten, mit denen der Kreisel verbunden war. Ekko allerdings kam gar nicht dazu, einen längeren Blick auf die Schriften zu werfen, die ihm den Weg zu seinem Ziel gewiesen hätten, denn der Fahrer lenkte sein Gefährt mit überraschend hoher Geschwindigkeit in und durch den Kreisel, bevor sie ihn durch die dritte Ausfahrt gegen den Uhrzeigersinn wieder verließen.

Immer tiefer drangen sie in das einem Bronchialgeflecht gleichende Straßenverkehrsnetz ein, das sich irgendwo zwischen den gewaltigen Silhouetten wuchtiger Gebäude verlor.

Alles in allem wollte es dem Colonel so vorkommen, als repräsentiere die Anlage an sich die gesamte Struktur, mit der das Imperium auf Bastet III eingefallen war. Zumindest beschlich ihn das Gefühl, als er versuchte, sich einen geistigen Lageplan des Weges zu skizzieren.

Nach einer Weile gab er es auf. Blieb nur zu hoffen, dass zumindest der Fahrer wusste, wo in dem tief verschachtelten Sektor er seinen Gast abzusetzen hatte. Andernfalls würde der Colonel sich verirren und nie wieder heil aus der Verwaltungsadministration herausfinden.

Aber, schoss es ihm durch den Kopf, vielleicht hatte man ja auch gar nichts anderes beabsichtigt gehabt.

 

***

 

Wie die meisten Gebäude auf Bastet III war auch die Basilica Administratum des Departmento Munitorium ein auf Funktion ausgelegtes Gemäuer. Statt der trotz ihrer Wucht fragil erscheinenden, sehr vertikal betonten Bauwerke der imperialen Gotik, die vor allem durch ihre kunstvolle Bauweise und reiche Verzierungen bestachen, hatte man sich beim Bau des Administratums an einer im Vergleich dazu fast schon archaischen Baukunst bedient: der Monumentalbauweise. Das Gebäude musste nicht gut aussehen. Es sollte stattdessen möglichst starkem Beschuss standhalten und gut zu verteidigen sein.

Ein Horror für jeden Gegner, der es wagte, durch die Stadtmauern von Serareh zu brechen, den Festungssektor zu nehmen und das Munitorium zu attackieren.

Auf Bastet dachte man pragmatisch.

Dies begrenzte natürlich vor allem die Höhe der einzelnen Bauwerke, denn durch den Einsatz schwererer Materialien in Decken und Seitenwänden erhöhte sich der Druck, welcher auf besagten Seiten lag, exponentiell. Dadurch kam es, dass die Bauwerke mit wachsender Größe ‚kopflastig‘ zu werden drohten, was wiederrum eine Verstärkung der Mauern und somit eine Erhöhung des Gesamtgewichts notwendig machte.

Im Grunde ließ sich das Bauprinzip mit der Errichtung einer Sandburg vergleichen. Je mehr Sand man auf das Gebilde schüttete, umso massiger wurde es in seinen Ausmaßen. Allerdings verlor es dabei auch Beständigkeit und bereits eine kleine Erschütterung ließ ganze Teile des aufgeschichteten Sediments abrutschen.

Dasselbe Prinzip – wenn auch in anderen Ausmaßen und mit einem leicht differenzierten Hintergrund – konnte auf die Bauwerke Bastets angewandt werden. Und besonders die Bedrohung durch Feindfeuer erwies sich als katastrophal für die Lebensdauer der auf diese Weise errichteten Häuser, Tempel und Komplexe.

Und so hatte man mit der Zeit immer mehr Modifikationen vorgenommen, die sich auf die Sicherheit und die Statik auswirkten. Eine leichte Böschung der Außenwände ermöglichte es, die Stabilität der Gebäude zusätzlich zu erhöhen und ein wenig mehr des auf den Seitenwänden lastenden Drucks abzuleiten.

Aber im Grunde blieb das Problem unverändert:

Die basteter Bauwerke erschienen vergleichsweise blass und wenig beeindruckend im Angesicht anderer imperialer Konstruktionen, ähnlich einem kleinen, dicken Mann neben einer wohlgeformten Göttin.

Politisch, wirtschaftlich oder sozial bedeutende Gebäudekomplexe, Anlagen des öffentlichen Lebens sowie Stadttore oder Einlässe in bestimmte Gebiete bedienten sich daher eines kleinen Tricks, um ihre Bedeutung im generell sehr niedrigen gehaltenen Aufbau basteter Bauwerke ein wenig hervorzuheben: sie nutzten Pylone.

Pylone waren architektonische Besonderheiten, wie sie im Imperium nur auf wenigen Planeten vorkamen. Entgegen dem eigentlich obligatorischen gotischen Baustil, der die Macht und Eleganz eines Gebäudes als ebenmäßiges Werk auf dessen gesamter Größe präsentierte, taten Pylone im Grunde das Gegenteil.

Sie waren so etwas wie die Stein gewordenen potemkinschen Dörfer. Aufragende Turmkonstruktionen, die einer dahinterliegenden Anlage ein wuchtiges und vor allem wichtiges Erscheinungsbild verliehen, das diese eigentlich gar nicht besaß.

Auf Bastet symbolisierten diese wuchtigen Türme, die immer einen zentralen Torüberbau einrahmten, zudem die Berge des Horizonts, hinter denen die Sonne versank oder denen sie entstieg. Wie eine Grenze zwischen profanem und sakralem Raum, die das Leben der gewöhnlichen Menschen von den Heiligtümern des Imperators trennten.

Bauwerke, die sich reich verzierte Pylone leisten konnten, galten darüber hinaus als besonders wichtig und beachtenswert.

So auch die Verwaltung des Department Munitorium; ein gewaltiges, im Grundriss rechteckiges Bauwerk mit einer hochaufragenden Front aus insgesamt vier Pylonen, die ihm das Erscheinungsbild einer unfertigen Mauer gaben.

Gotische Zeichen, Statuen und Steinbilder zierten die Eingänge, hießen den ehrfürchtigen Besucher in ein Gelände Willkommen, von dem man wohl eher angenommen hätte, es sei einer besonders wichtigen und tragisch verschiedenen Persönlichkeit gewidmet.

Dass er in seinem Leben schon öfter falsch gelegen hatte, dass wusste Galardin Ekko. Aber als er sich an die Worte erinnerte, mit denen er Major Carrick vor nicht allzu langer Zeit beruhigt hatte, da keimte in ihm die Vermutung auf, dass er wieder einmal seiner großen Nemesis, dem allmächtigen Universum, in die Falle gegangen war.

Zumindest wollte es ihm so vorkommen, als er dem Wachposten, einem jungen Mann mit scharf geschnittenem Gesicht und dunklem Haar, vor dem Eingang zum Palast des Departmento Munitorium seinen Dienstausweis vorzeigte.

Der Mann beäugte ihn und die Angaben, auf der Identifikationsurkunde kritisch, so als gleiche er die schriftliche Behauptung eines Besuchers mit einer Liste geladener Bankettgäste ab. »Colonel Ekko?«, fragte er.

»Gibt’s hier sonst noch eine derart gut aussehende Persönlichkeit?«, fragte Ekko zurück.

Ein Moment der Stille folgte. Für kurze Zeit säuselte nur der Wind seine sanfte Melodie. In der Ferne schrie ein Gladius-Vogel lachend.

Sein Gegenüber versteifte sich und hob abrupt den Kopf. Eine Zeit lang suchte der Mann nach den richtigen Worten, um die Bemerkungen zu parieren, obwohl ihm die eingreifende Stille verschwörerisch zuflüsterte, er solle stattdessen doch lieber die Daten auf dem Ausweis mit den Identifikationsmerkmalen des imperialen Offiziers abgleichen.

Einige Gedankengänge später entschied sich der Wachposten, diesem doch sehr rationalen Vorschlag zu folgen.

Sein durchdringender Blick fiel auf das Gesicht, des Colonels, dann wieder auf den Ausweis. Als nächstes auf die Rangabzeichen auf dem Mantel, dann wieder auf den Ausweis. Zuletzt musterte der Sicherheitsposten den Nametag auf dem Drillich des Basteters, bevor er auch diese Information mit den Daten verglich, die ihm das Ausweispapier zeigte.

»Die Papiere sind in Ordnung«, gab er nach dieser doch sehr eingehenden Prüfung mit gewichtiger Stimme bekannt und gab den Ausweis zurück.

»Danke«, erwiderte Ekko, nahm den Ausweis an und steckte ihn in die Brusttasche seines Drillichs. Am liebsten hätte er den Soldaten aufgefordert, ihm im Gegenzug seinen Ausweis zu präsentieren, aber irgendwie war er dann doch viel zu faul dazu.

Er erwiderte den Gruß des Mannes und machte sich auf den Weg in die Tiefen der imperialen Administration.

Aus den Innenseiten der mächtigen Pylone beobachteten ihn die fein gehauenen Statuen bastetischer und imperialer Berühmtheiten.

Jenseits des wuchtigen Eingangs verstärkte sich der Eindruck, den die Anlage erweckte, in kürzester Zeit auf ungeahnte Weise.

Dort entspann sich ein massives Geflecht aus mehrstöckigen Administrationsgebäuden und Archiven, Bibliotheken und Amtszimmern, Sekretariaten und Kanzleien für die Arbeit von Tausenden, dank deren Hilfe sich nicht nur die PVS, sondern auch die auf Bastet ausgehobenen Truppenverbände der Imperialen Armee verwalten ließen.

Zentrum dieses ausladenden Areals war eine tempelartige Anlage aus großen, schweren Mauern und mächtigen Pylonentürmen, die ihr das Aussehen einer toten Spinne gaben, flankiert von langen Reihen aus Pfeilern und Säulen, Arkaden und Kolonnaden, die in gleichmäßigen Abständen voneinander die Längsfassaden säumten.

Allein der mit fein behauenen Steinen ausgelegte, breite Weg, der den Besucher durch den Haupteingang der Außenanlage bis ins Innerste der Armeeverwaltung führte, schüchterte durch die massive Zurschaustellung imperialer Macht derart ein, dass sich der Unglückliche wohl gefragt hätte, ob er diesen Bereich von Serareh jemals wieder würde verlassen können.

Alles an dem ehrfurchterregenden Werk zielte darauf ab, seinen Besuchern die allumfassende Macht des Imperiums zu präsentieren und mit erhobenem Finger daraufhin zu weisen, wie klein man in dessen Angesicht war.

Aufragende Palmen warfen eigenartige Schattenmuster auf den Vorplatz der Gebäudeflut. Seltsame, im leisen Säuseln des Winds lebendig erscheinende Gestalten, die über den Boden krochen wie zweidimensionale Monster, immer auf der Suche nach einem unvorsichtigen Ziel, das sie einhüllen und in ewige Dunkelheit stürzen konnten.

Einen Moment lang blieb der Colonel stehen, betrachtete den Bau vor sich und dachte an jenen Tag zurück, als er die Mauern des Administratums zum letzten Mal durchschritten hatte. Jenen Tag, an dem sich sein Schicksal untrennbar mit dem Schicksal des 512. Regiments Sera verknüpfte. Im Angesicht der vergangenen Monate fühlte sich die Erinnerung surreal an, fast unwirklich.

Konnte es wirklich wahr sein, dass er und seine Untergebenen sich erst vor einem halben Jahr aufgemacht hatten, gegen die Bösartigkeit des Universums anzutreten?

In seiner Erinnerung kam ihm das viel länger vor. Dort fochten sie bereits ein ganzes Zeitalter mit den Mächten der Finsternis – und gegen sich selbst.

»Entschuldigung, Colonel Ekko?«, adressierte ihn eine Stimme, irgendwo links im toten Winkel seiner Augen.

»Was würde Sie tun, wenn ich ‚Nein‘ sage?«, konterte er rhetorisch, während sein Blick auf dem Schattenspiel der Bäume fokussiert blieb.

»Das würde ich für sehr unwahrscheinlich halten«, fügte die Stimme an.

»Sehr mutig von Ihnen«, merkte der Offizier an, indem er sich nun doch umwandte.

Die rot berobte Gestalt vor ihm verneigte sich tief, sodass es dem Colonel nicht möglich war, ihr tatsächliches Aussehen zu erfassen. Allerdings ahnte er bereits, dass sicherlich kein Mensch vor ihm stand. In den administrativen Rängen der imperialen Verwaltung war der Anteil an reinen Menschen gering. Zu einem weit größeren Teil beschäftigte man dort Hybridwesen aus Lebewesen und Maschinen. Einerseits, weil diese in bestimmten Funktionen auf die mächtigen Fähigkeiten ihrer widernatürlichen Bauteile zurückgreifen mussten. Andererseits, weil es manche Leute schick fanden, ihre Körperteile durch Maschinenteile zu ersetzen – oder weil es nötig wurde.

In beiden Fällen wurden sie Colonel Ekko suspekt. Ihm war natürlich bewusst, dass kybernetische Lebewesen das Imperium am Leben (und am Laufen) hielten. Allerdings waren sie nun mal nicht mehr »ganz«. Und das beunruhigte den Offizier in ihm. Technologie war nicht so berechenbar wie der menschliche Wille. Diese Erfahrung hatte er mehrmals gemacht. Zumeist ging mit dem Machen einer solchen Erfahrung eine unglückliche Entwicklung einher, die ihn schon mehr als einmal in eine missliche Lage brachte.

Postwendend fiel ihm der Spiegel der Erinnerung mit Bildern aus der Schlacht vor Agos Virgil vor die Füße, wo er durchweg mit Technologie in Konflikt geriet und sogar in die Gefahr, von dieser getötet zu werden. Thronverdammte Raketenbatterien, dachte er bei sich und betrauerte stumm seinen alten Mantel.

Dann fiel er zurück in den Normalraum und sah auf. Der Mann vor ihm verneigte sich nach wie vor. »Und wer sind Sie?«, wollte der Colonel wissen.

»Nator, Colonel, Lexicat ersten Ranges des Konsuln Brag Fradd, Departmento Munitorium, Dienststelle Bastet, zu Ihrer Verfügung.«

»Was haben Sie getan, damit Ihnen diese Ehre zu Teil wurde?«, entwich es dem Colonel noch bevor er es verhindern konnte.

Die andere Gestalt sah ihn verständnislos an.

Ja, natürlich, dachte Ekko bei sich. Lexicaten waren Verwaltungsservitoren, so wie die meisten Servitoren höchstwahrscheinlich ehemalige Verbrecher, die man durch Bauteile »ergänzte« und sie dann umprogrammierte, damit sie der Gesellschaft dienten. Wenn das Ding vor ihm auf dieselbe Weise in den Dienst des Munitorium gelangt war, dann würde es sich vermutlich nicht mehr daran erinnern.

»Vergessen Sie es«, meinte er abwinkend.

Der Lexicat verneigte sich andeutungsweise. »Wollen wir?«, fragte er und hob einladend die Hand, deren metallene Skelettfratze Ekko herausfordernd anblickte.

Er ließ sich vor ihn nicht beeindrucken, sondern nickte stattdessen. »Nach ihnen.« Es war sicherlich keine Freundlichkeit, die aus ihm sprach.

Sie überquerten den Platz und traten durch den reich verzierten Haupteingang.

Schatten schnappten nach ihnen, zogen schnell über die hinweg und blieben dann stirnrunzelnd stehen ob der Tatsache, dass sie ihre Opfer nicht packen und mit sich in die Dunkelheit zerren konnten.

Im weiteren Verlauf des Tages würden diese lichtlosen Räume jenseits der blockierenden Palmblätter in ihre düsteren Höhlen zurückkehren und erregt über die Tatsache debattieren, weshalb es ihnen nicht vergönnt war, denselben Festigkeitsgrad zu erreichen, den sie bei sämtlichen dreidimensionalen Körpern in ihrem Erfassungsbereich beobachteten. Im Augenblick allerdings ärgerten sie sich einfach nur.

Derweil folgte Ekko dem ihm vorausgehenden Lexicat, der mit seiner deutlich zu langen Kleidung den Boden wischte, durch ein Geflecht aus  mehrstöckigen Administrationsetagen, auf denen die Archive, Bibliotheken und Amtszimmer, Sekretariate und Kanzleien für die Arbeit von Tausenden lagen, dank deren Hilfe sich die auf Bastet ausgehobenen Truppenverbände der imperialen Armee verwalten ließen.

Und aus irgendeinem Grund kam er sich dabei wie ein Vollidiot vor. Ob das allerdings an der Tatsache lag, dass er sich wieder einmal hoffnungslos in dem Gewirr aus Gängen verloren hatte oder er nach wie vor über die prekäre Situation nachgrübelte, in die er gebracht worden war, hätte er später nicht mehr sagen können.

Die Echos ihrer Schritte sprangen zwischen den langen Reihen der sie flankierten Pfeilern und Säulen, Arkaden und Kolonnaden umher wie eine kleine Hexe, die sich während ihrer ersten Flugversuche von den aufragenden Fassaden archaischer Häuser abstieß. (Ein Vergleich, für den der Chronist dieser Geschichte irgendwann einmal von zwei gut aussehenden Zwillingsschwestern des Adeptus Sororitas besucht wird.)

»Wie, sagten Sie noch einmal, heißen Sie?«, erkundigte sich Ekko, nachdem sie in einen Seitengang abgebogen waren und den Aufzug in die nächste Etage betreten hatten.

Noch während er auf dem Bedienelement das Ziel ihrer Reise eingab, spulte der andere seine Begrüßung erneut ab: »Nator, Colonel, Lexicat ersten Ranges des Konsuln Brag Fradd, Departmento Munitorium, Dienststelle Bastet, zu Ihrer Verfügung.«

»Verstehe«, antwortete Ekko und beobachtete, wie sich die grauen Türen des Lifts zuschoben, bevor er seine Augen auf den Lexicat richtete, der nun endlich die weite Kapuze seiner Robe abnahm.

Nator wirkte auf den ersten Blick wie ein unauffälliger, normaler Mensch mit wenig Haar und einer recht hohen Stirn, die ihm in Verbindung mit einer langen Nase ein vogelartiges Aussehen verliehen. Bei genauerem Hinsehen allerdings fiel dem Betrachter auf, dass die rechte Gesichtshälfte seltsam leblos wirkte. Fast wie bei einer Puppe, der man menschliche Haut aufgezogen hatte. Es war dem Colonel bereits bei der Begrüßung aufgefallen, denn dem eilig aus Nator hervorbrechenden Redeschwall schien zumindest diese Hälfte des Gesichts ein wenig hinterherzuhinken. Die Bewegungen der Wangen- und Mundpartie machten einen behäbigen Eindruck. Selbst ohne, dass dem Colonel der Technologisierungsgrad direkt offenbar wurde, ließ sich erkennen, dass Nator kein vollständig, funktionierender Mensch mehr war.

Einer der Gründe, aus denen Ekko seinen Blick nicht von ihm abwandte.

Nach einem kurzen Moment, der dem Colonel eher vorkam wie ein schwacher Ruck, hielt der Aufzug bereits auf der Etage, die der Lexicat eingegeben hatte. Sie stiegen aus.

Ein ausgewaschener, weinroter Teppich führte ihre Schritte tiefer in das triste, sandfarbene Innenleben der Munitoriums-Außenstelle, bemüht, wenigstens den Anschein einiger farblicher Akzente zu wahren.

»Bitte hier entlang«, bedeutete sein Führer ihm zu folgen, bevor er sich nach rechts in einen neuen Gang wandte, der von schmalen, eckigen Säulen flankiert wurde.

Wuchtige, mit Ornamenten reich verzierte Vasen duckten sich hinter die Pfeiler, musterten die Ankömmlinge kritisch und beobachteten jeden ihre Schritte aufmerksam, während die in ihnen lagernden Pflanzen traurig ins Leere starrten.

Ein unheimliches Gefühl der Rastlosigkeit machte sich in Ekko breit. Fast wie eine innere Stimme, die ihn regelrecht anflehte, den kalten Gebäudekomplex so schnell wie möglich zu verlassen.

Nun allerdings war es zu spät. Sie gelangten an ein großes, reich verziertes Tor, vor dem zwei Wachsoldaten ihre Posten hielten.

In dem Moment, da die beiden Ankömmlinge in Sicht kamen, nahmen die Männer zackig Haltung an. Die Gewehre schnellten in den Vorhalt.

Das Klirren der Repräsentationsrüstungen hallte weit über den erstaunlich leeren Gang, prallte von den Wänden und ab und verlor sich, ebenso hilflos wie Colonel Ekko, irgendwo zwischen den Säulen und Kolonnaden.

»Ist es nicht wunderbar, endlich wieder den straffen Formaldienst und die unbedingte Pflichterfüllung der PVS von Bastet III zu erleben?«, erkundigte sich der Lexicat, bevor er die roten, mit engen Reihen aus Totenschädeln besetzten Flügeltüren aufstieß und in den Raum dahinter trat.

Ekko derweil blieb direkt neben einem der in Präsentierhaltung verharrenden Soldaten stehen und betrachtete ihn eine Weile, bevor er drohend den Finger hob. »Sie haben da ein Staubkorn«, mahnte er und folgte dem Lexicaten erst, als die Antwort darauf ausblieb.

 

***

 

Brag Fradd, seines Zeichens Konsul des Departmento Munitorium, stand am Glas des mächtigen gotischen Fensters seines Büros und blickte auf die glitzernden Fluten der Maat, eines der großen Flüsse, welche die wenigen Meere Bastets speisten.

Die Basteter bezeichneten die Maat als Fluss des Schicksals, der die Träume, Wünsche und Hoffnungen der Menschen mit sich nahm und sie in das Meer der Tränen führte, wo sie verdunsteten und sich mit dem Universum vereinigten, auf dass der Imperator sie erhörte und in seiner unendlichen Gnade vielleicht die eine oder andere Bitte gewährte.

Ohne Frage bot der mächtige Strom einen erhebenden Anblick, aber für Fradd war er tatsächlich nicht viel mehr als eine stete Erinnerung an sein eigenes Schicksal.

Er war kein Basteter. Beileibe nicht. Die Menschen und die Kultur dieses Planeten waren ihm fremd. So fremd, dass er sie jeden Tag aufs Neue verteufelte.

Doch mehr als das konnte er nicht tun. Das wehrhafte Tier, das das Departmento Munitorium in Vertretung des Imperiums darstellte, schnappte nicht nur nach Feinden außerhalb seiner Reihen. Es riss die Menschen aus ihren Welten und verschleppte sie, irgendwohin in eine dunkle Höhle abseits der gewohnten Gefilde.

Doch wo die Furcht grassierte, sich der eigenen Welt zu entfremden, da gab es auch Widerstand. Da versuchte man, den Unannehmlichkeiten zu entfliehen, sobald sich einem die Gelegenheit bot.

Besonders traf dies auf ‚Außenweltler‘ zu, die, in die Regionen Bastets getrieben, dort strandeten und nach jeder Möglichkeit griffen, sich der wenig wohlgesonnen Umwelt und beziehungslosen Kultur zu entziehen.

Eigentlich an die gemäßigteren Zonen seiner Heimatwelt Abudant Minor gewöhnt, hatte es Fradd im Laufe seiner Dienstzeit in die ariden Gegenden verschlagen, aus denen sich das Gros der bewohnbaren Landfläche Bastets zusammensetzte. Tatsächlich glaubte er, in seiner Versetzung – wenn auch verknüpft mit einer Beförderung zum Konsul des Departmento – einen verzweifelten Versuch der Administration zu erkennen, seinem steilen Aufstieg auf die gleiche Weise ein Ende zu bereiten, wie eine Guillotine einem Delinquenten.

Wer einmal auf eine Welt wie Bastet versetzt worden war, eine unwirtliche und ungastliche Gegend, von der sich jeder zivilisierte Einwohner des Imperiums so weit wie möglich entfernt hielt, der erlitt einen tiefen Knick im weiteren Fortschritt seiner Karriere.

Tatsächlich bezeichnete man Posten wie den des Obersten Konsuls der Departmento Munitorium, Außenstelle Bastet, als Posten ohne Widerkehr – passend zu den Legenden, die sich in den Gegenden dieser fast schon neo-barbarischen Provinz hielten.

Zugegeben. Es handelte sich bei Bastet weder um eine Todeswelt, noch irgendeinen vom dauerhaften Krieg gebeutelten Planeten.

Wen es an einen solcher Ort verschlug, der brauchte sich keine Illusionen zu machen: Er würde nie wieder in die Wirklichkeit eines gemäßigten Lebens zurückfinden.

Bastet lag also nicht wirklich am Ende der Galaxie. Aber man konnte es von dort aus sehen.

Es wollte einem beinahe so vorkommen, als löste sich die Welt von Brag Fradd allmählich auf. Als zerfiel sie wie eine Papyrusrolle, die nach Jahrtausenden in einer Krypta von einem unachtsamen Archäologen ans Tageslicht befördert wurde.

Und das ärgerte ihn. Sehr sogar.

Denn Brag Fradd war ein sehr ambitionierter Mensch. Dass man seinem Fortkommen im mächtigen Verwaltungsapparat des Munitorium auf diese Weise ein Ende bereiten zu bereiten schien, das wollte er einfach nicht akzeptieren. Er konnte es nicht.

Für ihn, den eleganten, halbaristokratischen Sohn eines Magistraten des Imperiums, hatte es so etwas wie den hingebungsvollen Dienst nie wirklich gegeben. Der Imperator nahm und der Imperator gab.

Und da er Brag Fradds Dienste in Anspruch nahm, erachtete dieser eine Belohnung für seine Arbeit stets als selbstverständlich.

Dass es plötzlich anders sein sollte, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Dabei hatte er fortwährend versucht, seine Position durch kleine, aber gezielte Schläge gegen seine zumeist unfähigeren Kontrahenten zu behaupten.

Der Zweck heiligte nun einmal die Mittel. Zumindest von Zeit zu Zeit.

Dass ihn das Adeptus Administratum auf diese Weise für seinen Einsatz regelrecht bestrafte, das wollte ihm einfach nicht in den Kopf. Undankbares Pack.

Leider half leises Fluchen ihm an diesem Punkt auch nicht unbedingt weiter, sodass ihm lediglich blieb, die seinem Rang angediehenen Annehmlichkeiten in Anspruch zu nehmen, um der traurigen Wahrheit zumindest für einige Zeit zu entfliehen.

Und außerdem, zumindest das beruhigte ihn ein wenig, gab es Menschen, die sich in einer deutlich schlechteren Position wiederfanden als er.

Einer dieser Menschen wurde gerade von einem seiner Servitoren in den ausladenden Amtsraum geführt, in dem Fradd residierte, und bedachte ihn nun mit abwesenden Blicken aus Augen, die die Farbe brackigen Wassers besaßen.

Sein Name war Galardin Alberic Ekko, geboren und aufgewachsen auf Bastet. Allein das stellte bereits eine Sonderheit ohnegleichen dar. Wie sich jemand an einem Ort wie diesem aus dem Mutterleib quälen konnte, würde einem Menschen wie Fradd wohl immer ein Rätsel bleiben.

Dass Ekko überdies auch noch entschieden hatte, als Offizier im Astra Militarum – so der offizielle, hochgotische Name der Imperialen Armee – zu dienen, konnte man nur als passend bezeichnen … oder als abartig. Aus der Unwirtlichkeit in das Vergessen.

Vermutlich der Weg eines jeden Kriegers. Zumindest, wenn er für das Imperium der Menschheit kämpfte.

Und dabei wirkte der Mann, dessen Rangabzeichen ihn als Colonel auswiesen, nicht einmal wie ein Soldat.

Zwar trug er die unauffällige Steppentarnuniform aller bastetischen Einheiten, sowie einen Offiziersmantel und eine Schirmmütze mit dienstlich gelieferter Staubschutzbrille, aber dennoch erweckte er eher den Eindruck, sich demnächst auf eine Wandertour irgendwo in den Gebirgen des Jareth-Bezirkes begeben zu wollen, als den eines heroischen Kämpfers.

Sein Haar und Bart, beides von einer kräftigen, dunklen Färbung durchsetzt, wirkte zerzaust und in der Entscheidung gefangen, ob es sich als gestutzt oder wild bezeichnen lassen wollte. Die Haltung, mit der er sich präsentierte, ließ ihn irgendwie kraftlos erscheinen.

Hätte Fradd es aufgrund der Aktenlage nicht besser gewusst, er wäre überzeugt gewesen, dass sich die Person vor ihm einen Scherz erlaubte.

Doch neben den Informationen, die er über Ekko besaß, waren es vor allem die seltsam undefinierbaren Augen, die den Konsul warnten, sich vor seinem Gegenüber in Acht zu nehmen. Trotz aller Verschwommenheit wohnte ihnen ein gefährliches Funkeln inne, das normalerweise einem ungemein scharfen Verstand zu Eigen war.

Er erhob sich. »Colonel Ekko!«, begrüßte er den Ankömmling, während er seinen ausladenden Schreitisch aus dem Holz einer antiken Palmenart umrundete. »Willkommen auf Bastet – oder sollte ich sagen: zu Hause?«

Der Colonel ließ einen Augenblick verstreichen, den Fradd nutzte, ihm entgegenzutreten, bevor er die ihm dargebotene Hand recht desinteressiert schüttelte. »Bleiben wir bei Bastet«, sagte er mit einer Stimme, die auf bizarre Weise zu ihm passte. Sie war tief und mit einer Spur Nachdenklichkeit durchsetzt.

Für einen Basteter beeindruckend akzentfrei, glaubte Fradd dennoch zu bemerken, dass die Worte des Mannes schwer an einer Art Gelassenheit schleppten, die fast an Desinteresse grenzte.

Fast so, als stünde der Mann unter Drogeneinfluss. Ein Eindruck, der im Angesicht seiner doch eher abenteuerlichen Beurteilungen durchaus im Bereich des Möglichen lag.

»Natürlich«, erwiderte der Beamte. Hätte er sich in einem Spiegel betrachten können, ihm wäre aufgefallen, dass sein in Jahren administrativen Dienstes antrainiertes Lächeln verrutscht war. Nicht viel, aber es hätte gereicht, um Fradd zu ärgern, wo er sich anderen gegenüber doch eigentlich sehr gerne überlegen gab. »Wollen wir uns setzen?«

Ekko ließ einen Moment verstreichen, bevor er reagierte, der freundlichen Aufforderung nachkam, auf einem von zwei vor dem Palmenholzschreibtisch drapierten, archaischen Sesseln Platz zu nehmen. Altehrwürdiges Leder knirschte, als er sich setzte.

Auch der Konsul kehrte zu seinem Platz zurück, um sich mit einem hörbaren Ächzen in seine opulente Sitzgelegenheit sinken zu lassen.

Stille füllte den riesigen Raum, den Fradd als sein Arbeitszimmer zu bezeichnen pflegte, wie Wasser, das durch ein breites Rohr in einem leeren Tank gepresst wurde.

Als sie bereits zwei Handbreit unter der Decke stand, atmete der Konsul tief ein. »Tja, Colonel. Die Umstände, die Sie herführen, sind höchst unerfreulich«, umschrieb er den ersten Grund, aus dem er Ekko an diesem Tag in das Munitoriums-Hauptquartier von Bastet hatte kommen lassen.

»Ja«, antwortete der Besucher. »Ich wäre auch lieber ganz woanders.«

Nicht sicher, wie diese Bemerkung gemeint war, überhörte Fradd sie geflissentlich und fuhr stattdessen fort: »Fünf Regimenter, einfach vernichtet …«

»Vier Regimenter«, unterbrach der Colonel. »So etwa vierhundert Leute habe ich noch.«

»Aber – das ist noch nicht einmal Bataillonsstärke!«, versuchte der imperiale Administrat die Worte einzuordnen. »Sie hatten mal dreitausend Mann!« Er schüttelte entsetzt den Kopf. »Wie konnte es soweit kommen?«

Bei diesen letzten Worten wurde sein Tonfall bissiger und anklagender, gewürzt mit einem aggressiven Sarkasmus, der dem Gast sicherlich nicht entging. Zumindest deutete der ruckartige Augenaufschlag von Seiten Ekkos darauf hin, der das gefährliche Feuer hinter seinen brackwasserfarbenen Augen zum Vorschein brachte.

»Würden Sie mir glauben, wenn ich behaupte, dass es ein unglücksseliger Navigationsfehler war?«, erkundigte sich der Offizier.

Fradd öffnete den Mund zu einer scharfen Erwiderung, schloss ihn jedoch unverrichteter Dinge wieder. Wie sollte er darauf antworten?

Ekko kämpfte mit einem zweischneidigen Schwert. Als Militärführer für die Erfolge und Missgeschicke seiner Einheit verantwortlich, ließ er sich dennoch nicht für Schäden haftbar machen, für deren Geschehen er sich nicht schuldig sah.

Und wie Fradd nicht nur aus den sehr ausführlichen Berichten zur Schlacht von Agos Virgil, sondern vor allem dem Verhalten seines Gegenübers schloss, sah dieser keinen Grund, sich für den Verlust von dermaßen vielen Leben haftbar zu sehen.

Er war an jenen Ort befohlen worden und hatte dort das getan, was man von ihm erwartete und vor allem, was ihm laut all der über ihn existierenden Berichte entsprach: Trotz aller Widrigkeiten weiter ums Überleben zu kämpfen.

Kurz gesagt: Im Verständnis des gewöhnlichen imperialen Bürgers galt dieser Mann als Held, nicht als Schuldiger.

Im Grunde konnte man ihn auch nur als begrenzt verantwortlich bezeichnen, denn er war weder der Oberkommandierende des Verbandes gewesen, noch hatte er dessen Ansichten uneingeschränkt gestützt. Doch vor allem das in seinen eigenen Berichten skizzierte Verhalten seiner Person warf die eine oder andere Frage auf. Fragen, die zu stellen Brag Fradd nicht befugt war. Zumindest nicht öffentlich.

Natürlich hätte er den imperialen Offizier für seine Bemerkung zurechtweisen können, doch er bezweifelte, dass das Ekko wirklich imponiert hätte. Er schien nicht der Typ dafür zu sein.

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie auf derartige Schwierigkeiten stoßen würden«, stellte der Konsul nachdenklich fest, lehnte sich in seinem Sessel zurück und strich sich über den Kinnteil seines Knebelbarts.

»Als Schwierigkeit würde ich das nicht bezeichnen.« Ekko zuckte die Achseln. »Eher als Katastrophe.«

Fradd, immer noch damit beschäftigt, sein Barthaar zu striegeln, hakte nach. »Hätte es denn eine Möglichkeit gegeben, die Verluste zu vermeiden?«

Wieder füllte Stille den Raum, gurgelte über Sitzmöbel, Tische und Regale, ertränkte Papiere und Datenblätter, von denen mehrere Dutzend fein säuberlich auf Fradds Schreibtisch gestapelt lagen, und schickte sich an, erneut bis an die gut fünf Meter über ihnen residierende Decke zu steigen, als sie zum wiederholten Male von dieser Tätigkeit abgehalten wurde. Dieses Mal war es das urplötzliche Auflachen von Galardin Ekko, das nicht nur die Stille, sondern auch den verhältnismäßig schlanken Konsul überraschte, auf dessen länglichem Gesicht tiefe Falten erschienen.

»Na ja«, sagte der Colonel schließlich. »Wenn wir nicht hingegangen wären, dann schon.«

Erneut landete Galardin Ekko einen Volltreffer mit seinem zweischneidigen Schwert. Als Kommandeur seiner Einheit war er für den Dienst und die Leben seiner Untergebenen verantwortlich, ebenso wie für den ihm erteilten Auftrag. Es oblag seiner Verantwortung, diese beiden sich opponierenden Pflichten eines Kommandeurs gegeneinander abzuwägen und im Namen und zum Wohl des Imperiums zu entscheiden, welche von ihnen schwerer wog und wie er sie am besten gewichtete und kombinierte.

Nun aber stand dem Colonel nicht frei zu entscheiden, einen ihm gegebenen Befehl einfach zu ignorieren oder den Sinn dessen zu hinterfragen, was ihm aufgetragen worden war.

Allein das ließ sich als Kritik am Verwaltungsapparat des Imperiums auffassen und konnte zu schweren Strafen, zumindest aber zu Entrüstung und Ablehnung führen.

Dementsprechend aufgebracht reagierte Fradd auf die Worte seines Gegenübers: »Das ist beschämend!«, rief der Konsul entrüstet aus. »Blasphemisch! Wie können Sie es wagen …?!«

Doch darauf schien Ekko nur gewartet zu haben. Noch während der Konsul seine Wut über die sarkastisch-freche Aussage in den ausladenden Raum warf, begann bereits der verbale Gegenschlag des Colonels. Deutlich ruhiger, aber mit bestimmter und eindringlicher Stimme, die dem Administraten den Mund schloss, erwiderte er: »Nein! Wie können Sie es wagen?!«

Brag Fradd hatte nämlich eines vergessen: das Militär des Imperiums auf dieselbe abwertende Weise zu betrachten, wie er sich von dessen Vertreter behandelt führte, war im Angesicht der Lage ebenso unklug.

»Es ist erstaunlich, dass der Erfolg, die für das Imperium so wichtige Schreinwelt bis zum Eintreffen einer weitaus größeren Streitmacht zu halten, ins Gegenteil verkehrt und zu einer Schwäche stilisiert wird«, zwang der Offizier den Administraten auf seinen Platz zurück. »Die Männer und Frauen unter meinem Kommando haben ihren Dienst für den Imperator unter widrigsten Bedingungen getan, stets im Glauben an ihren Auftrag und das vor uns liegende Ziel. Wir haben den Verlust von vier Regimentern überlebt und dem Feind unter Aufbietung all unserer Kraft die Stirn geboten.« Er knirschte mit den Zähnen. »Glauben Sie wirklich, dass noch irgendeine Armee erfolgreich auf dem Planeten gelandet wäre, wenn es nicht gelungen wäre, die Himmelskathedrale zu halten?«

Er stieß verächtlich Luft aus. »Der Feind war uns überlegen. Bei weitem. Er hatte mehr Truppen, einen offensichtlich fähigen Anführer – soweit man das bei Xenos überhaupt annehmen mag« – bei diesen Worten vollführte er eine wegwerfende Handbewegung – »und deutlich mehr Ausrüstung als das bisschen trauriger Entsatz, das sich über Agos Virgil sammelte und dann entschied, dass man noch mehr Leben für den Imperator sinnlos opfern kann.«

Bei diesen Worten fuhr Brag Fradd entrüstet auf, doch als er seine feine Stimme zu einem Protest erhob, redete ihm Ekko einfach über den Mund.

»Sie sitzen hier in diesem Hauch von Dekadenz und rümpfen die Nase über Statistiken. Wir hatten nicht mal genügend Schützenpanzer, um alle meine Infanteristen ins Gefecht zu bringen. Wir sind gerannt wie die Blöden, nur um erschöpft in den Nahkampf gegen einen Gegner zu gehen, der sich von einem einfachen Lasergewehr nicht aufhalten lässt. Haben Sie schon mal gegen einen zwei Meter großen Ork gekämpft? Gegen eine Gruppe Squiggs oder ein Chefoberboss-Dings mit Rüstung? Sie haben sich doch sicherlich noch nie zuvor mit Blut bespritzen, von Explosionen blenden oder mit Gedärmen bewerfen lassen, bis Ihnen die Reste des Essens vom vorherigen Tag wieder hochkamen, weil sie aufgrund der Rationierung und der Versorgungslage hungrig auf dem kalten Wüstenboden gelegen haben und kein Auge zu machen konnten. Gehen Sie durch solch ein Erlebnis, behalten Sie dabei Ihren Glauben an das Imperium und den Imperator und kehren Sie danach lebend zurück. Und dann kommen Sie noch mal zu mir und sagen mir, was Sie gerade gesagt haben. Sagen Sie es mir ins Gesicht und überzeugen Sie mich, dass Sie es immer noch ernst meinen.«

Fradd erblasste sichtlich.

»So habe ich das doch gar nicht gemeint«, stammelte er, obwohl er sich durch die ganze Aufregung schon gar nicht mehr daran erinnern konnte, was er überhaupt gesagt hatte.

Nicht, dass es für ihn irgendeine Bedeutung gehabt hätte. Galard Ekko war ein Colonel, ein kleines Licht in der Kommandokette und unwichtiger als ein abgelöstes Kettenpolster an den Gleisketten eines Leman-Russ-Kampfpanzers. Tatsächlich hätte es keinen einzigen Grund dafür gegeben, dass der Colonel überhaupt die Stimme gegen einen Konsul erheben durfte.

Allerdings war der imperiale Administrator im Angesicht von dermaßen viel verbalem Offensivpotential vollkommen überrumpelt und unfähig, sich auf seine Imperator-gegebenen Rechte zu berufen.

»Colonel«, antwortete er stattdessen, ein leichtes Zittern der Aufregung in der Stimme, »niemand würde es wagen, die Schuld des Feldmarschalls auf Sie abzuwälzen. Es war Iglianus, der seine Streitmacht in den Untergang führte. Die Chronisten werden seine Rolle in die imperiale Geschichtsschreibung einordnen. Dennoch: Neben Lord-Kommissar Del Mar sind Sie der ranghöchste überlebende Offizier und Ihre Taten werden dementsprechend kritisch beäugt.«

Sein Besucher lachte verhalten und schüttelte den Kopf.

Ruhelos strich sich Fradd durch sein dünnes, schulterlanges Haar, das künstlich und mit viel Aufwand aufgebrauscht worden war, und das ihn irgendwie wie einen fehlrasierten Pudel aussehen ließ. »Ich nehme an, dass sie sich derartige Fragen in den kommenden Wochen noch öfter anhören dürfen.«

Es dauerte einen oder zwei Anläufe, bis sich sein Besucher innerlich darauf einigte, welche Antwort er geben wollte und diese sinngemäß an sein Sprachzentrum übermittelt hatte.

»Ja, ich auch.« Ekko seufzte leise und lehnte sich in einem Sitz zurück. Altehrwürdiges Leder knirschte erneut, als wollte es ihn daran erinnern, dass es bessere Momente gab, in denen er sich mit der Vergangenheit seines Lebens auseinandersetzen konnte.

Eine Weile lang schwieg er, versunken in finsteren Gedanken und Erinnerungen an jene Dinge, durch die er und seine Einheit gegangen waren, bis schließlich ein kurzer, kühler Zug aus Vermutungen durch seine Gehirnwindungen zog, erst zur Überlegung und schließlich zur Wahrheit wurde.

Seine Miene verdüsterte sich. »Heißt das, dass es das Munitorium war, das mir diese Inquisitorin auf den Hals gehetzt hat?«, wollte er mit scharfer Stimme wissen.

Fradd erbleichte. »Inquisitorin?«, brachte er hervor.

Ekko nickte. »Ja. Sie wissen schon: So ein schlankes Ding, ungefähr so hoch.« Bei diesen Worten zeigte er die ungefähre Höhe der Frau mit seiner Hand an. »Feines Gesicht, aristokratische Haltung und eine ganze Menge Panzerung im Frontbereich.«

Der Konsul blieb eine Erwiderung schuldig, gleichermaßen erstaunt und erschüttert von der Offenbarung seines Gegenübers.

Ekko deutete die Reaktion teilweise richtig. »Wollen Sie mir sagen, Sie wussten es nicht?«, brach es aus ihm hervor. »Ihnen war nicht bewusst, dass sich eine Inquisitorin auf Bastet aufhält?

»Doch …«, erwiderte der andere schnell. Vielleicht ein wenig zu schnell. »Doch. Ich … aber … ich wusste nicht, dass sie bei Ihnen …« Er verstummte erneut.

»So, wie Sie sich gerade über unseren Fehl ereifert haben, würde es mich wundern, wenn sie wegen einer anderen Angelegenheit hier wäre. Zumal sich die Dame mir gegenüber doch sehr drohend verhielt«, stichelte der Colonel weiter.

»Drohend?«, wiederholte sein Gesprächsgegner die Worte abwesend. »Ich verstehe nicht … ihre Mission auf Bastet ist geheim …«

»So, so«, begriff der Colonel die Worte des anderen. »Die Mission ist also geheim.«

Die betont ruhige und nachdenkliche Art, in der der imperiale Offizier gesprochen hatte, ließ den Konsul aufblicken. Er bemühte sich die Gedanken seines Gegenübers zu ergründen oder zumindest zu verstehen, wie dessen Aussage interpretiert werden konnte, blieb jedoch dabei seltsam erfolglos.

Eines der vielen Dinge, die Brag Fradd an Bastet nicht verstand, war das Wesen der Basteter. Einer Zivilisation, die sich in vielen Punkten vom Gros der imperialen Welten unterschied und die, weit draußen in den Weiten des Segementum Pacificus, fast so etwas wie eine Sonderstellung einnahm. Neo-Barbaren, die sich unter Gewand einer vermeintlichen Hochkultur verbargen.

Vor allem aber kannte der Konsul das Wesen von Galardin Alberic Ekko nicht.

Und im Wesen der Basteter stellte dieses noch einmal eine Besonderheit dar.

Für Colonel Ekko gab es den Begriff ‚geheim‘ nicht. Er kannte auch das Trennungsgebot zwischen ‚Kenntnis wenn erforderlich‘ und ‚Kenntnis nur wenn nötig‘ nicht. Zumindest, wenn es die Pläne eines anderen betraf.

Mit demselben Funken, mit dem die ersten Urmenschen das Feuer erweckten – oder zumindest einem Funken, der ähnlich stark glühte und ebenso verkohlt roch – entzündete sich die Neugier des imperialen Offiziers.

Schnell gewann sie an Form, Farbe und Intensität und malte mit den Flammen unbändiger Vorfreude auf eine nicht näher einzuschätzende Zukunft ein schwaches Glühen in das Gesicht des imperialen Offiziers.

Für diejenigen, denen diese Eigenheiten des imperialen Offiziers bekannt waren, bedeutete eine derartige Entwicklung ein erstes, unheimliches Zeichen auf eine bevorstehende Interessenschwerpunktfokussierung.

Brag Fradd bemerkte es nicht.

Das Einzige, was ihm auffiel war, dass Ekko in den letzten Momenten einen recht gesunden Farbton entwickelt zu haben schien, deutlich dunkler und kräftiger als der eines durchschnittlichen imperialen Bürgers, aber nicht dunkel genug, um ihn als Bewohner der südlichen Äquatorialebene von Bastet zu identifizieren. Es war mehr eine ins bronzefarbene gehende Haut, die dem Colonel eine bald schon charismatische Ausstrahlung verlieh. Hätte er behauptet, er wolle mit mächtigen Rüsseltieren über ein Gebirge ziehen, um ein riesiges Imperium zu attackieren, man hätte ihm diese Behauptung ohne weiteres abgenommen.

»Aber vermutlich wird das auch nicht Ihr Problem sein, richtig?«, riss der Colonel den Konsul aus seinen Gedanken.

Der war für einen Moment nun vollkommen verwirrt und brauchte einige Momente, um sich zu fangen. »Ich … was?«

»Für Sie stellt sich doch einfach nur die Frage: ‚Wie können wir das Regiment auffüllen und möglichst schnell wieder einsatzbereit machen‘, nicht wahr?«, fuhr der Colonel fort, ohne dass Fradd die Gelegenheit erhielt, etwas zu der Thematik beizusteuern. »Ich vermute, dass sich uns diese Frage ebenso stellt. Wir alle haben einen Grund, aus dem wir kämpfen. Auf Bastet haben wir keine Zukunft. Dafür haben wir uns dieser Welt zu sehr entfremdet. Weswegen wir auch nicht vorhatten, jemals hierher zurückzukehren. Ich selbst habe die Einheit vor gut anderthalb Jahren übernommen, aber andere kämpfen bereits seit fünfzehn Jahren. Es gibt für uns kein ‚einfach aufhören‘. Wir können nicht einfach sagen: ‚Jetzt ist Schluss. Gehen wir nach Hause‘.«

Fradd nickte verstehend, auch wenn er nicht unbedingt begriff, worauf Ekko hinauswollte. Er betrachtete den Mann, dem er gegenüber saß, musterte dessen gut einen halben Kopf größere, schlanke Statur.

»Das ist gut«, bemerkte der Konsul unsicher. »Die Galaxie ist groß – und die Feinde des Imperators sind zahlreich. Wir benötigen jedes Regiment und jeden Mann.«

»Dann haben Sie also schon einen Plan, wie Sie uns neu ausrüsten und einsetzen wollen?«

Fradd zögerte. »Im Grunde … ja. Grob.«

»Also nicht«, schloss sein Gast aus der ungenauen Aussage.

»Doch«, versicherte der Konsul. »Es ist bereits bekannt, dass Sie eine Art Luftkavallerieregiment bilden werden, das bisher noch undesigniert ist.«

»Ein Luftkavallerieregiment?«, überlegte Ekko und sah sich suchend um. Dann beugte er sich verschwörerisch vor und bedeutete dem Konsul, sich selbst über seinen Tisch zu lehnen, bevor er ihm ins Ohr flüsterte. »Das klingt nach einer thronverdammten Scheißidee.«

Fradd stieß entrüstet Luft aus.

»Wir haben ja nicht einmal Gerät dafür«, brachte sein Gegenüber zum Ausdruck, während er sich entspannt zurücklehnte und den geschockten Blick des Konsuls genoss. Seine Hände wedelten in nichtssagenden Gesten umher. »Und keine Ausbildung.«

»Richtig«, stimmte den Konsul zu, sichtlich darum bemüht, die Fassung zu behalten. »Aber das wird sich bald ändern. Entsprechend geschultes Personal und Ausrüstung sind bereits auf dem Weg hierher, um in Ihr Regiment eingegliedert zu werden.« Als sich der bronzefarbene Hautton des Colonels weiter zu verdunkeln schien, fügte er schnell hinzu: »Sehen Sie das Ganze als eine Möglichkeit zur Erweiterung der eigenen Fähigkeiten.«

Ekko sah Fradd an, ein leicht entrücktes Lächeln auf den Lippen, und schüttelte entnervt den Kopf. »Sie haben recht. Das klingt nach einem groben Plan.«

»Sie werden sich daran gewöhnen«, versicherte der Konsul mit ein wenig Nachdruck, bevor er zu einem der auf dem Tisch residierenden Datenpads griff und dieses dem ungläubigen Colonel reichte.

»Hier sind die bisher zu Ihrem neuen Kommando verfügbaren Informationen sowie die Spezifikationen, nach denen Sie Ihr bitte Ihr Einsatztagebuch neu konfigurieren.«

Ekko nahm das ihm gereichte Anzeigegerät entgegen und warf einen Blick darauf. »Astra Militarum«, las er laut vor. »Was ist das denn jetzt schon wieder?«

»Was?«, brachte der Konsul seinen Schreck zum Ausdruck. »Das ist der offizielle Name der Imperialen Armee!«

»Aber nicht, als ich diesen Planeten verlassen habe«, zischte der Colonel. »Und da wäre noch etwas«, stoppte er seine eigenen Gedanken, bevor sie aus seinem Kopf sprangen, zu Fradd stürmten und diesem die Nase demolierten. »Wir haben auf Agos Virgil eine Gruppe von Kasrkin zugeteilt bekommen. Von denen wabern noch drei in meinem Regiment herum.«

Der plötzliche Themenwechsel überraschte den Administraten. Natürlich hatte er vom Einsatz cadianischer Kasrkin während der Schlacht gelesen (und deren Vernichtung im Zuge der Kämpfe), aber er war dennoch nicht in der Lage, die Worte seines Gegenübers richtig einzuordnen. »Was ist mit den anderen passiert?«, wollte er wissen.

Ekko hob seine Hand und ließ die Handfläche wie eine Blume in Zeitraffer aufschnappen. Dazu stieß er explosionsartig Luft aus. Es bestand keine Zweifel daran, was er mit dieser Geste meinte.

»Oh«, murmelte Fradd und nickte verstehend. »Und was möchten Sie nun wissen?«

»Na ja, wo kann ich die loswerden?«

»Wieso wollen Sie eine derart erfahrene Grenadiereinheit loswerden? Es ist eine große Ehre, solch eine Eliteeinheit zugeteilt zu bekommen.«

»Das mag stimmen«, gab Ekko zu, um seine Aussage sofort wieder einzuschränken. »Aber was soll ich mit drei Kommandosoldaten?« In zuckte nachdrücklich die Schultern. »Das ist ja nicht einmal ein vollwertiger Einsatztrupp.«

»Dann machen Sie einen draus.«

»Bitte, was?«

»Na ja – die Einheit aus ihrem Kommando zu lösen und einer anderen Eliteeinheit zuzuführen wäre kostenintensiver, als sie in Ihrem Regiment zu belassen und ihr weiteres Personal zuzuführen.«

»Das soll ein Scherz sein«, brachte der Colonel hervor. »Ich meine … woher soll ich das Personal nehmen?«

»Sie haben doch sicherlich verdiente Infanteristen, oder?«

»Haben Sie zufällig noch einen weicheren Sessel? Dass ich mich besser setzen kann?«

»Wenn Ihnen das Personal nicht reicht … mit den Gravschirmjägern, die Ihnen zugeteilt werden, haben Sie sicherlich genügend Soldaten, die solch einen Posten ausfüllen können.«

Einige Momente vergingen, während atemlose Stille die Gesprächsführung an sich riss. Sie umtanzte die beiden Männer fröhlich und erzählte einige schmutzige Witze, die ihre Wirkung tatsächlich nicht verfehlten.

Zumindest Ekko begann, erst zaghaft, dann immer stärker, zu lachen.

Diese erneute, plötzliche Wandlung des Colonels verwirrte und beunruhigte den Administraten umso mehr. »Habe … habe ich etwas Falsches gesagt?«

Ekko schüttelte in dem Versuch den Kopf, sein Lachen unter Kontrolle zu bringen, benötigte aber noch eine ganze Weile, bis es ihm gelang, dass er wieder ein Wort hervorbringen konnte.

Dann seufzte er schicksalsergeben und lehnte sich zurück. Das Leder seines Sessels knirschte. »Als ich herkam glaubte ich, dass es nicht schlimmer werden kann«, gestand er mit einer Stimme, die sich irgendwo zwischen Ungläubigkeit und Verzweiflung einpendelte. »Sie haben mich gerade eines besseren belehrt.«

 

Und yay! Ende Mai geht es weiter!

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vor 8 Stunden schrieb SisterMaryNapalm:

»Würden Sie mir glauben, wenn ich behaupte, dass es ein unglücksseliger Navigationsfehler war?«

Ich musste laut auflachen! Immer diese Orkgallier!

 

vor 8 Stunden schrieb SisterMaryNapalm:

Ende Mai geht es weiter!

Lass dir Zeit, ich warte lieber ein paar Tage mehr auf eine bessere Geschichte :ok:

 

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vor 2 Minuten schrieb Avalus:

Ich musste laut auflachen! Immer diese Orkgallier!

 

Na ja - jetzt haben wir ja die Pyramiden. Da kommen die nie wieder raus

bearbeitet von SisterMaryNapalm

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Hallo,

 

Keine Sorge, Equilibrium wird fortgesetzt!

 

Leider musste ich im Mai kurzfristig ins Ausland und bin bisher nicht dazu gekommen weiterzuschreiben.

 

Etwa 60 Prozent des neuen Kapitels sind fertig, es wird aber noch etwas dauern. Reallife geht nun mal etwas vor.


Liebe Grüße

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Und weiter geht’s!

 

Es hat mal wieder irrsinnig lange gedauert. Leider hatte das Reallife dann doch andere Dinge mit mir vor und ich war die meiste Zeit im Ausland.

 

Vorerst wird es auch so bleiben, und so kann ich nur in kleinen Zeitfenstern schreiben … hm. Vielleicht sollte ich das 10-Zehen-System lernen, damit ich parallel schreiben kann.

 

Ich kann mich nur für die Wartezeit entschuldigen und euch sagen: guckt einfach regelmäßig rein – so alle drei, vier Wochen – und mit viel Glück wird es fürs nächste Mal nicht so lange dauern.

 

Aber dennoch:

 

Viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

06

 

Die Rückfahrt zum Feldlager verlief relativ ereignislos, sodass es der Colonel sogar schaffte, sein noch immer aufgeheiztes Gemüt in der kurzen Zeit zumindest ein wenig abzukühlen.

Doch das änderte sich recht schnell, denn in dem Moment, da der schwere Stabswagen von der im Licht zweier Sonnen flimmernden Straße auf das Gelände des imperialen Feldlagers abbog, konnte Galardin Ekko die ersten Ausläufer des vollendeten Chaos auf sich zurollen sehen.

Genaugenommen rollten sie nicht, sondern standen auf dem Zufahrtsweg zur Wache in einer langen Kolonne: Große Lastkraftwagen, Truppentransporter des Munitoriums, mit Platz für gut zwanzig Soldaten verstopften die Einfahrt zum Militärstützpunkt wie auch dessen direkt hinter der Wache gelegenen Hauptweg.

In unauffällige Steppentarn-Uniformen gehüllte Soldaten liefen zwischen den Fahrzeugen umher, stiegen zu den Ladeflächen empor, auf denen – teilweise von Planen verdeckt – weitere Angehörige der Imperialen Armee saßen, glichen Listen miteinander ab und rätselten offensichtlich, was beim Thron ihnen gerade auf den Hof gefahren worden war.

Selbst der Schlagbaum, eigentlich jenes Werkzeug einer Fahrzeugkontrolle, mit dem die auf das Gelände strebenden Vehikel normalerweise von einer ungestörten Weiterfahrt abgehalten wurden, schien den Überblick über die Situation verloren zu haben. Zumindest streckte er sich weit in die Höhe. Vielleicht versuchte er auch nur, sich nicht den Tumult verwickeln zu lassen.

»Beim Barte des …«, brummte Ekko und lehnte sich zwischen die Vordersitze, um besser sehen zu können.

Der Stabswagen wurde langsamer. »Was ist denn da los?«

Einige Sekunden lang verfolgte der Colonel die Vorgänge um die Hauptzufahrt auf das Lager, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Fahrer. »Halten Sie hier.«

Der wandte sich ihm erstaunt zu. »Hier, Sir?«

»Ja«, bestätigte Ekko nickend. »Und dann drehen Sie um, fahren weg und tun so, als hätten Sie mich nicht gesehen.«

Dies verwirrte den Fahrer umso mehr. »Ich … was?«

»Vergessen Sie’s«, wiegelte der dunkelhaarige Basteter einen möglichen Diskurs über Sinn und Unsinn seiner Aussagen ab und seufzte schicksalsergeben. »Halten Sie einfach.«

Langsam, beinahe schon gemächlich, kam der Stabswagen zu stehen. Ekko öffnete die Hintertür, noch bevor sein Transporteur die Möglichkeit erhielt, auszusteigen und ihm diese Aufgabe abzunehmen. »Kriegen Sie noch was? Muss ich was unterschreiben?«

Wieder zog ein Schatten der Unsicherheit über das Antlitz des Mannes. »Nein, Sir«, erwiderte er.

»Gut«, stellte der Colonel fest und stieg aus. Die Tür schlug mit einem scharfen Knall hinter ihm zu.

Nun stand er direkt am Rand des wirbelnden Mahlstroms aus Menschen, Maschinen, Aufregung und Lärm.

Ab und an geriet einer der großen LKWs in Bewegung, startete seinen Motor und stellte ihn wieder ab. Darüber tönten Gespräche, Rufen und Flüche, verteilt von einem ganzen Heer von Offizieren, Vertretern des Munitorium und Administratum, sowie Personen, die ihrem Verhalten nach nicht mehr als Katastrophentourismus betrieben.

Gelangweilte Soldaten blickten teilnahmslos in der Gegend umher, verfolgten das wirre Treiben oder ließen ihre Augen in die Ferne schweifen; fort zu den aufragenden Silhouetten Serarehs, wo Dinge jenseits des grausigen Lebens in der Imperialen Armee warteten. Ob den meisten von ihnen wohl klar war, dass sie nicht mehr lange genug leben würden, um sich den Versuchungen von Wein, Weib und Gesang weiter hinzugeben?

Ekko sinnierte eine Weile über die Frage und gestattete es sich, flüchtig an die horrenden Verluste seiner Einheit auf Agos Virgil zu denken.

Dann allerdings kehrte sein Unterbewusstsein die Scherben der Vergangenheit zusammen, lud sie auf eine Schaufel und ließ diese in einem der tausend Aktenschränke in seinem gedanklichen Großraumbüro verschwinden.

Und gleich bestimmten Ereignissen in vielen der Millionen Arrondissements des Administratums geriet die Erinnerung an Agos Virgil im Wirrwarr der verwaltungstechnischen Vorgänge in Colonel Ekkos Kopf in Vergessenheit. Übrig blieb nur ein leerer Blick, gelenkt von den Schemen der fernen Gebäudekomplexe und einer langsam verblassenden, melancholischen Grundstimmung.

Der Colonel blinzelte, kehrte ins Hier und Jetzt seines eigenen Abenteuers zurück.

Er registrierte, dass er ganz plötzlich nicht mehr zu den namenlosen Betrachtern der Szenerie gehörte, sondern Stückchen für Stückchen näher an den Ereignishorizont der allgemeinen Aufmerksamkeit geriet.

Er setzte sich wieder in Bewegung, spürte die Augen einiger Soldaten auf sich ruhen.

Sie blickten mehr oder weniger interessiert von den Ladeflächen der ihm nächsten Fahrzeuge herab, gleichermaßen erstaunt und beeindruckt, in die Nähe einer derart hohen Persönlichkeit gelangt zu sein.

Leise Worte wurden ausgetauscht, immer mehr Infanteristen erhoben sich, beobachteten den sie Passierenden stumm, bis dieser schließlich stehen blieb und sich ihn zuwandte. »Und? Fühlen Sie sich schon schlecht?«

Es dauerte eine Weile, bis sich der Sinn der Worte in allen Köpfen eingenistet hatte und die Erkenntnis verdrängte, dass ein so hochrangiger Offizier wie ein Colonel mit einfachen Soldaten sprach. Dann aber sahen die Männer einander an, ehrlich verunsichert ob dem, was der Colonel zu ihnen gesagt hatte.

»Schlecht wegen was, Sir?«, traute sich schließlich einer zu fragen.

»Sie machen mir Arbeit«, erklärte der Colonel, als sei dies selbstverständlich, allgemein bekannt und lediglich bei denen nicht angekommen, die es betraf. Postwendend verdunkelten sich einige der Gesichter.

»Und jetzt setzen Sie sich wieder hin«, ordnete er an, mit dem Finger nachlässig in Richtung der geöffneten Fahrzeugsperre weisend. »Wenn Sie sich nämlich gleich den Kopf am Schlagbaum stoßen, machen Sie mir noch mehr Arbeit.«

Die Männer starrten ihm noch hinterher, da hatte sich der Colonel bereits dem nächsten Problem zugewandt: eine Gruppe von Offizieren stand direkt im Zugang der Personenschleuse und diskutierte, ob sich der Prozess der Personalzuführung wohl beschleunigen lassen würde und ob dies mit möglichst geringem Aufwand zu bewerkstelligen sei.

»Und was ist hier los?«, sprach Ekko einen der vor ihm stehenden Soldaten an, kam allerdings nur bis zum ‚hier‘, bevor ihn eine neuerliche Bewegung in den Augenwinkeln dazu veranlasste sich umzuwenden. »Oh, nein.«

»Oh, doch«, schleuderte ihm das für sein Alter und seine Erlebnisse noch immer recht ansehnliche Antlitz von Captain Balgor eine beachtliche Portion Unzufriedenheit entgegen.

Er und Ekko kannten sich seit vielen Jahren. Der erste Kontakt zwischen ihnen hatte sich während ihrer Dienstzeit in den Planetaren Verteidigungsstreitkräften von Bastet III ergeben, nun bereits mehr als ein Vierteljahrhundert her. In den folgenden Jahren war aus ihrer Kameradschaft eine Freundschaft erwachsen, die sich über einen mehrjährigen Dienst in der PVS und einem mehr oder weniger erzwungenen Wechsel zur Imperialen Armee erstreckte.

Bis zu jenem Kampf, der sie über die Ebenen vor der Makropole Golgarad bis an die Tore der Himmelskathedrale von Agos Virgil geführt hatte.

Niemand konnte leugnen, dass ein Kampf seine Opfer forderte. Krieg war eine grausame Angelegenheit und in all jenen, die keine Helden werden, brachte er die niedersten Instinkte und grausamsten Wesenszüge hervor.

Ein Opfer der steten Schlachten war die Freundschaft von Ekko und Balgor gewesen. Das stete Ringen um die Vorherrschaft im Kampf gegen die Orks hatte das Vertrauen der beiden Männer ineinander ganz allmählich aufgerieben, bis es in der Not all seine Tugenden über Bord warf und sein Innerstes nach außen kehrte.

Seitdem war zwischen ihn nichts mehr wie zuvor.

»Stimmt«, gab der Colonel entnervt zu. »Ich hätte ahnen müssen, dass Sie mich direkt nach meiner Rückkehr aufspüren.«

Der Captain starrte ihn wütend an. »Sie haben mir Major Carricks Posten gegeben?«, verteilte er seinen Missmut weiter über den unter ihnen residierenden Sand, ohne die Worte seines Vorgesetzt als eine Öse anzunehmen, in die sich seine nächste Bemerkung einhaken ließ.

Ekko zuckte die Schultern. »Denken Sie, ich würde Retexer den Job überlassen?« Retexer, einer der dienstältesten Captains im 512. Regiment Sera, stand in der Rangordnung der Gefechtsoffiziere – vor allem in Hinblick auf Dienstzeit und Verwendungsdauer – mit Balgor fast auf einer Stufe.

Allerdings hatte sich der Basteter in den vergangenen Schlachten als eine Person herausgestellt, die mehr in der eigenen Wunschvorstellung von Ruhm und Ehre denn in der Realität lebte. Tatsächlich hatte seine fast schon krankhaft-naive Ruhmessucht in Verbindungen mit den fehlgeleiteten Vorstellungen eines imperialen Kommissars die letzte Schlacht um die Himmelskathedrale eingeleitet, in deren Verlauf das 512. Regiment die sorgfältig eingerichteten Stellungen hatte aufgeben müssen und in das Innerste des imperialen Heiligtums zurückgewichen war, um dort Stück für Stück aufgerieben zu werden.

Von den gut sechzig Mann aus Retexers Zug blieben nur sieben übrig – unter ihnen der Captain selbst, der sich und seine Überlebenden sofort freiwillig meldete, um wieder in den Kampf um Agos Virgil zu gehen. Dafür sammelte er sogar all jene um sich, deren Offiziere in der Schlacht gefallen waren, egal, ob sie ihm truppendienstlich unterstanden oder überhaupt dem Regiment zugeordnet waren.

So einem Menschen vertraute man kein Regiment an. Nicht, wenn man es später selbst noch als vertrauensstiftender Kommandeur führen wollte. Wobei … nicht einmal Ekko konnte glauben, dass er als vertrauenswürdige Person galt.

Nicht unter jenen, die an seiner Seite um die Himmelskathedrale gekämpft hatten.

Allerdings war er recht erfolgreich dabei, dieses Faktum zu ignorieren. Und so blickte er sein Gegenüber mit hochgezogener Augenbraue lediglich an. »Oder haben Sie kein Vertrauen zu sich?«

Diese Aussage entlockte dem Captain ein abschätziges Schnauben. »Doch, Sir. Zu mir habe ich größtes Vertrauen. Aber es geht hier ja nicht um mich.«

Ein Moment der Stille setzte ein, gewann an Form und Farbe und umstrich die beiden Männer gleich einem zarten Windhauch, bevor er seinen Weg in die Unendlichkeit fortsetzte, kleine Fußabdrücke auf dem sandigen Boden hinterlassend.

Ekko schnalzte anerkennend mit der Zunge. Dass er nicht so meinte, wurde recht schnell klar. »Tja. Stellst du dumme Fragen, kriegst du dumme Antworten.«

»Es gibt keine dummen Fragen, Colonel«, erinnerte ihn Balgor. »Nur unsachgemäße. Und genauso wenig gibt es dumme Antworten – nur angepasste.«

»Ah«, begriff Ekko, indem er nickte. »Stellst du unsachgemäße Fragen, kriegst du angepasste Antworten. Ich verstehe. Aber sagen Sie …«, begann er einen neuen Abschnitt des Gesprächs, vergaß ihn aber umgehend wieder.

Eine Gruppe von rangniederen Offizieren kam ihnen entgegen. Sobald sie die beiden erkannten – oder besseren deren Ränge – schnellten ihre Hände zum militärisch zackigen Gruß an die Ränder ihrer Kopfbedeckungen. Immerhin salutierte man in der Imperialen Armee dem Rang, nicht dem Mann.

Balgor und Ekko erwiderten den Gruß.

»Willkommen«, begrüßte der Regimentskommandeur die Gruppe im Vorbeigehen. »Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind.«

Sein Begleiter schnaubte missvergnügt.

Der Colonel wartete noch einen Moment, bis die anderen Soldaten vorbei waren, dann beugte er sich zu seinem temporären Stellvertreter: »Aber jetzt mal ganz ehrlich, Balgor: Was sind das für Leute?«, wollte er wissen.

»Das können Sie vermutlich besser einschätzen als ich, Colonel«, brummte der Captain missmutig. »Das ist unser Ersatz.«

Der Colonel fuhr herum, ließ seinen Blick über die lange Kolonne wandern und wandte sich dann wieder seinem Begleiter zu. »Was denn? Die paar LKW-Ladungen voll Motivation?«

»Ich weiß wirklich nicht, wo Sie Ihre Informationen hernehmen, Ekko«, erhielt er zur Antwort.

»Von Ihnen, Balgor.« Das stimmte, half der Klärung der Situation aber auch nicht wirklich.

Weiter vorne, nahe dem Haupttor des Lagers, ertönte ein scharf gebellter Befehl. Nacheinander sprangen die Motoren der Lastwagen an, bliesen unsauber verbranntes Promethium in die Luft. Innerhalb kürzester Zeit legte sich ein unsichtbarer, drückender Gestank über die Zufahrt zum Feldlager, kroch durch den engmaschigen Schutzzaun und über die dahinterliegende Mauer und schickte sich an, die jenseits davon lebenden Männer und Frauen ganz allmählich mit seinen toxischen Inhaltsstoffen zu vergiften.

»Wenn Sie es mir nicht gesagt hätten, würde ich hier immer noch herumlaufen und mich fragen wer, beim Thron, hier alles reingelassen wird«, fuhr der Colonel ironisch fort.

»Das habe ich mich auch gefragt«, meinte sein Begleiter ungerührt. »Vor allem frage ich mich inzwischen, wer hier so alles den Ton angeben darf.«

»Sehen Sie? Deswegen habe ich Sie ja zum stellvertretenden Regimentskommandeur bestellt.«

»Welche weise Entscheidung von Ihnen.«

»Wenn Sie den Job nicht wollen, Balgor, dann suche ich mir jemand anderen dafür«, bot der Regimentskommandeur an, wurde von dem Captain jedoch beinahe postwendend unterbrochen.

»Doch, doch«, erwiderte dieser, indem er die abwehrend Arme hob. »Ich mache das, Colonel. Kein Problem. Aber ich mache es auf meine Weise.«

Ekko nickte. »Solange Sie nicht vergessen, wer der Kommandeur ist.«

»Das wird nicht passieren«, versicherte ihm Balgor mit kühler Stimme. »Sie bringen sich ja stets sehr erfolgreich in Erinnerung.

Sein Gegenüber zuckte die Achseln: »Dann überlasse ich Ihnen hiermit gerne das Feld. Viel Spaß«, und machte sich auf, das Feldlager durch die parallel zur Fahrzeugschleuse verlaufenden Personenschleuse zu betreten.

»Carrick muss ja was Großes geleistet haben, dass Sie ihm die Gunst gewähren, sich von der Truppe entfernen zu dürfen«, rief ihm der Captain nach einigen Momenten des Schweigens hinter.

»Sie hätten sich ja auch eine Frau suchen können, Balgor. Dann könnten Sie jetzt derjenige sein, der ihr beim Sterben zusieht«, schlug der Colonel vor und wandte sich in der Hoffnung um sehen zu können, wie der Mund des Captains geräuschlos zuklappte.

Doch so weit kam er nicht einmal. Eine andere Entdeckung fing seine Neugier ein und hielt sie mit aller Macht in ihrem Bann, sodass er den Kompaniechef innerhalb weniger Herzschläge vollkommen vergaß.

Zwei Personen standen auf der anderen Seite von dem, den man in diesen Breiten Bastets als Hauptstraße zu bezeichnen pflegte.

Das war an sich nichts Ungewöhnliches. Immerhin handelte es sich um einen öffentlich begehbaren Weg, den jeder Mensch nach Belieben und persönlicher Präferenz nutzen konnte.

Dennoch: Es gab da zwei Dinge, die den Colonel stutzig machten.

Zum einen befand sich das Feldlager der Imperialen Armee abseits der gängigen Wegesrouten oder bewohnbaren Gebiete Serarehs. Man kam nicht einfach zufällig daran vorbei, weil man sich auf einer Pilgerreise oder einer Wanderung befand.

Nein. Man musste in die Nähe des Stützpunktes wollen, um in seine Nähe zu gelangen.

Und dann war da noch das Erscheinungsbild der beiden Personen.

Sie wirkten elitär; Mitglieder gesellschaftlich gehobener – oder zumindest angesehener – Schichten, nicht wie einfache Wanderer.

Zudem erweckten sie nicht den Eindruck, für irgendeine Form längerfristiger Bewegungshandlungen an irgendeinem beliebigen Ort Bastets gerüstet zu sein.

Die eine Person, groß und massig erscheinend – womöglich männlich – und in weinrote Gewänder gekleidet, schien ein Priester des Ministorums zu sein. Auf die Entfernung ließen sich keinerlei Siegel oder Insignien an seiner Kleidung ausmachen, aber in Form und Aussehen glich sich die Gestalt an Ekkos Vorstellung eines Priesters an.

Die Begleitung war deutlich kleiner, aber in ihren Formen auch stärker ausgeprägt und in nicht minder reiche Gewandung gehüllt, farblich irgendwo im Bereich des Violetten oder Purpurnen angesiedelt.

Beinahe postwendend fühlte sich Ekko an die ansehnliche Gestalt Galia Sinwells zurückerinnert.

Und irgendwo zwischen Erinnerungen an das Inquisitionssignum in Sinwells Ausschnitt, das wie ein Klöppel zwischen zwei Glocken hin und her schwang in dem verzweifelten Versuch einen Ton zu erzeugen, wurde eine beunruhigende Vermutung geboren.

Ein Gefühl der Warnung, das ganz allmählich in seinem Innersten aufschäumte ähnlich Armasec in einer Flasche, die man viel zu lange schüttelte.

Er hätte später nicht einmal mehr sagen können, was genau ihn besorgte. Vielleicht die Erinnerung? Das Wissen, dass die Inquisition in Form von Galia Sinwell in sein Leben getreten war; erneut, wenn man es genau betrachten wollte?

Der Imperator schickte ihm seine Bluthunde ein ums andere Mal auf den Hals. Und sicherlich geschah es nicht, weil man Colonel Galardin Alberic Ekko für einen Vorzeigeoffizier hielt.

»Ich verstehe«, bemerkte Balgor plötzlich mit sehr ruhiger Stimme.

Überrascht fiel Ekko aus seiner Gedankenwelt, löste sich vom Anblick der beiden Besucher und ließ es zu, dass sich seine Aufmerksamkeit zurück auf den anderen Offizier fokussierte.

Wie lange er wirklich über den Worten seines Vorgesetzten gebrütet hatte, würde sich schlussendlich nicht mehr feststellen lassen. Fest stand allerdings, dass ihn die Erkenntnis stärker berührt zu haben schien, als es der Colonel vermutet hatte.

Einige Herzschläge mehr vergingen, während der Captain in eine Welt jenseits der Einöde starrte, dann nickte er, wandte sich ab und ging wortlos in die andere Richtung.

Ekko sah ihm eine Weile lang nach, bevor er seine Aufmerksamkeit zurück zu den Fremden schwenkte und erstaunt blinzelte.

Die beiden seltsamen Beobachter waren verschwunden.

Lediglich flimmernd heiße Luft stieg vom sandigen Boden jenseits der Straße auf.

Der Colonel stutzte. Konnte es sein, dass er sich die beiden nur eingebildet hatte? Eine Reaktion auf all die eigenartigen Geschehnisse um ihn herum?

Nicht, dass ihm so etwas nicht schon vorher passiert war. Oft schon hatte er geglaubt sich Dinge einzubilden, meistens vor oder nach einem ihn verändernden Erlebnis. Fast so, als würde der große Imperator ihn mit einem süffisanten Lächeln quälen, das mehr zu sagen vermochte als es jede Aussage gekonnte hätte; sei es nun »Weißt du noch?« oder »Guck mal was da kommt!«.

Dennoch: Aus irgendeinem Grund wollte und konnte er einfach nicht glauben, dass es sich bei der Erscheinung um eine seelische Fata Morgana handelte. Dafür kannte er die Verschlagenheit der ekklesiearchischen Institutionen viel zu gut.

Es stand etwas bevor. Und diese beiden waren die Vorboten des drohenden Unheils.

»Thronverdammte Touristen«, brummte er, bevor er seinen Weg in Richtung der Personenschleuse fortsetzte.

Hinter ihm erstarben die Motoren der großen Transporter in einem gewaltig erscheinenden Seufzer.

Sie kamen einfach nicht weiter.

 

***

 

Woher der Name »Camp Mahnmal« wirklich stammte, ließ sich rückwirkend nicht mehr ergründen.

Vermutlich war er so alt wie die Zeltstadt selbst, in der die wenig Glücklichen, die Auserwählten für den Dienst in der Imperialen Armee, zusammengepfercht und auf ihre zukünftige Aufgabe vorbereitet wurden.

Als sicher galt nur, dass er wirklich von Soldaten erfunden und vergeben worden war.

Was wäre auch passender gewesen, als dass diejenigen, deren Schicksal besiegelt und deren Überleben vom Wohlwollen des Imperators abhängig war, sich die Bezeichnung für ihr Leid selbst aussuchten?

Und sowohl für die Außenstehenden als auch die in seinem Innern Gefangenen glich das Feldlager einem Mahnmal auf erschreckend erstaunliche Weise. Ein Requiem für all diejenigen, denen das Schicksal des großen Herren der Menschen zuteilwurde: Im ewigen Kampf um das Überleben der Menschheit gefangen, starben sie und wurden wiedergeboren, um erneut in das Elysium der Schlacht geworfen zu werden.

Zeigt Demut, ehrenwerte Bürger des Imperiums der Menschheit; denn die Todgeweihten grüßen euch!

Der Zynismus des Ganzen entzog sich Ekko beileibe nicht. Schon bei seinem ersten Transfer aus dem glutheißen Schoß Basets weg in das Herz des galaktischen Fleischwolfs hatte er die Bösartigkeit hinter den Worten registriert, allerdings ohne ihnen zu viel Bedeutung beizumessen.

Dafür kümmerte ihn das Leid anderer viel zu wenig.

Er selbst war verloren. Gestrandet in einem Universum, das ihn weder wollte noch ihn wirklich gehen ließ.

Und der Verlust, den ihm diese Tatsache beibrachte, wischte jede andere Empfindung beiseite.

Dieses Mal jedoch war es anders.

Er stand wieder hier. Zurück an jenem Ort, der sein Leiden auf eine neue Stufe gehoben hatte.

Und das Wissen, die Erkenntnis der Tatsache, dass sich in seinem Leben nicht viel mehr verschob als die Front eines Krieges, den er für andere focht, ließ ihn schier wahnsinnig werden.

Ein wenig erinnerte ihn seine Situation an den schauerlichen Alltag imperialer Versorgungshäuser: Wenn das Fleisch beim Füllen des Fleischwolfs daneben fiel, hob man es auf, putzte es sauber und warf es wieder rein.

Wen kümmerten schon Hygienevorschriften?

Im Grunde war es keine hohe Kunst, den Kreislauf des Lebens zu verstehen. Als Colonel kannte man sich damit aus; sei es nun aus eigenem Erleben oder dem Schicksal der Untergebenen. Die Wege des Hohen Herren der Menschheit waren unergründlich. Man lernte, sie zu akzeptieren und stumpfte mit der Zeit ab.

Manchmal allerdings gelang es dem Imperator und seinem treuen Komplizen, dem Universum, dem Sud aus Leben und Sterben ein klein wenig Würze zu verleihen.

Auch das kannte man als imperialer Colonel sehr gut. Besonders, wenn man Galardin Ekko hieß. Die hämische Grausamkeit, mit dem ihn das schelmische Gespann aus dem Herzen der Ewigkeit heraus vor immer neue Prüfungen stellte, teils dramatisch, teils unglaublich absurd, hatte den Basteter schon mehr als einmal beinahe das Leben gekostet. Und nicht nur einmal war der Grund dafür sein eigenes Bestreben.

Dennoch: Während seine Pfeiler brachen, seine Vertrauten vergingen und sein Glück sich in eine Achterbahnfahrt durch Pest und Cholera wandelte, gewann der Colonel immer mehr Fahrt auf seinem Weg in Richtung Ewigkeit. Fast so, als wenn ihm sein Unterbewusstsein unbeirrbar vorwärts trieb: »Komm schon, Galard – da geht noch was! Tritt aufs Gas, Junge! Wenn tot, dann richtig!«

Allerdings kam er sich nicht so vor, als wenn er dabei wirklich Fortschritte erzielte.

Wie eine schneeweiße Fläche, auf der man beschleunigte und beschleunigte, bis sich einem die Frage aufdrängte, wie schnell man wohl gerade sei – nur um in diesem Moment über den unsichtbaren Rand ebenjener Fläche zu fahren und in einem weiten Bogen ins düstere Nichts abzutauchen.

Nicht gerade eine angenehme Vorstellung.

Trotzdem gelang es Ekko nicht, den Fuß vom Gas zu nehmen. Er musste einfach schneller werden. Er wollte es.

Sein Leben, ein Gleis ohne Wiederkehr. All diejenigen einholen, die er liebte und verehrte, die er hasste und verachtete. Er würde an ihnen vorbeiziehen wie ein Gewinner bei einem Autorennen und ihnen winken, während er im Nebel des Vergessens verschwand. »Macht’s gut Leute und danke für den … Fisch?«

Gleich einem Reh im Scheinwerferlicht schreckte Galardin Ekkos letzter Gedanke auf, blickte sich verwirrt um und stellte dann ebenso erstaunt fest, dass er sich offensichtlich in der falschen Überlegung festgesetzt hatte.

Ein leises Wort der Entschuldigung murmelnd verzog er sich und stellte sich an einer der anderen Gedankenbahnen an, welche parallel im Unterbewusstsein des Colonels abliefen. Was es wohl heute in der Kantine gibt?, schoss es dem Basteter durch den Kopf, obwohl er sich die Antwort darauf bereits selbst gegeben hatte.

Nachdenklich blieb er stehen und blickte sich um. Anderthalb Mann hohe, großflächige Armeezelte erhoben sich beiderseits des schmalen Sandwegs, den er gerade entlangschritt. Aus Stoff bestehende Klippen, die eine enge Schlucht begrenzten.

Sie wirkten bedrohlich. Nicht unbedingt aufgrund der Höhe. Die ließ sich noch einigermaßen gut einschätzen und beobachten.

Nein. Vielmehr war es die schiere Masse an Material, die den Colonel einengte und ihn des Platzes beraubte, den er für das eigene Wohlbefinden benötigte.

Am liebsten wäre er eine der Stoffflächen emporgeklettert, um sich einen Überblick zu verschaffen. Leider war das nicht möglich – nicht nur aufgrund der Abwesenheit von Haltemöglichkeiten – und so wurde es immer offensichtlicher. Er konnte es nicht länger leugnen: er hatte sich verlaufen.

Eine unerfreuliche Tatsache, denn als Colonel stand er natürlich im Mittelpunkt des Interesses seiner Einheit.

Ekko seufzte. Da ließ sich wohl nichts machen. Wenn es ihm gelang, dieser unheimlichen Schlucht zu entkommen, ohne dass er zwischenzeitlich verdurstete, dann würde er sich vor seinem nächsten Marsch mit ausreichend Kartenmaterial eindecken.

Etwas raschelte hinter ihm. Er fuhr herum.

Ein einsamer Soldat, schwer beladen mit Rucksack, Taschen und seiner persönlichen Ausrüstung irrte zwischen den Zelten umher, suchte wie Ekko nach einem Ausweg aus dem Labyrinth – oder zumindest nach jemandem, der ihm diesen Weg weisen konnte.

Der Colonel schürzte die Lippen. Das sah doch nach dem perfekten Ansprechpartner für ihn aus.

»Hey, Soldat«, sprach er den jungen Mann, der sofort sämtliches Gepäck fallen ließ, um dem vorgesetzten Offizier gegenüber in Habacht-Stellung zu gehen.

Eine beeindruckende Staubwolke stieg um ihn herum in die Höhe, die der Soldat nur mit der Kraft seines starr geradeaus gerichteten Blicks zu ignorieren versuchte.

Es gelang ihm. Zumindest teilweise. »Sir?«, antwortete er, während seine Augen kurz zu den seine Beine umschwirrenden Partikeln schweiften.

»Ich suche Krood.«

Der Name schien dem Soldaten rein gar nichts zu sagen. »Krood, Sir?«

Perfekt, dachte Ekko, bevor er sich räusperte. »Sind Sie einer von den Neuen?«

Der Angesprochene nickte.

»Krood ist unser Kasrkin-Sergeant«, erklärte der Regimentskommandeur und seufzte dann leise. »Vergessen Sie es. Sie werden ihn noch kennenlernen.« Er winkte ab, scheuchte das Thema in die Tiefen des augenblicklichen Vergessens. »Wo kommen Sie her?«

»Siebenundsechzigstes Reserveregiment der Planetaren Verteidigungsstreitkräfte von Bastet, Sir.« Die Reserveregimenter der Planetaren Verteidigungsstreitkräfte waren ein Sonderkonstrukt der Militärführung auf Bastet III. Da sich die Welt nicht gerade einer hohen Bevölkerungsdichte rühmen konnte und dennoch bisweilen im Fokus großer feindlicher Ansammlungen stand – seien es die Orks oder irgendwelche Spontan-Häresien – hatten die Basteter zusätzlich ihren aktiven PVS-Einheiten und den obligatorischen Zehnt-Regimentern für den Bedarf der Imperialen sogenannte Reserveregimenter eingeführt. Einheiten, die jene Seelen beherbergten, aus denen man den Ersatz für Verluste der Imperialen Armee und der PVS-Truppen abzweigte. Dies geschah meist bei Ausfällen kleinerer Einheiten, sozusagen als Flicken für das entstandene Loch.

Das Besondere an diesen Reserveregimentern war, dass sie auf bestimmte Arten der Kampfführung spezialisiert waren und man durch ihre Verwendung jegliche Spezialisierung an einen anderen Ort bringen konnte.

So blieben die Soldaten stets im Training und konnten nach Bedarf und Spezialisierung herangezogen werden, während neue Rekruten ins Training nachgezogen wurden.

Das mochte umständlich erscheinen, für Bastet allerdings war es die beste Lösung. So konnte man die Reserveregimenter im Notfall stückchenweise in den Kampf führen, ohne dass das gesamte Personal direkt verloren war.

Ekko schürzte verstehend die Lippen und neigte den Kopf. »Ah«, sagte er. »Und woher kommen Sie?«, wiederholte er die Frage.

Dieses Mal dauerte es ein wenig, bevor die Frage die innere Barriere des Verstehens überwunden und sich einen Weg ins Innere der Gedankenwelt des Soldaten gebahnt hatte. »Oh«, brachte der Mann hervor. »Das …« Er versteifte sich. »Aus Maretrem. Das ist ein kleines Dorf zwischen Selukreh und Saremreh.«

»Ja«, wusste der Colonel zu bestätigen. »Ich kenne Maret. Ich war vor langer Zeit mal dort. Gibt es diese kleinen Gärten noch, die damals das Flussufer gesäumt haben?«

»Gärten?«, fragte der andere, bevor er den Kopf schüttelte. »Nein, Sir. Die wurden bei der großen Flut vor zwei Jahren weggespült.«

Ekko seufzte. »Schade.«

»Colonel?«, erklang eine weitere Stimme hinter ihnen. »Was machen Sie denn hier?«

Der Regimentskommandeur fuhr herum.

Ihm gegenüber stand Captain Fendel. Er war einer von insgesamt drei überlebenden Stabsoffizieren – nahm man einmal Ekko, Carrick und Balgor außen vor – und hatte während der Schlacht von Agos Virgil die Verteidigung des dritten Rings der Himmelskathedrale organisiert, als die restliche Verteidigung längst zusammengebrochen war.

Dabei wirkte er nicht einmal wie ein Soldat, dem man eine solche Aufgabe zumutete. Er wirkte mehr wie ein etwas untersetzter, pubertierender Jugendlicher, dem die Sonne bereits einige tiefe Furchen in die gegerbte Haut gebrannt hatte. Mit einem Bart, gerade erst richtig zu sprießen begonnen hatte und seiner dunklen Hautfarbe ein wenig Form verlieh sowie dem etwas unbeholfenen Gang eines Mannes, dessen Anzug beim letzten Regen eingelaufen war. Als Alternativszenario bot sich Inkontinenz an.

Natürlich wusste Ekko, dass Fendel ein ausgezeichneter Offizier war, dessen Effektivität sich in seiner Zusammenarbeit mit Captain Solmaar, einem von Ekkos anderen Überlebenden, am Stärksten zeigte.

Was die beiden Offiziere bei der Verteidigung von Agos Virgil geleistet hatten, entbehrte jeglicher logischen Erklärung und konnte nur mit »der Imperator wollte es so!« verständlich gemacht werden.

Ekko hoffte, dass ihm der Captain beim Wiederaufbau des Regiments ebenso gute Dienste leisten würde. »Ich suche Krood. Wissen Sie, wo er ist?«

»Krood? Natürlich. Ich habe ihn bei Kantine Eins gesehen. Die dritte Querung links, dann geradeaus.«

Der Colonel seufzte. »Wo waren Sie, als ich Sie gesucht habe?«

»Kantine Eins. Dritte Querung links, dann geradeaus«, gab der Captain zu verstehen. Vielleicht wiederholte er sich auch nur.

Ekko schnippte ihm Anerkennung zu. »Danke.« Dann wandte er sich an den verlorenen Soldaten. »Der Captain wird Ihnen helfen. Wir unterhalten uns später.«

Dann ging er, ließ den Captain und den Neuling einfach stehen, als seien sie aus seinem Bewusstsein gefallen. Waren sie in diesem Moment auch.

Wortlos folgte der Colonel dem angezeigten Weg, marschierte durch die flimmernde Luft, die sich vor ihm ausbreitete wie tanzende Spiegelbilder, ihm auswich und ihn lockte, nur um ihn freizugeben und ihrem wilden Spiel in seinem Rücken zu frönen.

Dritte Querung links, hatte Fendel gesagt. Eigentlich war der Colonel davon ausgegangen, dass die dritte Querung nicht weit von seinem Startpunkt entfernt liegen würde, aber der leise rieselnde Sand unter seinen Füßen, die flirrende Luft und drückende Hitze ließen seine Sinne verschwimmen und suggerierten ihm, er habe sein Ziel bereits um Meilen verpasst.

Glücklicherweise überzeugte ihn ein windschiefer Wegweiser, dass dem doch nicht so war.

Ekko erreichte die genannte Abbiegung und folgte ihr.

Da stand er.

Direkt vor dem riesigen Zelt, auf dem ein leicht verwittertes Schild den hungerstillenden Wert der Kantine anpries.

Ein einsamer imperialer Unteroffizier. Ein Mahnmal des organisierten Widerstands gegen das Leben, das so kurz nach der Mittagszeit rund um die Kantine florierte.

Wo andere Soldaten schwatzten, das Essen und die Küche verfluchten oder lobten, stand der Truppführer der Kasrkin still an einem zur Mülltonne umfunktionierten Fass und rauchte ein Lho-Stäbchen.

Gren Krood gehörte zu jener Sorte von Menschen, die eine Laserwaffe nur anzusehen brauchten, damit diese sich feuerbereit meldete. Ihm wohnte eine gewisse Aura Inne. Eine unheimliche Präsenz, die seinen Gesprächsgegnern eine lakonische Vorausdeutung der sich entwickelnden Situation unterbreitete. Meist lautete diese stirb. Natürlich ließ sich dieser Wortschatz variabel erweitern, zumeist jedoch begnügte sich der cadianische Elite-Sergeant damit, kurze, klare Aussagen zu tätigten und dem Gegenüber die Erläuterung zu überlassen.

Ein Mann mit stahlharten Augen und einem ebenso stählernen Haupt.

Sein Haupthaar war dem Kommandosoldaten schon vor langer Zeit abhandengekommen. Eine Folge des andauernden Kämpfens und Schlachtens, der unsäglichen Grauen und fantastischen Dinge, die der Cadianer gesehen hatte.

Manche mochten sogar annehmen, dass Krood einfach zu männlich für Haupthaar geworden war.

Nicht, dass Ekko daran glaubte.

Er hatte gesehen, zu was die Kasrkin im Stande waren und in Anbetracht dieses Wissens konnte er sich eher vorstellen, dass Kroods ganzes Wesen – psychisch wie physisch – ein Ergebnis des unerbittlichen Drills war, den man ihm auf seiner Heimatwelt Cadia hatte angedeihen lassen.

Dennoch. Ihm gefiel die Vorstellung, wie der Grenadier vor einem zerborsten Spiegel stand, seinen Vokuhila betrachtete und schließlich befand: »Hinfort!« – und das Haar gehorchte.

Das war der Stoff, aus dem Legenden geboren wurden.

Wer das Auftreten Kroods beobachtete, seinen Gang und die Art, wie sich die Uniform über seinem wohldefinierten Körper spannte, der konnte nicht anders als sich vorstellen, wie der imperiale Kommandosoldat einen General des Chaos unter den Worten »DAS IST CADIA!« in einen unendlich tiefen Brunnen trat.

So einem Mann würde es auch gelingen seinen Haaren zu befehlen auszufallen.

Beim Thron, es gab sogar Soldaten im 512. Regiment, die behaupteten, dass der Kasrkin in ein Fahrzeug einstieg und ihn dieses aus Respekt an jeden Ort brachte, den er zu erreichen suchte. Und das ganz ohne Promethium-Treibstoff.

»Ah, Krood. Gut, dass ich Sie gerade treffe«, trat der Colonel an die Seite des Kommandotruppführers.

Der blickte ihn lediglich aus den Augenwinkeln an, ohne dass er es zuließ den Kopf zu heben oder sich auf irgendeine andere, sinnvolle Weise mit der Präsenz des ranghöheren Offiziers zu beschäftigen.

Ekkos und Kroods Beziehung galt in Fachkreisen nicht unbedingt als das, was man Liebe auf den ersten Blick nannte. Tatsächlich hatten sie nicht einmal auf den zweiten oder dritten Blick zueinander gefunden. Wenn man genau hinsah, bemerkte man, dass zwischen ihnen nicht einmal so viel Empfinden herrschte wie zwischen Calis und Calixe, einem legendären Agentenpaar aus dem Zeitalter der Apostasie, das fast ihr gesamtes Eheleben damit verbracht hatte, sich gegenseitig auf irgendeine nur erdenkliche Weise zu töten und das dabei schließlich von einer Einschienenbahn überfahren worden war.

Auf Krood und Ekko traf das gewiss nicht zu. Zum einen, weil es auf Agos Virgil keine funktionierenden Einschienenbahnen mehr gegeben hatte, und zweitens, weil die Ausgangssituation eine vollkommen andere gewesen war.

Krood verdankte Ekko den Verlust des Großteils seiner Einheit, die bei dem Versuch gestorben war, eine von Ekkos Einheiten zu retten.

Im Anschluss war der Kasrkin zwischen die Fronten des Colonels und seines Kommissars geraten, als willige Waffe vor den Karren gespannt, beinahe flambiert, zerrissen, in die Luft gesprengt, erschossen und niedergewalzt worden, hatte Tag und Nacht pausenlos ums eigene Überleben gekämpft und stets mit dem Wunsch gerungen, Ekko irgendwann töten zu können.

Leider war ihm das verwehrt geblieben. Und eine ganz bestimmte Person hatte mehr als deutlich gemacht, dass sie sein Vorhaben zu verhindern wissen würde.

Eine Person, vor der sich Krood mehr fürchtete als vor dem, was einem Menschen in Ekkos Nähe zustieß.

So blieb nur zu hoffen, dass sich über Nacht eine Einschienenbahn fand, die korrupt genug war, Kroods Vorhaben für ihn auszuführen – und dabei genügend finanzielle Spielraum ließ, dass er sich diesen Wunsch mit seinem mageren Gehalt erfüllen konnte.

»Beim Thron, Colonel«, bemerkte der Kasrkin schließlich gleichgültig. »Wo kommen Sie denn her?«

»Aus dem Haus, das Verrückte macht«, warf Ekko zurück und zuckte die Schultern. »Gehen Sie ein Stück mit mir?«

Schwerfällig geriet der Grenadiersergeant in Bewegung, schnippte das Lho-Stäbchen zielsicher in den Abfalleimer und trottete dem Colonel hinterher. »Haben Sie schon etwas wegen unserer Versetzung erreicht.«

»Ja – und Sie werden begeistert sein.« Ekko versuchte, freundlich zu lächeln. Es fühlte sich hölzern an, und er war sich sicher, dass es nach außen hin auch so wirkte. »Stellen Sie sich vor: Sie bleiben hier.«

»Hier, auf diesem Planeten?«

»Nein! Hier, in diesem Regiment.«

Die Gesichtszüge eines Kasrkin entgleisten nie. So wie das steinerne Antlitz der mächtigen Statuen, welche über die großen Städte und Schreinwelten des Imperiums wachten, verbot es der Berufsethos der cadianischen Grenadiere von Grund her bereits, einem Menschen eine andere gefühlstechnische Regung zu zeigen als das von hartem Drill aufs Gesicht gemeißelte finstere Starren, mit dem der Elitesoldat sein Ziel fixierte.

Aber dennoch offenbarte sich Ekko die Erkenntnis, dass Krood nicht nur überrascht von der ihm überbrachten Information war, sondern bereits nach kurzer geistiger Starre in seinen Zustand der inneren Unzufriedenheit überging. »Das ist ein Scherz«, bemerkte der Kasrkin. Es klang wie eine Frage.

»Genau das habe ich auch gesagt«, erwiderte der Colonel, nur um in eine todtraurige Stimmung zu verfallen. »Ich wurde eines Besseren belehrt.«

Krood warf ihm einen undefinierbaren Seitenblick zu, der ihn veranlasste fortzufahren: »Aber freuen Sie sich, denn Sie dürfen eine neue Einheit aufbauen.«

»Eine neue Einheit? Sie meinen Kasrkin?«

Ekko nickte.

»Womit denn?«, wollte der Sergeant wissen.

»Genau das habe ich auch gesagt«, erhielt er zur Antwort.

Jetzt endlich wandte sich Krood dem Colonel zu. »Lassen Sie mich raten: Sie wurden eines Besseren belehrt.«

Der nickte. »Ich bin begeistert, dass Sie das so schnell allein herausbekommen haben.«

Sie schritten schweigend nebeneinander her, lediglich das Flimmern der Luft über den Zeltdächern beobachtend. Keiner von ihnen wusste genau, was sie nun noch hätten sagen können oder wollen, ohne dass beide im Nachgang ihre Waffen zogen und die Magazine aufeinander leerten.

Es war schließlich Ekko, der nach einer gefühlten Ewigkeit das Wort ergriff. »Das wäre Ihre Chance, Krood«; meinte er. »Sie könnten sich eine vollkommen neue Einheit aufbauen. Ihr Wissen weitergeben an die besten meiner Leute und diejenigen, die wir jetzt noch auflesen.«

»Auflesen?«, wollte der Kasrkin wissen, ohne auf den Rest von Ekkos Worten einzugehen. »Wie meinen Sie das?«

»Elysianer«, bemerkte der knapp.

»Sie kriegen Elysianer? In dieses Regiment? Das ändert einiges.«

»Na ja«, bemerkte der Colonel achselzuckend. »Im Grunde ändert sich nicht viel. Wir wechseln nur die Bewegungsrichtung.«

»Was?«, runzelte der Kasrkin die Stirn. » Das verstehe ich nicht.«

»Ganz einfach«, erklärte sein Gegenüber. »Früher bewegten wir uns so …« Der Zeigefinger seiner rechten Hand wanderte in einer horizontalen Linien durch die Luft. »Jetzt allerdings …« Dieses Mal sprang der Finger von einem imaginären Zehnmeterbrett in ein ebenso eingebildetes Schwimmbad.

»Sie springen ab?«

Ekko neigte den Kopf zustimmend. »Fast«, bemerkte er. »Luftkavallerie.«

»Luftkavallerie«, sinnierte Krood.

»Ja«, bestätigte sein Gesprächsgegner. »Mit Walküren und Vendettas und Vultures und so weiter und so fort. Und was …«, fügte er an, um mit der ausgestreckten Hand auf das zu weisen, was sich vor ihnen ausbreitete. »… ist das?«

Das Labyrinth der Zelte hatte sich geöffnet, eine Lichtung freigegeben, eine von der Größe her an ein Sportfeld erinnernde Fläche, auf der normalerweise Gerätschaften und Ausrüstung der neu gegründeten Regimenter angelandet und bis zur Ausgabe gelagert wurden.

Da sich im Rahmen einer Regimentsaushebung dabei eine ganze Menge an Material ansammeln konnte, nannte man den Ort in Kreisen der einfachen Infanteristen »den Müllplatz«.

Nun allerdings drängte sich eine große Anzahl an zwei- und mehrachsigen Fahrzeugen der Imperialen Armee auf dem Platz, teilweise so eng aneinandergeschmiegt, dass man über die Vehikel hätte klettern müssen, um von einem Ende des Feldes zum anderen zu kommen – natürlich vorausgesetzt, man war nicht so schlau und umrundete den Platz einfach.

»Das sind Fahrzeuge, Colonel«, bemerkte der Kasrkin trocken.

Das war durchaus richtig. Genau genommen handelte es sich bei den schlanken Fahrzeugen um Angriffsfahrzeuge der Imperialen Armee, das sogenannte Standardtechnologiekonstrukt »Tauros«.

Tatsächlich jedoch war das STK »Tauros« gar nicht so standardisiert wie die Bezeichnung möglicherweise suggerierte. Eigentlich gehörte es zu den wohl seltensten Fahrzeugen in den Reihen des Militarums– einmal abgesehen von Exoten wie dem Destroyer-Jagdpanzer oder der Minotaur-Selbstfahrlafette.

Dabei gab es einige Varianten des Gefährts. Von einer zweiachsigen und einer dreiachsigen Gefechtsfeldvariante mit variabler Bewaffnung, über eine Führungsplattform und eine Aufklärungsversion bis hin zur – vor allem bei Verletzten sehr beliebten – Sanitätsvariante sah sich der Tauros einer Vielzahl von Aufgaben und Tätigkeiten gegenüber, die selbst den wenigen Nutzern des STK weitestgehend unbekannt waren.

»Das sehe ich, Krood«, bemerkte Ekko und warf dem Kasrkin einen entnervten Blick zu. »Vielen Dank.«

Der imperiale Elitesoldat neigte das kahle Haupt.

Die leicht geheuchelte Respektsbezeugung verfehlte ihre – wie auch immer angedacht – Wirkung. Zumindest wischte der Regimentskommandeur sie zur Seite. »Meine Frage lautet eher: Wo kommen die alle her?«

»Wurden angelandet, während Sie unterwegs waren.«

Das stimmte den Colonel auch nicht wirklich glücklicher. »Aber das sind mindestens fünfzig Stück! Vielleicht auch vierzig. Oder dreißig. Oder zwanzig«, korrigierte er seine Zählung ein wenig. »Ich war doch nur ein paar Stunden weg! Und das ist nicht der Punkt!«, erklärte er wild gestikulierend, als würde das die still auf ihren Plätzen wartenden Fahrzeuge veranlassen, die Motoren zu starten und in wilder Flucht in die Wüste zu verschwinden. »Was machen die hier?«

Nun war es Krood, der die Schultern zuckte. »Die wurden angeliefert und bleiben hier.«

Ekko fuhr herum: »Sie meinen hier auf diesem Platz?«

»Nein. Hier, in diesem Regiment.«

 

Und yay! Es geht weiter … sobald ich zum Schreiben komme!

 

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Keine Sorge - Equilibrium geht weiter. Und die nächsten beiden Kapitel sind bereits fertig.

 

Allerdings befinden sich sowohl Nakago als auch ich aktuell im Urlaub und daher wird der Qualitätscheck noch etwas auf sich warten lassen (müssen).

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Hey, irgendwie hab ich voll verpeilt, dass der nächste Teil kam. Ick freu mir! :ok:

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07

 

 

Das Licht der Zwillingsschwestern Taous und Tages ließ die Fluten des Freon in den Farben einer Milliarde Diamanten glitzern.

Gemächlich schlängelte sich der breite Strom in seinem Bett, folgten Millionen von Litern ihrem längst in Stein geformten Lauf. Und auf ihrem Weg nahmen sie die Wünsche, Träume und Gebete der Menschen mit sich. Zyniker hätten wohl angemerkt, dass darunter auch Abfall und Fäkalien fielen.

Haestian Carrick blickte gedankenverloren auf das funkelnde Wasser, ließ seine Überlegungen und Sorgen wie Steine über die sich leicht kräuselnden Wellen springen in der Hoffnung, sie würden irgendwann in die Fluten eintauchen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen spürte er Stiche in seinem Herzen, seltsame Gefühle der Verlorenheit und des inneren Unglücks.

Wäre jemand auf ihn zugekommen und hätte ihn gefragt, ob er diese Empfinden näher beschreiben könne, seine Antwort wäre wohl ein Faustschlag gewesen. Gut platziert, versteht sich.

Irgendwo in der Ferne schrie ein Gladius-Vogel, riss den Major aus seinen Grübeleien.

Er sah auf.

Gladii waren seltsame Vögel. Manchmal kam es einem vor, als verhöhnten die wunderbar bunten Himmelswächter den Zuhörer, manchmal empfand er ihre Rufe als melancholisch klagend.

Für Carrick besaßen die Laute hingegen nur eine, tragische Bedeutung: Ein akustischer Beweis dafür, dass das Leben weiterging. Es marschierte voran wie eine unendlich lange Kolonne von Soldaten, strebte vorwärts einem ungewissen Ziel entgegen.

Und ähnlich den mächtigen Fluten des Freon nahm es die Wünsche, Träume und Gebete der Menschen mit – sie selbst blieben irgendwann auf der Strecke. Sanken zu Boden und hauchten ihren letzten, verzweifelten Atem in die Luft einer Million verschiedener Welten, bevor der große Imperator sie zu sich nahm und der ganze Kreislauf von vorn begann.

Den Gladius-Vogel interessierte dies wahrscheinlich wenig. Er war vermutlich nur auf der Suche nach einer Partnerin. Einer Gefährtin, mit der er sein ganzes Leben zusammenbleiben und Eier ausbrüten konnte.

Um diese Aufgabe rotierte sein Lebensziel: Möglichst viele Nachkommen zeugen, damit der infernalische Lärm der Brutgebiete nie endete.

Im Grunde, dachte der Major weiter, unterscheidet er sich dabei nicht groß von uns.

Das stimmte. Tatsächlich kreiste auch die menschliche Daseinsberechtigung um den Fakt, dass möglichst viele, möglichst reine Vertreter der menschlichen Rasse das Licht der Welt erblickten und sich wiederrum fortpflanzten, um den unendlichen Raum des von ihnen besiedelten Universums mit ihren Leibern zu füllen.

Und so wie die Jäger Bastets, die großen Raubtiere und natürlichen Feinde des stolzen Vogels damit beschäftigt waren seine Ausbreitung einzudämmen, strömten auch die Feinde des Menschen aus den Tiefen des Alls herbei, um seinen Einfluss auf die Galaxis zu negieren – und seine Präsenz gleich mit.

Aber es gab einen Unterschied zwischen den Vögeln und den Humanoiden: Letztere standen unter dem Licht des großen Imperators. Und dieses Licht diente als Leuchtfeuer. Als Wegweiser durch die Finsternis zwischen den Sternen.

Die Gladii konnten diese Besonderheit nicht geltend machen. Wobei – wirklich schräge Vögel kannte der Major auch unter den Menschen. Einer von ihnen führte sein Regiment.

Er schnaubte missvergnügt, als er an seinen Colonel dachte. Ekko. Je länger er darüber nachgrübelte, umso mehr wollte es ihm vorkommen als wenn der Wahnsinn des imperialen Regimentskommandeurs von einer nur schwer zu verstehenden Methode war. Der Auswuchs eines besonders perfiden Genies, das es nicht zuließ, dass ihm jemand in die Karten schaute.

Anders war sein wechselhaftes Benehmen nicht zu erklären.

Um sein Verhalten einer spontanen Häresie zuzuschreiben fehlte ihm der unkontrollierte Wahn einer mit der Versuchung in Berührung gekommenen Person.

Für einen Karriereoffizier war er zu unkonventionell.

Und für eine Überforderung mit der Last des Dienstes zeichneten sich seine Pläne am Ende einer langen Kette von Absurditäten stets durch eine wichtige Eigenschaft aus: Sie waren erfolgreich.

Es gab wohl keine Sache, die dem Major mehr Unbehagen bereitete als ein Vorgesetzter, der in seiner eigenen, kleinen Welt lebte und selbst in dieser als vollkommen Verrückter bekannt war. Vor allem, wenn die Welt gewisse Berührungspunkte mit der Realität aufwies, an denen es kontinuierlich zu kräftigen Blitzentladungen kam, die mit einer Macht wüteten wie die berüchtigten Gewitter in den Bergen des Jareth-Bezirks.

Carrick seufzte leise.

Es betrübte und frustrierte ihn ungemein, dass seine Gedankenwelt selbst hier, mehr oder weniger fern ab vom Regiment, von der Präsenz Colonel Ekkos beherrscht wurde. Dass sich der Vorgesetzte in seine mentalen Prozesse fläzte und dort ganz entspannt bei einem Glas Sarether Rotwein auf den Sonnenuntergang blickte, während er seinem Stellvertreter zuprostete. Vergleichen ließ sich das am Ehesten mit dem Effekt einer Nadelpistole: Geht ins Ohr – bleibt im Kopf.

»Entschuldigen Sie, Major«, sprach ihn die kraftlos gewordene Stimme einer jungen Frau von hinten an.

Er wandte sich um. »Ja, Mae?«, fragte er und schalt sich beinahe postwendend dafür, denn das Mädchen zuckte vor dem Klang seiner Worte zurück.

Es schien sie ein ums andere Mal zu erschrecken, ihn einfach nur anzusehen.

So, als würde sie sein Antlitz, seine bloße Existenz, an all das Furchtbare erinnern, das sie und ihre Familie hatten erleiden und erdulden müssen.

Und obwohl der Major wusste, dass er wohl am Wenigsten für die Situation konnte, in der die Familie seiner Frau – und somit irgendwo auch seine Familie – steckte, so fühlte er sich schuldig an ihrer Lage.

»Was möchtest du?«, bemühte er sich freundlich anzufügen. Es hörte sich falsch an – und wenn er ehrlich sein sollte, dann war es das auch. Denn so sehr er für das Mädchen den Schrecken des Vergangenen darstellen mochte, so sehr besaß sie denselben Effekt auf ihm. Sie war Teil einer Welt, die ihm fremd geworden war. Die er nicht mehr verstand und vielleicht auch nicht verstehen wollte. Und sie war die Inkarnation seines Lebens, also jener Dinge die er nicht mitbekommen hatte und die einfach an ihm vorbeigeschlendert waren. Vermutlich sogar mit einem Glas Sarether Rotwein.

»Ich … wir würden gerne wissen, ob Sie mit uns essen würden?«

Ja, das war das Problem mit Rotweinen: Wenn man es am Wenigsten vermutete, stiegen sie einem ins Hirn und lachten über die unbeholfenen Versuche, ihrer Herr zu werden, während gleichzeitig die mentalen Barrieren brachen und tausende unschuldiger Hirnzellen ertranken. Und das war sogar der Fall, wenn man das Getränk noch gar nicht zu sich genommen hatte, sondern einfach nur daran dachte.

Der Major neigte ein wenig beschämt den Kopf. »Ich möchte euch sicherlich nichts wegnehmen«, merkte er an. »Nur, wenn ihr wirklich darauf besteht.« Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Zumindest versuchte er es. Dass seine Bemühungen fruchtlos waren und die eher hölzerne Miene das Mädchen nur noch eher verunsichern würde, wurde ihm erst klar, als ein weiterer Schatten über das mutlose Gesicht zog. Es machte seine eigenen Empfindungen nur noch schlimmer.

Er hatte gesehen, in welchen ärmlichen Verhältnissen die Familie seiner Frau lebte. Eine höchst erschreckende Entwicklung, betrachtete man die Tatsache, dass sie einst zu den wohlhabenden Familien Bastets gehört hatten.

Um zu verstehen, wie es so weit kam, musste man den Hintergrund der bastetischen Kultur dem allgemeinen Imperialen Kult gegenübersetzen.

Beiden gemeinsam war die Tatsache, dass sie einer höheren Entität huldigten, zu einen der Heiligen Bastet, zum anderem dem Heiligen Imperator, dem Herren alles Seins und aller Wesen, der das Imperium geschaffen und die Menschheit geeint hatte.

Und sie besaßen noch eine Gemeinsamkeit. In beiden Kulturen verlieh der Glaube Macht. Dies mochte mit der Tatsache zusammenhängen, dass sich die bastetische Kultur dem Imperialen Kult unterordnete, doch selbst wenn es nicht genauso gewesen wäre, dann hätte sich zumindest eine parallele Gesellschaft mit ähnlichen Gedanken und Vorstellungen entwickelt.

Frommheit bedeutete Aufstieg. Wer an die großen Entitäten glaubte und ihnen huldigte, wer seinen Glauben an ihre Allmacht offen zeigte und bewies, dass er in ihrem Namen große Taten zu vollbringen bereit war, der durfte hoffen, dass man den roten Teppich des gesellschaftlichen Wohlgefallens vor ihm ausrollte.

Die Gunst des Ekklesiarchie – also jener Institution, welche den Glauben und alle damit zusammenhängenden Dinge verwaltete – zu gewinnen bedeutete, die Gunst der Gesellschaft zu gewinnen. Ruhm, Macht und Reichtum gaben sich die Klinke in die Hand, um ein Teil der jeweiligen Familie zu werden.

Doch an diesem Punkt endeten die Gemeinsamkeiten zwischen dem Imperialen Kult und der bastetischen Kultur.

Besonders in einem wichtigen, wenn nicht sogar essentiellen Teil ihrer Basis unterschieden sie sich.

Während man im Imperium davon ausging, dass der Imperator besonders hingebungsvolle Diener prüfte, um ihnen im Anschluss an jene Prüfung eine noch größeren Aufgabe zuzugedenken oder wankelmütige Diener wieder auf den rechten Weg zurückzuführen, kehrte den bastetische Glaube diese Vorstellung um.

Auf der dritten Welt des Bastet-Systems betrachtete man die Prüfung als Strafe. Aus Krankheiten, Unglücken oder ungeplanten Beförderungen wurden so Anzeichen dafür, dass die angebeteten Entitäten das Vertrauen in ihre Diener verloren hatten und ihnen durch die Auferlegung einer schweren Last eine letzte Verwarnung zukommen ließen. Fingen sie sich und kämpften gegen das ihnen geschehene Unglück, so gelang es ihnen möglicherweise, zurück in den barmherzigen Schoss oder an die Brust der jeweiligen Gottheit zu kriechen. Besonders bei der Heiligen Bastet schien dies doch recht erstrebenswert.

Wenn es also soweit kam, dass der Imperator oder die Heilige Bastet entschieden, jemanden zu prüfen, dann gerieten mehr als nur göttliche Hebel in Bewegung.

Denn sobald sich herauskristallisierte, dass jemand in der Gunst Bastets oder des Imperators gefallen war, nahm auch das Weltliche Abstand zu den so Gezeichneten.

Damit einher gingen Verlust der Ämter, der Privilegien und sämtlicher einst genossener Einflüsse in Politik, Wirtschaft und Kultur.

Man rutschte die soziale Rangleiter abwärts bis an jenen Punkt, an dem nur der Respekt einstiger Größe ein Gitter vor jene glitschigen Steine schob, von denen man sonst in die braune Abwassersuppe der Unterschicht stürzte und dort höchstwahrscheinlich ertrank.

Ab und an waren sogar benannte Gitter rostig genug, dass der Unglückliche sie mit Schwung durchbrach und in der Folge im Sumpf des Vergessens versank.

Und das war mit den Angehörigen von Laetitia Nebet geschehen.

Mit der Entscheidung, die Krankheit der eigenen Tochter zu akzeptieren und ihr Unglück somit auf die Familie zu übertragen, hatte sie sich ins gesellschaftliche Aus katapultiert.

Ihr »Fangnetz« stellte allein die Tatsache dar, dass man sie nicht aus ihrem Haus geworfen hatte – was aber auch keinen Unterschied machte, denn das Gebäude, das Carrick zum ersten Mal seit längerer Zeit betreten hatte, stellte nur noch einen Bruchteil jener Villa dar, die der Major vor etwas mehr als zwei Jahren zum letzten Mal verlassen hatte.

Er seufzte leise und nickte. »Nach dir!«

Sie traten von der dem Freon zugewandten Terrasse zurück ins Gebäude. Zum wiederholten Male beschlich den Major das Gefühl, die Temperatur um ihn herum sänke um eine beträchtliche Gradzahl ab. In dem großen Raum, der den Eingangsbereich sowie den Wohnbereich samt Esstisch und Altar umschloss, herrschte selbst im Angesicht der hell strahlenden Mittagssonnen partielle Düsternis.

Selbst Taous und Tages schienen ihren Strahlen etwas Besseres zumuten zu wollen als den entwürdigenden Kontakt mit einer gefallenen Familie.

Insgesamt drei Personen blickten von dem großen Esstisch auf, an dem vor nicht allzu langer Zeit noch Oberste des bastetischen Politikapparats gesessen und sich bei eigentümlichen, wenn auch herrlichen Speisen in Diskursen über politische, wirtschaftliche und soziale Themen ergangen waren.

Das Oberhaupt der Familie, Dios Nebet, hatte einst zu den großen Stadtvätern Serarehs gehört. Ein Mann des Volkes, der sich um die einfachen Leute kümmerte und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten stets für sie eingesetzt hatte. Ihm war – im Gegensatz zu vielen anderen Politkern des Planeten – die immense Bedeutung bewusst gewesen, welche die Bevölkerung Bastets für den von Abermilliarden von Milliarden menschlichen Wassertropfen gefüllten Pool der menschlichen Sphäre hatte. Oder zumindest die Bedeutung, die sie sich zu haben erhoffte.

Wie Holz, Kohle oder jene Stoffe, aus denen Promethium gewonnen wurden, waren auch die Menschen eine schier unerschöpfliche Ressource. Sie wuchsen nach, verbreiteten und gewannen an Macht.

Doch dazu mussten sie erst einmal heranwachsen. Und das dauerte. Für einen ausgewachsenen Menschen berechnete bis zu zwanzig Jahre Entwicklungszeit.

Einem Planeten wie Bastet mit seiner doch eher beschränkten Bevölkerungsgröße konnte so etwas eine durchaus tödliche Zeitspanne sein. Erntete man mehr Material als sich in der Zeit entwickeln konnte, dann verdammte man eine Welt (oder in den meisten Fällen auch nur eine Bevölkerung) zum Untergang.

Das wollten die Oberen natürlich um jeden Preis verhindern.

So hatte Nebet um jedes Leben gekämpft, versucht jedem Einwohner der Stadt einen Sinn zuzuweisen; Sei es auch nur dadurch gewesen, dass er einen Obdachlosen statt einen produktiven Arbeiter in die Reihen der für die Imperiale Armee nötigen Zehntregimenter befahl.

Nun allerdings blickte Carrick von der Stirnseite des prächtigen Holztisches ein gebrochener, ergrauter Mann entgegen, dessen Gesicht sich zu einem Sammelbecken harter Schatten entwickelt hatte.

Seine Frau, Neferti, hatte einst den gleichermaßen beachteten wie auch verpönten Beruf der Trophäenpartnerin ausgeübt und in diesem Zusammenhang ein gewisses Verständnis für die Basteter Politik entwickelt.

Sie im herkömmlichen Sinn als schön zu bezeichnen wäre vermutlich ein wenig zu viel der Ehre gewesen, aber sie besaß eine attraktive Ausstrahlung, die zumindest ihren jetzigen Ehemann dazu verleitet hatte, sie als Partnerin, nicht als Trophäe in seine Familie aufzunehmen und mit ihr zwei Töchter zu zeugen, von denen eine schließlich das Herz eines gewissen imperialen Offiziers eroberte.

Doch auch sie schien nicht mehr zu sein als ein Echo ihrer früheren Person. Zwar gelang es ihr besser als ihrem Mann, den Schmerz wegzudrücken und es erscheinen zu lassen, als habe das Geschehene keinen besonderen Eindruck hinterlassen, aber für einen etwas geübten Beobachter stellte es keine große Herausforderung dar zu erkennen, dass sich der Schrecken tief in ihre Seele und ihren Körper gegraben hatte.

Die dritte Person am nur spärlich gedeckten Tisch war die Hospitallerinnen-Schwester, die seine Frau seit geraumer Zeit betreute und die, wie er inzwischen herausgefunden hatte, Evette hieß.

Als Teil der ekklesiarchischen Exekutive war sie über jeden Zweifel erhaben und so besaß der Kontakt zu den Nebets keinerlei negative Auswirkungen auf ihre Reputation.

Sie trug ein einfaches Hospitallerinnen-Gewand mit entsprechender Haube, das ihr ansprechendes, herzförmiges Gesicht einrahmte und den Blick auf ihre mit einigen wenigen Sommersprossen verzierten Wangen zentrierte. Warme, braune Augen und der schmale Mund mit den blassen Lippen taten ihr Übriges, um der jungen Frau eine kühle und zugleich mädchenhaft-unschuldige Schönheit zu verleihen, die auf einen Verletzten oder Sterbenden ohne Frage einen immensen Effekt ausstrahlte. Wie ein Engel, der ihn zu sich nahm.

Sie sieht gut aus, dachte er sich. Zumindest wirkt sie attraktiv.

Schwester Evette saß still und mit im Schoß abgelegten Händen am Tisch, so als befände sie sich an einem Ort, an den sie nicht gehörte und den sie am liebsten verlassen hätte, indem sie durch den Boden ins Erdreich emigrierte.

Auf Carrick wirkte sie nicht wie eine fremde, distanzierte Ordensschwester, sondern wie jemand, der sich für das Schicksal der Familie verantwortlich fühlte und neben ihrer Tätigkeit als Heilerin mit der Frage beschäftigt zu sein schien, wie sie das seelische Wohlergehen der in den Fall verwickelten Menschen wiederherstellen könnte.

Sie faszinierte den Major.

Mae rückte einen Stuhl zur Seite und ließ den imperialen Offizier Platz nehmen, bevor sie sich selbst an den ihr zugedachten Teller setzte.

Das Familienoberhaupt erhob seine dunkle vom Schmerz durchsetzte Stimme: »Und nun lasst uns beten.«

Sie kreuzten die Hände zum Symbol des Aquila, dem imperialen Doppeladler.

Dann folgte Schweigen.

Carrick betrachtete es durchaus als ungewöhnlich, dass niemand ein Wort des Gebets sagte, und als sich die Stille zu vertiefen schien, niedergedrückt von unsichtbaren Mächten, blickte er unwillkürlich auf.

Die Anwesenden starrten konzentriert auf ihre Teller, so als gelänge es ihnen dadurch, das Geschirr in Bewegung zu versetzen. Diesen Versuchen widmeten sie sich derart verbissen, dass es für einen kurzen Moment wirklich so schien, als wäre ihrem Vorhaben ein gewisser Erfolg beschieden.

Zumindest erweckten die Teller den Eindruck, als würden sie sich wirklich bewegen.

Hätte jemand den Mut besessen, in diesem Augenblick ein Maßband hervorzuholen und nachzumessen, so wäre es dieser Person vielleicht sogar möglich gewesen festzustellen, dass die Teller tatsächlich nicht mehr an exakt derselben Stelle befanden, an der sie vorher gewesen waren.

Eine entsprechende Umfrage unter dem Geschirr wiederum hätte ergeben, dass sie versuchten, den stummen Blicken der sie betrachtenden Menschen auszuweichen.

Es dauerte etwas bevor sich die Anwesenden aus ihrer wortlosen Verkrampfung lösten und begannen, dem mehr oder weniger spärlich gedeckten Tisch ihre Aufmerksamkeit zu widmen.

Der Major beobachtete sie dabei.

Eine Suppe bildete das Hauptgericht. Man hätte nicht sagen können, dass man von der Suppe zu wenig bekommen hätte, sie war auch mit Fleisch und Gemüse gefüllt, sodass sich durchaus von einer nahrhaften Mahlzeit sprechen ließ. Aber sie war recht dünn, entweder gestreckt oder nicht richtig zubereitet.

Dazu gab es Brot und gesalzenes Gemüse, das dazu gedacht war, den Appetit anzuregen.

Obwohl er nicht wusste, weshalb, fühlte sich Carrick beim Anblick dessen, was ihm aufgetischt wurde, erleichtert. Bei dem beobachteten Zustand der Familie hatte er schon geglaubt, sie würde sich von angeschwemmten Tierkadavern und toten Ratten ernähren, während der Schimmel auf den Ären viel zu feuchter Brotgetreidesorten die entsprechende Beilage darstellte.

Man nagte also nicht unbedingt am Hungertuch. Zumindest noch nicht.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte Laetitias Mutter, während sie ihm einen scheuen Blick zuwarf. »Die Suppe hat Mae gekocht. Leider sind uns alle Diener fortgelaufen«, erklärte sie entschuldigend, woraufhin er die Hand hob und jede weitere Entschuldigung im Keim erstickte.«

»Sie ist ausgezeichnet«, erwiderte Carrick, obwohl wohl jedem klar war, dass er noch nicht einen Löffel probiert hatte. Dabei vermied er es, der jüngeren Schwester seiner Frau einen Blick zuzuwerfen aus Angst, sie könne diesen falsch auffassen und weinend aus dem Zimmer verschwinden. »Ich war nur in Gedanken versunken.«

Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf Schwester Evette, die so leise und geräuschlos aß, dass sich einem der Eindruck aufdrängte, sie vollführe lediglich eine mechanische Bewegung, ohne dass der Löffel je ihre Lippen, geschweige denn den Teller berührte. »Es freut mich festzustellen, dass der Hospitallerinnen-Orden sich einer derartigen Situation angenommen hat«, bemerkte er in Richtung der Sororita.

Die richtete sich ertappt auf. »Na … natürlich«, erwiderte sie nach einer kurzen Schrecksekunde. »Wir alle dienen dem Imperator. Und es ist unsere Aufgabe, in seinem Namen alles uns Mögliche zu vollbringen, um uns den Mächten des Bösen entgegenzustellen.« Offensichtlich zählte sie auch Krankheiten dazu.

Carrick nickte nachdenklich und tauchte den Löffel in die Suppe. »Ich verstehe. Ich meinte mich nur zu erinnern, dass der Ordo Militaris hier auf Bastet die Hand über die zivilen Orden gehalten und untersagt hatte, dass man Schwestern für langwierige Heilungen ziviler Personen abstellt. Vor allem, wenn …« Er brach ab, denn er die Worte »sie in Ungnade gefallen sind« wollten einfach nicht über seine Lippen kommen.

Das wäre aber auch gar nicht nötig gewesen.

»Es gibt keinen Ordo Militaris mehr auf Bastet«, bemerkte die Schwester. Eine kleine Nebensächlichkeit. Nicht der Rede wert … oder zumindest kaum. Es war ja nicht so, als wenn die Armeen der Ekklesiarchie auf Bastet mehr als viertausend Schwestern stark gewesen waren – im Jargon der Imperialen Armee bedeutete das ein verstärktes Regiment. Im Rahmen der Gefechtsführung fiel diese Größe sogar noch stärker ins Gewicht, denn durch ihre Ausrüstung, ihren Glauben und ihre Bewaffnung tendierte man in Kreisen imperialer Befehlshaber dazu, eine einzelne Schwester im Angesicht der unendlichen Masse an sterbenswilligen Soldaten deutlich höher zu gewichten. Es gab also Leute, die einen Militarierorden wie jenen der Rose der brennenden Agonie (so der Name der Schwesternschaft auf Bastet) kampfkrafttechnisch auf Divisionsebene hoben und daher mit faktisch nicht vorhandenen Truppen planten, was die Sororitas unter Zugzwang setzte, das in sie gesetzte Vertrauen auch zu erfüllen.

Eine technisch einwandfreie Motivationsmethode, wie ein Außenstehender anerkennend feststellen musste.

Der Major hingegen dachte gar nicht darüber nach. Ihn interessierte nur eine Sache, die ihn mit der Kraft eines Vorschlaghammers traf und in ihm ein Gefühl zurückließ, das am Ehesten mit dem Resultat vergleichbar war, das man erreichte, indem besagter Hammer ihm das Herz aus dem Leib schlug.

Die Schwestern waren fort! Einfach so!

»Was?«, fragte er. Dass die dünne Suppe von seinem Löffel zurück auf den Teller tropfte und dabei das fleckige Tischtuch vollspritzte, fiel ihm gar nicht auf.

 

***

 

Im Büro von Konsul Bragg Fradd herrschte reges Treiben.

Zumindest wenn man in der Lage gewesen wäre, Gedanken rattern zu hören.

Tatsächlich rasten dem Administraten derart viele Überlegungen durch den Kopf, dass es fast an einer Wunder grenzte, dass sie nicht überschlugen, miteinander kollidierten und in einer gewaltigen Kettenreaktion explodierten, woraufhin ein mächtiger Atompilz aus den Ohren des imperialen Verwalters emporquoll.

Im Büro selbst hingegen war es erstaunlich leise.

Vermutlich lag es daran, dass der Konsul sich bemühte, nach Möglichkeit kein lautes Geräusch zu machen, wahrscheinlich aus Furcht, es könnte seiner Reputation schaden oder – noch schlimmer – den Zorn der Ekklesiarchie auf sich ziehen.

Man hätte schon sehr genau hinhören müssen, damit sich einem das unstete Zittern offenbarte, das unter der Robe des Konsuls sein Unwesen trieb.

Und dieses Zittern, mehr noch Bibbern im Angesicht der der kalten Schauer, die dem Mann über den Rücken liefen.

Erst vor kurzem hatte er erfahren, dass er am heutigen Tag Besuch erwartete. Eine Tatsache, von der er bis dato gar nichts wusste. Vor allem sein Kalender schien verwirrt, schüttelte seine Seiten und machte mit vorsichtigem Rascheln auf die Tatsache aufmerksam, dass die terminlichen Verpflichtungen für den heutigen Tag doch eher rar gesät waren.

Zudem war dies nicht irgendein Besuch. Nein. Der Mann, der ihn mit der eigentlich für einen Konsul wie Fradd eher erschreckenden Ehre seiner Präsenz entsetzte, war der Hohe Konfessor Cobis, imperialer Magistrat der Ekklesiarchie und höchster Priester des Systems Bastet.

Ein Mann, dessen Aussehen seinem Namen entsprach. Gut gebaut und trainiert, erhaben und zugleich finster im Wesen, pflanzte er die Saat des Respekts und der Furcht in die Herzen sowohl seiner Feinde wie auch Freunde.

Wer mit Cobis zu tun bekam, der spürte die Macht der Ekklesiarchie auf seinen Schultern ruhen wie ein Raubvogel, der sich zum Angriff bereitmachte.

Man tat gut daran, den Confessor nicht zu reizen, zumindest, wenn man plante, länger im Dienst des imperialen Verwaltungsapparats zu verweilen – oder zu überleben.

Es klopfte an der großen, hölzernen Flügeltür.

Fradd sah erschrocken auf.

»Ja?«, rief er ein wenig heiser, was das reich verzierte Kunstwerk veranlasste, vorsichtig ins Zimmer aufzuschwingen, immer darauf bedacht keine Bewegung zu machen, die etwaige Leibwächter veranlasste, aus irgendwelchen Schatten hervorzuspringen und sie mit Kettenschwertern in eine vierteilige Flügeltür zu verwandeln, die man je nach Größe des Besuchers variabel öffnen konnte.

In einer, mit dem langsamen Öffnen des Eingangs einhergehenden, fließenden Bewegung, materialisierte sich Nator im entstandenen Spalt.

»Der Konfessor ist hier«, meldete er mit leiser, leicht metallener Stimme.

Fradd schluckte. »Her-herein mit ihm«, winkte er dem Lexicaten zu und versuchte, sich wenig elegant aus seinem Sessel zu erheben.

Ein kurzes Nicken seitens Nator folgte, dann stemmte sich der halb-menschliche Diener in das schwere Holz der Tür und drückte sie vollständig auf.

Urplötzlich wurde es kalt im Raum. Aura flutete das Büro des Konsuls wie unsichtbarer Nebel, erstickte jeden Einfluss, der sich auch nur im Ansatz mit der Macht des Konfessors hätte messen können und begann dann, die Umgebung forschend zu untersuchen.

Sie kroch über den Boden, kletterte unter Tische und über Möbel, kraxelte die Wände empor und riss einem letzten Quäntchen Selbstbewusstsein, das Fradd in seinem Kronleuchter verborgen hatte, triumphierend den Kopf ab.

Dann ließ sie sich so elegant wie eine Assassine auf einen der bequemen Sessel fallen, schlug zufrieden die Beine übereinander und deutete auf den Eingang.

Der Konsul folgte ihrem Blick.

Eine hochgewachsene Gestalt tauchte im vom Licht der beiden Zwillingssonnen scharfkantig ausgeleuchteten Gang auf, marschierte mit langen, dennoch gemessenen Schritten durch den Zugang ins Büro und sah sich gleichgültig um.

Nator verneigte sich tief.

Die Priester des Ministorums teilten sich grundsätzlich in zwei Stereotype, denen sich auf die eine oder andere Weise sämtliche anderen Unterarten und Charaktere der Ekklesiarchie unterordnen ließen.

Die einen waren die Bösartigen. Gleich einem Tumor, der durch Absiedlung Metastasen in jedem nur erdenklichen Körperteil zu bilden in der Lage waren, verteilten diese schleimigen und kriecherischen Individuen ihre Schlechtigkeit in den geheiligten Hallen ekklesiarchischer Gemäuer. Dort, wo Reinheit und Glaube Kernaufgabe des bußfertigen Mannes hätten sein sollen, drapierten sie ihre von Selbstsucht und Gier zerschundenen Leiber, pokerten um Macht und Ruhm, waren sich selbst am Nächsten und verteilten die von ihnen gelebten Dogmen an das sie umgebende Gewebe der imperialen Kirche weiter.

Es hieß sogar, sie schliefen mit jungen, männlichen Progena, weil sich ihnen nie eine Frau ergeben hätte, weder in der Beichte, noch bei einer Konfrontation auf dem Schlachtfeld.

Die andere Sorte waren jene Äbte, die man in Angst vor einer Fehlinterpretation anderer Begriffe nur als die »Wahrhaften« zu bezeichnen wagte.

Jene Männer, denen die Rechte und Pflichten der Priesterschaft in Fleisch und Blut übergegangen waren. Denen die Ränkelspiele um jede wie auch immer geartete Form vom Reichtum oder Macht so fern waren wie der Kern der Galaxis dem Heiligen Terra. Deren natürliche Machtprojektion ausreichte, um sie ihren Platz erkennen zu lassen.

Denen sich die Frauen reihenweise an die Brust warfen, um zu beichten und denen sie lieber zeigen denn erzählen wollten, wie sie gesündigt hatten.

Nein. Diese Männer benötigten wahrhaftig kein von Geltungssucht und stetem Kampf aufgefressenes Leben. Sie strahlten aus, was sie waren und wo sie standen.

Es bedurfte keiner geistigen Anstrengung zu erkennen, welcher Sorte Cobis angehörte.

Anders als Colonel Ekko fand er auch keinen Gefallen daran, nicht als das erkannt zu werden, was er darstellte.

Die selbstverständliche Projektion geballter Macht, die der Mann wie einen besonders eng anliegenden Stoff am Leib trug, wob einen schützenden Kokon um den Konfessor, der ihn für sämtliche Versuche der Annäherung unempfänglich machten.

Einzig der Imperator führte ihn, durch Licht und Sturm, beleuchtete seinen Weg und ließ ihn niemals straucheln.

»Ehrenwerter Konfessor Cobis«, begann der Konsul und beeilte sich, um den Schreibtisch herumzukommen, damit er dem Konfessor seine persönliche Aufwartung machen konnte.

»Konsul Fradd«, erwiderte der Konfessor unterkühlt. Seine große, auf trainierte Weise breite Gestalt – in ihrer Form eher der eines Kommandosoldaten gleich – schien sich etwas vorzubeugen, um den deutlich kleineren Mann wie ein interessantes Ausstellungsstück in einem Museum zu mustern.

Sein breites, liturgisches Gewand, das unter der schweren Dalmatik hervorlugte und der darüber liegende Vespermantel, von dem eine Vielzahl imperialer Epitrachelien herabhingen, wiesen den Betrachter auf die hohe Position hin, die der Konfessor in den Reihen des Ministorums einnahm. Ein einschüchternder Anblick, der durch die hohe Mitra auf dem Kopf des Epsikopos nur verstärkt wurde.

Eilig kniete sich der Konsul auf den Boden, um die Ehre wahrzunehmen, den Signums-Ring des imperialen Klerikers zu küssen. Großzügig hielt ihm Cobis seine Hand hin.

Nachdem dieser erste Schritt getan war, erhob sich der Besuchte eilig und bot seinem wichtigen Besucher einen Platz an. Er bemühte sich, nicht dem Stuhl zu nehmen, auf dem die Aura des Konfessors bereits residierte, aus Angst, die beiden könnten die Ströme kreuzen und so das Ende des Universums – oder zumindest seiner Karriere – herbeiführen.

Doch der Konfessor ignorierte das Angebot. Stattdessen durchwanderte er den Raum, interessierte sich für alles – nur nicht für Fradd.

»Eure Exzellenz!«, begann dieser mit gemessener Stimme. »Es ist eine Ehre, Euch in meinem bescheidenen Dienstzimmer willkommen heißen zu dürfen! Leider wurde mir erst gerade eben mitgeteilt, dass Ihr …«

Sein Gast hob seine mit Pontifikal-Ringen besetzte Hand. »Spart euch das«, sagte er mit dunkler, schleppender Stimme. »Wir kamen nicht her, uns in eurer Aufwartung zu suhlen«, schmetterte er jede Gefälligkeitsbekundung seitens des Konsuls ab. »Wir sind aus einem anderen Grund hier.«

»Ein …«, begann der Konsul und spürte, wie sich Schweiß aus seinen Poren quetschte. Aufregung und Sorge brandeten in ihm auf wie Kohlensäure in einer Wasserflasche, die man zu lange geschüttelt hatte und er musste dem Drang widerstehen, am enger werdenden Kragen seines Gewands zu zupfen. »Ein anderer Grund?«, brach es aus ihm hervor.

Cobis, gerade mit dem Studium eines Bücherregals beschäftigt, das etwas abseits des Besucherbereichs stand und ebenso unsicher wirkte wie Fradd, nickte gedankenverloren. Er ließ seinen Zeigefinger über die Buchrücken gleiten und murmelte dabei unverständliche Worte. Schließlich entschied er sich für ein Werk – Standardausrüstungslisten für die Regimenter der Imperialen Armee, wie Fradd feststellte – und begann darin zu blättern.

»Ich verstehe nicht«, hakte ein plötzlicher Gedanke des Konsuls nach, eher er es verhindern konnte. »Ich hoffe doch, dass niemand es wagen würde, Euch ….«

Das Buch schlug zu. Der Knall, dem Laut eines durchdringenden Schmerzensschreis gleich, hallte von den Wänden des Büros wieder, ging über in die sich erhebende Stimme des Ekklesiarchen: »Uns ist zu Ohren gekommen – und sicherlich könnt ihr uns besser über den Stand in Kenntnis setzen – dass sich eine kämpfende Abteilung des Astra Militarum zur Auffrischung auf Bastet III befindet. Das 512. Regiment?«

Der Schweiß auf Fradds Haut begann nun Rinnsale zu bilden

»Ja. Ja, das ist richtig«, gestand er und spürte, wie sich Stolz und Sorge in seinem Innern bekämpften, zusammen mit der Frage, worauf das Gespräch wohl hinauslaufen würde. »Das 512. Regiment Sera.«

Der Konfessor nickte betont langsam, was seinem Gegenüber den Eindruck vermittelte, er rastere ihn mit seinem unheimlichen, berechnenden Blick ab. Wie eine Schlange, die ihr Opfer beobachtete und daraus eine Antwort auf die Frage ableitete, ob es nötig war, dass sie zur bevorstehenden Mahlzeit den Kiefer aushängen musste oder nicht. »Das 512. Regiment Sera. Genau. Das war ihr Name. Das 512. Regiment Sera der Imperialen Armee, ausgehoben auf Bastet III.«

Der Konsul bemerkte, wie sich seine Stirn runzelte. Er konnte es nicht verhindern.

Die Imperiale Armee? Jenes mächtige Werkzeug der Menschheit, das die Feindes des Imperators unter der schieren Last seiner Leiber zu erdrücken in der Lage war? Warum sollte sich ein Mitglied des Ministorums …?

In der imperialen Gesetzgebung gab es einen Passus, der es der Ekklesiarchie verbot, jemals wieder eine Armee zu besitzen. Wörtlich stand dort geschrieben, dass der Ekklesiarchie nie mehr ein Mann unter Waffen dienen sollte.

Dieses Dekret Passivum, der Grund für die Existenz des Adeptus Sororitas, stammte noch aus dem Zeitalter der Apostasie, einer Phase unfassbarer Dekadenz und Selbstgerechtigkeit, in der sich das Imperium erfolgreich selbst an den Rand der Zerstörung getrieben hatte.

Die Gründe dafür waren vielfältiger Natur, doch im Endeffekt lag die Schuld bei Goge Vandire, einem wahnsinnigen Administraten, der sich während einer Phase des Misstrauens zwischen Administration und Ekklesiarchie an die Macht beider Organisationen putschte.

In den diesem Coup folgenden siebzig Dekaden übte er eine Herrschaft des Blutes aus, vernichtete Millionen über Millionen von Leben und wurde schließlich von der Anführerin seiner eigenen Leibwache exekutiert, aus denen schließlich das Adeptus Sororitas hervorging. Soweit die Kurzfassung.

Das bedeutete im Umkehrschluss allerdings, dass es der Ekklesiarchie nicht erlaubt war, sich in irgendwelche Belange des militärischen Grundbetriebs einzumischen oder auf irgendeine andere, erdenkliche Weise an Tätigkeiten, die den Aufgaben des Administratums unterlagen, teilzunehmen.

Fradd spürte, wie die Rinnsale aus Schweiß auf seiner Haut zu Flüssen wurden. Sollte er dies dem Konfessor gegenüber wirklich ansprechen? Sich und seine Gedanken ihm auf diese Weise offenbaren?

Wer konnte schon wissen, welchen Plan der Diener der Ekklesiarchie verfolgte – und in Anbetracht der Situation, in der sich Bragg Fradd befand, mochte dies nicht die beste Lösung für seinen weiteren Werdegang darstellen.

Bastet war eine ihm wenig freundlich gesonnene Welt. Doch wer wusste schon, was jenseits davon auf ihn lauerte?

Dennoch. Einfach so konnte und wollte er seinem Besucher das Zepter nicht einfach in die Hand geben.

»Aber, Exzellenz«, setzte er an, »Darf ich Euch daran erinnern, dass es der Ekklesiarchie …« Er brach ab und überlegte es sich anders. »Diese Einheit ist im Neuaufbau begriffen und derzeit nicht unbedingt gefechtsbereit. Wenn Ihr mir sagen würdet, wofür Ihr das Regiment benötigt, dann bin ich mir sicher, dass das Departmento Munitorium ein Regiment findet, das für Euer Vorhaben besser geeignet ist als dieses.«

Erneut hob der Konfessor die Hand. »Spart euch eure Sorge, Konsul«, verlautbarte er, bevor sein Gesprächspartner die Gelegenheit wahrnehmen konnte, um (in seinen Augen) noch mehr absurde Aussagen in Umlauf zu bringen.

Cobis drehte sich um. Glühende Augen erwiderten den Blick des Konsuls. »Wir haben kein Interesse an einer kämpfenden Abteilung für die Ekklesiarchie.«

Diese Aussage brachte die Gedankenwelt des Konsuls nun vollends durcheinander.

Fradd rang mit sich, focht gegen den inneren Drang niederzuknien und unter Entschuldigungsbekundungen darauf hinzuweisen, dass er diese Aussage absolut nicht verstand, und er den höchsten ekklesiarchischen Vertreter dieses Systems, einen Mann, der ihn so unglaublich schnell aus dem imperialen Kult zu exkommunizieren in der Lage war, dass er nie wieder einen Fuß in ein bewohntes System setzen konnte, dafür ergebenst um Verzeihung bat.

Nein. Diese Blöße würde er sich nicht geben.

Wie er es drehte und wendete – egal wie er reagierte – am Ende würde es sich auf die eine oder andere Weise als falsch herausstellen.

»Exzellenz«, begann er daher vorsichtig. »Das Munitorium ist immer bestrebt, seine Pflichten und Aufgaben wahrzunehmen und wir sehen es als unsere Aufgabe, die Ekklesiarchie in allen Belangen des imperialen Dienstes zu unterstützen«, erklärte er feierlich. »Aber mir ist noch nicht ganz klar, worauf Ihr hinauswollt. Es würde mir helfen, wenn Ihr mir Euer Anliegen schildern würdet.«

Das endlich schien zu helfen, auch wenn Fradd spürte, dass ihm die Worte die Kehle zusammenschnürten und all seine Lebensenergie zu entfliehen schien.

Cobis wandte sich um. »Hatten wir nicht …?«, überlegte er, dann schüttelte er den Kopf. »Wie dumm von uns.« Er lächelte wölfisch. »Es ist uns ein persönliches Anliegen, dass diese Einheit Teil der Prozession zum Saatfest ist«, erklärte er.

Fradd fiel vor Erstaunen in den Stuhl hinter sich. Altehrwürdiges Leder knirschte. »Das ist …!«, rief er aus, erinnerte sich aber im letzten Moment daran, dass er nicht klug wäre, die Worte des Konfessors in Zweifel zu ziehen und damit vermutlich den Eindruck zu erwecken, er zweifle an dessen Verstand. »… eine höchst unorthodoxe Anfrage Eurerseits, Exzellenz«, rettete er sich.

Cobis bedachte ihn eine Weile lang mit durchdringenden Blicken. Dabei schwieg er, das erneut aufgeschlagene Buch in den Händen haltend.

Dennoch dauerte es erstaunlich lange, bis Fradd sein schrecklicher Faux Pas aufging: Im Beisein eines Konfessors war es nie klug, sich ohne dessen Erlaubnis einfach zu setzen. Im besten Falle konnte man dies als Affront gegen den kirchlichen Vertreter sehen. Im schlimmsten Fall … Der Konsul wollte darüber gar nicht erst nachdenken. Eilig erhob er sich wieder.

Der Konfessor ließ noch ein wenig mehr Zeit verstreichen, bevor seine volltönende Stimme das Büro abermals ausfüllte.

»Wir erwarten es«, präzisierte er, bevor er wieder in seiner Lektüre versank und ohne aufzusehen fortfuhr: »Es sind die Männer und Frauen dieser Welt, die im Namen des Imperators – und seiner Abgesandten, der Heiligen Bastet – gekämpft haben und gestorben sind. Ihnen oblag die Pflicht, Agos Virgil, eine wichtige Welt des Imperiums« – das Wort ‚wichtige‘ stellte er hierbei besonders heraus – »zu halten und zu verteidigen. Sie haben diese Aufgabe unerschütterlicher Hingabe und flammendem Eifer erfüllt«, erklärte der Konfessor beiläufig, während er durch die abgenutzten Seiten blätterte. »Die Ekklesiarchie ist der Ansicht, dass man derlei Heldenmut öffentlich anerkennen und ehren sollte, findet ihr nicht auch?«

Fradd musste unwillkürlich an sein Gespräch mit Ekko zurückdenken und bezweifelte, dass der Colonel mit den Aussagen des Konfessors einverstanden gewesen wäre.

Aber da ging es ihm vermutlich ähnlich wie Bradd selbst. Er befand sich in einer Situation, an der er nichts ändern konnte und jeder Versuch dies zu tun, würde ihn nur noch tiefer in den Sumpf seines eigenen Unglücks stoßen.

Wenigstens das verschaffte dem Konsul eine gewisse Genugtuung und ließ seine Laune sich ein bisschen heben – wenn auch nur ein ganz kleines bisschen.

Außerdem war es erstaunlich, wie viel Cobis doch über die Tätigkeiten der Imperialen Armee zu wissen schien. Und eine Einheit des Astra Militarums für eine kirchliche Prozession verwenden? Normalerweise war es doch anders herum. Die Ekklesiarchie stellte Priester und Personal, um die Einheiten des Militärs in ihre Einsätze und Aufträge zu verabschieden oder sie sogar zu begleiten. Was mochte das alles nur bedeuten? Doch es war zu spät. Sein Unterbewusstsein hatte die Entscheidung bereits getroffen.

»Ja …«, stimmte er schließlich zu, wenn auch nicht allzu glücklich. »Ja. Natürlich.«

Der Konfessor schlug das Buch zu und verstaute es wieder im Regal. »Gut«, stellte er fest. »Gut. Die Ekklesiarchie dankt für eure Kooperation, Konsul.«

»Es … es ist aber nicht so einfach«, wandte Fradd ein, während eine Stimme in seinem Innersten häretische Verwünschungen in Richtung seiner bürokratischen Ader schleuderte. »Eine derartige Anfrage bedarf einiger Vorbereitungszeit.«

Cobis hob die Augenbrauen, sagte aber nichts, was die ganze Angelegenheit für Fradd nur noch schlimmer machte.

»Es muss geprüft werden, ob das Dekret Submitterum einer Gegenüberstellung des Dekret Passivum standhält. Dann muss ein offizieller Auftrag mit einer Listung sämtlicher zu erbringender Leistungen erstellt und daraus eine Munitoriums-kompatible Order generiert werden. Diese würde dann in unserem Haus geprüft und als entsprechender Befehl an die jeweilige untergeordnete Kommandobehörde weitergeleitet werden, welche daraus einen Marschbefehl für die jeweilige Abteilung verfasst.« Er ruderte hilflos mit den Armen, versuchte sein Dilemma verbal wie auch gestenreich zu unterstreichen.

Der Konfessor nickte verstehend, überlegte kurz und befand dann, dass dies nicht unbedingt sein Problem sei. »Wir sind uns sicher, dass ihr die Angelegenheit in unserem Sinne regeln werdet.«

Fradd stockte, konnte sich aber nicht mehr zu einer Antwort durchringen. Er war schlichtweg sprachlos. Stattdessen verneigte er sich ehrfürchtig und ließ es sich nicht nehmen, den ihm vom ekklesiarchischen Oberhaupt des Sektors hingehaltenen Siegelring erneut zu küssen.

Dann ging Cobis. Verschwand einfach so, als wäre dies nichts weiter als eine flüchtige Begegnung gewesen, die er in ein paar Minuten würde vergessen haben.

Seine Aura hingegen blieb noch ein wenig im Raum, beäugte den Konsul kritisch und verfolgte jeden seiner von Unruhe getrieben Schritte.

Es mochte kein Geheimnis sein, dass die Überreste des 512. Regiments nach Bastet zurückgekehrt waren. Beim Thron, vermutlich wusste es bereits die ganze Welt. Doch das machte die Tatsache auch nicht ungeschehen, dass sich die Ekklesarchie für diese Einheit zu interessieren schien. In welchem Maße, das ließ sich bei weitem nicht abschätzen, aber niemand konnte Bragg Fradd weißmachen, dass der oberste religiöse Führer des Bastet-Systems ihm einen Besuch abstattete, um eine Einheit für ein religiöses Fest freistellen zu lassen, das unter der Obhut einer Organisation ablief, die über diese Einheit anderweitig nicht verfügen konnte, geschweige denn durfte. Eine, gelinde gesagt, besorgniserregende Angelegenheit.

Was nur hatte das alles zu bedeuten, überlegte der Administrat und wusste im selben Moment, dass er auf diese Frage wohl nie eine Antwort erhalten würde.

Es war vermutlich auch nicht weiter wichtig – vor allem nicht für ihn. Ihm oblag es lediglich dafür zu sorgen, dass das Adeptus Munitorium die Kontrolle über die ihm zugehörigen Streitkräfte behielt. Und zwar ohne, dass es zu einem Bruch mit dem Oberhaupt der Ekklesiarchie auf dieser Welt kam.

In seinem Schädel rumorte es, begannen Millionen anthromorpher Munitoriumsangestellter damit, das zur Bearbeitung freigegebene Problem in seine Bestandteile zu zerlegen. Wenig später stand das Konstrukt für eine mögliche Lösung aus Fradds Dilemma. »Nator!«, rief er.

Der Lexicat erschien mit derselben eifrigen Dienstbeflissenheit, mit der normalerweise ein Roboter aufwartete, wenn man von ihm verlangte, ein bestimmtes Arbeitsprogramm abzuspulen. »Mein Herr?«

»Mach dich aufnahmebereit.«

Der Lexicat verneigte sich ansatzweise, bevor er einen Schalter an seinem Kopf betätigte. Eine kleine, rote Lampe neben seinem Ohr begann zu leuchten.

»Ihr könnt sprechen, mein Herr.«

Fradd räusperte sich: »Ich habe eine Order für Colonel Ekko und sein Regiment.«

Nachdem er seine Befehle gegeben und Nator den Raum verlassen hatte, erhob sich endlich auch Cobis‘ Aura, nickte dem imperialen Administraten zu und ging.

bearbeitet von Kubika
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08

 

 

»Das ist eine … interessante Nachricht«, bemerkte Colonel Ekko und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Das altehrwürdige Leder knirschte. »Und es ist niemand mehr übrig?«

»So hat sie es mir berichtet. Sämtliche Schwestern des Militaria-Ordens wurden abberufen und haben Bastet vor ungefähr zwei Jahren verlassen«, stellte die ruhige Stimme am anderen Ende der Leitung fest. Das dazu gehörige Gesicht auf dem Bildschirm nickte bestätigend.

»Vor zwei Jahren schon?« Der Regimentskommandeur runzelte die Stirn. »Die hatten es offensichtlich sehr eilig.«

In den letzten paar Minuten hatte ihm der stellvertretende Regimentskommandeur über seine Erlebnisse mit Schwester Evette berichtet und ihm mitgeteilt, dass es offensichtlich keine einzige Adepta Militaris mehr auf der sonnenverbrannten Oberfläche Bastets mehr gab. Eine Erkenntnis, bei der sich Ekkos Augenbrauen weit genug hoben, dass sie sich mit dem Ansatz seines wirren Haares unterhalten konnten, ohne laut schreien zu müssen.

»Das klingt alles ungeheuer seltsam«, stellte er ehrlich verwirrt fest.

»Das dachte ich mir auch, Sir«, bemerkte sein Gegenüber. »Deswegen habe ich Sie informiert.«

»Gut mitgedacht«, nickte der Regimentskommandeur. »Danke, Carrick.«

Das Antlitz auf dem Bildschirm neigte den Kopf.

Eine seltsame Stimmung lag in der Luft. Es schien, als würde das Band, das die beiden Offiziere nach ihrem ersten Kennenlernen geschmiedet hatten und das eigentlich als zerrissen gelten konnte, erneut zusammengeknüpft und das lediglich, weil sich beide über eine Tatsache wunderten, die sie sich nicht erklären konnten.

Die Wege des Imperators waren unergründlich.

»Was denken Sie darüber, Sir?«, wollte der Major wissen.

Ekko zuckte die Schultern. »Es ist ja nicht so, als wenn sich die Imperiale Armee in die Angelegenheiten des Adeptus Sororitas einmischen würde«, sinnierte er. »Aber irgendwie …« Er brach ab und versank in Gedanken.

Es gab da eine Geschichte aus seiner Vergangenheit. Die ganze Angelegenheit war so ungefähr zwanzig Jahre alt, aber noch immer so präsent wie an jenem Tag, an dem sie geschehen war.

Ein erst kürzlich zum Lieutenant beförderter und dank seines Hintergrunds zur Imperialen Armee versetzter Galard Ekko hatte damals in einer Schlacht um irgendeine abgerissene Agrarwelt einen der größten Fehler gemacht, die man in der Hitze des Gefechts vollbringen konnte: Er hatte jemandem das Leben gerettet. Und das auch noch auf heroische Weise.

Und dabei war das gar nicht einmal seine Absicht gewesen. Nein. Betrogen und beschissen vom großen Imperator und dem Universum, belogen und um seine Frau, seine große und einzige Liebe, gebracht, hatte er sich auf einer selbstmörderischen Aktion befunden mit dem Ziel, bei dieser ein möglichst unspektakuläres und bitteres Dahinscheiden zu erreichen.

Leider war ihm dabei ein noch jüngerer, schwer verletzter Soldat in die Quere gekommen und nach einem kurzen, aber heftigen inneren Diskurs, der ihn einige Haare, Tränen und vor allem Zeit kostete, entschied er, diesen vor dessen unspektakulären und bitteren Dahinscheiden zu bewahren und ihn aus der Hauptkampflinie zurück in den eigenen, rückwärtigen Raum zu schaffen.

Es mag wohl ein Wink des Schicksals gewesen sein – oder es Imperators – dass er dort nicht auf einen grobschlächtigen Feldarzt des Adeptus Munitorium traf, sondern auf eine bereits etwas gereifte, aber dennoch ansehnliche Schwester des Ordo Hospitalis. Diese Frau – jener Institution zugehörig, die er am Meisten hasste und für die er nichts weiter erübrigen konnte als blanke Verachtung – hatte ihm den Jungen aus den Armen genommen und ihn, anders als er es von den Schwestern auf Bastet kannte, mit der hingebungsvollen Liebe einer Mutter an ihre Schwestern übergeben, die ihn mit der hingebungsvollen Liebe großer Schwestern pflegten (zumindest, wenn man unter hingebungsvoller Liebe versteht, dass sich besagte Schwestern nicht gerade in der Pubertät befinden und in diesem Zusammenhang einen Shota-Komplex entwickelt haben).

Im Anschluss hatte ihn die Schwester gefragt, ob er sich selbst verletzt habe, worauf ihm in seiner Wut und Ablehnung über die geheuchelte Freundlichkeit nur eine sarkastische Antwort eingefallen war: »Ich habe mir den Fingernagel eingerissen. Das blutet und tut weh.«

»Vielleicht wird es besser, wenn ich dran lutsche?«, hatte sie ihn betont neutral gefragt und so dafür gesorgt, dass die von ihm eingesogene Luft in seinen Lungen verdichtet und durch einen, ihm selbst nicht bekannten Zugang im Innern seines Körpers an ein bestimmtes, sehr wichtiges Körperteil weitergeleitet wurde, das sich daraufhin eine Erkältung zuzog und ebenfalls gerne von einer Hospitalis gesundgelutscht werden wollte.

Er würde sich wohl den Rest seines Lebens vorwerfen, dass er ihr damals nicht einfach den Finger hingehalten hatte.

»Nicht so wichtig.«, schloss er das Thema ab und begann ein neues. »Aber genug davon. Wie geht es Ihrer Frau und Ihnen?«

Für einen kurzen Augenblick herrschte düsteres Schweigen zwischen den beiden Männern. Trotz der brüllenden Hitze, die die beiden über den Himmel tanzenden Zwillingsschwestern wie zwei böswillige Glücksfeen über Bastet III ausschütteten, fühlte Ekko Kälte seinen Rücken herabstolzieren. Ein Wanderer, der den Ausblick vom Gipfel des Unglücks genossen hatte und sich nun aufmachte nach dem Eingang in die Höhle des Vergessens zu suchen. Vielleicht war es auch nur der Schweiß, der sich als seidig glänzender Film unter seiner Uniform ausbreitete und diese gleich salzigen Tränen eines strapazierten Körpers tränkte.

»Nicht gut, Sir«, berichtete der Major und seine Miene trübte sich sichtlich. »Sie verfällt zusehends. Niemand weiß, wie lange sie noch aushalten wird.«

Nachdenklich nickte der Colonel. »Und es gibt immer noch keinen Anhaltspunkt darauf, was mit ihr geschehen ist?«

»Nein, Sir.« Der Major hob hilflos die Schultern. »Niemand kann es mir sagen. Selbst die Hospitalinnen-Schwester ist ratlos.«

»Wie geht es der Familie? Weiß sie vielleicht etwas?«

»Auch nicht.« Carricks Augen lösten sich vom Aufzeichner, blickten auf einen Fleck, der auf dem Tisch vor dem Aufzeichner um seine Aufmerksamkeit gebuhlt zu haben schien, aber dessen Ursprung wohl in einer vollkommen anderen Galaxis lag. Zumindest wollte es einem so vorkommen, wenn man die gedankenverlorene Starre im Gesicht des imperialen Offiziers beobachtete. »Dieses Haus ist zu einer Totenhalle geworden«, sagte er nach einer Weile langsam. »Und diese Totenhalle verbannt alle Fragen nach dem Wie oder Warum, Colonel. So als hätte der Schmerz alles fortgewischt, was es noch zu ergründen gegeben hätte.«

Sie schwiegen wieder, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

»Wissen Sie, was mich wundert?«, stellte der Colonel plötzlich fest und lenkte das Gespräch damit in eine vollkommen neue Richtung.

Diese überraschende Wende ließ seinen Gesprächspartner aufhorchen. »Was denn?«

»Sie sagten mir, all das sei vor etwa zwei Jahren geschehen, richtig? Das Verschwinden der Schwestern, die Krankheit Ihrer Frau, die Überflutung und so weiter.«

Der Major dachte kurz nach. »Das stimmt, Sir.« Er stockte kurz. »Hat das etwas zu bedeuten?«, hakte er nach.

»Ich weiß nicht«, überlegte Ekko laut. »Aber … unabhängig von Ihrer Geschichte bin ich auch ein paar Mal auf den Zeitraum vor zwei Jahren gestoßen. Irgendetwas muss da geschehen sein. Etwas, das weitreichende Veränderungen auf Bastet herbeiführte.«

Carricks Abbild runzelte die Stirn. »Weitreichende Veränderungen?«

»Es wurde viel zerstört und nicht wieder aufgebaut. Menschen erkrankten an seltsamen Krankheiten. Die Sororitas wurden abberufen«, zählte Ekko die ihm bekannten Punkte auf. »Und alles läuft offensichtlich weiter, als sei nichts geschehen.«

Die Aussagen seines Vorgesetzten ließen den Major stutzig werden. »Menschen? Sie meinen, es gab noch mehr solche Fälle?«

»Keine Ahnung. Ich weiß bisher nur von Ihrer Frau.«

Sein Gegenüber verzog das Gesicht. »Und da machen Sie eine Verschwörung draus? Nur weil alles zur mehr oder weniger gleichen Zeit passierte? Es könnte sich doch auch um bloße Zufälle handeln!«

»Ja«, musste der Regimentskommandeur zugeben. »Natürlich könnte es sich um Zufälle handeln. Aber glauben Sie wirklich, dass der Imperator solche Zufälle geschehen lassen würde?« Diese Frage war natürlich rein rhetorisch gestellt.

»Das kann ich nicht beantworten, Sir.«

»Es ist ja auch nicht so, als hätte ich von Ihnen wirklich eine Antwort erwartet.« Ekko machte eine wegwerfende Handbewegung. »Egal. Ich werde der ganzen Sache mal nachgehen und mich ein wenig umhören. Vielleicht finde ich was Interessantes heraus. Zumindest besser, als mich mit diesem Pergamentkram rumzuschlagen, den mir das Munitorium auf den Tisch gelegt hat.« Er deutete auf seinem mit Papieren und Pads überladenen Schreibtisch. »Sollte es notwendig werden – und Ihre Erlaubnis vorausgesetzt – würde ich vorbeikommen und mich ein wenig mit Ihrer Hospitalis unterhalten.«

Der Major schürzte die Lippen und dachte nach, zuckte dann die Achseln und nickte schicksalsergeben. »Wenn Sie meinen, Sir, dann tun Sie das. Sonst noch etwas?«

Ekko deutete ein Kopfschütteln an, dann besann er sich eines Besseren und hob die Hand. »Ja. Eine Sache wäre da noch: wissen Sie zufällig, welches Rezept sie gegen eingerissene Fingernägel vorschlägt?«

»Wer?«

»Die Hospitalis.«

»Nein.«

»Verstehe.« Ekko legte die Fingerspitzen aneinander. »Dann habe ich nichts mehr für Sie. Danke für die Informationen. Melden Sie sich, wenn Sie etwas brauchen.«

Der Major neigte den Kopf. Das Bild wurde dunkel.

Einige Zeit lang saß der Colonel in seinem Sessel, blickte auf das leere Wiedergabegerät und rekapitulierte das Gehörte. Dann ließ er sich ein wenig tiefer in den Sessel sinken und folgte seinen wild umherrasenden Gedanken in eine Welt jenseits der Realität. Einen Ort, an dem sich aus möglichen Zufällen die Theorie einer Verschwörung auszugestalten begann und abstrakte Gedankengänge und Fakten das Garn der Erkenntnis zu spinnen versuchten.

Zwei Jahre. Das war kurz nach seiner Übernahme des 512. Regiments Sera gewesen. Neu zusammengeführt und geschmiedet aus den Überresten eines vorherigen 512. Regiments und Anteilen diverser Reserveregimenter, hatte sich das mit Schützenpanzern und leichten Fahrzeugen motorisierte Regiment in einer Bereitschaftsstellung auf dem Planeten Girev Goza befunden und war von ihm in die Schlacht um Agos Virgil geführt worden.

Also nicht einmal wirklich daheim oder auch nur in der unmittelbaren Nähe von Bastet.

Dennoch: Ekko konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass … Er konnte nicht einmal wirklich beschreiben, was ihn für ein Gedanke malträtierte, aber irgendetwas nagte an ihm.

Etwas, das ihm warnende Worte in Ohr flüsterte. Etwas Seltsames geschah hier. Etwas, das er sich nicht erklären konnte.

Er stand auf, umrundete den Tisch, überlegte es sich anders, ging zurück und starrte den Sessel an.

Interessant.

Ihm war nie zuvor aufgefallen, dass das abgenutzte Leder des Sessels – vor ihm vermutlich von hunderten anderer Regimentskommandeure designierter Zehntregimenter besessen – einen im Kern schwarzen Farbton besaß. Er hatte es stets für ein dunkles Braun gehalten. Fragte sich nur, ob das nicht auch Teil der Verschwörung war. Ein kleiner, aber feiner Hinweis auf die Tatsache, dass niemand hier das zu sein schien, was er vorgab zu sein.

Von dieser Erkenntnis aufgeschreckt, begab er sich mit schnellen Schritten zum Ausgang. Es gab da eine Sache, die er dringend prüfen musste. Eine vermeintliche Wahrheit, die er verstehen wollte. Er musste es mit eigenen Augen sehen, um es zu glauben.

»Man will mir doch wohl nicht weißmachen, dass die Militarier-Schwestern wirklich von Bastet verschwunden sind«, grummelte er, während seine Hand nach der aufgeheizten Schutzplane griff, die das Innere des Zelts vor ungebetenen Blicken – und Besuchern – abschirmte (wozu Colonel Ekko auch die beiden heißen Zwillingsschwestern zählte, deren Leiber sich tagtäglich über Bastets blauem Himmel räkelten).

Mitten in der Bewegung hielt er inne, drehte sich ein letztes Mal um und deutete drohend auf den sich keiner Schuld bewussten Sitz. »Ich habe dich im Auge.« Dann verließ er das Zelt.

Die improvisierte Tür schwang hinter ihm zu.

»Sir, haben Sie kurz Zeit?«, sprach ihn jemand von der Seite an. Ekko blickte ertappt auf und erkannte zwei seiner Captains, die zwischen den Zelten hervorkamen, so als hätten sie nur darauf gewartet, dass er das Zelt verließ.

Auch das war sicherlich Teil der Verschwörung. Vermutlich wussten die Verschwörer, dass Ekko ihnen auf die Schliche gekommen war – ohne Frage hatten sie das Televid-Gespräch mit Carrick abgehört – und nun versuchten sie mit allen erdenklichen Mitteln, ihren neuen Feind von weiteren Nachforschungen abzuhalten. Was wohl passieren mochte, wenn er nicht kurz Zeit hatte?

Ob Balgor und Solmaar ihre Waffen zogen? Zuzutrauen gewesen wäre es ihnen – wenn auch aus anderen Gründen.

»Aber nur kurz. Ich bin auf dem Weg zu einem wichtigen Geschäft«, wehrte er eine längere Unterhaltung ab und überließ es den beiden Offizieren, seinen Schritt aufzunehmen und ihm durch die dicht gesetzten Zeltreihen zu folgen. »Was gibt‘s denn?«

»Wir wollten uns mit Ihnen über unsere neuen Verstärkungstruppen unterhalten«, erklärte Solmaar.

So energisch, wie er aus dem Zelt gekommen war, hielt der Colonel in seiner Bewegung inne, was ihn wie eine schlecht modellierte Wachsfigur aussehen ließ. »Was denn für Verstärkungstruppen?«, wollte er wissen.

»Wir erwarten noch immer Freiwillige von Bastet, das Imperiale Lufttransportgeschwader und die Elysianer?«, erwiderte Balgor mit demselben erstaunten und fragenden Gesichtsausdruck, den nur kurz zuvor der Colonel aufgesetzt hatte. Es konnte sein, dass er es ehrlich meinte, aber eigentlich war ihm durchaus bewusst, dass Ekko vollkommen klar war, worüber die beiden redeten.

»Oh?« Ekko dachte einen Moment lang an seine Begegnung mit der einigermaßen gut aussehenden Pilotin, die vor einer schieren Ewigkeit sein Zelt betreten hatte, kurz nachdem er durch eine ebenso junge, deutlich besser aussehende Inquisitorin besucht worden war.

Das wiederrum erinnerte sein Unterbewusstsein daran, eine gewisse Anzahl an mentalen Dias hervorzuholen und sie auf einem in seinem Kopf installierten Projekt abzuspielen. Nur der guten Erinnerungen wegen.

Leise ratterten Synapsen, bemüht das Licht zu dimmen und den Fokus auf das zu setzen, was sich ihm überdeutlich zeigte. Es waren Brüste. Zwei große, runde Brüste, von einem eleganten, aber doch engen Kleid zu einem Dekolletee gepresst, auf das man mit einem Bolter hätte schießen können um zu beobachten, wie die Geschosse an den Rundungen abprallten und in alle Richtungen davonstoben, nur um irgendwo anders einzuschlagen und dort schwerste Schäden zu verursachen.

Schnell scheute er die Vorstellung fort, wobei ihm die aus ihrer äußerst wichtigen Aufgabe gerissenen Bolterbesatzungen häretische Verwünschungen zuriefen, und bemühte sich, seine Überlegungen wieder auf wesentlichere Themen zu konzentrieren. Es gelang ihm nur kurz.

 

Ob Lieutenant Amen dazu wohl auch in der Lage wäre? Sie trug eine Fliegerkombi, die etwas weiter geschnitten war, thronverdammt! Vor allem: Wen interessiert das? Das kann mir total egal sein! Aber ich kann einfach nicht aufhören, daran zu denken! Vielleicht sollte ich einfach hingehen und sie fragen …

Es würde sicherlich kein Problem sein, diesem Kapitel seines Lebens im Notfall eine Fan-Service-Episode beizufügen, in der er die Pilotin an den Strand einlud.

‚Aber, Colonel! Hier gibt es weit und breit kein Meer!‘

‚Egal! Ziehen Sie sich aus, legen Sie sich hin – und ich hole Ihnen gleich eine Flasche Wasser, damit Sie sich nass machen können.‘

‚Ach, Sie sind aber zuvorkommend!‘

Die Antwort klang ein wenig sarkastisch und Ekko musste zugeben, dass sein Unterbewusstsein ausgezeichnete Arbeit dabei leistete, ihm einen Vogel zu zeigen.

Natürlich hatte es Recht. Solche Gedanken gehörten ins Land der verbotenen Früchte. Wie Äpfel … oder Birnen, die von Bäumen hingen und dabei schaukelten wie … nein. NEIN!

Und dann begriff er: Konnte es sein, dass es sich dabei um einen neuerlichen Trick des Imperators handelte? Eine seiner Eigenarten, sich mit dem Universum gegen sein Lieblingsopfer zu verschwören und ihm mit beinahe diebischer Freude eine neuerliche Ladung Felsbrocken in den Weg zu legen, die in ihrer Form erstaunlich an gewisse weibliche Attribute erinnerten?

Das war durchaus möglich, denn nachdem Ekko den beiden Verschwörern bei der Schlacht um Agos Virgil, selbst bis übers Haupt in Orkblut versunken, den Mittelfinger entgegengestreckt hatte, besannen sie sich nun auf ein Angebot, das er einfach nicht ablehnen konnte.

Natürlich konnte es sein, dass er einfach viel zu viel in die ganze Angelegenheit hineininterpretierte. Aber irgendwie … glaubte er das einfach nicht. Dafür war einfach viel zu viel Oberweite im Spiel.

»Ich fasse es nicht«, murmelte er. »Es passiert schon wieder.«

Balgor, der gerade über Dinge referiert hatte, die Ekko selbst im Ansatz nicht hätte wiedergeben können, stockte. »Colonel … woran denken Sie gerade?«

»An nichts, Balgor«, antwortete er ertappt. Vielleicht ein wenig zu schnell. »Fahren Sie fort!«

Sie nahmen den Schritt wieder auf.

»Wie ich gerade sagte: Wir müssten uns dringend Gedanken darüber machen, wie wir dieses Luftkavalleriekonzept umsetzen wollen. Unsere Leute sind dafür nicht trainiert«, erklärte der temporär stellvertretende Regimentskommandeur, bevor er mit Nachdruck anfügte. »Es ist wichtig, dass wir das ändern.«

»Ja«, bestätigte Ekko, dessen Gedankenwelt mit sich entblätternden Pilotinnen, Inquisitorinnen und in Stellung gehenden Bolterteams kämpfte, »das verstehe ich, aber gerade im Augenblick ist wirklich ein sehr ungünstiger Zeitpunkt dafür.«

»Wann wäre der Zeitpunkt denn dann günstig?«, wollte die riesenhafte Gestalt Solmaars wissen.

»Wenn Sie beide ein Konzept erarbeitet haben, wie wir dieses Training durchführen können«, schlug er vor.

»Aber, Colonel!«, protestierte Balgor, »Wir haben keine Flieger. Wir haben kein ausgebildetes Personal. Wir können nicht einmal die Theorie abbilden.«

Ekko schnippte mit den Fingern und deutete auf seinen Untergebenen, mehr noch die Worte, die dessen Mund gerade verlassen hatten. »Genau«, stellte er fest.

Seine beiden Begleiter blieben verblüfft stehen. »Sie wussten es von Anfang an?«

»Na ja, ich bin immerhin der Colonel«, gab der Regimentskommandeur zu verstehen. »Denken Sie nicht, dass ich zumindest darüber informiert bin, was meine Einheit benötigt?«

»Aber wenn Sie es gewusst haben«, hakte Solmaar ein, »warum haben Sie nichts gesagt.«

»Ich warte auf die Elysianer. Die werden uns sicherlich zeigen, wo die Reise hingeht.«

Die Verblüffung der beiden Captains erreichte ihren Höhepunkt. »Sir, so etwas können wir nicht machen«, gab Solmaar zu bedenken. Das stimmte. Zwar gab es einen Spruch, der besagte: »Die meiste Zeit des Lebens wartet der Soldat vergebens«, doch das bedeutete nicht, dass man diese Wartezeit nicht mit sinnvollen Aufgaben füllen konnte, um so im Falle eines plötzlichen Einsatzbefehls ausgebildet und im Handeln selbstsicher in die Schlacht zu ziehen.

Ekkos Antwort darauf war kurz, dennoch nicht weniger richtig. »Doch« Er zuckte die Achseln. »Wir sind keine Luftlandesoldaten. Wenn uns das Munitorium aber zu solchen machen will, dann werden nicht wir dafür sorgen, dass wir unsere Ausbildung erhalten, sondern sie.« Er meinte das Departmento.

Der Colonel vollführte eine wegwerfende Handbewegung. »Ausgerechnet ein Luftkavallerieregiment …«

»Was stört Sie an einem Luftkavallerieregiment?«, wollte Captain Solmaar wissen, der bereits oft genug in einer Walküre geflogen war, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie er sich eine Luftlandeeinheit vorzustellen hatte.

Ekko hingegen erging es vollkommen anders. »Höhenangst«, bemerkte er trocken. »Ich habe Höhenangst.«

Balgor runzelte die Stirn seines eleganten Gesichts. »Seit wann das denn?«

»Seit Agos Virgil.« Er ließ den Rest ungesagt, denn die Erklärung hätte die Pointe der Geschichte ruiniert. Nur so viel: Auch er war in einigen Walküren geflogen. »Solange wir die infanteristischen Fähigkeiten erhalten, wird sich der Rest ergeben. Ist wie mit dem Autofahren. Zumindest hoffe ich das.«

Und dann kam ihm eine Idee. Nein. Es war nicht irgendeine Idee. Es war die Idee.

Er fuhr herum. »Ich habe gerade nachgedacht: Denken Sie, der Quartiermeister würde ‚ja‘ sagen, wenn ich mir mal eines von diesen Tauros-Sturmfahrzeugen ausleihen möchte?«

 

 

***

 

 

Wind zog in Böen über die ausgetrocknete Landschaft, griff nach verwelkten Pflanzen und Sträuchern, zerrte an dürren Ästen und versuchte, die wenigen verbliebenen Zeugnisse des Lebens in dieser unwirtlichen Landschaft abzuknicken, um sie dann unter Unmengen von Sand zu begraben.

Kleine Wirbel aus Staub stiegen in die flimmernde Luft empor, tanzten gleich Derwischen in wilder Trance durch die flimmernde Luft.

Dahinter erstreckten sich weite Dünenfelder. Große, sanft geschwungene Wellen aus Milliarden von Sedimentpartikeln, in denen kein Leben lange zur Existenz fähig gewesen wäre. Selbst Käfer und anderes Kleingetier mieden die glühend heißen Hänge der stets rastlos umherwandernden Berge während des Tages und blieben lieber verborgen, bis die kühlende Nacht ihnen zumindest ein Stück des Weges erleichterte.

Erst weit jenseits davon erhoben sich die riesigen Spindeln Serarehs gleich Fata Morganen aus dem Dünenmeer, Zeugnisse einer Zivilisation, die dem Betrachter in jenem Moment nicht ferner hätte sein können.

Und dennoch: Ein Ort trotzte der unaufhaltsam vorrückenden Wüste gleich einem Felsen in der Brandung.

Ein mächtiges Bauwerk der Ekklesiarchie, in seinen Formen einer Mischung aus Schildkrötenpanzer und Makropolspindel gleich, entstieg dem sandigen Niemandsland wie der Kegel eines neugeborenen Vulkans.

Eine Insel inmitten der Unwirtlichkeit mit ehernen Spitzen des Trotzes, die im Licht von Bastets Zwillingssonnen glitzerten und funkelten.

Lange war dieser Ort zugleich Fluch und Segen des Planeten gewesen. Ein Platz, an dem verirrte Pilger und Wanderer Zuflucht und Zuwendung erfuhren, umsorgt von den Schwestern des Adeptus Sororitas und wo man sich auch ihres Schutzes sicher sein konnte.

Doch die Bastion besaß auch eine andere, deutlich dunklere Seite, die man auf Bastet zu fürchten und zu hassen gelernt hatte.

Nun allerdings schien es, als sei all das nur noch ein Schatten der Vergangenheit. Eine Tatsache, die ungeschehen zu machen man nicht mehr in der Lage war, aber die einen in Zukunft auch nicht weiter zu kümmern brauchte. Eine gesunde Lebenserfahrung, die man gemacht hatte, weil sie da war und nicht, weil man sie sich gewünscht hatte, aber die auch keinen Einfluss auf das weitere Leben haben würde.

In Colonel Ekko hingegen ließen sowohl seine Erfahrung mit den Besitzern des ekklesiarchischen Baus als auch das Wissen um die jüngsten Vorgänge hinter dessen Mauern eine schier unzähmbare innere Unruhe aufsteigen. Ein wenig Neugierde vermochte es auch, sich unter dem Mantel des besorgten Offiziers zu verbergen, aber im Gegensatz zu seinen restlichen Empfindungen hätte er sie nicht so offensichtlich an die Oberfläche treten lassen.

Irgendetwas stimmte an diesem Ort ganz und gar nicht. Und umso mehr er über die Frage nachgrübelte, desto mehr spürte er, wie sich seine Befürchtungen verpuppten, um als Lebende Heilige ihrer inneren Anspannung, einer Opernsängerin gleich, in mächtigen Balladen Luft zu machen.

Vielleicht waren es aber auch die ledrigen Würstchen, die es heute in der Kantine als Beilage zu einer etwas verkochten Erbsensuppe gegeben hatte, die ihn zum Aufstoßen zwangen.

Wer konnte schon wissen, welcher Tätigkeit diese vor ihrem Einsatz als Lebensmittel nachgegangen waren.

Der Punkt aber war – und diese Tatsache ließ sich einfach nicht verleugnen (Würstchen hin oder her): Die Sororitas waren fort. Sie hatten Bastet verlassen. Einfach so. Wie jemand, der seine Koffer packte und außer einer ungespülten Toilette keine Hinweise auf seine Existenz in einem Hotelzimmer hinterließ.

Die Hintergründe dafür waren Regimentskommandeur schleierhaft, aber Galardin Alberic Ekko wäre nicht er gewesen, wenn er sich nicht um die Lösung dieser Frage bemüht hätte.

Nicht, dass es ihn besonders kümmerte. Er fühlte sogar Erleichterung in dem Wissen, dass sich die Schwestern entschieden hatten, Bastet den Rücken zu kehren.

Die damit verbundenen Veränderungen und die leise Warnung in seinem Kopf, dass vermutlich mehr hinter der Angelegenheit steckte als ihm und der Bevölkerung seiner Heimatwelt lieb war, hatten ihn allerdings regelrecht dazu gezwungen, eines der Tauros-Sturmfahrzeuge zu nehmen und sich auf den Weg in Richtung des Konvents zu machen.

Außerdem wäre er nicht in der Lage gewesen die Strecke zu laufen. Nicht nach dem Mittagessen.

Als er das Vehikel auf den vollkommen von Sand bedeckten Vorplatz des riesigen Hauptgebäudes abstellte und das ohnehin leise Summen des galvanischen Motors erstarb, wurde ihm mit einem Mal die Tragweite der Tatsache bewusst, dass die Adeptus Sororitas fortgegangen war.

Abgesehen von dem Wind, der in Stößen über die mächtigen Dünen atmete und ab und an kleine Wirbelwinde aus feinkörnigem Sediment in die Luft warf, bewegte sich in der Einöde rein gar nichts.

Galardin Alberic Ekko war allein.

Und auch, wenn er sich das niemals eingestanden hätte, so spürte er tief in seinem Innersten, dass es Bastet und seinen Bewohnern womöglich genauso ging.

Es schien beinahe, als habe sie der Imperator verlassen. Dieses Gefühl wiederrum war ihm nicht wirklich fremd.

Nein. Es kannte es zur Genüge und unterschied sich damit vermutlich nicht einmal allzu sehr von denjenen Familien, die das Leid einer Prüfung durch den Imperator oder die Heilige Bastet hatten erleiden müssen.

Doch das machte die Sache für ihn auch nicht besser.

Nachdenklich wuchtete er seinen Körper aus dem Wagen, sah sich kurz um.

Wüste. Hier lebte nichts, das es auch nur gewagt hätte, seinen Körper dem fortwährend umherziehenden Sand auszusetzen.

Lediglich die hohen Festungsmauern des ekklesiarchischen Gebäudes ragten wie Felsen aus der körnigen Brandung, stemmten sich in die riesigen Wellen des unendlich weit erscheinenden Meeres aus glutheißem Sediment.

Mächtige Figuren der imperialen und ekklesiarchischen Geschichte blickten von ihren Podesten herab, musterten die Umgebung mit finsteren Blicken. Die meisten dieser – Ekko zum größten Teil unbekannten – in Stein gehauenen Individuen schien für das bisweilen doch recht eigenwillige Klima Bastets vielleicht ein wenig fehlgekleidet, und tatsächlich hatte die Witterung der vergangenen Jahrzehnte bereits an den ewigen Dienern des Imperators zu nagen begonnen.

Man konnte Stellen erkennen, an denen der Sandstein glatt geschliffen worden war. Ein Zeugnis der beeindruckenden Sandstürme, die in diesen Breiten über die Ebene zu fegen beliebten.

Lediglich die über dem Haupttor prangenden, reich verzierten Lettern schienen vom Klima Bastets zwar gelesen, danach aber nicht weiter berührt worden zu sein und kündeten so, gleichsam erhaben und bedrohlich, von einer unzweifelhaften Hingabe an die einzige Wahrheit, die es für die Diener des Imperators zu verstehen gab.

 

Glaube bringt Erlösung

 

Ketzerei bringt Vergeltung

Ekko zweifelte nicht an den Worten. Sie waren Teil des Imperiums wie der Aquila, der Doppeladler, der sich wiederholende Ablauf bestimmter Rituale und – schlussendlich – der ewige Krieg im Namen des Imperators.

Allerdings wusste er auch, was das Imperium, besonders die Schwesternschaft, unter der Aussage verstanden. Er hatte es am eigenen Leib erfahren.

Langsam ging der Colonel auf die gewaltigen Flügeltüren zu, aus denen ihn die fein gehauenen Antlitze von höchstwahrscheinlich tausend Totenschädeln entgegenblickten, während das im Zentrum des Eingangs prangende Abbild des imperialen Doppeladlers lediglich ein Auge in seine Richtung öffnete.

Es verging einige Zeit, während der sich Ekko umblickte, mehr nach irgendwelchen Fallen denn einer anderen Person suchend, und eingehend auf den vergoldeten Türring starrte, bevor er sich zu einer Aktion durchringen konnte.

Er packte den Türring und ließ ihn gegen das schwere Material des Eingangstores prallen. Ein scharfer, durchdringender Klang ertönte.

»Kann Ich Ihnen helfen?«, fragte eine müde, jedoch erstaunlich feste Stimme hinter ihm.

Er fuhr herum.

Ein älterer Mann, gehüllt in schlichte Gewänder eines einfachen ekklesiarchischen Dieners, stand ihm gegenüber.

Die Kapuze seiner Kutte gegen den beißenden Sand tief ins Gesicht gezogen, stützte er sich auf eine simple Harke. Es war erstaunlich, denn Ekko hatte ihn nicht bemerkt, als er auf das Gebäude zugefahren, ausgestiegen und zum Tor gelaufen war. Wie konnte der Mann plötzlich hinter ihm auftauchen?

»Es kommt nicht oft vor, dass wir hier draußen noch hohen Besuch erhalten. Oder zumindest … Besuch.« Die Stimme des Mannes klang neugierig, doch auch ein wenig belustig. Fast so, als bedauere er den armen Tor, der sich die Mühe gemacht und unglaublich weit von der Stadt entfernt hatte, nur um festzustellen, dass es an diesem Ort nichts gab, wofür sich die angetretene Reise gelohnt hätte.

Ekko runzelte die Stirn. »Sie sind?«, fragte er.

»Demetrius«, stellte sich sein Gegenüber vor.

»Natürlich. Ein Demetrius.«

Demetrius war der Name des Protagonisten einer in Reihen der Imperialen Armee sehr bekannten, wenn auch von höheren Stäben durchweg verurteilten und folglich absolut nicht verbreiteten Serie von fraglos äußerst häretischen Bilderheftchen, die unter dem Titel »Demetrius und die Schwestern vom Orden der nymphomanen Libido« firmierten.

Im Grunde ging es um einen imperialen Soldaten, der sich nach einigen sehr ungeschickten Taten in Bezug auf die ihm vorgesetzte Kommissarin von seiner Einheit trennte und in einem Orden des Adeptus Sororitas unterkam, wo er mit Einfallsreichtum und Standfestigkeit zur Steigerung der Moral beitrug. Soweit die Kurzfassung.

Die Geschichten des unbekannten Verfassers zeichneten sich durch eine gründlich ausgearbeitete Geschichte, hohe Promiskuität, erstaunlichen Detailreichtum und überraschende anatomische Kenntnisse aus, bei denen selbst Ekko nicht umhin konnte zuzugeben, dass ihm solche Informationen unbekannt waren.

Natürlich hatte er die Geschichten nie gelesen, nur davon gehört.

Dennoch: der Name blieb hängen – so wie der Hauptcharakter der Reihe an der Rüstung einer Lebenden Heiligen, die ihn nach ihrem ersten gemeinsamen Gebet gar nicht mehr hatte gehen lassen wollen.

Nun erweckte dieser Demetrius nicht gerade den Anschein, als gehöre er zu jener Riege von Dienern des Ministorums, bei denen die Sororitas reihenweise in Ohnmacht fielen und von ihm in ihre Zellen getragen werden mussten, wo sie dann unter massiven Einsatz von Mund-zu-Mund-Beatmungen und körperlicher Stimulation ganz allmählich wieder erwachten.

Aber man konnte nie wissen. Vielleicht war er ja reich und in der Lage, sich das eine oder andere zu leisten oder als guter Apotheker sehr versiert in der Zubereitung von Hypnotika … oder die Schwestern einfach nur verzweifelt.

Vielleicht war das auch ein Grund dafür, dass sie schließlich allesamt das Weite gesucht hatten …

Wobei … wenn alles im Leben so einfach gewesen wäre …

»Dann verraten Sie mir doch sicherlich auch, wer Sie sind, oder?«, fragte Bruder Demetrius, von den Gedanken des imperialen Offiziers vollkommen unberührt. Wie hätte er auch wissen sollen, was sich sein Gesprächsgegner im finstersten Hinterstübchen einer nicht ganz jugendfreien Fantasie gerade ausmalte.

»Ekko, Colonel«, erhielt er zur Antwort, worauf ihm das Einzige einfiel, das es in diesem Augenblick zu sagen gegeben hätte.

»Natürlich. Ein Colonel.«

Vermutlich existierten auch Heftchen mit derlei Thematiken. Aber wenn dem so war, dann konnte zumindest Ekko nicht behaupten, jemals ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.

Der Regimentskommandeur seufzte. »Touché.«

Sein Gegenüber murmelte etwas Unverständliches, dann kam er näher, die Harke als eine Art Gehstock nutzend.

Erst jetzt ging Ekko auf, dass seine Bewegungen viel zu flüssig für die eines alten Mannes waren, zumindest so alt, wie er ihn sich unter seiner Kapuze vorgestellt hatte.

»Und was wollen Sie damit?«, erkundigte er sich, indem er auf das Gärtnerwerkzeug wies. »Die Wüste durchkämmen?«

»Seien Sie nicht albern«, erhielt er zur Antwort. »Ich war dabei, den Abteigarten zu jäten, als Sie mich störten.«

Ekko ging nicht auf die ganz offen zur Schau gestellte Schelte ein. Stattdessen schürzte er anerkennend die Lippen. »Einen Garten? Hier draußen?  Da haben Sie bestimmt den ganzen Tag zu tun.«

»Es gibt auch nicht viel mehr, das man hier noch machen könnte«, meinte Demetrius und nickte traurig. »Also, wie kann ich Ihnen helfen?«, wiederholte er.

Ekko deutete über seine Schulter. »Haben Sie einen Schlüssel für das Teil?«

Der Diener der Ekklesarchie sah auf. Zumindest hatte es den Anschein, denn die Kapuze bewegte sich. Für einen Augenblick fragte sich der Colonel, ob er vielleicht kleine Gucklöcher in den Stoff geschnitten hatte, damit er überhaupt irgendwas erkennen konnte, doch noch während er mit den Nachwirkungen dieser Vorstellung kämpfte, erhielt er eine Antwort, die er tatsächlich so nicht erwartet hatte. »Haben Sie denn einen Grund, hier zu sein?«

Das war eine berechtigte Frage. Und eine Frage, die Colonel Ekko so direkt ins Herz traf wie ein gut platzierter Schuss mit einem Lasergewehr. Eine unbestimmte Müdigkeit wallte in ihm auf, gepaart mit einem Anflug von Melancholie.

Warum ein Mensch in seiner Situation gerade an einem solchen Ort sentimental wurde, würde ihm wohl für den Rest seines Lebens ein Rätsel bleiben. Dennoch: er konnte nicht anders, als dem Gefühl Raum zu geben und zuzulassen, dass es sich in seinem Innern ausbreitete.

»Mich verbinden viele Erinnerungen mit diesem Ort«, erklärte der imperiale Offizier und lächelte matt. »Ich hatte öfter mit der …«, hier unterbrach er sich kurz und suchte nach einem passenden Wort, »… ‚Belegschaft‘ zu tun.«

»Ihr Einfluss dürfte nicht der beste gewesen sein.«, meinte der ekklesiarchische Diener sarkastisch.

»Sicher, dass Sie immer im Dienste der imperialen Kirche standen?«, gab Ekko zurück, indem er eine Augenbraue hob.

»Touché«, musste sich nun sein Gegenüber geschlagen geben. »Man hört so einiges, wenn die Schwestern vom Schlachtfeld zurückkommen. Aber nein. Ich habe nie in den Diensten einer kämpfenden Organisation gestanden, falls Sie das meinen.«

»Sein Sie froh«, bemerkte der Colonel. »Bisweilen denke ich mir auch, mein Karriereberater hätte mir ruhig ein paar mehr Alternativen aufzählen können.«

»Wo waren Sie überall, Colonel?«, erkundigte sich Demetrius, während er an Ekko vorbeischlurfte.

»Ich gehörte zur PVS, oben in Batareh, bin dann später in die Imperiale Armee übernommen worden und als Lieutenant in den Krieg für den Imperator gezogen. Meine letzten Schlacht war das Kommando über ein Basteter Regiment auf der Schreinwelt Agos Virgil.«

Das stimmte sogar. Im doppelten Sinne. Sein Kampf auf Agos Virgil war ein Kampf an zwei Fronten gewesen. Zum einen gegen die Orks, die Feinde der Menschheit, zum anderen um das Leben und den Verstand seiner Untergebenen, die teilweise doch eine deutlich andere Sichtweise auf das Universum besaßen als Ekko selbst.

»Ich habe davon gehört«, stellte der Mann fest. »Eine unserer großen Pilgerstätten in diesem Subsektor.«

»Ja, das war sie. Ich glaube nicht, dass davon noch allzu viel übrig ist.«

»Wie ist es denn ausgegangen?«, wollte Demetrius wissen, indem er in einer der Taschen seiner Kutte kramte. Nach einer Weile tauchte ein alter, bronzener Schlüssel auf, den der Lauf der Zeit mit grünlichen Verfärbungen überzogen hatte.

Ekko zuckte die Schultern. »Als wir abkommandiert wurden, haben sie gerade eine neue Offensive gestartet. Von der Himmelskathedrale aus. Der Heiligen Janina geweiht oder so.«

»Janaïs«, verbesserte der Ordensbruder, als er gerade den Schlüssel ins Schloss steckte und sich anschickte, ihn umzudrehen.

»Genau. Das war ihr Name. Tolle Frau. Sie hat ihre Aufgabe sicherlich ausgefüllt – und den Statuen nach zu urteilen ihre Rüstung auch. Zumindest eine Person hätte seine helle Freude an ihr gefunden.«

Sein Gegenüber hielt inne, fuhr herum und bedachte den Colonel mit finsteren Blicken – zumindest, soweit es dessen Empfindungen betraf. Was er wirklich unter der Kapuze anstellte, ließ sich nicht wirklich erkennen.

Ekko hob abwehrend die Hand. »Tut mir leid. Das war blasphemisch.«

»Ja. In der Tat. Das war es«, schalt ihn der Abt, bevor er schließlich aufschloss.

Mit einem knirschenden, auf seine Weise melancholisch klingenden Geräusch rastete der Riegel aus, dann schob sich eine kleine Tür im großen Torflügel seufzend und keuchend unter dem gegen sie gedrückten Gewicht von Demetrius auf.

Ein ähnliches Konzept hatte Ekko bereits während der Schlacht um die Himmelskathedrale beobachten können. Man konnte es als Glück bezeichnen, dass Balgor ihn nicht begleitete. So wie er seinen Captain kannte, hätte dieser gerade jetzt angemerkt, dass der Colonel ein wenig länger hatte suchen müssen, um die Tür im Tor zu finden. Eine peinliche Angelegenheit, über die Ekko im Augenblick nicht nachdenken wollte.

Sie traten ein.

Zu Ekkos Überraschung öffnete sich jenseits der prächtigen Torflügel kein ausladender Bau, so wie er es von Kathedralen imperialer Baukunst gewöhnt war, sondern eine große, offene Halle, von der aus zwei Quergänge entlang der umgebenden Mauer abgingen. Dahinter bildete sich das, bereits von feinen Schichten Sand bedeckte Rechteck eines Musterungsplatzes aus, an den sich eine hohe Mauer anschloss, die man lediglich durch zwei gegenüberliegende, leicht gekrümmte Treppenaufgänge überwinden konnte.

Wahrscheinlich diente dies im Falle eines Angriffs auf den Konvent als erste Linie der Verteidigung.

»Gibt es einen bestimmten Ort, den Sie sehen möchten, Colonel?«, fragte Demetrius.

»Nein. Ich wollte mich eigentlich nur etwas umsehen.«

»Der Konvent ist nicht dafür gedacht, dass sich Leute hier nur umsehen«, ermahnte ihn sein Begleiter. »Ich dachte, Sie hätten mit der Ekklesarchie zu tun.«

»Oh, ich hatte mit der Ekklesiarchie zu tun. Mehr als nur ein Mal.« Ekko rümpfte die Nase. Nur eine leichte Änderung der Mimik, aber der Colonel begriff sofort, dass er damit mehr sagte als mit jedem Wort, das er über seine Beziehung zur Schwesternschaft hätte verlieren können. Blieb nur zu hoffen, dass Demetrius ihn nicht beobachtet hatte.

Vielleicht war es besser, die ganze Angelegenheit anders aufzuziehen. »Um die Wahrheit zu sagen: Die Imperiale Armee möchte wissen, ob man die Bastion in irgendeiner Weise nutzen könnte. Von unserer Seite geht man davon aus, dass die Schwesternschaft nicht zurückkommen wird. Und so ein schönes Gebäude ungenutzt zu lassen, wäre doch Verschwendung.«

Allerdings schien es, als würden die Worte sein Gegenüber umso mehr alarmieren. »Colonel, Sie können nicht einfach …«

»Doch. Natürlich. Sehen Sie? Einen Musterungsplatz haben wir schon Mal.« Er nickte zufrieden. »Sehr schön. Oh! Und was ist das?«

Einen Schritt zulegend, marschierte er in Richtung der Treppen. Ein hölzernes Poltern hinter ihm bezeugte, dass Demetrius gerade seine Harke fallen gelassen hatte, vermutlich bei dem Versuch, sein Gewand zusammenzuraffen, damit er mit dem uniformierten Offizier schritthalten konnte.

Ein wenig Leid tat er Ekko ja schon, vor allem weil dieser ihn so dreist überfallen hatte. Allerdings hielt sich sein Mitleid dann doch in gewissen Grenzen.

»Ein großartiges Haus«, schwärmte der Colonel, während er interessiert die abgewetzten Steinstufen zur nächsten Ebene emporstieg. »Wie kann man einen solchen Ort nur aufgeben wollen?«

»Colonel …«, keuchte sein Begleiter, der ihm nacheilte. »Warten Sie …«

Ekko ging nicht darauf ein. »Es erstaunt mich ein wenig zu hören, dass man den Orden aufgelöst hat«, bemerkte er stattdessen.

»Aufgelöst?« Demetrius Keuchen setzte für einen Moment lang aus. »Wer erzählt denn so etwas?«, fragte er, um dann weiter zu schnaufen.

»Die Leute in Serareh«, log sein Besucher, weiterhin mit schnellem Schritt in Richtung des heiligen Zentrums der ekklesiarchischen Einrichtung unterwegs.

Demetrius‘ Robe raschelte. »Nein. Der Orden wurde abberufen«, erklärte er.

»Abberufen?« Diese Tatsache endlich brachte den Colonel zum Stehen. »Wer tut denn so etwas?«, amte er die Stimme des anderen nach.

»Seine Exzellenz, Konfessor Cobis«, erklärte Demetrius und legte dabei genügend Nachdruck in die Stimme, dass deutlich wurde, wie sehr der Konfessor über jeden Zweifel erhaben war.

»Ein richtiger Menschenfreund«, bemerkte Ekko mit verschränkten Armen, so als erwartete er weitere Erklärungen. Um ehrlich zu sein tat er das auch, obwohl er wusste, dass er vermutlich keine bekommen würde.

Er sollte Recht behalten.

»Gehen Sie jetzt bitte!«, forderte ihn der Diener der Ekklesiarchie auf. Es klang beinahe verzweifelt.

Ekko reagierte nicht sofort. Stattdessen blickte er sich um, sah die aufragenden Mauern empor und riskierte es, seine Augen über die steinerne Gasse wandern zu lassen, die sich, gleich einer Dorfstraße, zwischen zweistöckigen Gebäuden zum eigentlichen Konvent emporwand. Davon ausgehend, dass es eine gespiegelte Treppe gab, gab es höchstwahrscheinlich auch noch eine zweite Gasse, die ihn in tiefer in die Eingeweide des ekklesiarchischen Baus vordringen ließ.

Es stellte sich nun die Frage, welcher Weg der Richtige war und welchen er zu nehmen hatte, um das zu finden, was er suchte?

Oh, sicherlich: eine seiner Fragen – die, wegen der er ursprünglich hergekommen war – wurde bereits beantwortet. Ja. Die Schwestern waren fort.

Allerdings gab es da noch eine Sache, die in den letzten Minuten akut an Brisanz gewonnen hatte. Und die war bisher nicht geklärt worden.

Doch um die Antwort auf diese Frage zu finden, würde er vermutlich einige Zeit benötigen. Aber im Augenblick zumindest sah es nicht danach aus, als wenn man es ihm gestattete, sich die dafür benötigte Zeit zu nehmen.

»Ja«, sagte er schließlich und nickte träge. »Ja, vermutlich ist das besser.«

Demetrius sandte ein seufzendes Stoßgebet gen Himmel.

So leicht wollte es ihm Ekko dann aber doch nicht machen. »Wenn Sie den Schwestern bereits so lange gedient haben« – bei diesen Worten musste der Colonel ein Kräuseln seiner Lippen unterdrücken – »kannten Sie zufällig auch eine Schwester Ayle?«

bearbeitet von Kubika
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Guten Morgen,

 

Hier kommt er – der neue Ekko … mit einem Knick in der Ecke …

 

Viel Spaß beim Lesen.

 

 

 

 

 

09

 

 

Die Stimmung im Besprechungs- und Kommandozelt des 512. Regiments hätte man nicht unbedingt mit »Panik« beschreiben müssen. »Aufregung« wäre vollkommen ausreichend gewesen.

Außerdem wurde nicht das ganze Regiment, sondern nur eine kleine, elitäre Gruppe imperialer Offiziere, deren Aufgaben sich zufälligerweise mit der des Führungsstabs überschnitten, von Fassungslosigkeit, Erstaunen und Erregung ergriffen.

Namentlich waren dies Captain Solmaar, Captain Fendel, Captain Balgor und – leider – auch Captain Retexer. Also jene Personen, die während einer Abwesenheit von Major Carrick und Colonel Ekko über die absolute Befehlsgewalt im 512. Regiment verfügten, sowie einige wenige glücklose Infanteristen, denen die zweifelhafte Ehre zuteil war, von ihnen als Melder oder Informanten ausgewählt worden zu sein.

Als besonders fassungslos, erstaunt und ergriffen stellte sich Achad Alit heraus.

Der Jung-Kommissar zeigte Bemühungen, seine Rolle als Moraloffizier des Regiments im Führungs- und Entscheidungsprozess nicht untergehen zu lassen, wusste aber nicht so recht, was er sagen sollte, schwieg daher und beschränkte sich schließlich darauf, dem Chaos mit offenem Mund lediglich zuzusehen.

Diese sehr aufschlussreiche Tätigkeit verband ihn mit Doktor Calgrow, welche die sich ihr bietende Szene mit einem Hauch amüsierter Abscheu beobachtete.

»Haben Sie Colonel Ekko erreicht?«, richtete Balgor seine Aufmerksamkeit auf Gireth, Ekkos persönlichen Funker und Adjutanten, als dieser die Schutzplane über dem Eingang zur Seite schob und keuchend eintrat. In Balgors für sein Alter noch sehr eleganten Gesicht zeichnete sich die diebische Freude vollkommener Ratlosigkeit ab.

»Nein, Sir«, erwiderte der junge Funker unglücklich.

»Ja«, seufzte der Captain und ließ die Arme ratlos gegen die Hosennaht fallen, wobei ein Laut erklang, der an ein totes Schwein erinnerte, das mit einer harten Eisenplatte Bekanntschaft macht. »Das hat man davon, wenn man ihn alleine losziehen lässt.«

Er blickte zu den drei anderen Offizieren. Doch auch in ihren Mienen konnte er keinen Hinweis auf die nun zu unternehmenden Schritte erkennen.

Solmaar und Fendel bedachten ihr Gegenüber mit nachdenklichen Blicken, dann sahen sie einander an, kamen darüber überein, dass sie nicht unbedingt zur Lösung des Problems beitragen konnten und fanden interessante Punkte auf dem Plottisch, der zwischen ihnen und Balgor drapiert stand.

Retexer hingegen starrte betont missvergnügt ins Nichts, das irgendwo zwischen seinem Standort und dem anderen Ende des Zelts residierte. Die Aussage seines Blicks war unzweifelhaft deutlich: Mit mir als Kommandeursvertreter wäre es nicht soweit gekommen.

»Irgendeiner von den beiden muss es übernehmen«, stellte Solmaar schließlich fest. »Es steht ganz klar in dem Befehl.«

»Vermutlich«, bestätigte Balgor zögernd. Er warf einen neuerlichen Blick auf das Schriftstück in der Hoffnung, es könnte sich entschieden haben, ihm dieses Mal eine andere Information zu präsentieren als die, die er nun bereits zum wiederholten Male gelesen hatte: Das Munitorium forderte Personal des 512. Regiments zur Teilnahme, Begleitung und Absicherung der Saatfest-Prozession an.

»Sie können es nicht delegieren«, fuhr der andere Captain fort und meinte damit Ekko und Carrick. »Oder hat man Sie offiziell zum stellvertretenden Regimentskommandeur ernannt?«

»Nein«, musste der Angesprochene zugeben. Was hätte er auch anderes sagen sollen? Es stimmte nun einmal. Ekko hatte ihn mit der Aufsicht über sein Kommando betraut, solange er und Carrick anderweitig verhindert waren. Die Senioritätsregelung der imperialen Armee regelte den Rest. Zumindest in der Tradition. Papier hingegen war eine andere Sache. Dort konnte man die Tatsache, dass man nach dem Regimentskommandeur und seinem Stellvertreter der nächste, ranghöchste und dienstälteste Offizier war, leider nicht geltend machen.

Alles, was von offizieller Seite – sprich also vom Departmento Munitorium in Vertretung des Departmento Administratum – an Einheiten der imperialen Armee verteilt wurde, gestaltete sich in dem Punkt leider bisweilen als hinderlich für einen reibungslosen Dienstablauf.

Dort hieß es dann zumeist: »Zu Händen von …« oder »an … oder Vertreter im Amt« und jeder, der nicht in der Liste der in solchen Schreiben angesprochenen Personen auftauchte, ließ besser die Finger vom Inhalt. Andernfalls fand er – oder sie – sich sehr schnell in einer sehr langen, sehr unangenehmen Befragung wieder. Diese wurde zumeist durch den Regimentskommissar und, beziehungsweise oder, entsprechende Vertreter anderer imperialer Organisationen durchgeführt, verfolgte das Ziel der Feststellung eines Sicherheitsrisikos und enthielt eine oder mehrere der folgenden Fragen: Sind Sie berechtigt? Befugt? Hat man Sie ermächtigt? Haben Sie Zugang? Umgang? Wurden Sie beauftragt? Waren Sie sicherheitsüberprüft? Gibt es dafür Zeugnisse? Beurteilungen? Bescheinigungen? Bestätigungen? Vielleicht Zeugen?

Konnte man eine oder mehrere davon mit »Ja« beantworten, so folgte meist eine Verwarnung, vielleicht auch eine Eintragung in die ohnehin nur unvollständige und eher schlampig geführte Dienstakte.

Gelang es dem augenscheinlichen Delinquenten, keine zufriedenstellende Antwort zu geben, so schloss sich im Grunde nur noch eine Erkundigung an, vorgetragen mit bedeutungsschwangerer Stimme und bösartig verengten Augenbrauen: »Was, beim Thron, hatten Sie dann damit vor?«

Man kann darüber nun nachdenken und wird recht schnell feststellen, dass jegliche Erwiderung darauf immer negativ ausgelegt werden wird. Immerhin ist die Imperiale Armee nicht der menschenverachtende Moloch, der sie heute ist, weil ihre Diener überzeugt davon sind, dass man im besten Gewissen für das große Reich der Menschheit gedient hat. Oh, nein. Beileibe nicht.

Sie wird einen für einen widerwärtigen Verräter halten, für vom schmierigen Makel des Chaos korrumpierten Abschaum, der nichts weiter im Sinn hatte, als die ihm eigentlich nicht zugänglichen Anweisungen zu entwenden und der Kriegsmaschinerie des Imperiums einen irreparablen Schaden zuzufügen.

Der Rest klärt sich dann (fast) sang- und klanglos von ganz allein.

Schon aus diesem Grund vermieden es die Offiziere des 512. Regiments, sich auf die vor ihnen liegende Aufgabe zu stürzen. Immerhin war es möglich, dass sich dabei ein Abgrund auftat, der ihren Sturz in eine bisher nicht abschätzbare Tiefe lenkte. Wann und wo sie dann aufschlugen, lag einzig und allein in den Händen des Imperators.

Balgor seufzte schicksalsergeben und hob ahnungsvoll eine Hand. »Dann haben wir keine Wahl. Wir müssen Major Carrick informieren.« Zustimmendes Brummen der anderen Offiziere antwortete ihm.

Er wandte sich um, dem Kommissar und der Ärztin zu, adressierte allerdings nur letzte direkt. »Ich denke, Doktor, das hier wird noch eine ganze Weile dauern«, erklärte er entschuldigend. »Wenn Sie möchten, können Sie gehen und ich lasse Sie rufen, wenn der Colonel wieder da ist.«

»Nein. Vielen Dank«, gab Marith Calgrow, die Regimentsärztin des 512. Regiments, in der ihr eigenen, typischen Ausdrucksweise perfektionierten Hochgotischs zurück, mit der sie ihrem Gesprächsgegner normalerweise einen verbalen Handschuh ins Gesicht schleuderte. »Ich habe noch eine Unterhaltung mit Colonel Ekko zu führen. Und so wie ich ihn kenne, wird er jede Möglichkeit nutzen, ihr aus dem Weg zu gehen. Also werde ich hier auf ihn warten.«

»Tja«, meinte der Captain und zuckte ahnungsvoll die Schultern. »Vermutlich können Sie da warten, bis das Tor von Cadia implodiert.«

»Das macht nichts«, erwiderte sie. »Ich habe Zeit.«

»Ja«, meinte eine Stimme von draußen, als wollte sie den Beweis für das Sprichwort erbringen wollen, dass das Chaos immer dann erschien, wenn man davon sprach. »Das glaube ich Ihnen.«

Der improvisierte Zugang zum Zelt flatterte zur Seite. Ekko trat ein. Er wirkte müde und abgespannt. Fast so, als hätte er gerade an einer Kundgebung teilgenommen. Natürlich nicht irgendeiner Kundgebung. Nein. Bei dieser Informationsveranstaltung hatte es sich offensichtlich um eine Traumdeutung gehandelt, bei der man ihm berichtete, dass er sich aktuell in einer Traumphase befand und nur nicht aufwachte, weil die vor seinen Augenlidern residierende Realität ein ganzes Deut schrecklicher war als die Katastrophe, die er gerade als sein Leben zu betrachten glaubte.

Er blickte auf und ließ seinen Blick durchs Zelt schweifen. Für einen Moment prangte eine unsichtbare, aber deutlich zu erkennende ‚Was machen Sie alle in meinem Zeit?‘-Plakette auf seiner Brust.

Die Anwesenden konnten beobachten, wie sich der Mund des Colonels zu einer sarkastischen Bemerkung öffnete, kurz zuckte und sich dann wieder schloss.

Stattdessen seufzte der Regimentskommandeur leise und winkte ab.

»Egal, was es ist«, setzte er neu an und bedeutete dem Captain zu seiner Linken, ihm den Quell seiner Sorgen zu überreichen, »geben Sie her.«

Wortlos reichte ihm Balgor das Pergament, während sich um die beiden Männer herum Schweigen ausbreitete.

Ekko überflog das Schreiben, kniff die Augen zusammen und blickte Balgor scharf an. Dann las er noch einmal, dieses Mal jedoch etwas gründlicher.

Das nutzte der temporär stellvertretende Regimentskommandeur, um ihm eine Frage zu stellen, die sich so plötzlich in seinen Gedanken breitgemacht hatte wie ein akuter, marternder Kopfschmerz. »Haben Sie draußen gestanden und gelauscht?«

»Hm«, erklang die nachdenkliche Stimme seines Vorgesetzten, während er die Lektüre beendete und das Pergament an Balgor zurückreichte, der aus Reflex – mehr noch aus Prinzip – einen neuerlichen Blick darauf warf, bevor ihm aufging, dass dies eigentlich vollkommener Unsinn war.

Eine wirkliche Antwort auf seine Frage sollte er nicht mehr erhalten – oder hatte Ekko sie ihm längst gegeben?

Die Hände in den Taschen versenkt, wanderte der Regimentskommandeur nachdenklich an den Anwesenden vorbei bis zum anderen Ende des Zelts, blieb eine Weile dort stehen und erging sich in einer Vielzahl von Überlegungen, von denen sich vermutlich nur ein gewisser Teil mit der Problemstellung beschäftigte. Der Rest weilte in ganz anderen Sphären.

Und so dauerte es noch ein wenig länger, bis der Colonel entschied, dem Thema mehr Gewicht zu verleihen und sich wieder umdrehte.

»Meine Herren … und Ärztin«, adressierte er die vor ihm Stehenden, »ich denke, Captain Balgor und ich haben einiges zu besprechen. Ich würde Sie daher jetzt bitten zu gehen.« Ein kurzer Handwink unterstrich die Aufforderung.

Die Captains warfen einander vielsagende Blicke zu, lösten sich vom Besprechungstisch und verließen nacheinander das Zelt. Lediglich Calgrow und der Kommissar verharrten an ihren Plätzen, beobachteten die Szenerie wie zwei unbeteiligte Zuschauer.

Es war Ekko der ihnen bewies, dass sie Teil des Geschehens waren und ihm nicht nur beiwohnten.

»Das … war doch deutlich, oder?«, hakte er betont neutral nach. Aus seinem Mund klang es wie eine Drohung. »Doktor?«

Die Ärztin schürzte die Lippen, zögerte und runzelte die Stirn. Nur widerwillig straffte sie ihre trotz des relativ fortgeschrittenen Alters noch immer attraktive Figur, um sich in Richtung Ausgang zu begeben.

Der Kommissar hingegen rührte sich nicht. »Vielleicht«, startete er den zögerlichen Versuch, seiner Präsenz mehr Nachdruck zu verleihen, »sollte ich ebenfalls an der Besprechung teilnehmen?«

»Nein«, gab Ekko zurück.

»Aber …«

»Nein!«, wiederholte der Regimentskommandeur, dieses Mal deutlich energischer. »Raus!«

Langsam, wie von einer zähen Masse festgehalten, setzte sich sein Gesprächsgegner in Richtung Ausgang in Bewegung.

»Danke. Zu freundlich«, kommentierte Ekko das Geschehen.

»Denken Sie daran, Colonel«, erinnerte ihn Calgrow, ehe auch sie an der Seite des Jung-Kommissars durch den Zelteingang verschwand, »wir beide haben noch ein Gespräch zu führen.«

Er nickte abwesend. »Raus.«

Die Plane schwang hinter den beiden zu.

Balgor glaubte zu erkennen, wie Ekko den Kopf schüttelte. Vielleicht war es auch nur ein unwillkürliches Zucken gewesen.

Zumindest ließ der Colonel keinen Zweifel daran, was er über das Thema dachte. »Das ist ja doof«, merkte er an. »Das passt mir gerade irgendwie gar nicht.« Damit hatte er natürlich Recht – leider half ihnen das bei der Lösung des Problems auch nicht weiter.

»Es wird dadurch nicht weniger wahr«, bestätigte Balgor diese Tatsache.

Ekko seufzte leise. »Ja, leider. Das Universum ist eben nicht gerecht.« Eine ungewisse Anzahl von viel zu langen Sekunden paradierte an den beiden Offizieren vorbei, präsentierte die schicken Uniformen und marschierte durch den Haupteingang aus dem Zelt, bevor sich der Colonel entschied, sein Leid nicht länger hinzunehmen: »Können Sie das nicht wegmachen?«

»Ich habe das nicht geschrieben, Colonel.«

»Dann ändern Sie es, Balgor.« Nichtssagend wedelte der Regimentskommandeur mit den Armen. »Schreiben Sie was Nettes drauf. Einen schönen Kommentar.«

»Soll ich mich vielleicht auch noch verschreiben, damit Sie was zum Lachen haben?«, lautete die bissige Antwort, veranlasste den Adressaten, seinen Sarkasmus zur Seite zu schieben und sich dem unausweichlichen Problem zu stellen.

»Geben Sie her«, brummte der Colonel missgestimmt, während er am Pergament zog. Das Schreiben wechselte erneut den Besitzer. »Wer ist denn auf die total dämliche Idee gekommen, eine Einheit der Imperialen Armee in die Prozession zum Saatfest zu integrieren?«

Während er die Befehle des Munitoriums zum wiederholten Male las, tippte Ekko diese ganz bestimmte Passage abwertend mit dem Rücken seiner Finger an, so als wollte er dafür sorgen, dass sie sich mit einem »Aua, das hat wehgetan, Mann« zur Wehr setzte, um dann fortzufahren: »Weiß ich doch auch nicht! Ich bin nur der Bote!«

Leider tat sie ihm diesen Gefallen nicht. Vermutlich war das Schreiben auf Qo’nos erschaffen worden. Oder auf Narn. Zumindest stand außer Frage, dass es unheimlich stolz war und es daher vorzog, stumm zu leiden.

Vielmehr hätte es ohnehin nicht zur Lösung des Problems beitragen können.

Einige Momente später entspannten sich die Züge des Colonels merklich. »Da steht nicht, wie groß die Abteilung sein muss«, stellte er ein wenig beruhigter fest. »Zumindest eine gute Nachricht.«

Dann setzte der Regimentskommandeur an, die auf diese ganz spezielle Form der Auftragstaktik folgenden Gedankengänge in seinem Kopf zu skizzieren.

»Nehmen wir …«, begann er, bevor er abbrach um zu überlegen. »Es sollte nicht zu klein sein, aber auch nicht zu groß, damit es nicht allzu wichtig erscheint.« Er nickte, bestätigte seine eigenen Gedanken. »Nehmen wir Retexers Kompanie.«

Balgor stöhnte auf. »Ausgerechnet Retexer.«

Sein Gegenüber begann erneut zu wandern, versuchte die aus seinem Kopf heraussprudelnden Gedanken zu treiben, in eine Ecke des Zelts zu zwingen und dort wieder einzufangen. »Sie können das auch machen, Balgor«, meinte er nach einiger Zeit.

Der Kompaniechef wusste natürlich, was das für ihn bedeutet hätte.

Ihnen blieb nicht einmal mal mehr zehn Tage bis zum Saatfest und die Aufstellung einer militärischen Formation in einer eigentlich zivilen Parade bedurfte einiger Organisation. Immerhin ging es dabei um die Koordination eines wirren, wuselnden Haufens halbnackter Männer und Frauen, die sich in ekstatischen Tänzen Kleider vom Leib rissen, Blümchen in die Luft warfen und bisweilen sogar auf den Gedanken kamen, die ganze Angelegenheit um die Sache mit den Bienen zu erweitern, und einer professionellen Armeeeinheit. Zumindest einer Armeeeinheit, verbesserte er sich in Gedanken.

Gleichsam mussten die eigenen Truppen instruiert, vorbereitet und aufgestellt, eine Wegstrecke definiert und ein Zeitansatz geplant werden. Es galt, auf die Besonderheiten zu achten, wenn man nicht die eigene Heilige, sondern den Imperator repräsentierte, die eingesetzten Einheiten waren noch einmal einer Stell- und Marschprobe zusammenzufassen und die formaldienstlichen Defizite galt es auszumerzen.

Dazu kamen die persönlichen Vorbereitungen. Immerhin besaß man als Führer einer Abordnung eine ganz bestimmte Wirkung, die es voll zu entfalten galt.

Im Endeffekt blamierte man mit einem Fehlverhalten nicht nur sich selbst und die Abordnung, sondern das Regiment, den Colonel als Vertreter der nächsthöheren Kommandoebene, in deren Vertretung das Sektoroberkommando des Sub-Sektors, dessen vorgesetzte Dienststelle und das Munitorium. Dies wiederrum führte dazu, dass sich auch das Adeptus Administratum mit der Angelegenheit beschäftigte und seinen Namen an die Hohen Lords von Terra telepathierte, die dann über das Vergehen debattierten und sich in ihrer Ratlosigkeit an den Imperator wandten, der auf seinem Goldenen Thron vor Wut rot anlief.

Das wiederrum führte schlussendlich dazu, dass das Unglück gleich einem Tsunami zwischen zwei Wellenbrechern hin- und herschwappte, bis es sich am Ende über den unseligen Delinquenten ergoss, der dann auch etwas vergoss. Zumeist noch ein paar letzte, bittere Tränen und dann ein wenig Blut. Oder viel. Je nachdem, welche Hinrichtungsmethode gewählt wurde.

Zusammengefasst: Führer einer zeremoniellen Abordnung zu sein war eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Wissen, viel Erfahrung und viel Vorbereitung benötigte. Eine ehrenvolle Tätigkeit, die man aber keinem vernünftigen Offizier jemals zugemutet hätte.

Nachdem sich ihm diese Tatsache präsentierte wie ein Vorschlaghammer, der auf einen Gong trifft, entschied Balgor, lediglich die Achseln zu zucken. »Nehmen wir Retexers Kompanie«, ließ er dem anderen Offizier den Vortritt.

»Und dann …« Ekko überlegte erneut. »Denken Sie, diese PVS-Einheit kriegt eine Kompanie zusammen?«

»Keine Ahnung.«

»Wer kann uns das beantworten? Gibt es da einen Einheitsführer?«

Balgor verschränkte nachdenklich die Arme, während er versuchte, sich an den Namen des Kommandanten der ‚Überläufer‘ zu erinnern, wie man freiwillig Dienende in der Imperialen Armee auf Bastet zu bezeichnen pflegte. »Ein Lieutenant Sennen«, fiel es ihm kurz darauf wieder ein.

Ekko zeigte sich überrascht. »Ein Lieutenant?«

»Ja, Sir. Er ist nur kommissarischer Führer der Einheiten. Die werden nämlich unter den ganzen Kompanien aufgeteilt.«

»Ach – dann ist das also schon Retexers Kompanie?«, dachte der Colonel laut nach. »Dann hat sich meine Idee bereits erübrigt.« Er überlegte etwas länger, dieses Mal jedoch stumm. »Hatten Sie schon mit dem zu tun?«, wollte er wissen.

»Nur wenig, Sir«, konnte Balgor berichten. »Er stellte sich kurz vor, als Sie bereits unterwegs waren. Ich sagte ihm, er müsse warten bis Sie wieder da sind.«

Ekko nickte. »Verstehe. Und was war das für ein Mann?«

»Warum lernen Sie ihn nicht selbst kennen, Colonel? Sie sind der Regimentskommandeur.« Ein vernünftiger Vorschlag, dem Ekko allerdings nicht ganz so viel abgewinnen konnte.

»Mussten Sie mich daran erinnern? Ich hatte es gerade ganz erfolgreich verdrängt«, brummte er missmutig, bevor er sich an etwas anderes erinnerte, das es unbedingt noch zu klären galt. »Und bevor ich es vergessen«, wedelte er mit dem Schriftstück, »wir müssen auch noch dieser komischen Schutzgeschichte Rechnung tragen.«

»Schutzgeschichte?«, hakte Balgor stirnrunzelnd nach.

»Ja«, fuhr der Colonel gelangweilt fort. »Wir sollen die Tribüne an der großen Maatbrücke bewachen. Da, wo all die wichtigen Leute sitzen. Sie wissen schon: Ich. Sie. Carrick. Calgrow vielleicht auch.« Die Aufzählung verebbte. »Egal«, schloss der Colonel den Einwurf ab. »Ich will zehn Mann in voller Ausrüstung als Absicherung.«

Wieder konnte Balgor nicht anders als erneut die Stirn zu runzeln. »Halten Sie das nicht für etwas wenig?«, fragte er rhetorisch.

»Halten Sie das nicht für meine Entscheidung?«, gab der Regimentskommandeur zurück.

Stille breitete sich aus.

Sie war so tief, dass sie selbst Form annahm und begann im Zelt umherzuwandern, laut über die Bösartigkeit des Lebens lamentierend, bevor sie sich umwandte und den Colonel klagend anschrie.

Es war seltsam, dass sie sich gar nicht um Balgor zu kümmern schien, aber im Grunde war das auch nicht weiter wichtig.

Ekko und die Stille hatten sich genug zu sagen.

Während die Wortlosigkeit damit fortfuhr, den Colonel bösartige Verwünschungen an den Kopf zu schleudern, um dessen existenzleeres Dasein noch weiter in die Bedeutungslosigkeit abgleiten zu lassen, wanderte dieser – rein zufällig scheinend – aus seinem kleinen Refugium in der Ecke des Zelts zurück zu dessen Ausgang.

Er schien so mit seinen eigenen Gedanken zu kämpfen, dass Balgor nicht anders konnte als sich zu fragen, was den Colonel wohl beschäftigte.

Schließlich trat Ekko an die provisorische Zutrittssperre und verharrte.

Der lautlose, fein getaktete Schlag endloser Sekunden verging, während der Colonel regungslos auf die zugezogene Plane blickte.

Dann, vollkommen unerwartet, riss er sie zur Seite und starrte hinaus in die brüllende Hitze, die sich ihrerseits anschickte, einen Blick ins Zelt zu werfen. Selbst in den Abendstunden wollte sich die Luft einfach nicht abkühlen.

Taous und Tages hatten sich in rote Abendkleider geworfen und zogen zum ewig summenden Chor des leise rauschenden Windes feiernd dem Horizont entgegen. Ab und an schien es, als hickste eine von ihnen in der flimmernden Luft. Unter diesen Umständen war keine klare Sternennacht zu erwarten. Erste Wolken trübten das von Sternen gesprenkelte Sternenzelt ein und in der Ferne zuckten stumme Blitze wie die stroposkopartigen Lichter jener Party, von der Taous und Tages gerade nach Hause taumelten.

»Ich bin überrascht«, bemerkte der imperiale Stabsoffizier und zog die Plane vor der geräuschlos protestierenden Hitzewand zu. »Ich hätte wirklich gedacht, dass irgendeiner stehenbleiben und lauschen würde«, verlieh er seiner Enttäuschung Luft.

Der Captain beobachtete ihn dabei.

Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Colonel – was machen Sie da?«

Ekko wandte sich um. Er sah sich suchend um, so als erwartete er, dass sich jede Sekunde ein von ihm längst antizipierter Gegner manifestieren und ihre Konversation durch einen plötzlichen Sprungangriff auf einen von ihnen beiden beenden würde.

Dabei war es natürlich vollkommen unerheblich, dass das Zelt lediglich einen Zugang besaß.

Wer konnte schon wissen, welche Gemeinheiten sich ein Gegner einfallen ließ, wenn er einen Meuchelmord an einer Persönlichkeit des imperialen Lebens plante.

Die Stille zumindest hatte es geschafft, vollkommen ungesehen und unbehelligt aus dem Besprechungszelt zu entkommen. Wie sie das vollbrachte, würde wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

In diesem Moment war es auch nicht weiter wichtig. Zumindest für Ekko nicht – auch wenn er nicht vergessen konnte, was ihm die finstere kleine Stimme in seinem Kopf in den letzten Minuten zugeflüstert hatte.

»Ich muss da kurz mal was anderes klären«, lenkte er das Gespräch in neue Bahnen. »Balgor, ich habe heute einige Dinge erfahren, denen ich nachgehen muss. Es ist unerlässlich, dass ich mehr darüber hinausfinde, was auf diesem Planeten los ist.«

»Wollen Sie es mir mitteilen?«, erkundigte sich Ekkos Gesprächspartner.

»Nein«, erwiderte dieser postwendend. Vielleicht sogar ein bisschen zu schnell. »Nein. Auf jeden Fall nicht sofort. Erst muss ich wissen, ob das alles wirklich wahr ist oder ich einfach nur verrückt werde.«

Balgor zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Was hätte er auch sagen sollen?

»Auf jeden Fall«, kehrte das Gespräch zum Thema zurück, »werde ich dadurch nur wenig Zeit haben, mich so um das Regiment zu kümmern, wie ich es gerne möchte. Besonders betrifft das die Sache mit den Elysianern.«

Ja, die Sache mit dem Elysianern. Balgor kannte nicht alle Einzelheiten, aber er wusste, dass das 512. Regiment durch eine Abteilung Elysianer verstärkt werden sollte, Verbände, die nach blutigen Schlachten irgendwo im Segmentum einer neuen Bestimmung zugeführt werden sollten.

Natürlich gab es Stimmen, die sich gegen eine solche Zusammenführung verwahrten. Verwahrloste, einst motorisierte Infanterie und Sprungtruppen – das passte einfach nicht zusammen. Wie nur konnte das Departmento Munitorium eine derartige Vermischung zweier grundverschiedener Doktrinen zulassen?

Hier – und das konnte Balgor nicht wissen – hatte eine größere Macht eingegriffen als das, was Feder und Schwert zu leisten in der Lage gewesen wären.

Die Wege des Imperators waren unergründlich. Und gerade waren die Schicksale zweier zerschundener Armeen auf eine gemeinsame Straße geführt worden.

Natürlich hatte sich der Autor dieser Verbindung etwas dabei gedacht. Eine Bündelung der Kräfte. Ein Gewinn an Masse, an Energie und an Stärke. Aber vor allem … vor allem würde dies der Beginn einer neuen Geschichte sein, eines neuen Abenteuers, das beide Kampfgruppen als eine große Armee erleben würden. Sofern der hohe Herr der Menschheit sich nicht plötzlich doch noch anders entschied. Da konnte das Munitorium protestieren wie es wollte.

In den göttlichen Augen des Imperators waren die menschlichen Narren einfach nur Unwissende, die das größere Wohl einer gut erzählten Geschichte einfach nicht akzeptieren konnten.

Allerdings – und das muss man ihnen zugutehalten – beschäftigte sich der Imperator auch nicht wirklich mit logistischer Aktenführung und dem Chaos, das aus einer ungeplanten Aktion wie dieser entstand.

Balgor für seinen Teil verstand von beidem nicht viel. Für ihn gab es nur eine wichtige, um nicht zu sagen essentielle, Tatsache.

»Ich kann Carrick damit nicht belasten«, erklärte Ekko matt. »Er ist mit seinen Gedanken vermutlich schon gar nicht mehr in diesem Regiment, sondern verbirgt sie hinter einer Totenmaske.«

Ein Seufzen folgte. Es war nicht wirklich ein Seufzen, mehr ein raues Ausatmen, aber es reichte, damit Balgor das Ziel der Einleitung offenbar wurde, noch bevor sein Vorgesetzter Gelegenheit erhielt, es wirklich auszusprechen.

»Und damit bleibe nur ich?«, kürzte er eine weitere Ausführung ab, noch bevor sie begann.

Ekko nickte. »Ja.« Er räusperte sich. »Balgor, ich möchte Sie zum stellvertretenden Interims-Regimentskommandeur machen. Mit allen dazugehörigen Befugnissen.«

Natürlich hatte sich der Colonel in Vorbereitung auf dieses – in seinen Augen sehr unangenehme – Gespräch bereits länger vorbereitet. Während seiner Rückfahrt durch die leblose Wüste von Bastet waren ihm ganze Romane an Gedanken, Überlegungen und Vermutungen durch den Kopf geschossen, abwechselnd die vor ihm liegende und die längst vergangene Zeit betrachtend.

Irgendwo während dieser Zeit reifte in ihm die Überlegung, das Kommando über sein Regiment in temporärer Ermangelung eines Stellvertreters an den dienstältesten Kompaniechef abzugeben: Balgor.

Ja, er ging sogar soweit, sich jede für Balgor und ihn typische Gesprächsführung zu überlegen und eine entsprechende, für ihre Wortgefechte immer notwendige, Verteidigungs- und Gegenschlagsstrategie zurechtzulegen.

Allerdings – und das erkannte er erst im Nachhinein – vergaß er dabei einen essentiellen Punkt: Auch Captain Balgor konnte ehrlich überrascht sein.

»Wollen Sie Carrick ersetzen?«, brach es aus dem rangniederen Offizier hervor. Er klang dabei derart vorwurfsvoll, dass Ekkos vorbereitete, von Ironie und Sarkasmus gewürzte Vorgehensweise ihre Koffer packte und von dannen schlich.

Außerdem kam die Frage so unerwartet, dass der Regimentskommandeur über die Worte erst einmal nachdenken musste.

»Nein«, verkündete er das Ergebnis seiner Überlegungen nach einiger Zeit mit betont kraftloser, aber dennoch bedeutsamer Stimme. »Nein … zumindest nicht sofort.«

Was eigentlich als ernste Nachdenklichkeit geplant war, hörte sich im Endeffekt eher an wie ein Schuldeingeständnis.

»Hm.« Der Captain überlegte eine Zeitlang. Dann versenkte er, eine im Grunde eher für Ekko typische Geste, die Hände in den Taschen seines Drillichs. »Und was würden Sie machen, wenn ich Nein sage?«

Sein Gegenüber zögerte. An seiner Miene ließ sich ablesen, dass er eine solche Antwort bereits erwartet, wenn nicht sogar gefürchtet hatte.

Er seufzte schicksalsergeben. »Dann würde ich einen Fünfziger draufpacken und einfach noch einmal fragen.«

»Colonel, ich will Ihr Geld nicht«, erklärte sein Untergeber entschieden, was dem Regimentskommandeur ein erleichtertes Reaktion entlockte.

»Danke, Balgor. Das macht es für mich einfacher. Nicht auszudenken, wenn ich deswegen noch zur Imperial Reserve Bank von Bastet gemusst hätte.«

»Das mag sein – aber das ist nicht das Problem.«

»Ich verstehe«, gab der Colonel zurück. Er vollführte eine nichtssagende Geste. »Wollen Sie mir denn sagen, was das Problem ist?«

Sein Captain schüttelte den Kopf. »Nein«, erklärte er mit gemessener Stimme. »Auf jeden Fall nicht sofort. Erst muss ich wissen, ob das alles wirklich wahr ist oder ich einfach nur verrückt werde.«

Ekko hob die Augenbrauen. »Ich habe mich wirklich lange zurückgehalten, Balgor«, meinte er, »aber es wird immer offensichtlicher … ich kann es nicht länger leugnen …« Er holte tief Luft. »Punkt für Sie.«

Ekko und Balgor hatten lange Zeit eine Tradition gepflegt, die sich ‚Punkte-Sammeln‘ nannte. Dabei vergab derjenige, der sich vom anderen in einem Wortduell geschlagen oder durch eine sehr schlagfertige Antwort aus dem Konzept gebracht sah, an diesen Punkte. Am Ende eines Jahres – oder vielmehr einer Schlacht – wurden alle Punkte zusammengezählt und der Verlierer gab dem Gewinner ein Getränk, Lho-Stäbchen oder andere Verbrauchsgüter aus, bevor man dann erneut zu zählen begann.

Nach der Schlacht von Agos Virgil hatten die beiden diese Tradition aufgegeben, und das eigentlich auch nur, weil sie sich lange Zeit wirklich nicht viel zu sagen gehabt hatten.

Balgor nahm das Zugeständnis wortlos hin, freute sich aber insgeheim ein wenig und fügte den Punkt seiner aktuellen Liste hinzu. Sie war bereits deutlich länger.

Eigentlich wollte der Colonel seinen Worten noch etwas hinzufügen, aber ein herzhaftes Gähnen kam jeder Aussage zuvor. »Herr auf dem Thron«, brummte er im Anschluss, »was für ein Tag.«

»Sie sehen müde aus«, präsentierte ihm sein Gegenüber die Tatsache des Offensichtlichen.

»Ich war schon immer gut darin, meine wahren Gefühle zu verstecken.«

»Und was ist mit Doktor Calgrow?«, erinnerte Balgor ihn.

Ekko winkte ab. »Die war auch immer gut darin, ihre wahren Gefühle zu verstecken.«

Balgor legte den Kopf schief und deutete mit den Augen so deutlich auf den Zeltausgang, dass es einem überdeutlichen Zeigen mit dem Finger gleichkam.

Der so Angesprochene zuckte die Achseln. »Sie soll mich einfach irgendwann anders ansprechen.«

»Was … nie sein wird?«, wollte der Captain wissen.

»Doch. Irgendwann. Nur nicht jetzt.« Ekko hob die Hand und winkte müde. »Gute Nacht, Balgor. Denken Sie über mein Angebot nach.« Dann ging er.

Er ließ dem anderen Offizier nicht einmal Zeit, sich eine entsprechende Antwort zurechtzulegen.

 

 

***

 

 

Es liegt in der Natur der Sache, dass Feldbetten unbequem sind. Was soll man auch von einem kreuzförmig angelegten Gestell aus Holspanten erwarten, das mit einem reißfesten Stoff bezogen ist und nicht viel mehr bietet als eine etwas höher gelegene Raststätte für die von Unruhe geplagte Nacht im Kriegseinsatz?

Zumindest erlaubte es das Bett, dass Galard Ekko nicht, wie so oft, über seinen Schlafsack einen direkten Bodenkontakt herstellte und dabei allerlei Insekten lästern hörte. Auch konnte er beruhigt in dem Wissen schlafen, dass besagte Insekten nicht gerade mit einem Kartenspiel beschäftigt waren, dessen Hauptgewinn eine geführte Reise durch sein Ohr darstellte.

Tatsächlich befand sich so viel Luft zwischen Ekko und dem Boden, dass er selbst in der nächtlichen Hitze glaubte, einen kühlenden Luftzug zu spüren. Auf einer heißen Welt wie Bastet kam dies einem erfrischenden Regen gleich.

Allerdings half ihm das auch nicht bei seiner Reise in die Bewusstlosigkeit.

Überlegungen hielten ihn wach. Gedanken und Erinnerungen, die durch seine Hirnwindungen krochen und dabei ähnlich viel Lärm veranstalteten wie eine Marschkapelle.

Seltsame Dinge gingen hier vor.

Er dachte an Carrick und seine Frau, dachte an die Sororitas und das, was ihm Bruder Demetrius offenbarte und konnte auch nicht anders, als sich an die Inquisitorin zu erinnern, die ihm vor einigen Tagen einen Besuch abgestattet hatte.

All diese Dinge fühlten sich nicht richtig an. Sie waren seltsam, passten einfach nicht zusammen und ergaben dennoch Sinn.

Auf der einen Seite verschwanden sämtliche Truppen der Ekklesiarchie von Bastet, auf der anderen Seite kam eine Inquisitorin auf den Planeten, um dort … Dinge zu untersuchen.

Er rollte sich auf die Seite.

Ja. Dinge. Anders ließ es sich nicht beschreiben. Was mochte Galia Sinwell wohl auf Bastet suchen? Und warum sollte sie ihm einen Besuch abstatten? Ihm, einem einfachen Colonel? Ob sie seine Unterstützung benötigte? Wollte sie sich seiner versichern?

Die Position wurde unbequem, also rollte er sich auf die andere Seite.

Aber gegen was oder für was? Eigentlich kam ein Inquisitor doch nur in dringenden Notfällen mit irgendwelchen ganz wichtigen Inquisitions-Dekreten zum Kommandeur einer verfügbaren Einheit und requirierte diese für eine Operation.

Normalerweise stand dazwischen immer noch das Departmento Munitorium als Truppenverwalter. Aber Fradds Erstaunen – vielmehr sein Entsetzen – als er erfuhr, dass Sinwell mit Ekko direkt Kontakt aufnahm, ließ darauf schließen, dass er keine Ahnung davon hatte, was die Inquisition auf Bastet suchte, oder …?

Wieder wechselte er die Position, dieses Mal in Rückenlage.

 

Nein, verbesserte sich der Colonel in Gedanken. Das war falsch. Fradd schien zu wissen, zumindest glaubte er das, weswegen Sinwell auf dem Planeten herumschnüffelte. Das hatte seine Bemerkung über die geheime Mission ausgesagt.

Dank Ekkos Offenbarung allerdings brach der Schein des Wissens in sich zusammen und enthüllte einen Kokon aus Entsetzen.

Es stellte sich nun die Frage, was Fradd so dermaßen erschütterte.

Ekko schwor sich, eine Antwort darauf zu finden. Er musste einfach. Dringend! Andernfalls würde er nie zur Ruhe finden.

Ohne, dass er es merkte, sank sein Geist dabei in einen tiefen Schlaf, dessen regenerative Wirkung sein Körper dringend brauchte.

Es hätte in diesem Moment keine Sorge, keine Angst und keine Trauer gegeben, die stark genug gewesen wäre, diesen Vorgang noch aufzuhalten.

Dahinter allerdings erwartete ihn keine Erholung.

Schwere Ketten rasselten in stockfinsterer Dunkelheit, klirrten mit der Inbrunst erfrorener Bäume, die unter der Last eines harten Winters zusammenbrachen.

Ekko sah sich um. Irgendwo in der Ferne konnte er schwache Lichter erkennen, hilfloses, in Gitter gezwängtes Leuchten, das verzweifelt versuchte, irgendeine Form von Helligkeit in die Welt zu bringen. Vermutlich verausgabte es sich bei dem Versuch derart, dass es am Ende seiner Bemühungen an einem Herzanfall sterben würde.

Für den Moment allerdings gelang es ihm, zumindest die harten Kanten eines vom Imperator verlassenen Ortes zu akzentuieren.

Die schwachen Konturen eines dunklen, kalten Verlieses zeichneten sich vor dem Hintergrund pechschwarzer Nacht ab, ließen der Fantasie des Colonels viel Spielraum sich das vorzustellen, was man bei Flutlicht erkannt hätte.

Vorsichtig machte er einen Schritt vorwärts, prüfte den Boden auf seine Festigkeit. Wer konnte schon wissen, ob sich in der Dunkelheit nicht ein besonders hinterhältiges Stückchen Boden verbarg, das ihn mit vorgetäuschter Festigkeit narrte und im Moment, da er sich in Sicherheit wähnte, doch einbrach?

Die Frage war sicherlich nicht, was dann geschah. Vielmehr wollte er nicht herausfinden, wo er landete.

Der Boden knarrte bedenklich.

Vor ihm gewann eine Bewegung an Form, materialisierte aus der Schwärze und verharrte dann als vom Licht mit schwach schraffierten Konturen versehener Schatten.

Wieder klirrten die Ketten. Ihr marterndes, grausames Zittern hallte in die Ewigkeit fort.

»Hallo?«, brachte der Schatten mit schwacher, kraftloser Stimme hervor. »Wer ist da?«

Ekko verharrte.

Es war nicht der Untergrund, der ihm mit dem baldigen Tode drohte, noch die Tatsache dass sich etwas vor ihm auf dem Boden bewegte.

Nein. Der Grund, aus dem ihm der Schock in die Glieder fuhr war jene Stimme, die ihn in seinem Leben so oft elektrisiert hatte.

»Bist … bist du das?«, keuchte er, als der Schemen vor ihm in seiner Gedankenwelt zum Abbild seiner Frau zusammensetzte.

Erkennen konnte er sie selbstverständlich nicht, aber die Worte, die Intonation zu etwas größerem, von den Wänden wiederhallen zu hören, reichte bereits, ihm ein klares Bild der Person zu offenbaren, die dort auf dem Boden kauerte.

»Ich kann nichts sehen. Wer sind Sie?«, brachte sie hervor.

Kälte griff dem Colonel an die Füße. Etwas, das er nicht sehen, nicht verstehen und nicht wirklich erfassen konnte. Es fühlte sich nicht an wie eine physische Klaue, sondern eher wie die Entwicklung eines Prozesses. Vom Gedanken über die erste Zelle bis hin zum existierenden Organismus.

Etwas bemächtigte sich seiner, nahm ihn gefangen und schnürte ihm Magen, Herz und Kehle gleichzeitig zu.

Hatte seine liebliche Frau gerade kundgetan, dass sie ihn nicht erkannte?

»Ich bin es. Alb«, krächzte er.

»Und wissen Sie denn, wer ich bin?«, fragte sie, ohne auf seine Erklärung einzugehen.

»Ja«, nickte er, obwohl sie ihn ebenso wenig sehen konnte wie er sie. »Ja, natürlich. Du bist Ayle. Du bist meine Frau.«

»Wenn Sie wissen, wer ich bin, wissen Sie auch, wo ich bin?«, fragte sie in die Stille. Erst jetzt ging ihm auf, wie entrückt sie klang.

»Wo du bist?«, gab er verwirrt zurück. Eine nachdenkliche Minute schloss sich an, überlegte gemeinsam mit dem Colonel, was diese Aussage wohl bedeuten mochte.

Nein. Das war verkehrt. Es war nicht richtig. Nichts stimmte hier. Was war das für ein Ort? Und was tat sie hier?

War es wirklich Ayle, die da zu ihm sprach? Oder gaukelte ihm jemand etwas vor?

Als hätte sie alle diese Fragen gekannt oder seine Gedanken gelesen, erklang die Stimme wieder, wisperte die Antwort gleich einem feinen Schauer horizontalen Regens in die Dunkelheit.

Die Worte glitten an seinen Ohren vorbei wie ein reißender Strom, brachten seine Gehörgänge in Bedrängnis und trommelten gegen sein Gehirn.

Er verstand kein Wort.

Die Geräuschflut echote in die Unendlichkeit fort, entwand sich ihm wie ein glitschiger Fisch. Dann waren die Worte fort, hinterließen lediglich den kalten, unheimlichen Klang vollkommener Stille.

Dabei handelte es sich nicht um Stille im herkömmlichen Sinn.

Sie glänzte nicht durch die Abwesenheit von Geräuschen. Nein. Vielmehr war sie der Hort eines konzentrierten Anti-Geräuschs, vergleichbar mit den vier, fünf Millisekunden nach einem ohrenbetäubenden Knall, in dem sich die umgebenden Geräusche erst nicht trauen, irgendeinen Ton zu erzeugen und selbst das Universum vor Schreck den Atem anhält.

Es war jene Art von Lautlosigkeit, die selbst entstehende Laute mit der gleichen Inbrunst schluckt, mit der ein Schwarzes Loch das Licht verschlingt.

Allerdings dauerte es nicht lange, bis ein fast unhörbarer Wind aufkam, über ihn hinwegstrich, von seiner linken Schläfe abprallte und sich aufmachte zur rechten. Da er dort auch nicht weiterkam, eilte er wieder zurück, schaukelte sich auf und gewann an Kraft. Leise, flüsternde Worte ernteten Substanz, sprangen in seinem Schädel umher wie die Tonspur einer kaputten Schallplatte.

Als sie schließlich genügend Kraft entwickelt hatten, um bei ihrer nächsten Runde durch seine Gedankenwelt eine Resonanzkatastrophe auszulösen, platzte die Geräuschblase und zurück blieb nur eine ruhige, klare Stimme: die seiner Frau.

»Wenn wir einen Ort verlassen, geht ein Teil von dort mit uns und ein Teil von uns bleibt da. Und wenn wir eine Welt verlassen, lassen wir immer etwas zurück.«

Die warme, weiche Art, mit der sie diese Worte sprach, ließ kein Unglück erkennen, keine Selbstgeißelung und keine Vorwürfe.

»Hier bin ich gestorben. Im Glauben an dich.«

Sie hasste ihn nicht dafür. Nein. Sie bewies ihm, dass sie bis zuletzt an ihn gedacht und ihre Entscheidung ihn zu lieben nie bereut hatte.

Es hatte nicht viele Momente gegeben, in denen Galardin Alberic Ekko geweint hatte.

Nun aber spürte er, wie sich etwas in ihm aufbaute. Empfindungen drängten als Form gewordene Kraft seinen inneren Staudamm empor, fluteten die über den Damm führende Schnellstraße und spülten einige Überlegungen, die sich gerade auf dem Weg zur Arbeit befanden, fort.

Ekkos Beine, vom in ihm tobenden Sturm überanstrengt und schwach geworden, gaben zitternd nach.

Dumpf prallte der Colonel auf den Boden, ließ den Kopf in seine Hände fallen und versuchte, die in seinem Innersten aufbegehrende Wasserflut zurückzuhalten.

»Wo?«, fragte er erstickt. »Wo bist du?«

»Ich bin immer hier gewesen. Nur du … du warst sehr lange fort«, erklärte sie mit ihrer unglaublich klaren Stimme. »Und deine Reise ist noch nicht zu Ende. Es gibt noch einen Ort, an den du zurückkehren musst, Galardin Alberic Ekko. Dort wartet jemand auf dich.«

Die Worte verklangen. Ekko hob den Kopf und blinzelte einige Tränen fort.

Es war wieder dunkel geworden. Kein Kettenklirren, keine eindringliche Stimme, keine Verzweiflung. Er fühlte sich leer. Verlassen. Allein.

Der Colonel wandte sich um seine eigene Achse, suchte nach einem Fixpunkt oder einer anderen, brauchbaren Orientierungshilfe. Aber wie sich herausstellte, konnte er in der vollkommenen Düsternis nicht einmal seine Hand vor Augen sehen.

»Wo bin ich?!«, rief er aus. »Sag mir, wo ich bin!« Das Echo seiner Stimme, weit hallend und eigentlich damit beschäftigt, irgendwo ins unendliche Nichts zu verschwinden, brach so unvermittelt ab, als sei es aus vollen Lauf gegen eine Wand geprallt und hätte sich dabei selbst bewusstlos geschlagen.

Eine andere Stimme, tief und gemessen sprechend, sodass jeder Buchstabe ein Kapitälchen hätte sein können, erklang in der Ferne, überwand die Distanz per Warpsprung und re-materialisierte direkt in Ekkos Gehörgang. »SIEHE, NICHTSWÜRDIGER! ERKENNE DEN GLANZ DES HERREN DER MENSCHEIT. KNIE NIEDER UND SENKE DEIN HAUPT IN DEMUT, DENN SEIN IST DAS REICH UND DIE HERRLICHKEIT IN EWIGKEIT.«

Ein harter, durchdringender Schlag, dem Geräusch einer flachen Hand gleich, die auf eine Betonwand prallt, füllte das akustische Umfeld des imperialen Offiziers. Es kam derart plötzlich und unerwartet, dass Ekko zusammenzuckte und sich unwillkürlich duckte.

So dauerte es einen Augenblick – vielleicht auch zwei – bis er bemerkte, dass der scharfe Knall nicht die einzige plötzliche Entwicklung gewesen war.

Damit einher ging eine Veränderung in der Luft. Ein schwaches, summendes Vibrieren, so als hätte jemand eine eiskalte, schlecht verkabelte Leuchtstoffröhre eingeschaltet.

Es schwang durch die Luft, tanzte gleich akustischen Derwischen durchs Nichts und löste sich schließlich nahezu auf. Nur ein leises, unscheinbares Summen blieb zurück.

Ekko öffnete die Augen. Seltsam. Er konnte sich gar nicht daran erinnern, sie geschlossen zu haben.

Die Umgebung hatte sich verändert. Sicher: Himmel und Horizont erschienen nach wie vor im nachtschwarzen Gewand – vielleicht sogar noch stärker als die im Universum existierende Durchschnittsdunkelheit – darunter jedoch erstreckte sich nun ein in die Unendlichkeit reichender Boden, gefliest mit in brillantem Weiß gehaltenen Kacheln, die seltsame Muster formten. Eigentlich konnte das gar nicht möglich sein, denn sie sahen alle gleich aus. Trotzdem bildete sich aus dem marmornen Bodenbelag ein Pfeil, hieß dem Colonel in mehr als nur deutlicher Zeichensprache, den Blick doch eilig nach Links zu richten.

Er kam der Aufforderung nach … und zuckte zusammen. Selbst sein Körper trat einen Schritt zurück, was zu einem komischen Paradoxon führte. Ekko stand nämlich noch genau da, wo er vor einigen Herzschlägen gewesen war. Interessant. So konnte er sich also beim Zurückweichen zusehen.

Doch er vergaß diese Tatsache recht schnell, denn dort – direkt vor ihm – saß er.

Erschrocken und entsetzt fiel der Colonel auf die Knie. Es war nicht einmal eine bewusste Entscheidung. Nein. Sein Körper … zumindest das, was davon übrig war, da die fleischliche Hülle gerade so etwa einen Meter hinter ihm stand … gab einfach nach, brach zusammen unter dem Gewicht einer derart ehrvollen Begegnung.

Direkt vor ihm, vielleicht zwanzig, dreißig Meter entfernt, hatte sich ein bordeauxroter Teppich entrollt, kroch in langen, gleichmäßigen Wellen eine hohe Treppe empor und endete schließlich unter einem ausladenden Podest, mehr noch einer Bühne, von der aus sich die Macht des Imperiums präsentierte. Prächtige Apparaturen, blinkende und leuchtende Geräte und von der Zeit zerfranste Banner bedachten den imperialen Offizier mit finsteren Blicken aus nicht existenten Augen.

Seltsam verdrehte und verschobene Totenschädel, mehr die Opfer eines besonders obskuren Tennisspiels denn ordnungsgemäß platzierte Reliquien, richteten sich auf und aus, zentrierten ihre Aufmerksamkeit ebenfalls auf den gerade erschienen Ankömmling.

Schläuche und Stränge umrahmten das Gebilde wie die bereits durchhängen Strahlen einer übernächtigten Sonne; und im Zentrum all dessen stand ein gewaltiger, vor allem mit einer fortgeschrittenen Patina verzierter, goldener Thron. In seinem Zentrum wiederrum saß ein in reiche Gewandung gehülltes Skelett: Der Göttliche Imperator.

Ekko senkte den Kopf und wagte es nicht aufzusehen. Eigentlich besaß er so etwas wie Gottesfurcht nicht. Er hatte sich nie dem kultischen Treiben der Ekklesiarchie ergeben und war bisher auch nie dem Drang erlegen, sich wirklich allzu viele Gedanken um das Sein und die Existenz des Imperators zu machen. Dafür verband ihn eine viel zu deutliche Feindschaft mit dem obersten Herren des von Menschen beherrschten Weltraums.

Die Geschichte war lang, traurig und bisweilen sogar ein wenig tragikomisch. Die Kurzform aber lautete: Ekko sah im Imperator eine Gestalt, der er all seine Trauer, all seine Verzweiflung und all sein Unglück aufbürden konnte, und die er dafür verantwortlichen machen konnte dass sein Leben in den Bahnen verlief, in denen es verlief.

Und der Imperator? Ihm schien es Freude zu machen, den Scheiterhaufen des Unglücks, auf dem man Die Träume und Hoffnungen von Galard Ekko irgendwann einmal platzierte hatte, immer weiter anzufachen und den Colonel langsam, bei lebendigem Leibe, zu verbrennen.

So kam es auch, dass seine Skepsis sich umgehend meldete und selbstsicher verkündete, dass da ein großes Skelett auf dem Goldenen Thron saß, nicht der Imperator.

»Galardin. Alberic. Ekko«, sprach der hohe Herr der Menschheit langsam. Seine Stimme war dunkel und nachdenklich, aber nicht so unheimlich oder gnadenlos, wie man sie in Televid-Dramen hörte, wenn der Imperator aus dem Immaterium zu seinen Dienern sprach. »Endlich also lernen wir uns kennen.«

Völlig überrumpelt runzelte Ekkos Skepsis die Stirn, dachte kurz nach, klopfte dem imperialen Offizier auf die Schulter und machte sich klammheimlich davon.

»Es … es ist mir eine unbeschreibliche Ehre«, bezeugte der Colonel seine Ehrerbietung stockend und fühlte sich dabei erstaunlich unwohl.

Das Skelett legte die Finger aneinander. Es klang wie Essstäbchen, die man achtlos gegeneinander warf.

Er ging nicht auf die Ergebenheitsbekundung seines Untertanen ein. Vermutlich wusste er, dass sie sowieso nicht ehrlich gemeint war.

»Einer meiner vielversprechendsten Diener …«, begann er ruhig, aber mit einer Spur von Enttäuschung in der gewaltigen Stimme. »Und ausgerechnet du schändest meine Tochter.« Er meinte Ekkos liebliche Frau.

»Geschändet?«, brachte der Angesprochene hervor. »Ich habe sie geliebt!«, schrie er, klopfte sich dabei in dem verzweifelten Versuch auf die Brust, sein Herz herauszuschlagen und den darauf eingravierten Namen zu präsentieren, den unauslöschlichen Beweis dafür, dass er es ihr geschenkt hatte.

Der mächtige Herrscher hob seine skelettierte Hand, deutete mit ausgestrecktem Finger auf den imperialen Offizier. »Weißt du, was mit ihr geschehen ist? Weißt du, was Ayle wiederfuhr?«

In seiner Wut fiel Ekko lediglich eine Antwort ein. Eine Antwort, die in diesem Augenblick unfair und gerecht zugleich war: »Ich weiß genug! Ich weiß, dass sie sie getötet haben!« Natürlich meinte er die Schwestern des Adeptus Sororitas, aber ihm war vollends klar, dass man die Worte auch anders verstehen konnte.

Dann senkte er den Kopf, versuchte der toten Gestalt nicht in die leeren Augenhöhlen zu blicken.

»Nein!«, rief der Imperator und seine Stimme donnerte durch die Luft wie der Überschallknall einer heranbrausenden Walküre. »Sie hat mich getötet!«

Ekkos Gedanken überschlugen sich. Der nächste Schwall Worte blieb ihm im Hals stecken, so fest, dass es ihm schwer fiel zu schlucken. Er konnte sich später nicht einmal mehr daran erinnern, was er in diesem Moment hatte sagen wollen.

»Was?!«, brachte er seine Verwirrung zum Ausdruck. Allerdings kam er nicht einmal dazu, dem Ausruf tadelnde Schärfe zu verleihen, denn als er seine Aufmerksamkeit zurück auf den Goldenen Thron richtete … war dieser verschwunden.

Ekko war wieder allein.

Stattdessen öffnete sich in der Ferne ein schwach glimmendes Portal, verhieß ihm das sprichwörtliche Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels.

Langsam erhob er sich und torkelte dem Licht entgegen.

Sein Kopf war leer. Er wusste nichts mehr, konnte nichts sagen, nichts sehen, nichts hören.

Er war am Ende.

Jenseits des pulsierenden Lichts erwartete ihn eine kleine grüne Wiese, eingerahmt von hohen, zerklüfteten Felsen. Dahinter erstreckte sich ein Tal, gleich der verdorrten Oberfläche von Agos Virgil. Eine gewaltige Makropole stand dort, brannte lichterloh. Schwarzer Rauch verdunkelte den Himmel.

Auf der Wiese selbst stand eine einsame Schaukel, der letzte Überrest eines längst zu Staub zerfallenen Spielplatzes.

Ein junges Mädchen saß darauf, den Blick auf die brennende Riesenstadt gerichtet und holte, die Beine und ihren Körper bewegend, in regelmäßigen Abständen Schwung. Dabei sang sie ein Kinderlied, das Ekko aber überhaupt nicht kindlich vorkam.

»Meine Welt, die steht in Flammen, steht in Flammen, steht in Flammen.

Meine Welt die steht in Flammen. Nichts als Asche.

Deine Kleider brennen auch, brennen auch, brennen auch.

Deine Kleider brennen auch. Nichts als Asche.

Sieh nur wie dein Haar verkohlt, Haar verkohlt, Haar verkohlt.

Sieh nur wie dein Haar verkohlt. Nichts als Asche.

Jetzt verschmort auch deine Haut, deine Haut, deine Haut

Jetzt verschmort auch deine Haut. Nichts als Asche.

Du liegst vor mir, ganz verbrannt, ganz verbrannt, ganz verbrannt.

Du liegst vor mir, ganz verbrannt. Nichts als Asche.

Meine Welt, die ist nun fort, sie ist fort und du bist fort.

Meine Welt die ist nun fort. Nur noch Asche.«

Dann fuhr das Mädchen fort, die Melodie zu summen, während die gewaltige Stadt in der Ferne von gewaltigen Explosionen zerrissen wurde.

Ekko kam näher. »Eine schöne Stimme«, stellte er wertneutral fest.

Das Mädchen wandte nicht einmal den Kopf, als sie seine Worte ignorierte und stattdessen fragte: »Möchtest du mit mir spielen?«

Ekko marschierte an ihr vorbei, nun seinerseits ihre Worte ignorierend. »Was ist passiert?«, erkundigte er sich, während er an den zerbrochenen Zaun trat, der die Kinder auf dem Spielplatz einst vor einem Sturz in die viele Kilometer unter ihnen liegende Ebene bewahrt hatte. Als er nach unten sah, wurde ihm schwindelig. Vorsichtshalber ging er wieder einige Schritte zurück.

»Sie wollten nicht spielen«, berichtete das Mädchen traurig. » Nein. Sie wurden böse.«

Der Colonel begriff. Ein kalter Schauer wanderte seine Wirbelsäule entlang.. »Hast du das getan?«

»Nein«, erklärte sie liebenswert. »Aber ich habe auch nichts dagegen unternommen.«

Ihr Blick bohrte sich in seinen Rücken, so fest, dass er sich fühlte, als hätte sie ihm eine doppelläufige Infernopistole ins Kreuz gesetzt. »Ich mag keine bösen Menschen«, stellte sie mit derart abgeklärter Stimme fest, dass Ekko herumfuhr.

Das Mädchen war von der Schaukel gesprungen und ging mit wiegenden, verspielt wirkenden Schritten von ihm weg in Richtung des bedrohlichen Mauls jener Öffnung, die er gerade eben erst verlassen hatte.

»Wer bist du?«, rief er ihr hinterher. »Und was willst du?«

Das Mädchen hielt vergnügt in ihrem Schritt inne, lehnte sich zurück und betrachtete ihn über die Schulter hinweg.

»Mein Name ist Gabriel. Ich möchte dich vernichten«, tat sie mit einer Stimme kund, die so mädchenhaft süß war, dass niemand ihr diese Bitte hätte abschlagen können. Nur war Colonel Ekko nicht wirklich niemand und seine Begeisterung für dieses Vorhaben dementsprechend gering.

»Das ist aber doof«, teilte er seiner Gesprächsgegnerin mit. »Das passt mir aktuell gar nicht.«

Sie lächelte das niedlichste Lächeln, das eine kindliche Frau lächeln konnte. »Das macht nichts. Ich habe Zeit … zudem … solltest du dich wohl eher um deinen Besuch kümmern.«

»Besuch? Ich habe keinen …« Ekko brach ab und dachte nach. Doch. Da war jemand. Er hatte Besuch. Er war nicht allein. Vor allem nicht hier. Seltsam.

Er drehte den Kopf. »Und wer sind Sie?«, fragte er.

Die Frau neben ihm sah ihn erstaunt an. »Oh«, brachte sie hervor und löste sich auf.

Er erhielt nicht einmal Zeit, sie einer näheren Musterung zu unterziehen.

 

 

***

 

 

Wie ein imperialer Schlachtkreuzer, der einen Gewalttransit aus dem Warp in den Normalraum durchführte, fiel Galardin Alberic Ekko aus der wenig friedlichen Ruhe eines in diesem Moment gar nicht erholsamen Schlafes.

Tatsächlich reichte die durch den plötzlichen Sinneswechsel hervorgerufene Verwirrung aus, damit er hochschnappte wie ein entsetztes Klappmesser und dabei nach kurzer Wegstrecke auf einen harten Gegenstand traf.

Es knallte, ein überraschtes Keuchen erklang und etwas löste sich von ihm, nahm eine schwere Last von seinem Körper und die Bettdecke gleich mit. Dumpfes Poltern dröhnte vom Boden zum Feldbett hinaus.

»Thronverdammte :..!«, fluchte eine kräftige, weibliche Stimme, bevor sie ertappt abbrach.

Noch irgendwo zwischen der benebelnden Umnachtung einer unerwartet auftretenden Schlafstörung und dem betäubten Erstaunen eines plötzlich aufplatzenden Schmerzes gefangen, rollte sich Ekko herum und tastete nach der Laserpistole, die griffbereit im Holster an seinem Alarmstuhl hing. Das Holster war da, nur die Waffe war weg. Interessant.

Er konnte sich dunkel daran erinnern, dass ihm so etwas vor gar nicht allzu langer Zeit schon einmal passiert war, aber er schaffte es nicht, irgendeinen Gedanken auf die Hintergründe dafür zu lenken.

Alarmiert und von grässlichen Kopfschmerzen um jeden klaren Gedanken gebracht, torkelte seine Wahrnehmung zurück in die Realität, während seine zitternde Hand in die Leere fühlte.

Plötzlich traf sie etwas Festes. Stoff, wie der Colonel kurz darauf erkannte. In einer schnellen Bewegung krallte er seine Finger in das Material, fragte sich im selben Moment, warum da plötzlich Stoff an seinem Bett in der Luft schwebte und zog kräftig.

»Das …«, erklärte ihm eine männliche Stimme höflich, »… wäre sehr unklug.« Dann wandte sie sich an von ihm ab. »Alles in Ordnung?«

»Ja«, keuchte die andere, deutlich weiblichere, wenn auch erstaunlich kräftige Stimme. »Mir ist nur eben die Luft weggeblieben.«

»Wagen Sie es nicht, nach einer Lampe zu suchen, Colonel«, warnte ihn der Mann. »Wir sind bewaffnet, Sie nicht.«

»Hm«, brummte der Colonel. »Ich kann ja auch einfach Sie anzünden. Dann erübrigt sich die Sache mit der Beleuchtung.« Der dröhnende Schmerz in seinem Schädel begann nun auch, hinter seinen Augen zu tanzen. So wie es sich anfühlte, war es offensichtlich eine Remix-Version des Klassikers »Des Imperators Wächter tragen rote Pantoffeln«.

»Thronverdammte Scheiße«, zischte er und rollte sich auf den Bauch, um so eine stabile Lage zum Aufstehen zu finden. »Dieser Schmerz! Diese Agonie!«

»Wollen Sie sich über uns lustig machen?«, fragte die Frau giftig. Es klang, als koste es sie körperliche Überwindung, die Worte hervorzupressen.

»Sie waren in meinem Kopf. Sagen Sie es mir!«, knirschte der imperiale Offizier, bevor er sich darauf besann, besser eine Frage zu stellen. »Wofür das Ganze?«

Dann verstand er. Es war nicht die Art des Verstehens, die einem durch die Kraft des eigenen Geistes zuteilwird. Nein. Die Art des Verstehens, die Ekkos arg demolierten Kopf nun flutete, wurde durch eine externe Quelle gespeist. Wie die Stimme des Haushofmeisters, der ihm die Ankunft zweier wichtiger Gäste kundtat.

»Ja, natürlich«, winkte der Colonel jede in Vorbereitung befindliche Antwort verbal ab. »Sie sind der Dekan Benedict Defay und die mit dem roten Halsband ist Evi Biasz. Sie arbeiten beide für die Dame mit der Turmfrisur.«

Diese Aussage verschaffte ihm einige wertvolle Sekunden des Nachdenkens, in denen er feststellte, dass er aktuell absolut nichts tun konnte, um seine Lage zu verbessern. Dann holte ihn die Wirklichkeit ein.

»Woher wissen Sie das?«, brachte der Mann erstaunt hervor.

Darüber musste Ekko erst einmal eine Weile lang nachdenken.

»Ich … ich habe keine Ahnung«, entwich es ihm schließlich.

»Die Kleine hat es Ihnen verraten, oder?«, wollte die Frau wissen, während sie sich, dem Geräusch nach zu urteilen, auf wackelige Beine erhob. »Das Mädchen auf dem Spielplatz.«

»Nein«, zerdrückte der Colonel einen weiteren Fluch zwischen den Zähnen. Er hatte bereits zu viel verraten. »Ich will nur wissen: Was machen Sie in meinem Zelt?! Und noch viel wichtiger …«, fügte er an und deutete irgendwo ins tiefe Dunkel vor seinem Bett, »was machen Sie in meinem Traum?!« 

»Im Schlaf offenbart sich das wahre Wesen eines Menschen«, erklärte der Mann. »Und wir möchten wissen, was Sie für ein Mensch sind.«

Ekko spürte, wie seine Kopfschmerzen hinter aufwallendes Adrenalin zurückwichen. Seine nebelumwölkte Gedankenwelt lichtete sich.

»Oh – wenn Sie das so sehr wünschen, dann kann ich Ihnen jetzt mal mein wahres Wesen zeigen«, schlug er vor.

Im nächsten Augenblick flog die Zeltplane vor dem Eingang zur Seite.

 

bearbeitet von Kubika
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Am 29.1.2019 um 22:02 schrieb Avalus:

Das war die Wartezeit definitiv wert!

 

Schön! Freut mich, dass es dir gefallen hat. Hat ja auch lange genug gedauert, bis es endlich weitergegangen ist.

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